Test: Eventide H8000FW, Multieffektgerät

4. Juni 2018

State of the Art Halleffekt

Eventide H8000FW

Vorwort:
An unserem heutigen „Reverb-Monday“ haben wir auch diesen Testbericht von 2010 nochmals überarbeitet und mit neuen Bildern und Fakten versehen.
Euer Felix Thoma

EVENTIDE – ein Name mit Klang

Manchmal gibt es sie noch, die Momente, in denen auch dem alteingesessenen Tester ein leichtes Schmunzeln über das Gesicht gleitet, wenn er ein Produkt in Augenschein nimmt. Sei es das Renommee, welches dieses Produkt genießt, sei es der Name, welcher sich seit Dekaden im Studioalltag verdingt oder sei es das Wissen darum, dass er eine der letzten großen Schlachtschiffe einer lange vergangenen Ära in seinen Händen hält.

Wenn man einen Outgear Multieffektprozessoren erhält, der nicht in China, sondern standesgemäß in den USA gefertigt wird, einen regulären Verkaufspreis von knapp 6.500,- Euro sein Eigen nennt und auf den Namen Eventide H 8000 FW hört, kann sich jeder Tontechniker, der nicht die letzten 2 Dekaden mit Werbejingles und Schlafzimmer-Produktionen verbracht hat, vorstellen, was die Uhr geschlagen hat. Hier wird noch mal richtig mit allem geklotzt, was das goldene Zeitalter der High-End-Produktionen vor geraumer Zeit zu bieten hatte, angereichert mit diversen Konstruktionsmerkmalen, die den aktuellen Stand der Technik nicht vermissen lassen.

Eventide H8000FW

 

Konstruktion

Optisch ist der Eventide H 8000 FW mit 2 HE und einem Gewicht von 5,5 Kilogramm relativ unspektakulär, lediglich die opulente Anzahl von Anschlüssen auf der Rückseite des Produktes lassen bereits im Vorfeld eine globale Ausrichtung für alle Produktionsabschnitte nebst Broadcast-Funktionen erahnen. Hier ist alles vorhanden, angefangen bei vier symmetrischen Kombibuchsen (Klinke/XLR) als Eingang, 4x XLR Out, 2x AES/EBU Digital, 2x SPDIF, Word Clock, ADAT, MIDI und als Zugeständnis an die Moderne, zweifach Firewire mit optionalem Daisy Chain. Zusätzlich liegen noch zusätzlich am SUB-D Stecker 8 weitere digitale AES/EBU-Kanäle an, so dass insgesamt 26 Ein-/Ausgänge zur Verfügung stehen. Entsprechend fallen auch die Sample Rates aus, sprich das Produkt liefert 96 kHz, 88,2 kHz, 48 kHz, 44,1 kHz bei 24 Bit. Das Gerät ist sowohl für den Stereobetrieb als auch für 5.1 Anwendungen konzipiert.

Eventide H8000FW

 

Der H 8000 FW verfügt über 2 unabhängige DSPs, welche wahlweise separat oder parallel betrieben werden können, um rechenintensive Algorithmen bei hohen Sampleraten wie 96 kHz, 88,2 kHz gewährleisten zu können. Als Effektsektionen bedient das Produkt neben verschiedenen dynamischen Bereichen, allen gängigen Modulationseffekten und den Standard-Raumsimulationen einen Sampler, dessen maximale Speicherdauer 174 Sekunden mono umfasst und hiernach mit Time Compression behandelt werden kann. Nicht zu vergessen natürlich das Aushängeschild der Firma, die neuste Version des Ultra-Harmonizers, welcher seit Dekaden DIE Messlatte für Pitch Shifting darstellt.

Der H 8000 FW bietet 20 MIDI Virtual Rack Preset Algorithmen mit bis zu 5 vollständigen miteinander verbundenen Effekten. Jedes Preset liefert zehn verschiedenen Einstellungsmöglichkeiten, welche per MIDI in Echtzeit programmiert, gesichert und kontrolliert werden können. Bis zu 45 verschiedene Parameter können mit einem einzigen MIDI-Kontrollerbefehl verändert werden. Die einzelnen Effektblöcke sind zusätzlich auch als separate Presets vorhanden. Insgesamt kommt das Produkt mit 1600 Presets daher, welche natürlich allesamt bis in den letzten Parameter editierbar sind, mehr geht wirklich nicht. Über die Remote Control EVE/NET können insgesamt 8 H8000er fernbedient werden, zudem können über 2 Klinkenausgänge bis zu 6 externe Fußschalter konfiguriert werden.

