Test: EastWest, Hollywood Brass, Soundlibrary

Artikulationen, Spielbarkeit und Sound

Long, Short, Effects, Legato und Mutes stehen zur Auswahl. Man hat also genug Artikulationen, um auch das raffinierteste Arrangement zu realisieren. Das pp klingt genau so fein und bei Bedarf zerbrechlich, wie das brachiale fff laut ist. Mit brachial meine ich hier wortwörtlich brachial! Ich hoffe, ihr habt alle gute Studiomonitore, um in den Genuss dieser Sounds zu kommen! Es gibt zu den Soloinstrument-Ausführungen auch verschiedene Ensembles. Hollywood Brass hat jedoch keine Auto-Divisi-Funktion. Wenn man also die Noten aufteilen möchte auf Einzelinstrumente, muss man das selber vornehmen.

Was ich früher selten genutzt habe und mit dieser Library richtig Spaß macht, sind die Artikulationen, die man über das Mod-Wheel in Echtzeit spielt. Je nach Patch steuert man über das Wheel Dynamiken von pp bis ff oder aber auch Notenlängen (Shorts Mod Speed). Ohne Programmierungs-Marathon wohl gemerkt, lediglich mit dem Mod-Wheel von Legato zu Staccato.

Ich fand die Sounds von Vienna Dimension Brass wirklich klasse, aber hier muss ich im Gegensatz nichts programmieren, was für mich ein echter Segen ist. Das einzige, was ich noch nicht verstehe ist, dass nach dem unmittelbaren Laden ein Sound zwar dynamisch auf ff steht in der Basisstellung. Aber nachdem man das Mod-Wheel einmal benützt/berührt hat, kehrt es nicht mehr dorthin zurück, denn dann bleibt die Dynamik auf pp. Ich weiß nicht, ob das ein Bug ist oder ob man sich damit abfinden muss. Nicht weiter schlimm, aber man muss dadurch immer das Mod Wheel halten oder per Programmierung quasi fixieren, wenn man beispielsweise nur das laute ff braucht. Wichtige MIDI-Controller im Umgang mit Hollywood Brass sind CC1 (Modulation) und CC11 (Expression) für die Lautstärkeregelung. In den meisten Long-Patches ersetzen sie die MIDI-Velocity als Controller für die Anblasstärke. Bei Legato-Patches regelt die Velocity nur die Geschwindigkeit der Legato-Übergänge.

Ein Sample-Highlight bei den Short-Artikulationen ist der Begriff „Double Tongue“. In Hollywood Brass wird man des öfteren darüber stolpern, denn jedes Instrument und jede Section verfügt darüber. Das bedeutet, dass beim Recording zusätzlich eine kurze Spielweise aufgenommen wurde, wie ein Spieler bei schnellen Passagen die Luftzufuhr zum Instrument mit der Zunge unterbricht, statt ganz abzusetzen. Dieser Klang unterscheidet sich sehr zu dem des erneuten Anblasens. Das automatische Triggern dieser Samples bei schnellen Wiederholungen trägt zudem sehr zum Realismus bei.

Eine weitere Besonderheit sind die Repetitions (Wiederholungen) bei den kurzen Artikulationen. Diese Patches gibt es in drei Ausführungen: 120 Bpm, 145 Bpm und 170 Bpm. Nutzt man Play als VST-Plug-in, synchronisiert sie sich mit dem Host-Tempo. Um das so realistisch wie möglich klingen zu lassen, sollte man logischerweise das Tempo auswählen, das dem Song am nächsten kommt.

Unter all den fantastischen Instrumenten und Sections hat es mir persönlich das majestätisch klingende Sechs-Horn Legato sehr angetan. Es ist mit Abstand das schönste, was ich je an spielbaren Hörnern gehört habe. Inspirativ, elegant und mit Leichtigkeit auf der Tastatur spielbar. Sehr cool klingen bei den 2 Trumpet-Patches auch die Ausschmückungseffekte aus dem 3. Ordner. Hier findet man neben den üblichen Crescendi, Trillern und Flatterzunge-Effekten auch sehr authentische Rips, die sehr knackig und fett wirken.

