Test: Heil Sound PR37 dynamisches Gesangsmikrofon

22. Oktober 2020

Groß und voluminös: das Mikrofon Heil Sound PR37

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Das dynamische Gesangsmikrofon Heil Sound PR37

Der Name Heil steht für viele „ältere Semester“ für viel mehr als nur Mikrofone. Die Geschichte von Bob Heil ist legendär und unzertrennbar mit einigen der größten Bands dieses Planeten verknüpft. Heutzutage ist Bob Heil hauptsächlich für seine Mikrofone bekannt. Zum Test steht uns das Heil Sound PR37 Mikrofon.

Bob Heil und Heil Sound

Bob Heil begann seine musikalische Karriere als junger Organist. Vor allem Theater- und Pfeifenorgeln hatten es ihm angetan. Neben dem Orgelspiel erlernte er auch die Funktionsweise von Orgeln und das Stimmen von Pfeifenorgeln. Er eröffnete 1966 zunächst ein Musikgeschäft („Ye Old Music Shop“) und spezialisierte sich früh auf PA-Systeme, die damals noch sprichwörtlich in den Kinderschuhen steckten.

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Der junge Bob Heil an der Theaterorgel (Bildquelle: Heil Sound)

Neben dem Verkauf von PAs begann er mit dem Modifizieren und Entwickeln von Lautsprechern, Endstufen, Frequenzweichen und Mischpulten. Die Legende will es, dass eine gewisse Band namens Grateful Dead 1970 ohne PA am Konzertort anreiste, weil diese von der DEA (Anmerkung Redaktion: Drug Enforcement Administration oder zu Deutsch Drogenvollzugsbehörde) auf der Suche nach Drogen konfisziert worden war. Bob Heil, der sich mittlerweile einen Namen als Spezialist für Beschallungsanlagen gemacht hatte, wurde angerufen, um eine PA für das große Konzert zu stellen. Das renommierte Billboard Magazine berichtete über Bob Heil als Retter der Grateful Dead Tour.

Bob Heil widmete sich in späteren Jahren voll und ganz der Entwicklung von PAs. Es folgten Entwicklungen wie Lautsprecher, Mischpulte, Frequenzweichen, parametrische EQs, Endstufen und vieles mehr. Nach einer Auszeit vom Musikbusiness in den 1980ern kehrte Bob Heil schließlich zurück und begann mit der Entwicklung von Mikrofonen. Heute umfasst das Heil Sound Portfolio zahlreiche Mikrofone von Broadcast über das Studio bis hin zu Live-Mikrofonen für Gesang und Instrumente.

Heil Sound PR37

Das Heil Sound PR37 ist ein dynamisches Bühnenmikrofon, genauer gesagt ein Tauchspulenmikrofon, mit Schwerpunkt Gesang/Sprache. Es verfügt über einen sehr weiten Frequenzgang von 40 Hz bis 18 kHz. Es besitzt eine Supernieren-Richtcharakteristik mit einer Rückwärtsdämpfung von bis zu -40 dB bei 180°. Die Impedanz beträgt 370 Ohm, der Ausgangspegel wird vom Hersteller  mit -48,9 dB bei 1 kHz angegeben. Der maximale Schalldruck beträgt satte 140 dB.

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Das Polar-Pattern Diagramm des Herstellers. Zu sehen ist die Supernieren-Charakteristik des Heil Sound PR37.

Der Hersteller verspricht im beiliegenden Datenblatt sowie der Werbung einen druckvollen und vor allem transparenten Sound, der sich gut im Mix durchsetzen kann. Um das zu erreichen, wurden die oberen Mitten angehoben. Abseits der Hauptaufsprechrichtung bei 0° soll das Heil Sound PR37 über nur minimale Off-Axis-Verfärbungen verfügen. Auch beim Umfassen der Kapsel mit der Hand, wie man es bei Rappern gerne sieht, soll der Klang kaum verfärbt werden. Eine Besonderheit ist die Großmembran-Kapsel, die einen Durchmesser von 1,5 Zoll (3,81 cm) besitzt und die in einem speziellen „Shock Mount“ sitzt, um Hand- und Griffgeräusche zu unterdrücken. Die Verarbeitung ist einwandfrei und das Metallgehäuse und der schön stabile Korb sollten auch bei einem Sturz die Kapsel ausreichend schützen.

Das Mikrofon wird in einem Pappkarton mitsamt einem Windschutz, einer Tasche und einer Klemme geliefert.

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Erster Eindruck

Das Mikrofon hat eine beeindruckende Größe: Fast 21 cm misst es von „Kopf bis Fuß“. Gleiches gilt für das Gewicht: Über 347 g ohne Kabel möchten die Show über gehalten werden.  Damit ist es noch einmal wesentlich größer und etwas schwerer als mein Sennheiser e945, das ich gerne zum Vergleich heranziehe. Letzteres misst 18,6 cm und wiegt 330 g ohne Kabel. Optisch ist das Heil Sound PR37 dem Sennheiser e945 nicht unähnlich. Auffällig ist neben der Größe der silberne Ring unterhalb vom Mikrofonkorb. Dieser lässt sich nach dem Abschrauben des Mikrofonkorbs abnehmen und somit sicherlich gegen andere Farbvarianten wechseln.

