Musikproduzent Legende: Rick Rubin (Aerosmith, Beastie Boys…)

11. Mai 2019

Rick Rubin - der Bart mit dem goldenen Händchen

Rick Rubin

Rick Rubin

Lange bevor gut gestutzte Bärte zum unabdingbaren Accessoire im Gesicht des modernen Mannes wurden, hatte Rick Rubin seinen krassen Gesichtshaarwuchs zum eigenen Markenzeichen etabliert – rein optisch, versteht sich, denn in die Geschichte zeitgenössischer Musik – und letztendlich darum geht‘s uns hier – wird er keinesfalls als „Fäschn“-Ikone eingehen, sondern mit Sicherheit als Querkopf unter den Produzenten, mit einer offensichtlichen „ist-mir-Schnuppe“-Haltung gegenüber Genregrenzen und einem goldenen Händchen, das sich in Verkaufszahlen, Auszeichnungen und allgemeiner Anerkennung in sogenannten „Fachkreisen“ bewiesen hat.

Die Diskografie von Rick Rubin liest sich wie ein Who‘s who des Musikgeschehens der letzten 35 Jahren: von Slayer über Jay Z und den Dixie Chicks bis hin zum US-amerikanischen Barden Neil Diamond – (fast) alle seine Protegés erlebten Karrierenhighlights durch die Zusammenarbeit mit ihm. Wenn das nicht Grund genug ist, uns dem Leben und Wirken dieses wahren Forderers und Förderers zu nähern, hier in unserem Produzentenportrait …

Rick Rubin – Bio

Als Frederick Jay Rubin wurde der Produzent am 10. März 1963 in Long Beach (New York) geboren, wo er auch aufwachsen sollte. An der Universität von New York lernte er später Russel Simmons kennen, mit dem er 1984 – wir rechnen: 21 Jahre alt – das legendäre Label Def Jam Recordings gründete; als Labelbüro diente damals sein Zimmer im Studentenwohnheim. Nur Monate zuvor hatte er mit der Single „It’s Yours“ für den Rapper T La Rock bereits seine erste Produktion auf dem Markt gebracht.

Zwei Jahre später ließ er seine Schützlinge von Run DMC den Aerosmith-Klassiker „Walk this way“ versionieren und schaffte damit den Rap-Hardrock-Crossover quasi im Alleingang. Das von ihm betreute Beastie-Boys-Debüt „Licensed to ill“ würde als erstes Rapalbum überhaupt die Spitze der Billboard-Charts erreichen. Beide Produktionen sollten der Rap-Musik das Tor zum Mainstream weit öffnen.

Mit Slayers „Reign in blood“ führte Rubin nicht nur seinen ersten Produzentenjob im Rockmilieu aus, sondern gleich eins der Genre-definierenden Alben des Thrash-Metal. 1988 gingen jedoch sowohl seine Partnerschaft mit Russel Simmons als auch Def Jam zu Ende, er siedelte nach Los Angeles über und gründete sein Label Def American, das 1993 schließlich zu American Recordings wurde. Als Labelchef pflegte Rubin weiter seinen Hang zum Eklektizismus: Hüter des Classic-Rock wie The Black Crowes und Tom Petty, die Metal-Erneuerer von System Of A Down und Alternative-Helden wie Frank Black und Julian Cope, alle fanden bei American Recordings ein Zuhause. Einen Ehrenplatz gehört in der noch anhaltenden Geschichte der Plattenfirma allerdings einem alten Mann namens Johnny Cash, der dort und unter der Regie Rick Rubins ein glänzendes Spätwerk hervorbrachte (dazu später mehr).

Rick Rubin

Rick Rubin – das bekannte Logo seines Labels American Recordings

Ausgerechnet einer der Ausflüge mit Cash in die Gefilde der Countrymusic, das Album „Unchained“, brachte Rubin seinen ersten Grammy 1997. Sieben Weitere (gepaart mit 18 Nominierungen) sollten folgen. Eine kuriose Situation, die Bände über seine Vielseitigkeit spricht, ergab sich 2006, als drei seiner Produktionen in der Kategorie „Album des Jahres“ nominiert wurden: Dixie Chicks (die Gewinnerinnen am Ende des Abends) mit „Taking The Long Way, die Red Hot Chili Peppers mit „Stadium Arcadium“ und Justin Timberlake mit „FutureSex/LoveSounds“. Und, weil Auszeichnungen so schön verdient sein können, gab‘s 2016 den Recording Academy’s President’s Merit Award als – Vorsicht: Zitat! – „Anerkennung seiner kreativen Klangexzellenz und seiner Unterstützung der Kunst und Handwerk aufgenommener Musik“.

