Test: Headrush Pedalboard, Gitarren Multieffekt Pedal

13. Juni 2017

This one goes to eleven!

Das Headrush Pedalboard ist im weitesten Sinne ein Multieffekt-Board. Im Zeitalter vom Pedalboard-Hype sind solche Geräte augenscheinlich etwas in den Hintergrund gerückt. Doch die digitale Technologie schreitet immer mehr voran, um dem Analogsound auf die Pelle zu rücken.

Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich 1999 den ersten Line 6 POD in den Händen hielt. Damals eine Revolution, trotz der gefühlter Latenz und, mit einem gewissen Abstand betrachtet, mit nur wenig dynamischem Spielverhalten. Seitdem sind eine Menge Einsen und Nullen den digitalen Strom hinunter geflossen und die DSPs rennen auf zunehmender Geschwindigkeit. Trotz einiger Ausflüge in die digitale Klangbearbeitung spiele ich immer noch meinen Vollröhrenverstärker plus Ibanez TS9. Und das, nicht weil ich ein unverbesserlicher Hardliner bin, sondern weil es mich einfach immer noch nicht richtig kickt.

Nun gut, ich muss zugeben, der Kemper, das Axe-FX und Konsorten lassen mich gerade aufhorchen. Line 6 hat mich eher weniger überzeugt die letzten Jahre, das Line 6 Helix kenne ich leider nicht, welches wohl am ehesten den Vergleich mit dem Headrush Pedalboard befürchten muss. Ob das jetzt gut oder schlecht für Line 6 ist, werde ich mal versuchen zu umreißen.

Das Headrush Pedalboard ist wie zu erwarten ein Update oder besser gesagt eine überarbeitet und weiterentwickelte Variante des Avid Eleven Rack Gitarrenprozessors. Der Name Eleven kommt von einer Anekdote aus der Heavy Metal-Persiflage Spinal Tap. Dort heißt es bei der Vorstellung der Gitarrenverstärker: „This one goes to eleven.“ Also eins lauter als die üblichen 10.

Headrush Pedalboard

Headrush Pedalboard

Facts & Features des Headrush Pedalboard

Das Pedalboard, wie das erste Produkt von Headrush sinnvollerweise genannt wird, hebt sich mit seinen 7,1 kg recht schwer aus dem Karton. Solide ist der erste Eindruck. In einem Stahlgehäuse, Made in Taiwan verbaut, gibt es erst mal keinen Grund, irgendetwas zu beanstanden. Hier ist alles sauber und wertig verarbeitet, die Aufteilung ist großzügig und überschaubar. Das Expressionpedal ist mit einer rutschfesten Oberfläche versehen und wirkt nahezu unverwüstlich. Öffnungen unterhalb sind quasi nicht vorhanden, also fast kein Raum für Staub. Auf der Unterseite befinden sich vier große Gummipads für einen guten Stand. Weiterhin ist ein Kabelkanal eingekantet, um Verbindungskabel im Verlauf gut verstauen zu können.

Headrush Pedalboard Anschlüsse

— Headrush Pedalboard Anschlüsse —

Die Maße das Effektboards liegen bei 59,9 x 28,4 x 7,4 cm. Zwei große und fünf kleine Drehregler, zwölf Taster, das Expressionpedal und das visuelle Herz, das 7″ große Touchscreen-Display, finden hier genug Platz. Alles scheint einfach und praxisgerecht angeordnet. Auf der Front findet man die Anschlussmöglichkeiten. Von rechts gibt es eine Buchse für einen Kaltgerätestecker. Bedeutet, das Netzteil ist integriert. Wahrscheinlich auch ein Grund des recht hohen Gewichts. Links daneben folgt ein Powertaster, um den Quadcore -Prozessor zu starten. Also an Leistung scheint es nicht zu mangeln. Weiter geht es mit einem USB-Anschluss. Das Headrush Pedalboard kann hierüber mit dem Computer verbunden werden, um zum Beispiel die Firmware zu updaten oder das Gerät als Audiointerface mit 24 Bit und einer Samplerate von 48 oder 96 kHz zu nutzen.

Headrush Pedalboard Gitarren Multieffekt Pedal

MIDI In und Out/Thru folgt als nächstes. Links daneben sitzen Standard-Klinkenanschlüsse für einen Effektweg in Mono oder Stereo. Umschaltbar zwischen Rack und Stomp. Hiermit ändert man den Send-Output-Level von +18 dB (Rack) auf +6 dB (Stomp), was einem Line-Level oder einem Standard-Gitarrenpedal entspricht.

