Test: Gretsch G2655 Streamliner, E-Gitarre

19. Juli 2020

Gretsch Sound für unter 500 Euro?

Test: Gretsch G2655 Streamliner, E-Gitarre

Test: Gretsch G2655 Streamliner, E-Gitarre

OK, ein kleines Ratespiel zu Anfang des Tests, was steht für das Kunstwort „Twäng“ und ist keine Tele? Macht euch den Spaß und lasst euch von einem erfahrenen Gitarristen den „Twäng“ erklären. Er wird wirre Beschreibungen in den Raum werfen und zum Schluss wahrscheinlich zwei Hersteller nennen, zum einen die Tele und zum anderen so ziemlich alles, was Gretsch je auf den Markt gebracht hat. Ich werde mich nun garantiert nicht um Kopf und Kragen bzgl. „Twäng“ reden, sondern euch viel lieber die neue Gretsch G2655 Streamliner präsentieren, mit der sich Gretsch in neue Preisregionen begibt.

Die Konstruktion der Gretsch G2655 Streamliner

Die erstmals auf der NAMM 2016 vorgestellte Gitarre hat einen Auftrag, der da lautet „Gretsch Sound für jedermann“. Was wollen uns diese Worte sagen? Nun, wer jemals in den Genuss kam, eine USA Gretsch Hollow Body in den Arm zu nehmen und danach noch einen Blick auf das Preisschild riskierte, wird wohl gleich zweimal nach Luft geschnappt haben. Zum einen verlangt der immense Korpus der Instrumente nach einer völlig anderen Handhabung als eine schlanke Solid-Body, zum anderen muss man in dieser Liga mindestens mit einer Drei als erste Zahl in der Tausender-Liga rechnen.

Losgelöst von der Wertigkeit dieser Instrumente ist der Markt der zahlungskräftigen Kundschaft relativ schnell abgefrühstückt und möchte man nicht primär an der Wohnzimmerwand der „Zahnarzt-Liga“ enden, muss auch ein Traditionsunternehmen wie Gretsch, dem übrigens wohl einzigen Hersteller weltweit, der es sowohl im Gitarren- als auch im Schlagzeugbau zu Weltruhm gebracht hat, Mittel und Wege finden, um den legendären „Twäng“ (da isser widder …) auch in die Händen des ambitionierten, aber weniger zahlungskräftigen Nachwuchs-Rocker hinüberzuretten.

Test Gretsch G2622T Streamliner

Das sich dies nicht mit einer Fertigung „Made in USA, Germany, France …“ oder einem anderen Land mit entsprechenden Lohnnebenkosten umsetzen lässt, dürfte jedem klar sein. So wundert es auch nicht, dass auch die Firma Gretsch die Gretsch G2655 Streamliner in Indonesien fertigen lässt, einem Land, das China anscheinend komplett aus der Instrumentensektor im Niedrigpreisbereich verdrängt hat. Interessant wird sein, wo Gretsch den Rotstift angesetzt hat, um den sehr günstigen Ladenpreis von nur 477,- Euro gewährleisten zu können, zumal die Konstruktion einige Punkte beinhaltet, welche die CNC Fräse nicht ohne Weiteres automatisiert abarbeiten kann.

Fangen wir zunächst mit dem Korpus an. Wie man anhand der beiden F-Löcher sehr schnell erkennen kann, handelt es sich bei der Gretsch G2655 Streamliner um eine Hollow-Body- mit Center-Block Gitarre, in Deutschland auch gerne als Semiakustik im Stil einer 335 bezeichnet. Sinn und Zweck dieser Konstruktion ist der Versuch, eine möglichst hohe akustische Ansprache einer Vollresonanzgitarre mit der Feedback-Unempfindlichkeit einer Solid-Body zu verschmelzen. „Jazz mit Krach“, um es einmal plump auszudrücken.

Dabei kommen durchaus ungewöhnliche Hölzer zum Einsatz. Neben der laminierten Decke und Boden aus Ahorn überrascht der Hersteller mit einem Hals aus Nato und einem Griffbrett aus Laurel. Beide Hölzer haben ihren Ursprung in Süd- und Mittelamerika und sind aufgrund der bisher geringen Nachfrage in keiner Weise geschützt. In Sachen Resonanz kommen sie jedoch ihren großen Vorbildern sehr nahe, d. h. der Verdacht liegt nahe, dass ihr Einsatz im Instrumentenbau in Zukunft zunehmen wird und sich nicht nur wie bisher ein paar Container auf den Weg über den Pazifik nach Asien machen.

Trotz des geringen Ladenpreises verfügen der Hals und der Korpus über ein cremefarbenes Binding, das am Korpus sogar vierlagig aufgebracht wurde. Eine erwähnenswerte Tatsache, da diese Arbeit nicht von einer Fräse oder einem Roboter ausgeführt werden kann. Für das sonst bei Gretsch gerne verwendete Bigsby Vibratosystem hat es hier nicht gereicht, stattdessen wird bei der Gretsch G2655 Streamliner ein Hardtail in V-Form nebst einer Tune-o-matic-artigen Brückenkonstruktion verwendet.