Zu jenem Zeitpunkt hatte der große Rick auch Chefetagenluft geschnuppert, allerdings nicht mehr beim eigenen Label, sondern beim prestigeträchtigen Sony-Ableger Columbia Records. Dort übernahm er zwischen 2007 und 2012 das Kommando und ließ sich – seiner Eigenart entsprechend – vertraglich zusichern, weiterhin mit Künstlern anderer Labels arbeiten zu dürfen. Nach dem Intermezzo bei Columbia reaktivierte unser Mann das Etikett American Recordings und arbeitet seitdem weiter an seinem Legendenstatus, indem er weiter am Legendenstatus anderer arbeitet – ZZTop, Black Sabbath, Kanye West, Smashing Pumpkins you name it!

Rick Rubin – Methode

Über Rick Rubin gibt es selbstverständlich einen persönlichen Eintrag auf der Internetpräsenz der Grammy Awards. Dort wird sein beruflicher Ansatz mit einem Eigenzitat auf schlichte Weise beschrieben: „I don’t know what makes someone hip. The goal is artist achievement and the best work we can do with no limitation.“
Für die Umsetzung dieser Prämisse agiert Rubin dann in der Rolle des Vermittlers, der um das Erschaffen einer besonderen Arbeitsumgebung bemüht ist; diese soll letztendlich die Entstehung von wertvollen Performances begünstigen. Hört sich nach viel Zuhören an, Warten auf die Muse und Pfeifen auf Deadlines – und es ist auch so!  Dieser beruflichen Herangehensweise liegen Elemente einer spirituellen Ebene zugrunde, zu der sich Rick Rubin – seit seiner Jugend Praktikant der Transzendentalen Meditation – immer wieder öffentlich bekennt.

Doch wie „klingt“ eigentlich Rick Rubin? Nun, als Produzent gilt er allgemein als Verfechter eines schnörkellosen Sounds, in dessen Zentrum die musikalische Performance rücken soll. Hört man sich allerdings durch seine Diskografie, stellt man fest, dass diese vermeintliche Kargheit vor allem im Bereich des Einsatzes von Effekten und Klangkorrekturen zu finden ist, denn was Instrumentierung und Arrangements betrifft, ist sich unser Mann, solange die Musik danach ruft, für Filigranes nicht zu schade. Die Gefahr der Überfrachtung weiß er jedoch meistens zu bannen.

Und dennoch hat sich Rubin immer wieder Kritik anhören müssen, weil seine Produktionen im Rockbereich gelegentlich in die Falle des loudness war (unabsichtlich?) tappen. Der Ärger kommt beileibe nicht (nur) von überempfindlichen Audiophilen, sondern auch von einfachen Musikkonsumenten, und erreichte 2008 nach der Veröffentlichung von Metallicas „Death magnetic“ einen Höhepunkt, als die Fans aufgrund der besseren Klangqualität die Version des Albums für das Guitar-Hero-Game der regulären CD-Ausgabe bevorzugten.

Rick Rubin – Die Qual der Wahl

Rick Rubin hat bis dato seine Finger in über 200 Produktionen gehabt. So gesehen gleicht, eine für das Gesamtwerk repräsentative Auswahl zu treffen, einem unmöglichen Unternehmen. Darum, liebe Leser, erlaubt mir bitte folgende unverschämt subjektive Rosinenpickerei:

THE CULT „Electric“ (1987): Eine hippe Postpunkcombo aus England, vor dem nächsten Karriereschritt stehend, suchte nach jemandem, der aus ihr das machen sollte, was sie eigentlich immer sein wollte – eine waschechte Hardrockband. Und Rick Rubin war die richtige Adresse! Weg waren die Spuren von Psychedelia und Goth zugunsten eines druckvollen Sounds, staubtrocken und von markanten Old-School-Riffs getrieben. Das Ergebnis wurde ein Erfolg in den Charts und der Musikpresse. Für Rubin wiederum die vielleicht beste Übung für einen Traum, der Jahre später in Erfüllung gehen würde: AC/DC zu produzieren;

RED HOT CHILI PEPPERS „Blood sugar sex magic“ (1991): Label-Wechsel hieß für die Band 1990 auch Produzentenwechsel und der Name „Rick Rubin“ stand weit oben auf der Liste. Der jetzt Wahlkalifornier sagte zu und auf Wunsch der Musiker, in einer ungewöhnlichen Umgebung zu arbeiten, suggerierte er das Anwesen des verstorbenen Jahrhundert-Magiers Harry Houdini in Los Angeles; dahin zog die Band samt Aufnahmeequipment für knapp fünf Wochen. Rubin erhielt von Flea & Co. das nötige Vertrauen, um sich in allen Belangen des Kreativprozesses zu involvieren. „Blood sugar sex magic“ brachte dann den kommerziellen Durchbruch für RHCP und legte für beide Parteien den Grundstein für 20 Jahre in jeder Hinsicht erfolgreiche Zusammenarbeit;

