Blue Box: EMS VCS3, EMS Synthi AKS Analog-Synthesizer

3. März 2012

Einzigartige Modularsynthesizer der Extraklasse

Der EMS VCS3 von 1969

Wer an analoge Synthesizer deutscher Herkunft denkt, dem kommt vor allem Doepfer oder Jomox in den Sinn. Meist vergisst man dabei, dass einer der legendärsten Synthesizer der späten 60er Jahre, der VCS 3 / Synthi AKS, immer noch im kleinen Ort Ditzingen vor den Toren Stuttgarts erhältlich ist. Mit einem Listenpreis von knapp 8000 Euro bestimmt kein Massenartikel. All denjenigen, die sich auch für Instrumente interessieren, die sie sich nicht leisten können, sei der folgende Testbericht gewidmet.

 Die Geschichte des EMS VCS 3 und EMS Synthi AKS

EMS, Electronic Music Studio, geht auf den britischen Komponisten und Tüftler Peter Zinovieff zurück, der seit Mitte der 60er Jahre mit elektronischer Musik experimentierte – zu Beginn nicht etwa analog, sondern digital. Zusammen mit dem Ingenieur David Cockerell und dem Programmierer Peter Grogno entwickelte er ein digitales Musikstudio, eine Art Ur-DAW, ein Computer mit digitaler Klangerzeugung und Sequencer, der über eine handelsübliche Computertastatur programmiert und gesteuert wurde. Zum Spielen diente eine anschlagsdynamische Klaviatur und dies wohlgemerkt zu Zeiten, als das Wort Synthesizer noch nicht einmal allen Musikern ein Begriff war.

Wohl v.a. aus finanziellen Gründen – das unter dem Namen MUSYS bekannte System wurde immer teurer und ließ sich aber kaum vermarkten – wandten sich Zinovieff und Cockerell einem neuen Projekt zu: Ein analoger Synthesizer sollte es diesmal sein. Sie gründeten die Firma EMS und bauten ihr erstes Modell: Der VCS 1, Voltage Controlled Electronic Music Studio Nr.1. Ein Synthesizer mit zwei Oszillatoren, einem Filter und einer Hüllkurve. Der Prototyp wurde weiter entwickelt und gipfelte im bis heute bekannten VCS3, der 1969 vorgestellt wurde. Damals hielt man übrigens eine Klaviatur nicht für zwingend notwendig bei einem Synthesizer. Der VCS 3 wurde mit einem Joystick gesteuert, für ein tonales Spiel konnte ein Keyboard angeschlossen werden.

Der Nachfolger EMS Synthi AKS im Koffergehäuse (1971)

Der VCS3 war dank seiner angewinkelten Form v.a. für Tonstudios gedacht und nicht gerade transportfreundlich. Es erstaunt deshalb nicht, dass 1971 in Form des Synthi A eine transportable Version erschienen ist. Kurze Zeit später gab’s den Synthi AKS, der nichts Weiteres ist als ein VCS3 im Aktenkoffer, dessen Deckel eine Sensortastatur mit integriertem Sequencer beherbergt. Da man zusätzlich an zwei integrierte Lautsprecher dachte, braucht es nur noch ein bisschen Strom, und der spontanen Elektronik Session unterwegs steht nichts mehr im Wege.

Konzept

Der Synthi AKS ist ein vollmodulares Instrument, sprich es gibt keine vorgegebenen Verknüpfungen, und solange man als Spieler die Module nicht miteinander verkoppelt, ist auch partout kein Klang zu hören. Doch geschieht dies nicht mittels Patchkabel wie normalerweise üblich bei Modularsynthesizern, sondern mittels eines 16×16 Matrix Steckfeldes, das in der Vertikalen alle Ausgänge der Module und horizontal deren Eingänge bereitstellt. Die Verknüpfungen erfolgen mittels kleiner Stifte, die man in eine der 256 Buchsen steckt. Und dies hat einige Vorteile. Zum einen bleibt es stets übersichtlich, keine Kabel ziehen sich über die Bedienoberfläche, kein Kabelgewirr etc. Ferner erspart man sich die Multiples, man kann beliebig viele Quellen mit Zielen verbinden. Dies mag ja banal klingen, ist jedoch von zentraler Bedeutung.

