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Test: Ibanez JEM777-DY, E-Gitarre

15. August 2017

30 Jahre - und kein bisschen leise!

Seit mehr als 30 Jahren währt nun schon die Liaison zwischen dem Shred-Superstar Steve Vai und dem Gitarrengiganten Ibanez. Keine Frage, Steve Vai zählt sicher zu DEN Aushängeschildern der Japaner, die ihm im Gegenzug immer wieder maßgeschneiderte Instrumente bauten und es bis heute tun. Nicht selten sind darunter echte optische Meisterwerke entstanden, die nicht nur einen praktischen Nutzen beim Musizieren, sondern natürlich auch einen gewissen Sammlerstatus besitzen. Ganz im Gegensatz dazu erscheint nun mit der Ibanez JEM777-DY eine Gitarre aus der „Vaischen“ Kollektion, die in ihrem Neonkostüm so wirkt, als sei sie mittels einer Zeitmaschine direkt aus den 80er Jahren importiert worden. Wir haben uns die Edel-JEM aus japanischer Herstellung mal für einen Test rüberbeamen lassen.

Facts & Features

Selbstverständlich, dass bei einem Preis jenseits der 3000,- Euro ein Case bester Qualität zum Lieferumfang gehört und so wird auch die Ibanez JEM777-DY in einem entsprechend hochwertigen Behältnis ausgeliefert. Mit im Case befindet sich auch ein Zertifikat, das die Echtheit der Gitarre in Form eines Backstagepasses dokumentiert. Nach dem Aufklappen des Koffers bietet sich ein wahrhaft farbenfroher Anblick – für den einen ein Grausen, für den anderen ein echtes Stück zeitgenössischer Kunst. Fakt jedoch ist, dass die neongelbe Lackierung des Lindekorpus in jedem Fall Premiumqualitäten besitzt: Sauber bis in die kleinsten Ritzen aufgetragen und mit einer kräftigen Leuchtkraft versehen, die im Licht der Bühne ganz sicher die Blicke auf sich ziehen wird. Natürlich darf auch der „Monkey Grip“ im Korpusdesign der Vai-RG nicht fehlen, den viele spöttisch als den „Griff zum Wegwerfen“ bezeichnen. Nun, bei diesem Preis sollten sich die Spötter das mit dem Entsorgen vielleicht doch noch mal durch den Kopf gehen lassen …

Viele, viele bunte Farben!

Im krassen Kontrast zu dem Neongelb des Korpus erscheint das schwarze, dreischichtige Pickguard mit den drei pinkfarbenen DiMarzio Pickups, dem ebenfalls pinkfarbenen Knopf des Fünfwegeschalters sowie den beiden grünen Potiknöpfen. In den 80er Jahren mochte man es eben knallig und schrill und schließlich stammt ja das Urmodell ziemlich exakt aus dem Jahr 1987. Das ist nicht nur auf dem mitgelieferten Zertifikat ersichtlich, sondern auch auf der Neckplate, die den Lindekorpus mit dem Wizardneck vereint.

Der Wizardneck der Ibanez JEM777-DY

Die einen hassen ihn und vermissen das nötige „Fleisch“, die anderen können und wollen gar nicht mehr ohne: Am Wizardneck mit seinem extrem flachen Profil scheiden sich von je her die Geister bzw. Geschmäcker. Tatsache ist jedoch, dass sich der Hersteller mit der Auswahl des verwendeten Ahorns verdammt viel Mühe gegeben hat, denn es besitzt eine äußerst feine und schöne Flammung. Verstärkt wird der Hals durch zusätzliche Einlagen aus Titan und Walnuss, das kennt man bereits von den höherpreisigen RG-Premium-Modellen des Herstellers.

