Test: MIDI-Interfaces für Vintage-Synthesizer (CV/Gate)

11. August 2012

MIDI-Nachrüstungen für CV/Gate Boliden

Midi-Nachrüstung eines Roland SH-2

Wessen Liebe den Synthesizer-Vintage-Klassikern der CV-Gate Ära gehört, der hat schon das ein oder andere Mal über eine MIDI-Nachrüstung nachgedacht.

Immer wieder tauchen auch in einschlägigen Online-Märkten MIDIfizierte Vintage-Klassiker auf, deren MIDI-Qualitäten sich nach dem Erwerb als große Enttäuschung herausstellen. Zu oft wird nämlich von Liebhabern selbst Hand angelegt, um entsprechende Nachrüstungen vorzunehmen, wobei sich leider bewahrheitet, dass ein guter Musiker noch lange kein guter Elektrotechniker ist. Vor allem aber waren die MIDI-Nachrüstsätze der goldenen MIDI-Jahre (80er) meist nur mit rudimentären Funktionen ausgestattet.

Diese Erkenntnis bringt einen irgendwann dazu, nach gut erhaltenen Originalen OHNE MIDI zu suchen, um diese dann von einem Fachmann durch aktuelle MIDI-Bausätze nachrüsten zu lassen. Und genau das haben wir getan.

Die auserwählten Boliden für eine MIDI-Nachrüstung waren ein ARP Axxe sowie ein Roland SH2, beides Kandidaten, die sich selbst mit handelsüblichen MIDI-to-CV/Gate Interfaces nur schwer in den Griff bekommen lassen. So benötigt der Roland SH2 (wie auch seine Roland-Geschwister aus der selben Ära) eine deutlich höhere Trigger-Spannung, als sie z.B. ein Doepfer MC4 zu liefern vermag. Auch sind bei beiden Synthesizern nicht alle Anschlüsse vorhanden, die notwendig wären, um mit einem externen Interface nicht nur Tonhöhe und Gate, sondern auch z.B. Filter und Lautstärke steuern zu können. Das gilt übrigens auch für die meisten anderen Klassiker.

Midi-Nachrüstung eines ARP Axxe

CHD Elektroservis Midi-Nachrüstungen

Für den ROLAND SH-2 entschieden wir uns im Internet für das Online-Angebot des tschechischen Anbieters CHD Elektroservis, der sich in der Vintage-Szene längst einen Namen gemacht hat, u.a. durch Break-Out-Boxen für den Roland Juno-6/60 und Jupiter-8, die die Roland DCB-Schnittstelle in MIDI umwandeln.

CHD bietet eine breite Auswahl an MIDI-Nachrüstungen für Vintage Synthesizer. Kleine Nebeninfo: Das von uns bestellte Interface für den SH-2 lässt sich auch in einen Roland SH-9 einbauen. CHD war keine zufällige Wahl, sondern auch der einzige Anbieter im Netz, der speziell für den ROLAND SH-2 (und viele andere Vintage-Geräte) einen eigenen Bausatz angeboten hat. Aktuell werden die CHD-Produkte in Deutschland über das Musikhaus Korn vertrieben. Der SH-2 Bausatz SH2-M schlägt mit 129,- Euro (ohne Einbau) zu Buche.

Sebastian Niesen SND.com Midi-Nachrüstung

Für den ARP Axxe haben wir eine exklusivere Lösung gewählt und uns an Sebastian Niessen in München gewendet.

Insidern ist Sebastian oder seine Firma SND vor allem durch den hoch gelobten Sequencer SAM-16 oder neuerdings durch den „Clock-Verbieger“ ACME-4 bekannt, aber auch durch seine Restaurierungen, Modifikationen und MIDIfizierungen von Vintage-Klassikern.

Sebastian hat lange Zeit u.a. für Kraftwerk Spezialentwicklungen gemacht und Modifikationen an deren Synthesizern vorgenommen und gilt als einer der Top-Experten auf diesem Gebiet. Und das nicht nur im deutschsprachigen Raum. Kürzlich hat Sebastian ein eigenes MIDI-Interface für analoge Synthesizer entwickelt, welches er nur persönlich verbaut. Entsprechend hochpreisig ist dadurch auch der Komplettpreis von ca. 600,- Euro (zzgl. MwSt.) für Interface, Einbau und die fast immer notwendige Neukalibrierung. