Test: EMS Rehberg Synthi AVS, Software-Synthesizer

11. Januar 2006

Der EMS Synthi als Plugin

Elektronisches Musik Studio

Das ist sinngemäß die Bedeutung von „EMS“. Die Instrumente der britischen Firma (http://www.ems-synthi.demon.co.uk) waren schon in der Synthesizer-Frühzeit sehr exklusive Maschinen, speziell der Synthi 100 („Wohnzimmerschrank-Monster“). Kein geringerer als Ludwig Rehberg (http://www.ems-rehberg.de) selber, der in Deutschland EMS vertritt, bietet seit einiger Zeit eine Software-Variante des EMS AKS / VCS3 für den PC an.
Da es ein historisches Instrument ist, kommt der liebe Autor dieser Zeilen wieder einmal in die Verlegenheit, entscheiden zu müssen, ob der Test mehr als Vergleich oder besser als eigenständiges Instrument zu zählen sei. Jüngere werden diese Frage vermutlich nicht so entscheidend finden und so gibt es erstmal einen Überblick.

Wie denn wo denn was denn?

Der EMS Synthi A ist wirklich ein modularer Synthesizer. Er war schon früh der kompakteste Synthesizer seiner Art, ohne auch nur ein Kabel ziehen zu müssen. Zentrum aller Modulations-Routings ist die Schiffe-versenken-artige Matrix. Sie bietet alle Module des EMS an und listet Quellen vertikal und Ziele horizontal. Im Original können diese Ein- und Ausgänge durch Einstecken eines Widerstand-Pins verbunden werden. Es gab seinerzeit übrigens verschiedene Widerstandswerte mit Farbcodierung, um die Stärke der Verbindung grob vorzubestimmen. In der vorliegenden Version ist das nicht so, jedoch auch nicht unbedingt notwendig. So genial die Idee ist, brach beim Original irgendwann einfach die Spannung zusammen und erzeugte ein „chaotisches“ Verhalten. Dieses ist natürlich bei der Software kein Problem. Man klickt an der entsprechenden Stelle und hat damit die Verbindung hergestellt. Einige User wollen die Spannungszusammenbrüche auch als Vorteil werten – das findet man natürlich dann nur im Original bei sehr vielen Verbindungen. Ansonsten ist die Idee so einfach wie genial.

Klanggerüchte frisch auf den Tisch

Klinik? Bevor es zu einer strukturellen Beschreibung kommt, sollte vorweg auch der Ruf des Synthi A einmal festgeklopft werden. Das Gerät ist einem Laborgerät nicht unähnlich. Russische Kraftwerke oder Lügendetektor als Vorbild? Wir wissen es nicht. Letztlich ist er auch sehr gut als Signalgenerator im Labor nutzbar, da seine Regler Spindelpotis nutzen und er damit sehr feinfühlig und genau einstellbar ist. Diese Spindelpotis sind virtuell durch zwei Regler ersetzt für „Grob“- und „Feinstimmung“, die langen Fahrten durch die Frequenzen sind somit sicher ein wenig anders im Spielgefühl. Er ist sehr bekannt als Klangexperimentalinstrument. „Noises“ aller Art mit etwas „klinischem“ Klang haften ihm an, wie jene berühmten schnellen Ratterklänge in JM Jarres alten Werken. Ja, es ist wirklich in jeder Hinsicht positiv gemeint, wenn ich von kalten Klängen schreibe. Wem Klinik auch als Bandname geläufig ist, dürfte auch gut verstehen, was hier gemeint sein könnte. Daneben auch auf zahlreichen alten Elektronik-„Scheiben“ zu begutachten. Ein frühes Werk „White Noise“ von David Voorhaus enthält Spacerock-Klänge zweier dieser Synthesizer. Brian Eno ist ein weiterer alter Vertreter der langen Userliste, zusammen mit Pink Floyd.

Strukturdebatte

Der Synthi A entstand 1972, der auch als „the Putney“ in Holzbauweise als VCS3 bekannt wurde. Das Herz bilden drei Oszillatoren mit stufenlos wählbaren Wellenformen.