Nach dem Abschrauben des Mikrofonkorbs bestaune ich die gigantische Mikrofonkapsel. Oben ist ein Schaumstoffstück aufgeklebt. Auch der Mikrofonkorb ist mit Schaumstoff ausgelegt. Das schützt nicht nur vor Feuchtigkeit, sondern verringert auch Störgeräusche, die durch Luftverwirbelungen am Korb beim Singen und Sprechen entstehen. Für den Außeneinsatz bei Wind liegt der überziehbare Windschutz bei.

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Die Mikrofonkapsel wirkt gigantisch groß

Wir brauchen Bass, Bass!

Nach dem Anschließen im Heimstudio fällt sofort der immens stark ausgeprägte Bassbereich auf. Bei der Nahbesprechung werden die Membranen der Studioabhöre ordentlich bewegt. Vergrößert man den Besprechungsabstand etwas, verringert sich dieser ausgeprägte Nahbesprechungseffekt naturgemäß. Leider sinkt dann aber auch der Pegel stark und am Gain-Regler muss ordentlich nachgeregelt werden. Eine Alternative ist der Griff zum EQ: Ein Low-Cut bei 80 bis 100 Hz für Männerstimmen und bei 120 Hz für Frauenstimmen sowie eine kleine Absenkung der einen oder anderen Dröhnfrequenz darüber zähmen das Biest sofort.

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Heil Sound PR37: Messungen

Natürlich sollen die Herstellerangaben überprüft werden. Dazu wurden einige Messungen im Heimstudio mit REW durchgeführt. Room EQ Wizard (kurz REW) ist eine kostenlose Messsoftware für alle Betriebssysteme, die ständig weiterentwickelt wird und eine Vielzahl an Messungen erlaubt.

Für die Überprüfung der Herstelleraussagen wurde der Frequenzgang des Mikrofons gemessen. Diese Messungen sind nicht akademisch, da sie weder in einem Messraum noch mit einem für Messungen zertifizierten Lautsprecher durchgeführt werden. Sie zeigen jedoch sehr gut Tendenzen an und Herstelleraussagen lassen sich anhand dieser Messungen gut auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Umso überraschter war ich, dass die von mir auf diese Weise zuhause durchgeführten Messungen den Herstellermessungen sehr, sehr nahe kommen – und das ohne jegliche Glättung!

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Frequenzgang für 0° und 180° vom Hersteller gemessen

Frequenzgang bei 0°

Die erste Messung fand auf Achse (0°, Hauptaufsprechrichtung) statt und in einem Abstand vom Lautsprecher von ca. 30 cm. Sie deckt sich ziemlich exakt mit den Angaben des Herstellers. Schön wird der sehr weit nach unten reichende Frequenzgang herausgestellt, der sich auch zuvor im Klangbild deutlich bemerkbar gemacht hat. Die Anhebung der oberen Mitten ist wie vom Hersteller angegeben. Der Frequenzverlauf steigt ab ca. 2,5 kHz nach oben hin an und sorgt somit für ein gutes Durchsetzungsvermögen für Stimmen im Bandkontext. Darunter ist der Frequenzgang als linear zu bezeichnen.Heil-Sound-PR37-Frequenzgang-0

Frequenzgang bei seitlicher Besprechung

Die zweite Messung soll die Herstelleraussage überprüfen, dass das Mikrofon unempfindlich gegenüber nicht frontaler Besprechung ist. Singt man leicht schräg ins Mikrofon, soll sich laut Heil Sound der Klang nicht grundlegend ändern. Für die Messungen wurden daher drei Winkel gewählt: 0°, 45° und 90°. Zwischen 0° und 45° bestätigen die Messungen erneut die Herstelleraussage. Der Klang bleibt gleich, fällt aber etwas im Pegel ab. Je mehr man sich auf die 90° zubewegt, desto mehr Bewegung kommt in die Kurve. Doch wer hält sich das Mikrofon schon quer vor den Mund? Übliche Varianzen, wie sie live auf der Bühne entstehen, sind eher zwischen 0° und 45° einzuordnen. 45° kommen wohl auch eher selten vor: Es sei denn man ist Bruce Springsteen und singt gerade mit Little Steven oder Gattin Patti Scialfa gemeinsam ins Mikrofon.Heil-Sound-PR37-Frequenzgang-0-45-90

Überprüfung der Rückwärtsdämpfung

Die dritte Messung wurde bei 0° und 180° durchgeführt, um die vom Hersteller als sehr gut bezeichnete Rückwärtsdämpfung zu untersuchen. Natürlich zeigt der Frequenzgang hier einen deutlichen Kammfiltereffekt aufgrund der Laufzeitverschiebungen bei der Messung, da der Schall natürlich auf die Front und die Rückseite trifft. Man sieht schön, dass die tiefen Frequenzen einfach um das Mikrofon herum gebeugt werden. Dennoch ist bereits hier eine Dämpfung von im Schnitt 5 dB auszumachen. Ab den tiefen Mitten nimmt die Dämpfung zu. Zwar erreichen wir im Mittel eher 30 dB statt der angegebenen 40 dM, aber diese Messung ist eben nicht im Messraum entstanden und durch Reflexionen im Raum entsprechend verzerrt. Die Tendenz ist jedoch deutlich erkennbar, sodass es keinen Grund gibt, die Herstelleraussagen anzuzweifeln.Heil-Sound-PR37-Frequenzgang-0-180