EMS Synthi AKS

Kleines Beispiel gefällig? Schon mal probiert, mehr als zwei Audioquellen in ein gängiges Doepfer Filter zu schicken? Geht nicht, aber kein Problem, dazu gibt es die Mischer Module, die gerade mal 5 Eingänge haben. Alle Schwingungsformen der Oszillatoren, das Rauschen und den Ringmodulator gleichzeitig filtern? Bräuchte schon zwei Mixermodule. Oder ein achtfaches Multiple und ungefähr zehn Kabel. Jetzt würden wir noch gerne die Schwingungsformen parallel in ein anderes Modul leiten? Das wird schon schwieriger, da es pro Schwingungsform nur einen Ausgang gibt. Also nochmals ein Multiple an die Oszillatoren schalten. Der LFO soll drei Ziele gleichzeitig modulieren? Braucht wieder ein Multiple. Und so weiter. Dies sehe ich als die größte Einschränkung modularer Systeme: Die grenzenlose Freiheit ist im Betrieb nicht immer so grenzenlos, wie man es gerne hätte. Alles kann mit allem verbunden werden, jedoch nur, wenn da nicht schon eine andere Verbindung besteht. Ganz anders am AKS. Hier sind alle möglichen Verbindungen gleichzeitig verfügbar.

Geniale Schaltzentrale: Die Matrix

So genial das Matrix Steckfeld auch sein mag, hat es natürlich auch seine Schattenseiten. Sechzehn Aus- und Eingänge sind nicht gerade das Üppigste, und die Limitierung wird nochmals deutlicher, wenn man sich bewusst wird, dass die Eingänge je zur Hälfte für Audio und Steuerspannungen vorgesehen sind. Gerade mal acht Steuerspannungseingänge stehen zur Verfügung, und so versteht es sich von selbst, dass man einiges vergeblich sucht. Modulation der Schwingungsformen, Resonanz oder des Panoramas? In einer perfekten Welt könnte man dies alles spannungssteuern, nicht so am AKS. Außerdem lassen sich nicht ohne Weiteres andere Instrumente oder Module integrieren. Gerade mal zwei CV Aus- und Eingänge sind dazu vorgesehen.

Interessant ist die Modulauswahl, die seinerzeit keineswegs selbstverständlich war und später zu einer Art Standard wurde: 3 Oszillatoren, davon einer als LFO gedacht, Rauschgenerator, Filter, Hüllkurve … Heute ist dies eine Selbstverständlichkeit, doch für die Leute von EMS gab es keine Vorbilder. Der Synthi AKS richtete sich v.a. an konzeptionelle Musiker und Komponisten und weniger an die improvisierende Zunft. Der Minimoog war wesentlich intuitiver zu spielen – auf Kosten der klanglichen Flexibilität versteht sich –  während der ARP 2600 und Odyssey das Kunststück vollbrachten, das Experimentelle mit dem Intuitiven zu vereinen. VCS3 – Odyssey – Minimoog: Drei Synthesizer, die sich v.a. in ihrer Bedienung und Arbeitsweise unterschieden, natürlich auch klanglich, doch würde ich behaupten, dass Anfang der 70er Jahre die Klangcharakteristik die kleinere Rolle spielte bei der Wahl des passenden Instrumentes. Natürlich ist der Klang beispielsweise eines Oszillators wichtig, doch kann die Tatsache, ob Oktavwahlschalter vorhanden sind oder nicht, schnell zum K.O.-Kriterium für den Liveeinsatz werden. Da haben viele Musiker schlicht aus praktischen Gründen auf Moog oder ARP gesetzt (zugegeben, letzterer hat auch keine Oktavwahlschalter, doch immerhin eine 2 Oktaven Transponierfunktion). Dem Synthi AKS fehlte wohl das letzte Stück Praxistauglichkeit, um sich im Livebetrieb durchzusetzen.