  • VCO1: Sinus und Sägezahn
  • VCO2: Rechteck und Dreieck / Sägezahn
  • VCO3: ebenfalls Rechteck und Dreieck / Sägezahn

Dabei ist die Form ebenso in ihrer Symmetrie verstellbar, wie auch ihr Lautstärke-Anteil. Somit kann jeder Oszillator tatsächlich stets zwei Wellenformen derselben Frequenz wiedergeben. Der dritte Oszillator ist in seinem Frequenzbereich als LFO gedacht und ist daher auf maximal 500 Hz ausgelegt, was selbst heute noch schnell ist. Da jeder VCO einen (oder mehrere) andere VCOs (oder Filter) modulieren kann, sind sehr komplexe Frequenzmodulations-Klänge (FM) oder Selbstmodulation machbar. Die sehr schnellen FM-Sweeps des Filters mittels Modulation durch einen der VCOs sind ebenfalls kein Problem. Der VCO1 bietet im Gegensatz zu VCO2 und 3 kein Rechteck, dafür entschied man sich hier, den Symmetrieregler für den Sinus zu verwenden. Ein besonderes Problem würde ich darin aber nicht sehen wollen, denn das ist immer noch flexibler als so manche Konkurrenz weit später. Durch die Lautstärkeregler ist auch gleich die doppelte „Mixersektion“ integriert (pro Wellenform ein Lautstärke-Regler)!

Trapezoidberg?

Es gibt eine Art Kombination aus Hüllkurve und LFO, den Trapezoid-Generator. Hier gibt es die Parameter Attack und Decay im bekannten Hüllkurven-Sinne. Dazu gibt es eine Haltephase „on“, die man sicher auch als „hold“ bezeichnen könnte. Dazu kommt noch ein „off“ Parameter. Er definiert eine Wiederholung der Hüllkurve nach einer bestimmten Zeit, was die Hüllkurve damit zu einem „LFO“ machen kann. Der Decay-Parameter ist übrigens auch in der Matrix enthalten und somit modulierbar. Die Hüllkurve ist recht schnell. Die Stärke „Env Amount“ wird mit Trapezoid bezeichnet. Na ja, die Briten sind eben so.

Natürlich hat der EMS auch ein Filtersystem. Hier kommt ein 18dB / Oktave Tiefpass mit Resonanz zum Einsatz. Dieses klingt wirklich sehr eigenständig „british“ und dürfte eine gute Alternative zu der Moog- und ARPomanie sein. Er erinnert auch etwas an den später gebauten EDP WASP. Auch einen Rauschgenerator kann man verwenden, er ist stufenlos von rosa bis weiß mischbar. Auch ein Ringmodulator ist an Bord und kann frei gepatcht werden, also nicht die üblich-langweilige „VCO1 und VCO2“-Klischee-Schaltung, sondern auch den Ausgang des Filters mit VCO3 könnte man beispielsweise ringmodulieren. Sofern man die Pins richtig setzt, kann auch der Audio-Signalweg frei bestimmt werden. Damit ist der EMS voll modular, nicht nur „semi“. Die grafische Darstellung ist recht klein geraten, man sollte also nahe am TFT seine Lichtwellenempfänger (Anmerkung des Autors: „Augen“) nutzen. Unterhalb der Matrix können Midi Controller, des Sticks oder des Zufall Eingangs in den virtuellen EMS finden. Der virtuelle Joystick ist natürlich netter anzuwenden, wenn man ihn durch einen echten ersetzt. Weitere Klangmodule gibt es in Form des Spiralhalls. Auch er kann an beliebiger Stelle platziert werden.

Urlaub in Bad EMS

Natürlich ist das für einen analogen Synthesizer außergewöhnlich, denn nur der ARP2600 hat einen Spiralhall zu bieten, ist aber in diesem größer. In Software ist er dennoch seltsamerweise in seiner Konzeption ebenso eigenständig. Hier hätte man der Software sicherlich eine weitere Hüllkurve / Trapezoid spendieren können, auch Polyphonie wäre eine Idee wert gewesen. Fakt ist: Man hielt sich bis auf die beiden Midi-Controller weitgehend an das Original. Durch die Klappleiste ist jedoch Velocity mit im Boot. Wieso diese Kritik? Ein Delay hier oder ein Feature da in der Matrix hätte sicher nicht geschadet, würde aber schon durch eine einzige Eintragung die Matrix vergrößern. Ich überlasse es daher dem Geschmack des Lesers, was-wo-wie besser oder schlechter gewesen wäre. Fakt ist aber die optisch-funktionale Authentizität.