Die Bundstäbchen wurden penibel eingesetzt und an den Kanten abgerundet, hier merkt bzw. fühlt man die große Sorgfalt in der Verarbeitung der JEM777 auf Anhieb. Etwas verwunderlich ist jedoch für diese Preisklasse, dass das Ahorngriffbrett separat aufgeleimt wurde – der Hals an sich wurde also nicht aus dem Vollen gefräst. Die farbenfrohen Pyramideninlays an den vertrauten Positionen auf dem Griffbrett ergänzen die Optik der Gitarre aber sehr stilsicher.

Scalloped Fretboard!

Für eine noch bessere Bespielbarkeit in den hohen Lagen wurde das Griffbrett ab dem 21. Bund zum Teil abgefräst – im Fachjargon auch „Scalloped“ genannt. Das minimiert die Reibungswiderstände der Fingerkuppen spürbar und ermöglich somit ein besseres Spielgefühl speziell in den oberen Regionen des Halses. In diesem Punkt gibt sich Steve Vai gerade zu bescheiden, wenn man zum Beispiel an die komplett überarbeiteten Griffbretter der Strats von Yngwie Malmsteen denkt. Hier gibt es das, wenn auch nur in kleinerer Form, in Serie.

— Die vier oberen Bünde der JEM wurden „Scalloped“ —

Die Hardware der Ibanez JEM777-DY

Die Ibanez JEM777-DY verfügt über ein Edge Vibratosystem, das dank einer tiefen und pink lackierten Unterfräsung im Body auch ein kräftiges Saitenziehen nach hinten bzw. oben ermöglicht. Der Vibratohebel wird eingesteckt, ist frei von jeglichem Spiel und verschwindet nach Benutzung sofort wieder aus dem Aktionsradius der rechten Hand, wunderbar! Und ich kann bereits jetzt schon verkünden, dass dieses Vibrato wirklich jeden Spaß mitmacht, ohne dabei die Gitarre auch nur einen Cent aus der Stimmung zu bringen. Alles andere wäre auch überraschend, denn ein funktionierendes Vibratosystem gehört bei dem Künstler Steve Vai schon immer zu einem wichtigen „Tool of Expression“.

Auch wenn sie bei einer Gitarre mit Floyd-Rose-Vibrato bzw. dem dazu gehörigen Klemmsattel keine so große Rolle spielen: Gute Mechaniken beruhigen das Gewissen dennoch ungemein und besonders in dieser Preisklasse sollte dieser Punkt ebenfalls stimmen. Das tut er, denn der japanische Hersteller Gotoh hat sechs seiner besten Stücke für unsere JEM777-DY spendiert, die, wie die gesamte Hardware, mit einer hochglänzenden Schwarzchromschicht überzogen wurden.

— Kopfplatte der Ibanez JEM777-DY mit den sechs Gotoh Mechaniken —

Pickups & Elektronik der Ibanez JEM777-DY

Wie eingangs erwähnt, steuert der Haus- und Hoflieferant DiMarzio die Pickups für die JEM777 bei, hier dazu in einer besonders „farbenfrohen“ Verpackung. Alle drei Tonabnehmer stammen aus der Evolution Serie und die H-S-H- Bestückung verspricht die gewohnte Soundvielfalt nach dem gewohnten Schaltungsprinzip:

Der Fünfwegeschalter und die beiden Potis sind von sehr guter Qualität und dürften dem Besitzer der Gitarre viele Jahre Freude bereiten. Besonders das extrem leichtgängige Volumepoti gefällt – so sind Fade-In- und -Out Sounds mühelos mit der Kuppe des kleinen Fingers realisierbar.

Zwischenzeugnis

Nun ja, was erwartet man von einer Gitarre, die im Laden für deutlich über drei große Scheine angeboten wird? Perfektion natürlich! Und die gibt es bei der Ibanez JEM777-DY in praktisch jedem Detail zu entdecken. Die Verarbeitungsqualität entspricht den Erwartungen also vollends, bliebe nur noch abzuklären, wie sich die Gitarre in der Praxis schlägt. Dazu bitte einmal umblättern!