Headrush Pedalboard

Ausgänge sind zweimal in Stereo vorhanden, Standardklinke und XLR. Hier kann oder sollte man zwischen Line und Amp wählen. Ein Kopfhörerausgang gibt es noch, der Level kann über einen der Drehregler auf der Oberfläche eingestellt werden. Eingänge sind drei an der Zahl vorhanden: der Standard-Input, hier schließt man die Gitarre oder den Bass an, ein Miniklinke-Aux-Eingang für externe Abspielgeräte wie zum Beispiel ein Smartphone. Der Aux-Eingang hat auch einen Lautstärkenregler, ähnlich dem für den Kopfhörer. Last, but not least gibt es neben dem schon vorhandenen noch die Option, ein weiteres Expressionpedal anzuschließen.

Einmal booten bitte!

Der Quadcore-Prozessor fährt hoch. Nach ca. zehn Sekunden erscheint nach dem Headrush Startbildschirm das letzte verwendete Rig auf dem Display, die Taster zeigen farblich markiert und auch textlich initialisiert den Titel des jeweils belegten Tasters an.

Ganz links übereinander schaltet man die Rigs (Presets, 270 an der Zahl) hoch und runter. Wenn man den Unteren hält, erscheint ein Untermenü, dazu etwas mehr später im Text. Ganz rechts unten blinkt das Tap-Tempo, oben drüber aktiviert man den Looper. Hält man den Tempo-Taster, wird das Stimmgerät aktiviert. Der Tuner kann hier direkt stummgeschaltet werden. Ansonsten stimmt er chromatisch. Die Standard-Hertz-Zahl 440 ist eingestellt, kann aber von 410 Hz bis 480 Hz geändert werden.

Die restlichen acht Taster sind individuell zu belegen. Hier kann man alles Notwendige mit dem Fuß bedienen. Hält man den View-Taster, dann erscheinen vier Menüarten: STOMP, RIG, HYBRID und SETLIST. Der STOMP-Modus ist der Standard, er zeigt im Display die Signalkette und auf den Tastern die Effekte, Verstärker oder auch die Speaker an. All das ist individuell zu gestalten. Vergleichbar ist dieser Modus mit einem virtuellen Pedalboard.

Mit den beiden linken Tastern kann man in jedem Modus die Bänke, Rigs oder Presets hoch- und runterschalten.

Im RIG-Modus kann man direkt auf die Rigs zugreifen. Der HYBRID-Modus mixt STOMP mit RIG. Der SETLIST-Modus ist ein Oberbegriff für eine bestimmte Zusammenstellung von RIGs. Somit kann man pro Song, Sounds und Pedals zusammenstellen und die dann im Rahmen einer Setlist nacheinander durchschalten. Wie nahezu alles beim Headrush Pedalboard kann man auch das individuell gestalten.

Das 7″ Touchscreendisplay des Headrush Pedalboard

Diese Art der Bedienung ist wohl eines der wichtigsten Features des Headrush Pedalboards. Zeitgemäß drücken wir ja alle irgendwie nur noch auf Touchscreens herum. Aber keine Angst. Wie schon erwähnt, kann man nach dem persönlichen Setup alles mit dem Fuß über die Taster steuern. Somit muss man natürlich nicht barfuß auf die Bühne.

Aber bevor man auf der Bühne oder im Proberaum steht, ist nahezu alles mit dem Finger einzustellen, bis auf die Lautstärkeregler, Master, Kopfhörer, Aux sowie die drei Endlosregler am Rande des Displays. Der Große links davon dient als Alternative zur Touch-Bedienung, ein Drehregler mit einer Push-Funktion. Somit kann man alle Verstärker und Boxensimulationen, sämtliche Effekte und das Expressionpedal per Drag & Drop konfigurieren. Wie einfach ist das denn?

Zur Auswahl stehen: 33 Verstärker, 15 Boxen, 10 Mikrofone, sechs Verzerrer, fünf EQs, 11 mal Modulation, sieben mal Hall und Echo sowie fünf verschiedene Typen Expressionpedale. Dazu gibt es die Option, eigene IR (Impulse Responses) zu laden. Hierbei findet man die üblichen Modelle. Ein Noisegate sitzt an jedem Anfang der Signalkette. Ein- und Ausgangssignale sind selbstverständlich auch individuell anzupassen. Es scheint, als wurde tatsächlich jede Möglichkeit durchdacht.

In der Praxis mit dem Headrush Pedalboard

Beim Praxistest habe ich versucht, verschiedene Szenarien durchzuspielen. Besonders aber die Rolle, in der ich das Headrush Pedalboard hauptsächlich sehe. Im Grunde ist es für alles Mögliche konzipiert: als Standalone im Studio, zuhause oder auf der Bühne. Oder auch nur als Pedalboard in Verbindung mit einem Verstärker. Man kann sogar Hardware-Effekte einschleifen. Für mich war es am interessantesten, es als Standalone zu betrachten. Somit könnte man alles vereinfachen, nimmt seine Gitarre und das Pedalboard, stereo an die PA und lässt sich das Signal auf den Monitor schicken.