Klanglich würde ich sagen: Ich fühlte mich des Öfteren an den hier virtuell dargestellten schwarzen Koffer erinnert, der mir meine Jugend insofern versüßte, da ein Freund einen solchen besaß. Auch hier gibt es hin und wieder anderes Verhalten von Hard- gegen Software. Es ist sicherlich nicht weniger echt als andere Konkurrenz, wie etwa Korgs Legacy MS20 etc. Wie bei jedem Hersteller von virtuellen Repliken auch, kosten die Softvarianten gut ein Zehntel und empfehlen sich Leuten, die vom Besitz des echten Originals bisher durch elende Armut™, Hartz IV oder ähnliches abgehalten wurden.
Ja, so profan ist es bei der Bewertung bei Software gegen Original, wenn ich mir damit evtl. auch Kritik einhandeln mag, kein virtueller klingt wie das Original, bietet aber stets ähnliche Vorteile, die durch ihre Computersimulation bedingt sind. Wer ein Original will, kauft bei Ludwig Rehberg das Original, wer mit Software arbeiten möchte oder vielleicht nie 3500€ zusammenbekommt, bestellt für 350€ den EMS AVS und fährt wirklich nicht übel dabei.

Fazit

Es gibt für Reaktor ein Ensemble mit ähnlichen Möglichkeiten, dieses erfordert natürlich Reaktor und ist damit ein wenig teurer. Dennoch sollte man fairerweise den doch recht hohen Preis für eine Software nennen, denn Reaktor tut ja noch andere Dinge, während der EMS „nur EMS ist“. Nichtsdestotrotz ist er der einzige „authorized“ EMS Synthesizer, den man als Software haben kann und der Autor dieser Zeilen ist froh, dass Rehberg bis heute EMS Synthesizer neu anbietet. Löst man sich von all diesen, rein theoretischen Werten, bietet der virtuelle EMS interessante Klänge und eine Flexibilität, die selbst von Software nicht immer erreicht wird mit einem recht speziellen Klang, den man schnell vermissen kann – sofern man ihn mal kennen lernen konnte. Der EMS ist vorrangig als Effekt- und Noise Synthesizer konzipiert und viele der Patches so auch für den keyboardlosen Einsatz gedacht, dennoch sind interessante spielbare Klänge ebenso möglich. Ein echter Synthesizer braucht keine Tasten! Den monophonen Daseinsstatus würde ich als nicht zu gravierend ansehen, er hätte sicher ein zusätzliches Kaufargument geliefert. Den Preis könnte man evtl. noch einmal überdenken. Ansonsten freue ich mich einfach frech über diesen ungewöhnlichen Synthesizer mit seinem speziellen Klinik-Klang. Als Effektmaschine „zur Bearbeitung“ ist er übrigens auch einsetzbar, denn er kann über sogenannte „Insert-Wege“ eingesetzt werden und eine Einleitung von Audiosignalen ermöglichen. Auf den Spuren von Brain Eno!
Mein Wunsch wäre aber durchaus eine Version 2.0, welche 2 EMS und eine 64×64 Matrix anbieten könnte, um die Hüllkurven auf 2 zu erhöhen und die VCOs auf 6 Stück. Schließlich hat auch Herr Jarre oft zwei dieser Instrumente dabei. Aber zwei Instanzen sind selbstredend machbar. Einzig schade fand ich die Nichtanwesenheit einer Mac/OS X Version. Ansonsten wird der EMS sicher Einzug in diverse zukünftige Tracks haben. British Sound Synthesisers are indeed fine and very special.

Plus

  • Eigenständiger Sound
  • Modulationskonzept
  • Hallspiralsound mit Modulation und Einleitungsmöglichkeit von Audio

Minus

  • nicht ganz billig
  • nur VST, keine Mac-Unterstützun

Preis

  • 350,-€
Klangbeispiele
Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Anscheinend gibt es bisher immernoch keine Mac OS X Version.
    Da kann man als Apple User hin und wieder in Verlegenheit kommen.

    • Profilbild
      el_dani

      unbedingt mal den Le Synthé V5 antesten, die Demo lässt zwar nur 8 min zu, dafür kostet er auch nur 10 €

      hier Youtube-Tutorials (vom Programmierer!?) http://www.....FCQninqd2k

      nur den Sound (zum Original) kann ich (noch) nicht beurteilen!

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