Frequenzgang bei umschlossener Kapsel

Die letzte Messung zeigt den Vergleich zwischen offener und mit der Hand umschlossener Kapsel. Leider gibt es immer wieder Sänger, vorwiegend aus dem Bereich Rap, die die Mikrofonkapsel mit der Hand umfassen und somit die seitlichen Schalleintrittsöffnungen verschließen. Dadurch ändert sich in der Regel nicht nur die Richtcharakteristik hin zu einer Kugel, sondern auch der Frequenzgang. Heil Sound versprechen für das Heil Sound PR37 einen unveränderten Frequenzgang bei mit der Hand umschlossener Kapsel. Diese Werbeaussage wird durch die Messung bestätigt. Der Frequenzgang ist bis auf eine kleinere Abweichung zwischen 1,3 und 2,3 kHz identisch. Beeindruckend.Heil-Sound-PR37-Frequenzgang-Kapsel-umfasst

Heil Sound PR37: Für wen?

In erster Linie ist das Heil Sound PR37 ein Vocal-Mikrofon. Hier macht es einen guten Job, wenngleich man bei bassstarken Stimmen sofort zum EQ greifen muss, damit es nicht mulmt. Ein steiler Low-Cut zähmt den Bassbereich sofort.

Neben dem Bühneneinsatz ist das Heil Sound PR37 auch ein Prima Studio- und Broadcast-Mikrofon. Besonders Podcaster, die eine tiefe Stimme wie im Radio erzeugen wollen, finden hier einen geeigneten Partner, der das auch ohne Plug-in hinbekommt. Im Studio ist es eine gute Ergänzung zu anderen Mikrofonen und bietet eine weitere Klangfarbe. Gut vorstellen kann ich es mir im Studio und auf der Bühne auch für das Beatboxing. Und schließlich bleibt noch der Einsatz vor Instrumenten: Ich würde das Heil Sound PR37 gerne mal an einer Bass-Drum ausprobieren. Auch an Toms, insbesondere an einem Standtom kann ich mir das Heil Sound PR37 sehr gut vorstellen.

Es lohnt sich vielleicht auch der Vergleich zum Heil Sound PR35. Dieses ist klanglich sehr eng mit dem PR37 verwandt, bietet aber eine Nierencharakteristik und ein schaltbares Hochpass-Filter, was eine Absenkung im Bassbereich ermöglicht.

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Fazit

Mit dem Heil Sound PR37 bekommt man ein sehr gutes Vokalmikrofon für die Bühne, das Studio oder das Podcasting. Der Klang ist voluminös und setzt sich gut durch. Die extrem tiefreichende Wiedergabe lässt das Heil Sound PR37 auch vor bassstarken Instrumenten glänzen. Die nahezu verfärbungsfreie Wiedergabe bei Besprechung außerhalb der 0°-Achse macht das Heil Sound PR37 zum idealen Begleiter von artistisch veranlagten Sängerinnen und Sängern, die nicht starr vorm Mikrofonstativ stehen. Der Preis? 345,- Euro beim Online-Händler des Vertrauens.

Plus

  • Verarbeitung
  • Preis
  • weiter Übertragungsbereich
  • vielfältig einsetzbar
  • rückkopplungsfest
  • verfärbungsfrei auch bei seitlicher Besprechung
  • verfärbungsfrei auch bei zugehaltener Kapsel

Preis

  • 345,- Euro
Forum
    • Profilbild
      Markus Galla  RED

      Ja, natürlich. Hatte ich sogar noch gesehen, dass die Autokorrektur beim Vorschreiben offline da am Werk war und dann später doch vergessen, es nach dem Kopieren ins Backend zu korrigieren. Vielen Dank für den Hinweis, das wird das Lektorat bestimmt dann noch korrigieren.

      Das mit der Talk Box habe ich auch gelesen, habe aber auch gegenteilige Aussagen gefunden. Fest steht, dass Heil die Talk Box für die Bühne entwickelt hat. Es gab aber schon vorher ein ähnliches Produkt, was als Ideengeber gilt: Pete Drake hat ein ähnliches Konstrukt für das Studio für seine Pedal Steel Guitar entwickelt, wo der Klang eines Lautsprechers durch einen durchsichtigen Trichter gepresst und durch die Mundhöhle moduliert wurde. Für die laute Bühne war das aber nichts, so dass das Gerät nur im Studio zum Einsatz kam. Es darf zurecht vermutet werden, dass Heil das Gerät kannte, da schon seit den frühen 1930er Jahren solche Experimente gemacht wurden und mehrere verschiedene Lösungen existierten.

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