Indes war er das ideale Instrument für alle, die wirklich neue, skurrile, noch nie gehörte Klänge suchten. Und so erstaunt es nicht, dass viele der bekannten EMS Musiker zur Avantgarde ihres Genres zählen: Ensemble Karlheinz Stockhausen, Hans Werner Henze, Tangerine Dream, Brian Eno, Hawkwind und Pink Floyd, die mit dem Synthi AKS On the Run auf Dark Side of the Moon einspielten.

Klangerzeugung

Als Klangquellen stehen insgesamt drei Oszillationen zur Verfügung, die sich gleich in mehreren Punkten von vielen ihrer Artgenossen unterscheiden. Zum einen wäre da das auffallende Frequenzpotentiometer. Dank einer Untersetzung bedarf es ca. zehn Umdrehungen, um den gesamten Frequenzbereich durchzufahren. Ein kombinierter Regler für Grob- und Feintuning also, und in der Tat ist es erstaunlich, wie präzise man damit arbeiten kann. Zudem können pro Oszillator stets zwei Schwingungsformen genutzt werden, die sich getrennt in der Lautstärke regeln lassen und über einen gemeinsamen Regler verändert werden können. Shape steuert die Pulsbreite der Rechteckschwingung, formt aus einem Dreieck wahlweise fallenden oder steigenden Sägezahn und hat sogar Einfluss auf die Sinusschwingung. Schon hier bietet sich eine breite Palette unterschiedlicher Klänge. Leider lässt sich das Waveshaping nicht spannungssteuern, zumindest nicht in der Basisversion des Synthi AKS. Gegen Aufpreis ist eine entsprechende Modifikation erhältlich.

Die drei Oszillatoren

Der Frequenzbereich von Oszi 1 und 2 ist übrigens gigantisch und reicht von 1 Hz bis 10 kHz. Oszillator Nummer Drei ist v.a. für Modulationen vorgesehen und schwingt deshalb zwischen 0,025 bis 500 Hz. Etwas unüblich ist die Steuerung der Oszillatoren: 0,32 Volt pro Oktave. Da muss man erst mal draufkommen.

Rauschgenerator

Der Rauschgenerator erlaubt die genaue Justierung der Rauschfarbe. Auf der Zwölf-Uhr-Stellung erklingt weißes Rauschen, dreht man den Regler nach links, werden die hohen Frequenzen betont (sogenannt blaues Rauschen), nach rechts die tiefen (Pink Noise). Hierzu wird es manuell gefiltert; leider finden sich nirgends Angaben zur Flankensteilheit dieses Filters, rein klanglich würde ich auf ein 6dB Filter tippen, was letzten Endes auch nicht so wichtig ist. Hauptsache es klingt. Und wie. Welch ein schönes Rauschen!, kann ich da nur sagen.

Das Filter des VCS3 und Synthi A

Das Filtermodul

Gefiltert wird natürlich auch im VCS3 und zwar ursprünglich mit einer kombinierten Flankensteilheit von 12 und 18dB: Die erste Oktave wird um 12dB abgesenkt, danach beträgt die Flankensteilheit 18dB. 1974 wurde dies (wohl auch als Reaktion auf die bekannten Schaltungen von Moog und ARP) auf 24 dB geändert, dennoch klingt das Filter anders als Moog. Sein Sound ist analytischer, nüchtern und präzise. Auffallend ist, dass der Klang bei hohen Resonanzwerten merklich ausdünnt und ziemlich abrupt in die Selbstoszillation übergeht. Per Matrix lässt sich die Filter Cutoff spannungssteuern, wobei schaltungsrechnisch abrupte Spannungsänderungen geglättet werden. Schade ist, dass das Filter nur als Tiefpass betrieben werden kann; Hoch- und Bandpass hätten diesem Experimental-Synthesizer gut gestanden.