Eine entscheidende Rolle im klassischen Gretsch Sound nehmen in den hochpreisigen Modellen die legendären FiltertRon Pickups ein, zu denen es aber bei dieser Version nicht ganz gereicht hat. Stattdessen verwendet Gretsch bei der Gretsch G2655 Streamliner BroadTron B-25 Pickups, die optisch an die großen Vorbilder angelehnt sind. Ebenso klassisch wie auch legendär ist die aus grauer Vorzeit übernommene Mastervolume-Schaltung, bei der nicht nur jeder Pickup einen eigenen Volume-Regler besitzt, sondern die Gitarre als solches in ihrer Gesamtlautstärke geregelt werden kann. Wer einmal einen passiven Pickup über einen Schalter direkt auf den Ausgang legen und im A/B-Vergleich die klangliche Verschlechterung selbst bei bester Elektrik wahrnehmen konnte, wird sich u. U. fragen, warum man in Zeiten von Amp-Kanalwechsel und mannigfaltiger FX-Pedalauswahl diese Schaltung in die Gegenwart rübergerettet hat.

In der Praxis

Nimmt man die Gitarre das erste Mal in die Hand, fällt das ungemein geringe Gewicht von knapp 2,4 kg auf, das selbst für semiakustische Instrumente sehr gering ist. Entsprechend locker lässt sich mit einem solchen Gewicht ein Konzertabend bestreiten, wäre da nicht wie schon fast zwingend vorgegeben die entsprechende Kopflastigkeit des Instruments, die sich allerdings noch im moderaten Rahmen bewegt.

Auch die Bespielbarkeit weiß zu überzeugen. Der Hals hat genügend Masse für ein kräftiges Zupacken und liegt mit dem „schlanken U“ sehr angenehm in der Hand. Auch die Tuner verrichten einen guten Dienst, nichts was einem Sorgen oder Ärger bereiten sollte.

Ansonsten ist die Gitarre für eine preiswerte Asienproduktion sehr gut eingestellt, die Saitenlage ist ungewöhnlich niedrig und auch die 22 vergleichsweise flachen Medium-Jumbo-Frets legen ihren Fokus auf Rhythmus- und Akkord-basiertes Solospiel. Der unverstärkte Grundsound der Gretsch G2655 Streamliner ist angenehm spritzig, die Ansprache sehr schnell und die gebotene Lautstärke der Konstruktion lädt zum Üben ohne Verstärker ein. Bis hierhin alles sehr gut soweit. Doch dann die Ernüchterung.

Unmittelbar nachdem ich die Gretsch G2655 Streamliner an meinen Hughes & Kettner Triamp MK III angeschlossen habe, zeigt sich der Gretsch Rotstift in schonungsloser Offenheit in Form der verbauten Tonabnehmer. Nicht nur dass die BroadTon Pickups klanglich nichts mit den klassischen FilterTron gemein haben, sie reißen den hervorragenden akustischen Eindruck des Instruments ins Bodenlose. Die Pickups klingen im cleanen Bereich nicht nur vergleichsweise matt und charakterlos, sie „kreischen“ auch unangenehm ohne jedes Volumen im Crunch- und Lead-Bereich. Auch der Versuch, den typischen Malcolm-Young-AC/DC Rhythmussound zu kreieren, der bekanntermaßen mit einer Gretsch Firebird erschaffen wurde, will einfach nicht gelingen, da egal, mit welchem Amp man sich auch müht, die Pickups nicht die nötige Basis bieten.

Für einen weichen, latent dumpf gehaltenen Jazz-Sound sind die Pickups noch gut zu gebrauchen, sobald es allerdings um Ausdrucksstärke, Dynamik und Charakter geht, sind die BroadTon Pickups komplett überfordert. Selten habe ich eine solche Diskrepanz zwischen dem akustischen und dem elektrischen Verhalten einer Gitarre erlebt, wie in diesem Fall. Dies ist umso trauriger, da der akustische Eindruck nebst der sehr guten Verarbeitung des Instruments bis zu diesem Punkt wirklich sehr gut war. Einmal mehr zeigt es sich, wie neben der Halskonstruktion die Pickups den entscheidenden Anteil am Gesamtklang des Instrumentes haben.

Wahrscheinlich möchte Gretsch auch bewusst eine klare Abgrenzung zu ihren Top-Of-The-Line Instrumenten schaffen, was aus firmenpolitischer Sicht absolut nachzuvollziehen ist, allerdings tun sie sich mit diesen Pickups keinen Gefallen. Auf der anderen Seite ist es ein Einfaches, nochmals ca. 150,- Euro in die Hand zu nehmen und High-End-Pickups in die Gitarre einsetzen zu lassen, zumal die Grundkonstruktion der Gretsch G2655 Streamliner dies zweifelsohne verdient hätte.

Zusammenfassend schlägt sich das Pickup-Problem leider massiv in der endgültigen Bewertung nieder. Hätte das Instrument vor dem Anschluss an den Amp noch ein fettes sehr gut von mir bekommen, muss ich leider nach diesem Klangeindruck auf ein befriedigend zurück gehen.

In der Praxis

Fazit

Mit der Gretsch G2655 Streamliner bietet der große Name ein Modell aus dem Niedrigpreisbereich an, das mit Stärken und Schwächen aufwartet. Überzeugt das Instrument neben einer sauberen Verarbeitung und guter Werkseinstellung im unverstärkten Zustand noch mit einem knackigen und dynamischen Grundklang, schmälern die äußerst mäßig klingenden Pickups den Gesamteindruck ungemein.

Interessenten sollten daher zusätzlich ca. 150,- Euro für zwei gute Pickups mit in den Verkaufspreis einplanen, die Grundkonstruktion des Instruments hätte es durchaus verdient.

Plus

  • unverstärkter Klang
  • Verarbeitung
  • Werkseinstellung

Minus

  • belanglos klingende Pickups

Preis

  • 477,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Willemstrohm  AHU

    Bei dem, was ich da höre, muss ich dem Autoren recht geben. Da kann man sich vermutlich an der Gitarre noch so austoben, es klingt immer blutarm. Statischer, undynamischer Sound.

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