JOHNNY CASH „American IV: The Man Comes Around“ (2002): Ab 1994 widmete sich Rubin der Plattenkarriere der Country-Ikone. Die erste gemeinsame Arbeit („American Recordings“, 1994) verhalf Cash quasi über Nacht zu einem unverhofften Comeback. Das Rezept für jenes und die folgenden Alben von Cash unter Rubins Regie sah den legendären Bariton des Sängers samt seiner Akustikgitarre an vorderster Front vor, mit spartanischer-bis-keiner Unterstützung. Das Repertoire? Eine Mischung aus Eigen- und Fremdmaterial – für Letzteres brachte der Produzent Songs jüngerer Autoren wie Martin Gore („Personal Jesus“) oder Trent Reznor („Hurt“) ins Spiel, die stilistisch teilweise ganz weit weg von Country waren. Rubin schaffte es am Ende, Darbietungen des Sängers auf Band einzufangen, die an Ergriffenheit nicht zu toppen sind und die Stimmigkeit der unorthodoxen Songauswahl jederzeit bestätigen.

Rick Rubin – Es hatte nicht sein sollen

Bei aller Bewunderung seiner erstaunlich langen Liste erfolgreicher Projekte hat Rick Rubin in seiner beruflichen Laufbahn auch mal den menschlichen – sprich, fehlbaren – Charakter seiner Natur als Produzent gezeigt. Ob es tatsächlich an seinem Einsatz lag oder an einem Stimmungswandel bei den von ihm betreuten Künstlern, sei dahin gestellt. Hier also zwei Momente, in denen der Name „Rick Rubin“ mit der Idee von „schief gegangen“ in Verbindung gebracht werden musste:

Crosby, Stills & Nash: Die Folkrock-Pioniere wollten es 2012 noch einmal wissen – ein Coveralbum stand auf dem Plan und Rubin sollte den Überblick behalten. Einige Klassiker (darunter “Behind Blue Eyes” und “Ruby Tuesday”) wurden zwar fertiggestellt, die Arbeit jedoch nach kurzer Zeit eingestellt. Mit britischem Understatement beschrieb Graham Nash die Erfahrung als „nicht großartig“. Mit einem zu sehr vorherrschenden, gar bevormundenden Ansatz soll Rick Rubin seine Rolle in Angriff genommen haben – eine Zumutung für die Veteranencombo, die selbst Musikgeschichte geschrieben hatte. Kein Wunder, dass das Ergebnis der Sessions vorerst unveröffentlicht bleibt.

Muse: Die Quelle ist vage, aber Rick Rubin soll einmal behauptet haben, Muse seien womöglich die nächsten Beatles. Ob die Band jemals Wind davon bekam, ist nicht überliefert, aber für die Sessions, aus denen ihr Album „The resistance“ entstehen sollte, heuerten sie 2008 den bärtigen Produzenten an. Am Ende wurde es das erste Werk des englischen Trios in Eigenregie. Kollidierte etwa ihr „mehr-ist-mehr“-Ansatz mit Rubins organischeren Klangvorstellungen …? Im Februar 2010 beim Entgegennehmen des Music Producers Guild Awards für die Single „Uprising“ bedankte sich Frontmann Matt Bellamy jedenfalls beim New Yorker „for teaching us how not to produce“.

Forum
  1. Profilbild
    Sintetizador

    Ich finde Rick Rubin absolut faszinierend. „Licensed To Ill“ von den Beastie Boys, welches er 1986 produzierte, ist eines der Glanzstücke des frühen Rap. Damals legte er übrigens auch noch selbst Platten auf und nannte sich „DJ Double R“. Umso beachtlicher, mit welcher Bandbreite an Künstlern er später noch zusammenarbeitete. Die Red Hot Chili Peppers, Johnny Cash, Weezer, Adele…das ist echt ein Mann, der die Musik liebt. https://www.rabatt-coupon.com/

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      Cristian Elena  RED

      Die Bandbreite bzw. seine Vielseitigkeit ist in der Tat beeindruckend. Und so sehr ist sein Name zum Gütesiegel geworden, dass manche Künstler verlauten lassen, Rick Rubin habe auf ihren Alben als „producer“ agiert – dabei ist er als „executive producer“ tätig gewesen oder bestenfallls ein paar Stücke produziert ;-)

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