 

Wer gerne mal etwas in Szene setzen möchte das in Richtung „Inception“ (Hans Zimmer) geht, sollte sich mal mit dem Low Brass Patch befassen. Alles, was im Blechbläserbereich böse und fett grunzt, wurde hier zusammen als ein Ensemble aufgenommen. Besonders im hohen Dynamikbereich vibrieren einem diese Patches das Schmalz aus den Ohren raus.

Was mir an den Hollywood Brass-Aufnahmen generell und positiv auffällt, ist der Raumklang (Studio 1 der EastWest Studios). Es sind relativ trockene Studioaufnahmen, keine Scoring Stage-Aufnahmen. Denn durch den großen Raumanteil bei letzterem Verfahren ist es nahezu unmöglich, die Bläser in einen Song einzubetten. Wenn Orchester-Arrangements und Songs nicht homogen oder unecht klingen, dann trifft meist auch die Verwendung verschiedener Räume die Schuld. Denn je trockener einzelne Aufnahmen sind, desto besser kann man am Ende dem ganzen Song einen passende Raum/Ort „ankleiden“. Die fünf Mikrofon-Positionierungen helfen dabei zusätzlich, den richtigen Charakter zu finden. Wirklich erstaunlich ist zudem, dass die Main-Positionen schon so edel und passend klingen, dass man fast schon die restlichen Positionen vergessen könnte, was natürlich eine Schande wäre. Schaltet man nämlich alle vier Positionen ein bzw. durch (Close, Mid, Main und Surround) und spielt mit den Lautstärke-Proportionen, wird den Bläsern zusätzliches Leben eingehaucht. Hörerlebnis und kreativer Spaß pur! Yoda würde in diesem Fall sagen: „Die Kreativität. Möge sie mit dir sein!“

Fazit

Der Klang der Library ist mehr als nur authentisch, und die Spielbarkeit der Bläser ist sehr präzise dank der aufwendigen Aufnahmen und Programmierung. Mit „präzise“ meine ich, wie ein Sample auf einer guten gewichteten Tastatur reagiert und gespielt werden kann. Nehme ich noch das Mod-Wheel hinzu, können Gefühle von Zerbrechlichkeit bis Aggressivität umgesetzt werden, was das Ganze zusätzlich zu einer tollen kreativen Waffe macht.

„No shortcuts“ lautet die Devise von EastWest und meint es überzeugend ernst! Die Messlatte wird wieder höher und justiert wird diese von EastWest. Es ist natürlich sehr löblich und sehr gut, teils auch wirklich smart, was die Konkurrenz produziert. Aber EastWest hat die perfekte Balance gefunden, wie man komplexe Sounds, hohe Qualitätstandards und einfachste Bedienbarkeit auf einen Nenner bringt. Daher sind sie mit diesem hochwertigen Produkt auch eine der führenden Hersteller auf dem Markt. Stets nah am Hollywood-Sound und Zeitgeist, wobei flüssiger Workflow den Engine und Library bieten nicht zu vergessen sind. In einer professionellen Umgebung, einer kreativen Produktion, bei der man sich auf die Arbeit konzentrieren will und der „Moment“ zählt, braucht man genau das: Werkzeug, das intuitiv zu bedienen ist, grandios klingt und einfach rennt.

Zwei Hollywood-Librarys (Holzbläser und Percussion) werden noch folgen. Wir freuen uns! Absolute Kaufempfehlung!