Ringmodulator

Der Ringmodulator verfügt über zwei Eingänge sowie ein Poti zur Regelung des Ausgangspegels und tut genau das, was man von einem Ringmodulator erwartet: Er bietet als Ausgang die Summe und Differenz beider anliegender Frequenzen ohne nennenswerte Störungen oder Rauschen.

So schön kann Musik sein: Frequenzdarstellung des Ringmodulator-Clips

Hüllkurven

Kommen wir zum wohl eigentümlichsten Modul des Synthi AKS, dem Envelope Shaper: Eine dreistufige Hüllkurve mit Attack (2 bis 1000ms) und Decay Zeit (3ms bis 15s). Und dazwischen wäre die Sustain, heißt hier aber On (0 bis 20s). Diese Zeit legt fest, wie lange die Hüllkurve bei einem kurzen Trigger in der Sustainphase verweilt, ehe die Decay einsetzt. Nach der Decay Zeit folgt ein mit Off betitelter Regler, der – sofern er nicht auf der Pausenstellung steht – die Zeit bis zum nächsten automatischen Auslösen der Hüllkurve festlegt, wodurch diese geloopt wird. So erhält man einen zusätzlichen LFO, der bei entsprechend kurzen Zeiten auch im Audiobereich (bis ca. 60 Hz) schwingen kann und dank spannungssteuerbarer Decay sogar über die Tastatur spielbar ist.

Getriggert wird die Hüllkurve wahlweise durch das Keyboard, den Attack-Knopf neben dem Joystick oder ein externes Mic- oder Line-Signal. Mit der Hüllkurve ist ein VCA verbunden, dessen Audioausgang, Envelope Signal gennannt, in der Matrix anliegt. Ferner steht natürlich auch die Steuerspannung zur Verfügung („Trapezoid“), um beispielsweise die Filter Cutoff oder die Tonhöhe zu modulieren.

Reverb / Hallspirale

Eine Hallspirale in einem Synthesizer? Kommt zwar selten vor (u.a. im ARP 2600), ist jedoch musikalisch sehr ergiebig, denn Hall kann auch dazu genutzt werden, besondere Resonanzen, sogenannte Formanten, nachzubilden, die bei akustischen Instrumenten vorkommen. Dabei spielt es eine Rolle, wo in der Signalkette der Hall eingeschleift wird. Wieso dies genau so ist, zeigt der ebenso informative wie theoretische Artikel von Gordon Reid aus seiner empfehlenswerten Artikelserie Synth Secrets, die in Sound on Sound erschienen ist. Ein Hall macht einen Ton nicht nur länger, sondern  verändert auch dessen Klangfarbe, da es zu Phasenauslöschungen der vielen einzelnen Echos kommt, was wiederum das Obertonspektrum verändert, sprich: Der Hall ist auch ein Filter! (Übrigens gilt auch das Umgekehrte: Filter beeinflussen die Phasenlage des Eingangssignals. Einer der Gründe, weshalb Filter einen eigenen, charakteristischen  Klang haben). Führt man nun die Oszillatoren ungefiltert in einen (kurzen) Hall, so werden einzelne (feste) Frequenzen betont und andere gedämpft, wie dies im Korpus einer Gitarre oder Geige auch der Fall ist. Selbstverständlich kann der Hall auch ganz klassisch am Ende der Signalkette stehen, um dem Klang etwas mehr Raum zu geben. Das Besondere der integrierten Hallspirale ist, dass der Effektanteil spannungssteuerbar ist, was sie für die Klangsynthese noch nützlicher macht.

Eine weitere Besonderheit des VCS3 ist sein Joystick, der für die X- und Y-Achse zwei unabhängige Steuerspannungen erzeugt und natürlich zur Steuerung jedes Parameters der Matrix genutzt werden kann.

