Test: Lexicon PCM91, Multieffekt

10. Januar 2007

Immer noch der Standard

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Die Firma Lexicon ist bis heute in Sachen Hall ungeschlagener Favorit bei nahezu allen namhaften Produzenten. Zwar hat sich TC Electronic mit den aktuellen Produkten auf Platz zwei hochgearbeitet, jedoch sind beide Firmen in punkto Sound gänzlich verschiedener Natur. Lexicon Reverbs klingen stets „Larger Than Live“ und haben einen großzügigen wolkigen Charakter, der aus 95% aller Pop-Produktionen der letzten 20 Jahre bekannt ist. Vielen Leuten, die noch kein Lexicon Gerät benutzen konnten, ist vielleicht gar nicht bewusst, wie sehr ein Haupt-Hall die gesamte Mischung beeinflusst, wie er die Instrumente ineinandergreifen läßt und so dem Song einen bestimmten Charakter aufprägt. Richtig gemischt hebt ein Lexicon Hall einen Song qualitativ in eine ganz andere Liga als wenn z.B. mit einfachen Freeware PlugIns oder günstigen Hardware-Hallgeräten gearbeitet wird. Ich spreche dabei vor allem von Geräten wie PCM91, PCM90, 480L und 960L. Zwar klingen auch die günstigen MX und MPX Geräte gut, aber vergleichen kann man diese mit den großen nicht wirklich.

Lexicon PCM91

Lexicon PCM91

Das PCM91 ist der Nachfolger des PCM90 und ist weltweit in jedem Studio zu finden, das etwas auf sich hält. Die Algorithmen entstammen teilweise dem 480L, was für sich alleine spricht. Gegenüber dem PCM90 verfügt das PCM91 über digitale I/Os und bereits ab Werk eingebaute Dual-Algorithmen samt 450 Presets.

Das Gerät selber ist nach relativ alten Gesichtspunkten um die Lexi-Chips herumgebaut und bietet somit einige „Besonderheiten“, vor allem was die Bedienung und viele Featues angeht. Ein Gerät, dessen Gehäuse nicht den Namen Lexicon trägt, wäre mit diesen Eigenschaften gnadenlos von jeder Fachpresse zerrissen worden. Doch hier gibt man sein Geld eben aus, um auch dabei zu sein, wenn der Studiokunde doch bitte unbedingt einen Lexicon Hall auf seiner Produktion haben möchte – und das zu recht!

Die Algorithmen

Allen Algorithmen des Lexicons PCM91 liegt eine relativ komplizierte Struktur zu Grunde, die es dem Hall-Progammierer nicht gerade leicht macht, den gewünschten Klang zu erreichen. Nach einer gewissen Einarbeitungszeit und vielen Trial-And-Errors in der verzweigten Menü-Struktur findet man sich aber schließlich doch irgendwann zurecht. Die Bedienung erfolgt über zwei Endlos-Drehgeber und ein Floureszenz-Display sowie verschiedene Menütasten. Die Parameter sind in einer durchnummerierten Matrix angeordnet, die beherrscht werden will. Doch da gräbt man sich gerne rein, denn das Ergebnis lohnt sich!

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Die Algorithmen ähneln sich vom grundsätzlichen Hall-Charaker, sind aber durch verschiedene Reflexionsmuster nach Raumgröen und Formen aufgeteilt. Sicherlich haben Sie Namen wie Random Hall, Chamber, Room, Inverse schon mal aus kompetentem Munde vernommen. Das PCM91 verfügt über eine weitere Kuriosität: den Surround Reverbs, die für Dolby ProLogic eingesetzt werden können. Dabei wird der S-Kanal 90° phasenverschoben in das Stereosignal projeziert, so dass er mit einem ProLogic Decoder hinten erklingt. Hört man das Stereo-Signal jedoch Mono ab, kann es sein, dass einige Hallanteile komplett verschwinden.

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Unten bei den Klangbeispielen können Sie sich einhören. Sie dürften sofort den bekannten PCM91 Klang erkennen. Der Hall ist den in Beispielen extra laut gemischt.

Während Parameter wie Diffusion (Menge der Reflexionen), Size (Raumgröße), PreDelay und HighCut auch von anderen Hallgeräten bekannt sind, gibt es bei Lexicon einige erklärungsbedürftige Parameter:Die Parameter Shape und Spread bestimmten den so genannten Anhall. Also eine Art von späten Reflexionen, die vor dem eigentlichen Diffusen Hall entstehen. Jedoch klingen diese bei Lexicon nicht etwa realistisch, sondern fantastisch. Insofern kann man nicht wirklich von ersten oder späten Reflexionen sprechen, sondern eher von einer Art Hüllkurve, die Panning und Anschwellen des Halls bestimmen.
Spin steuert die Hallbewegung des diffusen Halls und Wander bestimmt die Bewegung der ersten Reflexionen. Natürlich beeinflussen sich diese Parameter alle gegenseitig, so dass es für Neulinge teilweise unvorhersehbar wirkt, was da passiert. Das ist es aber natürlich nicht. Zudem können zahlreiche Modulationen vorgenommen werden, die Effekte jenseits von Hall ermöglichen. Es stehen LFOs, Expander und Hüllkurven zur Verfügung, die verschiedene Parameter modulieren können.