Plus

  • inspirative Soundqualität
  • Produktion
  • Engine
  • intuitives Handling und einfache Bedienung
  • Spielbarkeit
  • ressourcenschonend, daher auch auf etwas älteren Systemen möglich

Minus

  • -

Preis

  • Diamond Edition: 649,- Euro
  • Gold Edition 403,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Franky1986

    Hallo Selcuk,
    Ich habe schon die Gold Edition gekauft und der Klang wie auch das Verhalten der Samples sind wirklich einmalig. Dass das Minus-Feld aber vollkommen leer geblieben ist, halte ich jedoch für etwas zu viel an Wertschätzung, denn die Systemanforderungen der Library übersteigt alles, was momentan auf dem Markt angeboten wird. Ich selber komponiere auf einem Mac Pro mit 2x 2,4 GHz Quad-Core Intel Xenon bei 8 GB Arbeitsspeicher und die Systemauslastung ist trotz allem enorm. Selbst bei nur einer Mikrofonposition, ist nach 4 Legatopaches kaum noch Platz für weitere Instrumente. Und obwohl ich die Samples über eine Solid-State-Drive öffne, sind die Ladezeiten der Patches ausreichend, um währenddessen nochmals E-Mails zu checken oder einen Kaffe zu kochen. Wer EWQL HB zusammen mit den Hollywood-Strings oder einer vergleichbaren (hoffentlich weniger aufwendigen) Library nutzen möchte und nicht gerade einen weiteren sehr schnellen PC zum Parallelschalten zur Verfügung hat, wird um das Einfrieren der Midi-Spuren und einige Frustmomente kaum herumkommen. Dennoch ein schöner Test. Und viele Grüße aus München!

    • Avatar
      AMAZONA Archiv

      Hi Leute,
      also dass Eure Systeme in die Knie gehen kann ich nicht nachvollziehen. Ich hab die Library auf einem alten Dual Core Prozessor mit 4GB RAM getestet. Und ich konnte ohne Probleme 2-3 Patches laden ohne derweil einen Kaffee holen zu müssen und auch ohne Gestotter. Ich kann zu einem Library-Test nicht auch noch einen Benchmark-Test hinzufühen. Das sprengt irgendwann unseren Rahmen hier. Mein Testsystem ist von Audiozapp und vier Jahre alt. Dass natürlich irfgendwann nach vier Patches Schluß ist kann man sich denken, erst recht wenn Ihr noch Hollywood Strings dazupackt. Ich empfehle dringend die Engine und Library-Updates. Das half bei mir sehr oft!

      Zu dem Vorwurf dass ich im April noch die Vienna Library zum Besten gekürt habe, kann ich nur sagen: Das ist so formuliert einfach nur unfair! Ich habe damals ein sehr gutes Produkt bewertet und dazu stehe ich. Aber das ist ein halbes Jahr her und es ist absolut legitim dass es jetzt von einem -für mich- besseren Produkt getoppt wurde. Denke dass diese Vorgehensweise völlig Okay ist.

      Hoffe trotzdem dass Ihr mit der Library viel Spaß habt.
      Beste Grüße, S. Torun

      • Profilbild
        Paul Tunyogi-Csapo  

        Hallo allesamt,
        die CPU Auslastung ist mit der Play Engine 3 wesentlich geringer als zuvor.
        Eine große Verbesserung wie ich finde.
        Die Frustmomente dürften seltener ausftreten.:-)

  2. Profilbild
    tompisa

    Lieber Selcuk

    vor kurzer Zeit (im April also) war noch die Vienna Library das Beste der Welt in Deinem Test, nunmehr ist es die Hollywood Edition. Ja, was denn nun ?

    Die Systemanforderungen sind übrigens extrem und ich mit meinem Mac Pro 8 core und 14 Gig RAM usw habe nach 3 lächerlichen Spuren Hollywood Brass auf 24/96 nichts mehr, ausser Stottern der Audio Engine. Die Cores werden nicht aufgeteilt, d.h. wohl keine Multiprozessor Unterstützung.

    nun ja…ein paar Minus Punkte gäbe es also durchaus.

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