Inputs und Outputs

Berühmt ist der VCS3 unter anderem als Effektgerät zur Bearbeitung externer Klangquellen; dazu bietet er zwei Vorverstärker für Mikrofon- oder Linesignale. Auf der Ausgangsseite gibt es zwei VCAs (zusätzlich zum VCA des Hüllkurvenmoduls) mit jeweils eigenem Panorama Regler und einer manuellen Klangregelung. Dann wäre da noch der Scope-Ausgang, der v.a. dazu gedacht ist, eines oder mehrere Signale via die Meter-Schiene der Matrix an einem externen Oszilloskop zu beurteilen. Der eingebaute VU-Meter ist zwischen Signal (unipolar) und Control Voltages (bipolar) umschaltbar.

Keyboard und Sequencer

Die Achillesferse des Synthi AKS ist seine Sensortastatur, die wohl für vieles toll ist, nur nicht zum Spielen, wie man es sich von anderen Tasteninstrumenten gewöhnt ist. Glissandi und andere Effekte? Kein Problem. Wenn es jedoch darum geht, eine simple Melodie oder gar ein Solo zum Besten zu geben, sieht es schon schlechter aus. Als Keyboarder muss man sich gehörig umstellen, was ja auch positiv sein kann. Doch war dies bestimmt einer der Gründe, weshalb die Protagonisten des frühen Jazzrock und Fusion (also Leute wie Chick Corea, Herbie Hancock oder Joe Zawinul) dem Minimoog oder Odyssey den Vorzug gaben.

Angeschlossen wird das Keyboard via Multipinkabel – für KB Gate, CV und Stromversorgung, wobei die Oktavspreizung mittels des Input 1 Trimmpotis justiert wird. Und dies ist gelinde gesagt nervenaufreibend. Für eine oktavreine Stimmung braucht es Fingerspitzengefühl, schnell ist man ein bisschen zu hoch und danach gleich wieder zu tief. Hätte ich einen Wunsch frei, so wäre dies ein feiner auflösendes Poti (wie bei den Oszillatoren) für die Oktavspreizung. Hat man es schließlich geschafft, das gewünschte Tuning zu kalibrieren, geht die Frustration gleich weiter, denn es ist nicht einmal gegeben, dass sich ein zweiter Oszillator synchron zum ersten verhält, obwohl er ja die gleiche Spannung vom Keyboard kriegt. Das Problem dabei sind die Matrix Stifte, beziehungsweise deren eingebaute Widerstände, die nun mal nicht den höchsten Ansprüchen genügen und eine gewisse Streuung aufweisen. Bei EMS ist man sich des Problems bewusst und bietet deshalb spezielle Stifte mit geringerer Fertigungstoleranz an, doch leider sind auch diese rot markierten Stifte nicht so präzise, wie man es gerne hätte. Und dass die Oszillatoren mit ihrem ungewöhnlichen Tracking von 0,32 Volt pro Oktave sehr sensibel auf etwaige Spannungsschwankungen reagieren, macht die Sache auch nicht einfacher. Beim Testgerät ist es mir nicht gelungen, zwei Oszillatoren über mehrere Oktaven rein zu stimmen. Für tonales Spiel kommt man also nicht drum herum, die einzelnen Stifte auf ihre Toleranzen zu überprüfen oder schlicht auf den zweiten Oszillator zu verzichten.

Einfach und intuitiv in der Bedienung: Die Transpositionsfunktion des Sequencers

Der Sequencer selbst ist von einer Einfachheit und Genialität, die damals einmalig war. Man kann eine Melodie direkt einspielen (bis zu 256 Schritte), die Phrase loopen und transponieren. Fällt einem gar nichts ein, aktiviert man den Random Modus. Dies alles ist intuitiv und geht schnell von der Hand, was den Sequencer auch für den Livebetrieb interessant macht.