Sound & Praxis mit der Ibanez JEM777-DY

Was soll man sagen, Steve Vai hätte seine Freude an dieser RG! Spaß beiseite, die Ibanez JEM777-DY ist schlicht und ergreifend das, was man von einer Gitarre dieser Preisklasse erwartet. Federleichter Body, ergonomische Fräsungen an allen Ecken und Kanten und famose Bespielbarkeit auf der gesamten Länge des Griffbretts. Der akustische Grundsound verspricht bereits einiges, denn die Gitarre klingt trocken angespielt schon sehr strahlend, drahtig und bissig mit einem sehr guten Sustain. Hinzu kommt die famose Bespielbarkeit, zumindest dann, wenn man sich an das überschlanke Halsprofil gewöhnt hat, das auch hier wieder dem Begriff „Flachbrett“ alle Ehre erweist.

Hören wir nun rein in den elektrischen Sound der Gitarre, dazu wurde folgendes Equipment verwendet: Ein Orange Micro Dark Verstärker, eine H&K GL112 Box mit 12″ Celestion Vintage 30 Speaker sowie ein AKG C3000 zur Abnahme.

In Klangbeispiel 1 zunächst der Cleansound, abgenommen mit dem gesplitteten Fronthumbucker und dem Singlecoil (zweite Position von vorne des Fünfwegeschalters).

Klingt wunderbar dick und satt – und keinesfalls nach Strat. Es ist eben der typische, fast schon Hi-Fi-artige Sound der DiMarzios im Bauch einer RG.

Im nächsten Klangbeispiel nun der Singlecoil im Zusammenspiel mit dem (gesplitteten) Steg-Humbucker. Hier herrschen viel Biss und Draht und zudem eine ausgezeichnete Dynamik, die auch nach Herunterregeln des Volumepotis keine Einbußen hinnehmen muss!

Weiter geht’s mit den verzerrten Sounds. Im dritten Klangbeispiel jetzt ein Highgain Riff, gespielt auf dem Steg-Humbucker. Enorm viel Gas, sollte man meinen!

Das nächste Klangbeispiel zeigt einen Highgain-Sound, gespielt mit dem Front-Humbucker, der nicht weniger viel Output wie sein Kollege am Steg liefert. Dennoch bleibt auch bei hohen Gainsettings die Dynamik voll erhalten und auch das Problem mit dem „Zumatschen“ ist hier keines.

Abschließendes Beispiel ist ebenfalls eine Sololinie, nun aber gespielt auf dem DiMarzio Evolution am Steg. Ein wunderbar resonanter Ton, der so einfach in ein Feedback zu bekommen ist.

Fazit

Die Ibanez JEM777-DY ist eine Superstrat der absoluten Oberklasse, daran bleiben nach Abschluss unseres Tests überhaupt keine Zweifel. Die Auswahl der Komponenten und deren Verarbeitung befinden sich auf höchstem Niveau, zudem lockt die JEM777 mit einer außergewöhnlichen Optik und ihrer Limitierung, was ihr ohne Zweifel einen Sammlerstatus verleiht. Doch zum Sammeln ist diese Gitarre viel zu schade, sie möchte bitte gerockt werden!

Plus

  • Verarbeitung
  • Klang
  • Bespielbarkeit
  • auffällige Optik
  • Sammlerstatus
  • Edelcase mit dabei

Minus

  • -

Preis

  • Ladenpreis: 3.498,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Danke für den Bericht. Geiles Teil!!
    Großartiges Design. Zeitlos durch klares Dekadenbekenntnis. Ein Klassiker.
    Ich muss mich schwerst zusammenreissen nicht das Sparschwein zu schlachten :)

  2. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Diese Klampf war schon immer mein Traum, aber ich habe mich anders entschieden. Nunja, es gibt sie immer noch, die 777jem

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