Interview: Toshio Iwai & Yu Nishibori (zum Tenori-On)

3. Juli 2008

Interview zum Tenori

 

Zur Präsentation des Tenori-Ons startete Yamaha eine weltweite Promotour, auf der namhafte Künstler der unterschiedlichsten Electronica- und Dance-Sparten in jeweils 20-minütige Live-Performances zeigten, was man mit dem Tenori-On anstellen kann. Einige Künstler arbeiteten ausschließlich mit dem Tenori-On, andere hatten es in ihre Setups integriert. Die Bandbreite zog sich von gradlinigen Dancebeats über melodische Electrotracks bis hin zu wirren Klangereignissen. Im Laufe des Abends stellte der Künstler und Erfinder Toshio Iwai sein Instrument dem interessierten Publikum mit einer sehr kurzweiligen Show genauer vor. Während des Berlin-Stopps der Tour nutzte ich die Möglichkeit, Toshio Iwai und Yu Nishibori von Yamaha zwischen Soundcheck und Konzertabend zu interviewen.

Den Testbericht zum Tenori-On finden Sie in der Rubrik KEYS.

Toshio Iwai und Yu Nishibori

Toshio Iwai und Yu Nishibori

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Wann begann die Entwicklung des Tenori-Ons? Das erste Mal habe ich vor rund 2 Jahren etwas darüber vernommen.

Toshio Iwai
Wir haben Ende 2001 mit der Arbeit begonnen, und vergangenes Jahr hatten wir dann ein fertiges Produkt. Es hat also ungefähr 6 Jahre gedauert. Vor gut zwei Jahren hatten wir mit einem Prototyp erst mal Reaktionen gesammelt.

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Wie kam Dir überhaupt die Idee zum Tenori-On? Gab es eine Art magischen Moment, in dem es Dir vor dem „geistigen Auge“ erschienen ist?

Toshio Iwai
Nein, keinen bestimmten Moment. Das Tenori-On ist vielmehr die Essenz von vielen Projekten, die ich in der Vergangenheit gemacht habe. Da müsste ich etwas weiter ausholen …

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Bitte!

Toshi Iwai
Während meines Studiums wollte ich eigene Musik für meine Projekte, hauptsächlich Animationen, haben. Nur, ich bin kein Musiker. Ich spiele kein Instrument und kann keine Noten lesen. Da ich viele graphische Sachen am Computer gemacht habe, war klar, dass ich den Computer auch dafür nutzen wollte. Allerdings gab es zu der Zeit keine geeignete Software. Wie gesagt, klassische Notation kam nicht in Frage, für mich ist eine Partitur völlig unverständlich und viel zu kompliziert. Ich suchte also eine Alternative und fand eine alte Musicbox, bei der man einen Lochstreifen über eine Walze kurbelte und so Melodien abspielte. Das fand ich wunderbar! Ein Lochstreifen als Notenblatt, das konnte ich nachvollziehen, das war logisch. Ich experimentierte mit dieser Musicbox, die ich übrigens immer noch besitze, weiter herum. Einmal steckte ich einen Lochstreifen verkehrt herum in die Walze. Es war „Happy Birthday“, was wirklich jeder kennt, aber rückwärts abgespielt erkannte man es überhaupt nicht mehr. Es ist ja nicht so wie bei einem Audiofile, wo alles rückwärts wäre. Die Noten wurden normal gespielt, die Harmonien stimmten auch noch, nur die Reihenfolge und die Notenabstände hatten sich umgekehrt. Das war sozusagen das „Aha-Erlebnis“ für mich. Die Ideen, die mir dabei kamen, habe ich später immer wieder aufgegriffen, ob bei Projekten oder Software, die ich programmiert habe.

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Wie z.B. Elektroplankton?

Toshio Iwai
Das war erst viel, viel später! Ich hatte bereits vorher mehrere Sachen programmiert, u.a. auch schon auf einer Nintendo-Konsole. Leider wurde das nicht veröffentlicht. Dabei versuchte ich immer, Graphik und Musik miteinander zu verbinden. Ich programmierte eine Software, bei der man Sterne an den Himmel malen konnte. Immer wenn ein Stern einen Ton spielte, leuchtete er auf eine bestimmte Weise auf. Ähnlich wie jetzt beim Tenori-On. Oder bei einem anderen Programm konnte man kleine Käfer mittels Barrieren in bestimmte Bahnen lenken, und jedes Mal wenn sie anstießen oder einen spezielles Feld überschritten, wurde ein Klang gespielt.

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So was kann es wohl nur in Japan geben, Music Gaming ist ja bei euch sehr beliebt.

Toshio Iwai
Ja, sehr beliebt. Es wird nicht belächelt oder als „unseriös“ abgetan, wie in anderen Ländern. Ich hatte einige Klanginstallationen mit sehr bekannten, klassischen Musikern gemacht. Es gibt eigentlich keine Berührungsängste, da kann man einen Konzertpianisten zusammen mit einem Computer und Projektoren auf die Bühne setzen.
Ich möchte noch ein anderes Projekt erwähnen, das dem Tenori-On voranging. Es war eine Art Schachtisch. Zwei Spieler konnten daran Platz nehmen und mit Glaskugeln Noten setzen. Auf der Oberfläche waren 16 x 16 Vertiefungen, in die man diese Kugeln einsetzen konnte. Es war vom Prinzip her dem Tenori-On schon sehr ähnlich, nur sehr viel größer.

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Wie kam es dann zur Zusammenarbeit mit Yamaha?

Yu Nishibori
Ich kannte einige Projekte von Toshio und wollte sehr gern mit ihm etwas zusammen machen. Als wir uns kennen lernten und Ideen austauschten, entstand ziemlich schnell ein Konzept für ein Instrument. Ich schlug das Projekt bei Yamaha vor und man war begeistert von der Idee. Wir bekamen kurz darauf grünes Licht. Das ging recht schnell und es war mein erstes Projekt, das ich machen durfte. Ich hatte erst kurz zuvor bei Yamaha angefangen.

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    Sehr interesantes interview, bleibt zu hoffen das sie wirklich die software noch ein wenig verbessern. Und vielleicht den preis ein wenig senken…

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    …die youtube-videos und die produktvideos machen ja spaß. dabei ist mir das "monome" aufgefallen … kennt das einer? gab es das schon vor dem Tenori-On oder ist das ein nachbau und was hab ich davon zu halten?

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    Pete: Die Monomes gibt es in der Tat schon „etwas“ länger als das Tenori-On und sie haben zumindest technisch auch wenig gemeinsam, denn die Monome-Hardware ist ein reiner Controller, der über USB am Rechner hängt und dort verschiedenste Software (die zugehörige von Monome, aber auch DAW’s) steuern kann. Infos findest Du auf http://www.monome.org

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    …auf jeden fall gefällt mir diese visualisierung von musik sehr.
    ich würde sogar behaupten, dass manche zuhörer so eine unterschwellige erklärung für z.B. schwierige rhythmische zusammenhänge bekommen, die ihnen ohne pulsierende grafiken vorher verschlossen blieb… bin mal gespannt, was noch so kommen wird…

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    Ja ich denke, die Visualisierung und Handhabung beim Musizieren wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Das Tenori-On ist Klasse. Leider kann man nur wenig eigenes Material reinladen. Und ´€ 890,- ist auch ziemlich hoch. Fraglich ist, wie schnell sich der Aha-Faktor abnutzt. Kennt Ihr den Octopus oder Nemo von Genoqs? (www.genoqs.de).

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