Die Randomfunktion des Sequenzers, auch als SH-Random Schaltung zur Steuerung beliebiger Param. einsetzbar

Der Sound des EMS Synthi und VCS3

Klanglich würde ich den Synthi AKS mit diskret, zurückhaltend und schwebend beschreiben. Skurril, abstrakt und zuweilen kühl kann er klingen, doch eines bestimmt nicht: langweilig. Seine Sounds wirken edel und nobel, doch nie aufdringlich. Britisches Understatement eben. Klar und rein erklingen die Schwingungsformen in den Lautsprechern, das Filter bietet einen ganz eigenen Sound, der bei hohen Resonanzwerten stark in Richtung Bandpass tendiert, die Hüllkurve kann sehr perkussiv klingen und lässt sich als Oszillator geloopt bis in den Audiobereich hochschrauben.

Die Sinusschwingung des ersten Oszillators

Dann die ganzen Besonderheiten des Instrumentes, wie z.B. die stufenlosen Schwingungsformen, der satte Ringmodulator, der volle Klang der Hallspirale … ach, man kann glatt ins Schwärmen kommen. Seine Stärken sind gewiss alle erdenklichen Geräusche und FX-Sounds, doch sollte man nicht nur diejenigen Klänge erwarten, für die dieses Instrument bekannt ist.

Ungefiltertes Rechteck von Oszi 2: Eine nahezu perfekte Schwingungsform, wie man sie nur selten zu Gesicht bekommt

Bei Synthis versuche ich immer, einem Instrument untypische Klänge zu entlocken, sprich einem Minimoog ein zartes Pad, dem eher einfach gestrickten MG-1 spannende FX-Klänge, und der AKS darf sich mal als gute Bass- und Leadmaschine beweisen. Nur so zeigen sich die wahren Stärken und eben auch die Grenzen eines Instrumentes. Um es kurz zu machen: Grenzen, egal welcher Natur, konnte ich mit dem AKS kaum ausloten. Auch konventionelle Synthiklänge klingen voluminös, vielleicht mit etwas weniger Wärme als bei Moog, eher etwas analytischer und klarer. Doch – und dies ist der entscheidende Unterschied – liegen diese Klänge weniger auf der Hand. Es dauert entschieden länger, um auf dem Synthi AKS einen passenden Bass-Sound hinzuschrauben als auf dem Minimoog.

Die Klangbeispiele wurden mit einem Zoom H1 aufgenommen und sind so roh wie möglich gehalten, sprich: weder externe Effekte, noch Overdubs.

Alternativen zum EMS Synthi AKS

Wer sich für den Synthi AKS interessiert, aber keine Lust hat, mit seinem Bankberater einen Kredit zu auszuhandeln, kann sich eine der folgenden Alternativen genauer anschauen: 

Analogue Systems, der britische Hersteller von Eurorack Modulen, bietet Oszillatoren, Filter und Hüllkurven im EMS Stil an, während Doepfer ein passendes Hallmodul baut, das indes nicht spannungssteuerbar ist. Wer will, kann sich also seinen AKS-Klon im Eurorack System zusammenstellen. Verzichten muss man dabei auf den intuitiven Sequencer und die Matrix, denn die Verschaltung läuft natürlich über die üblichen Miniklinken-Kabel.

Hardware-Synthesizer mit Matrix und Joystick sind der Vostok und sein kleiner Bruder Telemetry von Analogue Solutions, die sich jedoch konzeptionell und klanglich stark vom AKS unterscheiden.

Der XILS 4 von XILS LAB

Mittlerweile gibt es auch einige Software-Synthesizer. EMS Rehberg vertreibt unter dem Namen Synthi A VS ein (monophones) VST Plug-in, das sich optisch wie funktional stark am Synthi AKS anlehnt.

Der Xils 4 des französischen Hersteller Xils Lab ist vom AKS inspiriert und führt das Konzept konsequent weiter: Eine S&H Schaltung, eine zweite Hüllkurve, ein Envelope Follower sowie gängige Controller-Daten wie Velocity und Aftertouch lassen sich in einer zweiten Matrix zur Klangsteuerung verschalten.