Eventide H8000FW

 

Praxis

Schaltet man den H 8000 FW ein, so führt er zunächst eine umfangreiche Selbstdiagnose durch, welche schon mal bis zu einer Minute dauern kann. Von den diversen Relaisschaltgeräuschen, welche aus dem Inneren des Gerätes dringen, sollte man sich nicht verunsichern lassen. Danach darf man sich mit dem mir persönlich immer noch zu schlecht lesbaren Display auseinandersetzen. Ich weiß um die Problematik auch bei schlechten Lichtverhältnissen, ein einwandfrei lesbares Display zu generieren, hier schlägt sich der 8000er wacker, allerdings fühlt es sich für mich immer so an, als hätte jemand die Uhr um Dekaden zurückgedreht und einer der ersten AKAI Sampler würde vor mir stehen.

Durch die Suchfunktion lassen sich die einzelnen Presets auch recht schnell finden, allerdings wie gesagt, meins ist es in Sachen Oberfläche nicht. Keiner erwartet hier einen Mac OS Finder, aber ein wenig mehr könnte man meines Erachtens schon mit der Zeit gehen. Nun denn, was sagen die inneren Werte?

Es gibt Produkte im Leben eines Rezensenten, da weiß man nicht so genau, wie man den Protagonisten beschreiben soll, ohne sich in der Wortwahl eines Teenies zu verlaufen, der seine ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht hat. Der H 8000 FW ist eins dieser Geräte. Egal, welches Preset man aufruft, egal, welcher Algorithmus zu Tage gefördert wird, man ist stets geneigt, am äußersten Rand der Superlative lang zu kriechen.

Eventide H8000FW

 

Viele Presets besitzen den berühmten kleinen Unterschied, welcher aus einem guten Effekt einen hervorragenden Effekt macht. Die Räume besitzen eine hervorragende Detailtiefe, die einzelnen Parameter sind geschmackvoll und effizient konzipiert, der Pitch Shifter Algorithmus ist nach wie vor der Schnellste, den es weltweit zu erwerben gibt, und der Klang des Gerätes ist mit das Beste, was es an Outgear Prozessoren zur Zeit auf dem Markt befindet.

Das Produkt ist mit allen Synchronisationsmöglichkeiten ausgerüstet, lässt sich trotz seiner immensen Komplexität relativ einfach bedienen und dürfte bei entsprechendem Daisy Chain Betrieb mehrerer Komponenten klanglich nur schwer zu schlagen sein. Ein absolutes Spitzenprodukt, was trotz des hohen Abgabepreises jeden Cent wert ist! Ein Produkt für audiophile Feinschmecker, welche ihre Detailliebe noch nicht im Sumpf der sterbenden Musikindustrie verloren haben.

Das Eventide H8000FW im Praxiseinsatz

Fazit

Wie oft habe ich meine Kollegen bemitleidet, die nie in den Genuss gekommen sind, mit Werkzeug zu arbeiten, das den Beruf des Tontechnikers, respektive meisters zu dem Glamour verhalf, das bis vor Kurzem einen respektierlichen Grundrespekt bei allen Interessierten im und um den Studiobetrieb erzeugte. Die Zeit, bevor das amateurhafte Hantieren mit Plug-in Presets am Home-PC und die Veröffentlichungsflut von drittklassigen „Produktionen“ das mühsam erlernte Handwerk zur Lachnummer degradierte.

Wer mit dem Eventide H8000FW nur kurze Zeit ernsthaft gearbeitet hat, wird sich kaum mehr trauen, seinem Heim-Computer mehr als nur Spuren generieren zu lassen, so bemitleidenswert werden seine Hobby Plug-ins höchstwahrscheinlich im direkten Vergleich klingen. Selbst die Creme-de-la-Creme Hochleistungs-Workstations müssen sich mehr als nur warm anziehen, um der Effektqualität des H 8000 FW Paroli bieten zu können.

Eventide zeigt mit diesem Produkt, was qualitativ noch alles möglich ist, wenn man denn nur will, kann und über das nötige Budget verfügt. Ein Gerät der absoluten Spitzenklasse, das nicht umsonst den außergewöhnlichen Ruf eines Spitzenreiters geniest. Wer mit dem gewöhnugsbedürftigen Display klarkommt, wird unter Umständen nur unter Androhung roher Gewalt von diesem Produkt zu entwöhnen sein. Bleibt zu hoffen, dass die gelieferte Qualität nicht wieder in einem lausigen Mix oder gar einem überzogenen Mastering zunichte gemacht wird.

Plus

  • State-Of-The-Art! (selbsterklärend!)

Minus

  • gewöhnungsbedürftige Display-Architektur

Preis

  • Straßenpreis: 6.499,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    AMAZONA Archiv

    Sorry, aber den Worten des Testers kann ich mich anhand der hier zu hörenden Beispiele beim Besten willen nicht anschliessen.

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      AMAZONA Archiv

      Wenn das die Beispiele von der Eventide Seite sind: Die sind nich brauchbar und geben nich ansatzweise das Potenzial von nem Eventide wieder. Ich hätt aber gern mal ein paar Sätze über die Harmonizer Sektion gehört- die haben das Gerät immerhin so groß gemacht.

