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Test: Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash, E-Gitarre

17. Oktober 2017

Das Werkzeug des Meisters

Der Brite Guthrie Govan zählt zweifellos zu den ganz großen Gitarrenhelden unserer Zeit. Seine enormen musikalischen Fähigkeiten, sowohl im technischen als auch im kompositorischen Bereich, sind unbestritten und vor allem sehr, sehr beeindruckend. Klar, dass solch ein Ausnahmemusiker die Aufmerksamkeit der Industrie weckt. So entwickelte der US-Hersteller Charvel bereits 2014 ein Instrument zusammen mit Guthrie Govan und nach einem kurzen Ausflug zum Gitarrenhersteller Suhr ist Guthrie nun doch wieder bei Charvel gelandet. Und das bleibt nicht ohne Folgen, denn mit der Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash steht eine Weiterentwicklung des Signature-Instruments bereits in den Startlöchern. Wir haben uns dieses Edelteil mal für einen ausführlichen Test zukommen lassen!

Facts & Features

Basis der Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash ist wie bereits beim Vorgängermodell der allseits bekannte Korpus der San Dimas Baureihe von Charvel, der dem einer Fender Strat immer noch sehr nahe kommt. Das milchig-braune Finish des aus zwei Teilen Esche hergestellten Korpus bezeichnet der Hersteller als „karamellisiert“. Hier scheint man wohl dem momentanen Trend zu folgen, den verwendeten Tonhölzern eine Hitzebehandlung zu unterziehen und dadurch nicht nur deren Farbe, sondern auch die Widerstandsfähigkeit und Klangeigenschaften insgesamt zu verbessern. In jedem Falle aber versprüht die Optik der Gitarre bereits nach wenigen Augenblicken schon auch diesen gewissen „Hauch von Customshop-Anfertigung“ – was sie ja praktisch auch ist.

Die Oberfläche des Holzes wurde nur mit einem Satinlack versehen, was die hübsche Struktur bzw. Maserung des Korpus deutlich sicht- und fühlbar macht. Fräsungen auf der Rückseite und im Bereich des unteren Cutaways ermöglichen einen bequemen Umgang mit dem Instrument und darüber hinaus eine gute Erreichbarkeit der oberen Lagen des Halses. Zudem wurde auch der Hals-Korpus-Übergang etwas bearbeitet, eine Charvel war halt auch immer schon irgendwie eine Superstrat und da gehört so etwas nun mal dazu!

Der Hals der Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash

Sicherlich eines DER Highlights an dieser Gitarre! Das einteilige Stück aus wundervoll gemasertem Riegelahorn wurde ebenfalls einer Wärmebehandlung unterzogen, inklusive Griffbrett aus dem vollen Holz heraus gefräst und passgenau in den Korpus eingeschraubt. Die Rückseite erhielt nur einen dünnen Satinüberzug, was zusammen mit dem schlanken Halsprofil für allerbeste Voraussetzungen in Sachen Bespielbarkeit sorgt.

Fantastisch ist die Verarbeitung der Bünde und des Sattels gelungen. Nichts steht über und kratzt oder hakelt, zudem sind die Oberflächen der Jumbobünde extrem hochwertig poliert, sodass die Saiten bei Bendings oder Vibratos mit kaum spürbaren Widerstand den Fingern folgen. Dezente Dots, bestehend aus einem Ebenholzring mit eingefügter Perlmutteinlage, weisen dabei den Weg über die 24 Bünde.

Das Profil des Griffbretts variiert auch hier wieder, der Fachmann spricht von einem „Compound Radius“. So ändert sich die Rundung gleichmäßig von 12″ am ersten Bund zu einem 16″ Radius am Letzten (305 zu 406 mm). Zur Verstärkung des Halses wurde eine Grafiteinlage eingesetzt, zudem ist der Zugang zur Schraube des Halseinstellstabs (Truss Rod) wieder ganz einfach erreichbar am Halsfuß gelandet.

— Blick auf die Rückseite der Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash —

Wer sich an dieser Stelle fragt, was an dieser Gitarre denn nun auf den Namensgeber hinweist, der findet die Antwort an der Rückseite der Kopfplatte in Form der Signatur von Guthrie Govan.  Und dazu noch einen Satz Sperzel Klemmmechaniken, die zusammen mit dem Vintage-Vibrato aus Charvel-eigener Fertigung die Hardware ergeben. Und obwohl die Hardware einen sehr soliden Eindruck macht, gibt es in der Praxis doch unerwartet Schwierigkeiten beim Halten der Stimmung. Doch dazu später in der Praxis mehr.

— Rückseite der Kopfplatte, gut zu erkennen ist die wunderbare Flammung des „Caramelized Neck“ —

Pickups und Elektronik der Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash

Hier wird mit einer H-S-H-Bestückung absolut aus dem Vollen geschöpft. Auch die zwei Humbucker und der Singlecoil in der Mitte stammen aus der Produktion von Charvel bzw. Fender, die ja den „Kulthersteller in Sachen Superstrat“ zu Beginn des neuen Jahrtausends übernommen haben. Zeigt sich die Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash insgesamt in ihrer Optik doch eher bescheiden, so sind hier bei den Pickups doch kleine, aber feine Details erkennbar. So bestehen die Kappen der Pickups etwa aus karamellfarbenem Kunststoff und die Grundplatten der beiden Humbucker leuchten in einem tiefen Rot aus ihren Fräsungen in der Decke dazu.