Die 450 Presets sind nach Algorithmus und Post-Production geordnet. Das Finden des geeigneten Hall lässt sich auch über Schlüsselwörter beschleunigen. Pro Preset ist ein Parameter gespeichert, der direkt mit dem Adjust Regler editiert werden kann. Meist ist das High-Cut oder Reverb Size. Da die Editireung also recht kompliziert ist, kann man auch einfach einen ähnlichen Hall nehmen und diesen dann schnell abändern. Interessant ist, dass die reine audiotechnische Qualiät der Reverbs mit einem nur ca. 15 Bit umfassenden Dynmikumfang überhaupt nicht relevant ist. Betrachtet man das Ausklingen der Hallfahne z.B. beim Large Hall Algorithmus, so stellt man fest, dass die Hallfahne nicht komplett ausklingt, sondern bei ca. -84 dB wie ein Hall-Rausch-Teppich stehen bleibt. Für kommende Algorithmen sollte sich Lexicon aber schon mal an 24 Bit anpassen, ohne den Grundklang zu verändern.

Rückseite des PCM91

Rückseite des PCM91

Mitbewerber

Als direkte Mitbewerber könnte man das TC M3000 und Reverb 4000 sehen. Auch die Quantec Reverbs spielen in dieser Liga. Eventide würde ich nicht dort ansiedeln, da deren Stärken eher im übrigen Effektbereich liegen denn bei den Reverbs. Faltungshall kann natürlich auch überzeugen und klingt bei weitem nicht so steril, wie oft behauptet wird. Nur kann man dort eben bis dato nicht alle Feinheiten in den Parametern beeinflussen wie bei einem algorithmischen Hall.

Fazit

Bei einem solchen Industriestandard muss man kaum eine Empfehlung geben. Wir hoffen jedoch, dass sich Lexicon bald mit einem Nachfolger der PCM Serie zurückmeldet und den hervorragenden Sound auch ins neue Jahrtausend portiert. So wären ein VSTi-Editor, bessere MIDI-Steurermöglichkeiten, mehr Bedienelemente und eine erheblich massentauglichere Bedienung wünschenswert. Toll wäre natürlich auch eine DSP-Karte. Lexicon hatte diesen Versuch mit dem Studio Core 32 schon vor Jahren gestartet, war aber leider zu früh am Markt und so konnte sich das konzeptionell sehr gute System in Zeiten von Pentium 2 und Windows 98, gepaart mit unerfahrenen Entwicklern leider nicht durchsetzen. Leider gab es nie Windows XP Treiber für dieses System.

 

Plus

  • Weltklasse Hall
  • Digitale Anschlüsse
  • 450 Presets mit Finder
  • Dual-Algorithmen

Minus

  • Bedienung
  • Features nicht Up-To-Date

Preis

  • Straßenpreis: 2250 Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    wow, danke für den Test!

    Genau den Hallteppich der als Raum bei -84db dbstehen bleibet scheine ich von einer CD zu kennen, die ich immer wieder Aufgrund des Raumklangs geliebt habe!

    Muss ich mir undbedingt zulegen….!

    PS: wo sind die Soundbeispiele?
    wäre super wenns auch ein Klangbeipiel mit diesem -84dB Hallteppich gäben würde….

    viele liebe Grüsse

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    AMAZONA Archiv

    Hallo Thorsten, kannst du die Klangbeispiele noch nachliefern? Interessant wäre insbesondere auch ein direkter Vergleich mit dem MX400, das ihr ja schon im Test hattet.

    Liebe Grüße

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    AMAZONA Archiv

    So, die Klangbeispiele sind jetzt oben. Viel Spaß!!

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    AMAZONA Archiv

    Hey, super. kann man dieses Sample, das ich irgendwo schon mal gehört habe, eigentlich für eigene Soundsamples von z.B. anderen Hallgeräten einsetzen, die dann irgendwo online gehen?

    Georg.

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    AMAZONA Archiv

    hallo, gibt es für die 15 bit berechnung eine quelle? oder haben sie das gemessen?

    mfg p.

  6. Profilbild
    grg

    Gibt es eine Fernsteuerung fuer die PCM90er und 80er? uber Sysex oder CtrCh?

  7. Profilbild
    tubeheat  

    Klingt gut ;) Ich werd mir ein gebrauchtes für Gitte holen, das MX200 ist ja schon ganz, nett, aber das spielt ne Liga drüber ;)

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