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        MFPhouse

        Die Harmonizer Sektion ist gigantisch.
        Grade in kombination mit Delays und revers Algorithmen ein wahres Schlaraffenland.
        Ich versuche demnächst ein paar Sound-Beispiel mit einem alten E4XT online zustellen.

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      Axel Ritt  RED

      Jungs, ihr erwartet bei 128 kb/ sec Stream jetzt keine räumliche Tiefenstaffelung, oder?

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    AMAZONA Archiv

    Also ich höre speziell aus Soundbeispiel 2 und 4 sofort heraus, was da gemeint ist. Und das mit einfachsten Computerspeakern und trotz mp3. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass da im echten Leben „die Sonne aufgeht“, wenn man das in einer Produktion einsetzt. Tolles Teil. Mehr Soundbeispiele und vielleicht auch mit anderen Audiosignaltypen wären natürlich noch schöner.

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    wimtoelke

    Ich hätte mir bei d e r Begeisterung des Autors wesentlich mehr Audiobeispiele mit verschiedenen Sounds gewünscht. Ein paar Worte, wie das H3000 dagegen abschneidet wären auch nicht schlecht. Viele von uns werden sich das 8000er nie leisten können, das 3000er schon eher (gebraucht).

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      Axel Ritt  RED

      Ich kann leider keinen direkten Vergleich zum 3000er herstellen, da ich dieses Produkt nur passiv als Künstler im Studio genutzt habe, nie aktiv als Produzent oder Rezensent.

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    Stevie

    Kann man keine höhere Bitrate nehmen? 128kbit halte ich für Audiozwecke komplett sinnbefreit.
    192kbit sollten es mindestens sein.

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    MartinZull

    Das Teil mag gut klingen und mangels Alternativen auch ein Alleinstellungsmerkmal als allumfassender Multieffektprozessor besitzen, aber diese Art von Bedienungsoberfläche in der heutigen Zeit ist gelinde gesagt aus dem vorigen Jahrtausend und fast schon eine Frechheit. Man hat halt versucht, alles was an Vorgängermodellen vorhanden war, in ein Gerät mit einigen Neuerungen zu packen. Die Tage sind gezählt und das Nachfolgemodell lugt längst um die Ecke. Das sieht auch schon wieder ähnlich aus, scheint wieder ähnliche Strukturen zu besitzen, die wieder etwas mehr aufgeblasen sind: mehr Eingänge, mehr Ausgänge mehr von allem, aber sind denn Zahlen alles? Wenn die Bedienung wieder so auf der Strecke bleibt, wird es halt wieder ein Statusobjekt in teueren Studios bleiben und als Presetschleuder für die Wenigen dienen, die es sich leisten wollen und auch können. Nur eine noch kleinere Gruppe beherzter Freaks wird da vermutlich auch mal etwas tiefer in die Materie einsteigen, für Dinge, die man woanders, vielleicht mit einer Kette von Geräten, aber bestimmt leichter hinbekommen mag. Ich jedenfalls hab das H8k relativ schnell wieder abgestoßen und hoffe, dass ich beim Nachfolger Unrecht behalten werde. Das wäre was!

  6. Profilbild
    Spartakus

    Als ich vor 20 Jahren mit meinem Proteus ins Studio ging, um ein paar Songs aufzunehmen, war ich wirklich überrascht, wie gut die Presets mit einem Eventide klagen. Endlich fühlten sich die Sounds wie bei einem richtigen Orchester an.
    Ich stimme dem Autor zu – bessere Sounds habe ich nie wieder gehört.

  7. Profilbild
    Sudad G  

    Eigentlich ein guter Testbericht. Schade, dass die Hörbeispiele nicht zeigen, was im Eventide steckt.
    Wer Eventide’s Maschinen wirklich hören will, sollte mal die von Italo de Angelis programmierte Prestes anhören. Dieser holt auch aus Lexicons und anderen FX-Boxen noch so Einiges raus.

    Hier ein tolles Beispiel von seiner Seite:
    http://www.....8000FW.asp

    (Am: Weiter unten auf der Seite kommen noch mehr Beispiele)

    Der Witz bei den Eventides ist vor allem das Pitchen und Detunen der Hallfahne bzw. der Delays im Feedback. Das erzeugt unglaubliche 3D-Effekte. Manchmal ist man erstaunt, dass der ein oder andere große Hall im Eventide gar kein Hallalgorithmus enthält, sondern nur paar gepitchte Delays mit hohem Feedback und ein Filter am Ende.
    Ich habe zwar bei mir im Studio nur den DSP-4000, aber da ich weiß, was der so drauf hat, will ich mir erst gar nicht vorstellen, was erst ein H8000 so alles kann.

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