— Dreimal Charvel Custom MF-Pickups in passendem Outfit —

Mit den kleinen, aber feinen Details geht es auch bei den beiden Potis weiter. So mag es Guthrie wohl, stets den Überblick über die Skalierung der beiden Regler zu behalten. Aus diesem Grund wurde ein kleiner Metallstift in die Decke eingelassen, der die Nullstellung auf der Skalierung der beiden Potis markiert. Ich würde dieses Feature ja eher als optisches Schmankerl bezeichnen und mich besser auf meine Ohren, als auf meine Augen verlassen.

Ein optisches UND technisches Schmankerl stellen hingegen die beiden Potis dar. Nicht nur, dass sie sich dank der randierten Metallknöpfe gut greifen lassen, auch laufen sie butterweich, ja fast schon zu weich und zudem ohne jegliches Spiel auf ihren Achsen. Freunde von Spielereien mit dem Volumepoti kommen hier voll auf ihre Kosten, besser kann meiner Meinung nach ein Poti nicht funktionieren, einfach wunderbar!

— Die Schaltzentrale der Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash —

Die drei Charvel-Pickups werden über einen Fünfwegeschalter angesteuert, der in Sachen Qualität den beiden Potis in nichts nach steht. Es stehen die üblichen Schaltungsvariationen einer H-S-H-Schaltung zur Verfügung, zusätzlich ermöglicht ein kleiner Metallschalter, die beiden Humbucker an Hals und Steg auch im Singlecoil-Modus betreiben zu können.

Zwischenzeugnis

Die Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash zeigt sich zwar optisch eher unauffällig, technisch jedoch haben wir es hier mit einem absoluten Oberklasseinstrument zu tun. Die verwendeten Hölzer und die Hardware stammen alle aus dem obersten Regal und versprechen Bestnoten in Sachen Performance und Klang. Und damit ab in die Praxis mit Guthries Lieblingsstück!

Sound & Praxis mit der Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash

Absolute Topwerte erreicht die Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash bereits im trocken angespielten Zustand. Das bezieht sich sowohl auf den akustischen Grundsound als auch auf die famose Bespielbarkeit des Halses. Das Instrument bietet schon unverstärkt eine beeindruckende Resonanz, ein sehr ausgeglichenes Tonspektrum und dazu eine Menge an Attack und Sustain. Positiv bemerkbar macht sich auch das leichte Gewicht, trotz der verbauten Hardware mit dem Vibratosystem und den drei Pickups ruht die Gitarre wie eine Feder auf dem Schoß oder pendelt sehr ausgewogen am Gurt.

Stichwort „Vibratosystem“: Ich hatte es ja weiter oben bereits angedeutet. Guthire Govan ist ja bekannt für seine Gimmicks mit dem Vibratohebel, allerdings hätte er an dem System unseres Testmodells vermutlich nicht viel Freude. Der Grund sind deutlich hörbare Verstimmungen, die bereits bei moderatem Benutzen des Vibratohebels die Stimmung bei der Gitarre und dem Benutzer trüben. Schon unverständlich, wenn man sich den Preis der Charvel Guthrie Govan vor Augen führt.

Die Vermutung liegt nahe, dass sich das Problem am Sattel abspielt, zumindest wurde es mit der Dauer des Tests etwas besser, wenn auch immer noch ziemlich unbefriedigend. Die Sattelkerben unseres Testmodells schienen nicht breit genug gefeilt, sodass die Saiten hier hängen bleiben und nicht mehr in ihre Ausgangsposition zurück wollten. Im Zweifel sollte hier ein Fachmann drüber schauen. Trotzdem ein dicker Minuspunkt und eigentlich kaum zu erklären, da ist auch die Möglichkeit, den Vibratoblock zu blockieren, kein wirklicher Trost! Aber wer weiß, auch in den besten Customshops dieser Welt gibt es diese „berühmten Montage“.

In puncto Sound jedoch ist es eine wahre Freude, was diese Gitarre an Möglichkeiten bietet. Die Pickups passen hervorragend zum Grundkonzept und portieren den resonanten und quitschfiedelen Grundsound perfekt an den Amp, zudem glänzen sie mit einer sehr großen Dynamik und reagieren wunderbar feinfühlig auf das Anheben bzw. Absenken der Lautstärke mit dem Volumepoti, ohne dass dabei die Signalqualität in irgendeiner Weise beeinträchtigt wird. Durch die flexible Schaltung und die zusätzliche Möglichkeit, die beiden Humbucker auch als Einzelspuler zu betreiben, dürfte es wohl kaum eine Stilistik geben, bei der man mit der Charvel Guthrie Govan nicht an den Start gehen könnte!