Der EMS AKS Synthi und VCS3 on YouTube

Fazit

Es fällt mir nicht leicht, ein objektives Urteil über diesen legendären Synthesizer zu fällen. Zu schwer wiegt sein musikalisches Erbe, und man erliegt schnell der Versuchung, vor lauter historischer Ehrfurcht den Testerhut zu ziehen und beide Daumen hochzuhalten. Schließlich hat man ein Stück Musikgeschichte vor sich stehen. Dennoch stellt sich die Frage: Ist der EMS Synthi AKS bei seinem Preis und Möglichkeiten immer noch ein konkurrenzfähiges Instrument? Meine ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht.

Um eines klarzustellen: EMS Synthesizer sind nichts für Leute, die ihre Instrumente nach „Features pro Euro“ Kriterien auswählen. Hier gilt Klasse statt Masse. Und ja, Klasse hat er allemal. Synthi AKS – das ist Klangsynthese und akustische Avantgarde in seiner reinsten Form. Nichts sollte den Musiker in eine bestimmte konzeptionelle Richtung lenken. Im Gegenteil: Musik zu machen auf dem AKS kann sehr befreiend wirken. Zum Beispiel ist die vorherrschende, tonale Rasterung der westlichen Musik – sprich: die chromatische Stimmung in Halbtönen – nur eine von unendlich vielen Möglichkeiten, das Instrument zu stimmen. Schließlich ist es dazu da, neue klangliche Wege aufzuzeigen, statt immer wieder aufs Neue Altbekanntes aufzuwärmen. Und wer hinter die Fassade der typischen AKS Geräusche und FX Sounds blicken möchte, um ihm noch viele weitere Klänge zu entlocken, wird sich intensiv mit ihm auseinandersetzen müssen. Der Respekt anderer Musiker wäre ihm gewiss, denn Synthi AKS zu spielen und nicht bloß als Effektmaschine zu nutzen, ist wohl so komplex wie Geige, Oboe oder Theremin.

Bei einem Anschaffungswiderstand von 7800 Euro ist es legitim zu fragen, weshalb mir dieses Instrument so gut gefällt, zumal ein vergleichbares Set an Doepfer Modulen nicht einmal 2000 Euro kosten würde. Also: Where’s the benefit? Es gibt darauf zwei Antworten, eine emotionale und eine reflektierte. Die emotionale zuerst: Der AKS inspiriert, er fühlt sich wie ein echtes Instrument an, voller Charakter, zuweilen etwas eigenwillig. Ein Instrument für Leute mit viel Zeit und Lust an der Musik. Und Lust zu experimentieren. Es ist weder dazu da, andere Klänge nachzubilden, noch will es sich in bestehenden (konventionellen) Musikstilen etablieren. Viel mehr ist dies eine Experimentiermaschine, um neue Klänge und Stile zu ergründen, von denen man zu Beginn keine Ahnung hat, wie sie klingen sollen. Man kann sich wunderbar in der Arbeit treiben lassen; egal, was man sich zum Ziel nimmt, irgendwo kommt man immer an. Die Grenze zwischen Programmieren und Spielen verwischt. Besser ist es wohl, gar nicht erst in dieser Aufteilung zu denken. Spielen heißt den Klang ständig zu verformen, und beim Sounddesign findet man en passant die passenden Phrasen zu einem Klang.