Zu Hause funktionierte es jedenfalls erst mal sehr gut, schon der direkte Kopfhörersound ist super, auch wenn mich die Firmen-Presets bzw. „Rigs“ nicht gerade vom Hocker hauen. Aber wie so oft muss man letztlich selbst Hand anlegen, um solche Geräte aus der Reserve zu locken. Und genau da ist auch der Wermutstropfen. Wer glaubt, sich solch ein Gerät zulegen zu können und alles läuft von alleine, wird höchstwahrscheinlich enttäuscht werden. Auch wenn das Setup schnell steht und ich tatsächlich noch kein Multieffekt-Board in der Hand hatte, was sich so leicht und intuitiv bedienen lies wie das Headrush Pedalboard, liegt der Teufel doch im Detail und man sollte etwas Zeit investieren. Know-how schadet natürlich auch nicht, zumal die Einstellmöglichkeiten schier unendlich sind. Eine Rettung wäre vielleicht die Headrush Cloud, von der man nach Erwerb Rigs laden kann. Aber etwas Individualität wünschen sich ja doch die meisten.

In der Bandprobe mit meiner Rockband baue ich mir also mein Rig virtuell nach. Klassisch Marshall 2203, 4x12er Greenback, Booster, Tubescreamer und so weiter, lege mir den Sound auf eine Monitorbox und auf die PA. Also nur Gitarre in das Headrush Pedalboard, fertig. Ich muss zugeben, meine Erwartungen waren nicht hoch, somit wurde ich um so mehr überrascht. Es funktionierte. Selbst meine skeptischen Bandkollegen gaben klein bei und waren sichtlich überrascht, wie gut es doch klingt.

Headrush im Proberaum

— Headrush im Praxiseinsatz im Proberaum —

Der zweite Live-Test war die Coverband. Ich baute diverse Originalsounds nach und war mit diesen zuhause ganz zufrieden. Über die Studiomonitore klang es „sehr nah dran“. In der Probe gab es leider nur eine alte, nicht besonders gute PA ohne Monitor. Da war ich dann sehr enttäuscht. Aber genau da liegt tatsächlich am Ende das Problem. Die Kette. Wenn in der Kette eine Komponente stark abfällt oder einfach nicht gut ist, klingt das beste Equipment meist nicht so gut. Wer hätte es gedacht. O.k., im Grunde ist es klar. Aber dass die Unterschiede doch so immens sind, hat mich überrascht.

Kurz zum Looper: Ob man zwanzig Minuten Aufnahmezeit wirklich braucht, wage ich zu bezweifeln. Ansonsten funktioniert er sehr gut und intuitiv wie das ganze Gerät mit ein paar interessanten Optionen wie Reverse zum Beispiel.

Natürlich könnte ich jetzt noch mehr ins Detail gehen. Stoff, um darüber zu schreiben, hat das Headrush Pedalboard mehr als genug. Aber das würde den Rahmen des Artikels sprengen. Es gibt aber trotz einem „Sehr gut“ in der Endwertung tatsächlich einen negativen Punkt – leider hat das Headrush Pedalboard eine leichte Latenz beim Schalten zwischen den Presets.

Shut Down

— Shut down —

Die Soundfiles wurden direkt in Stereo über ein UAD Apollo Twin Interface mit Pro Tools aufgenommen.

Fazit

Qualitativ gibt es beim Headrush Pedalboard nichts zu beanstanden. Die Bedienung ist intuitiv und durch das 7″ Touchdisplay sehr einfach. Durch das Halten einzelner Taster kann man nahezu alles mit dem Fuß und dem Expressionpedal nachregeln. Hat man einmal etwas Zeit und Arbeit in das Setup der Rigs investiert, ist das Headrush Pedalboard ein Arbeitsgerät, der seines Gleichen sucht. Der Sound ist nicht perfekt, aber sehr nahe am Ziel.

Für den Live-Kontext, aber auch im Studio wird es in den meisten Fällen genügen. Die Cleansounds sind für mich immer das größte Problem in der digitalen Nachbildung, da zeigt das Pedal auch kleine Schwächen. Aber wenn man bedenkt, dass die Konkurrenz bis zum Doppelten mehr kostet, wird das Headrush Pedalboard seine Chance bekommen. Und das zu Recht.

Plus

  • intuitive Bedienung
  • 7" Touch-Display
  • Sounds
  • nahezu jede Möglichkeit ausgeschöpft
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • leichte Latenz beim Schalten

Preis

  • Ladenpreis: 1.099,- Euro
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