Nun aber zu den Sounds, die mit einem Orange Micro Dark, einer 1×12″ Celestion Vintage 30 Box sowie einem AKG C3000 Mikrofon aufgenommen wurden. Eine Nachbearbeitung, außer Pegelanpassung fand nicht statt.

In Klangbeispiel 1 hören wir die Gitarre mit einem Cleansound des Humbuckers am Hals, der auf Singlecoil gesplittet wurde.

Nun der Humbucker am Steg mit einer unverzerrten Figur, ebenfalls im Singlecoil-Modus. Ein zwar sehr mittiger, aber dennoch obertonreicher und durchsetzungsfähiger Klang.

Wir nähern uns der verzerrten Abteilung, in Klangbeispiel 3 nun der Sound des Fronthumbuckers zusammen mit dem Singlecoil und einem leicht angezerrten Sound.

Jetzt zu den Highgainsounds. In Klangbeispiel 4 hören wir zunächst den Leadsound des Steghumbuckers.

Abschließend noch der Humbucker in der Halsposition, der trotz der hohen Verzerrung sein differenziertes Klangbild beibehält.

Fazit

Wäre die Sache mit dem Vibrato unseres Testinstruments nicht, dann könnte man der Charvel Guthrie Govan HSH Caramelized Ash mit gutem Gewissen die Bestnote verleihen. Klang, Bespielbarkeit, Verarbeitung und Optik – in all diesen Punkten spielt diese Gitarre in der absoluten Oberliga. So kann man nur hoffen, dass es sich bei unserer Testgitarre um ein Montagsmodell handelt und hier bei der Endkontrolle wohl etwas schlampig gearbeitet wurde, Stichwort „Sattelkerben“. Denn mit diesen Stimmproblemen würde sich Guthrie garantiert nicht auf die Bühne trauen. Und die Wenigsten von uns sicher auch nicht.

Plus

  • Klang
  • Flexibilität
  • Bespielbarkeit
  • Optik/Haptik
  • Leichtgewicht

Minus

  • Vibratosystem des Testinstruments nicht stimmstabil

Preis

  • Ladenpreis: 3269,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Schönes Brett, auch wenn es ohne Blümchentapetenlack daher kommt. ;-)

    Aber leider auch schön teuer.

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    anttimaatteri   1

    Vibratohebel(Jammerhaken) nicht stimmstabil? Das ist ja schon fast ein Vintage-Strat-Feature und berechtigt einen Aufpreis haha.

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      Stephan Güte  RED

      Das mit dem Vibrato hat mich auch schwer geschockt, ansonsten eine absolute Traumklampfe! Ich tippe aber echt mal auf ein am Sattel unsauber verarbeitetes Montagsmodell … oder aber es war schon vorher was am A****, denn unsere Testgitarre hatte schon vorher die Runde bei anderen Magazinen gemacht …

  3. Profilbild
    yelemusic

    Es gibt bisher genau eine Bewertung der Gitarre (bzw des anderen Modells mit Riegalhorndecke) bei Thomann, und der Rezensent bemängelt exakt den gleichen Punkt: Stimmstabilität bei Verwendung des Jammerhakens.
    Also kein Montagsphänomen, sondern doch ein feature?

    Bei einer Gitarre für über 3k darf das einfach nicht sein, da muss Charvel echt nachbessern!

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Damke für den Hinweis, habs auch gerade gesehen/gelesen. Also stimmte meine Vermutung mit den Sattelkerben … ein absolutes No—go, völlig klar! Aber wenn der Rest nicht soooo geil wäre, hmpf …

  4. Profilbild
    Kush23

    Stephan war so freundlich mich zu bitten, meine Erfahrung mit der Charvel Govan zu posten und ein klein wenig Abhilfe zu diesem Problem zu schaffen:
    Ich selber besitze eine Govan, wo ich zu Anfang auch diese Probleme hatte. Nach näheren Betrachten der Mechanik, habe ich folgende Lösung gefunden:
    1.) Einstellen der Saitenlage (geht immer ein Stückchen tiefer als Werkseinstellung), Oktavreinheit und des Halsstabes.
    2.) Nutsauce von Big Bends an den Sattel (auch kein Geheimnis)
    aber dann ganz wichtig, das war es bei mir zumindest
    3.) Aufpassen auf die Schrauben des Tremolo-No. Die Schrauben die nicht fest angezogen werden nur ganz leicht anlegen. Da die Stange und das Schraubenende wirklich furztrocken sind reicht schon eine winzige Unebenheit, so das die Feder nicht mehr in ihre Ausgangsposition zurückkommt. Die Stange und die Gewindelöcher habe ich dann mit ein wenig Allzweckfett eingeschmiert. Seitdem ist die Klampfe stabil wie Sau.

  5. Profilbild
    Stephan Güte  RED

    Hey,

    danke für deinen Post :)

    Trotzdem ziemlich krass für ne Klampfe dieser Preisklasse und unverständlich, dass das sowohl beim Quality-Check bei Charvel, als auch beim Händler durchgegangen ist. Und dann auch noch mehrfach, wie man ja hören und lesen kann. Also nicht nur bei unserem Testinstrument.

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