Die rationale Antwort auf obenstehende Frage klingt simpel: Es liegt alles in der Matrix… Nach längerem Nachdenken bin ich sicher, dass es v.a. die Matrix ist, die meine Arbeitsweise entschieden beeinflusst hat. Jede Quelle mit beliebig vielen Zielen auf einmal zu verknüpfen, mag zwar banal klingen, öffnet jedoch ungeahnte Möglichkeiten. Der AKS eignet sich hervorragend, um mal schnell etwas auszuprobieren, das man anschließend auf anderen Synthesizern oder am Rechner nachbauen kann. Was geschieht, wenn der LFO durch das Reverb Modul geleitet wird, ehe er sein Ziel moduliert? Wie klingt eine Hüllkurve, die ihre eigene Decay Zeit moduliert? Schon mal probiert, einen Oszillator durch die geloopte Hüllkurve zu schicken, die auf der gleichen Frequenz wie der Oszillator schwingt und letzteren moduliert? Dies alles lässt sich am Synthi AKS in einer halben Minute patchen: das bedienerfreundlichste Modularsystem der Welt. Übrigens tut man gut daran, sich vom gängigen VCO-VCF-VCA Schema zu lösen. Nichts gegen diese klassische Klangarchitektur, doch hier wäre sie eine unnötige Vereinfachung. Beim AKS denke ich eher in Kategorien wie Klangquellen, Klangbearbeiter und Modulatoren.

Er ist und bleibt ein einzigartiges Instrument und war musikalisch wohl ähnlich bedeutend wie der Minimoog, ARP 2600, Prophet-5 oder DX7. Mit einem Unterschied: Mir ist kein Synthesizer bekannt, der seit über 40 Jahren praktisch unverändert hergestellt wird. Zweifelsfrei ein zeitloses Original.

Plus

  • Klang
  • einzigartiges Konzept
  • erstaunlich kompakt für ein derart komplexes System
  • intuitiver Sequenzer

Minus

  • dank 0,32 Volt / Oktave und nur zwei Control Ein- und Ausgängen nur beschränkt mit anderen Modularsystemen kompatibel
  • eingeschränkte Modulauswahl (kein Glide, eine Hüllkurve, nur Tiefpassfilter)
  • Kalibrierung für tonales Spiel erfordert viel Zeit und Geduld
  • für viele Musiker schlicht zu teuer

Preis

  • 7800,- Euro (Lieferfrist: ca. ein Jahr)
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    nativeVS  AHU

    Warum findet denn Jarre’s Deserted Palace keine erwähnung? Das wurde ja nur mit AKS, VCS, einer Farfisa und bodentretern erstellt.

  2. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    „Wer an analoge Synthesizer deutscher Herkunft denkt, dem kommt vor allem Doepfer oder Jomox in den Sinn. Meist vergisst man dabei, dass einer der legendärsten Synthesizer der späten 60er Jahre, der VCS 3 / Synthi AKS, immer noch im kleinen Ort Ditzingen vor den Toren Stuttgarts erhältlich ist.“
    EMS ist so britisch wie der High-Tea oder die Queen und ihre Meschpoche — daß der deutsche Vertrieb im Stuttgarter Raum zu finden ist, ist lediglich ein blöder Treppenwitz der Synthesizergeschichte.
    Zumal man heute noch EMS-Geräte direkt in England bestellen kann. Dauert nur eine Weile, bis sie dann auch mal kommen.

  3. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Der Synthie A war Klaus Schulzes erster Synth überhaupt, desgleichen bei Tangerine Dream. Brian Eno spielte sein Solo in Roxy Music’s „Virginia Plain“ auf einem VCS3. Der Synthie A war maßgeblich für Tim Blake’s Signature Synth-Sound der „Radio Gnome Invisible“-Trilogie von Gong verantwortlich und trat im Doppel mit Basil Brooks und Miquette Giraudy am Arp 2600 in der „L“-Band von Steve Hillage auf. Auf der Bühne des Amsterdamer „Melkweg“ war während der Gong Unconvention 2006 mit zeitweise 4 Geräten die größte Ansammlung von Synthie As zu bewundern…
    Da er immer noch bei Rehberg auf Bestellung gebaut wird, würde ich nicht mit einem Clone von Behringer rechnen…

  4. Profilbild
    raimunds

    Natürlich sollte auch die sehr gute ivcs3 App für das iPad nicht unerwähnt bleiben. Mir gefällt sie auch besser als die xilslab Variante für macOS.

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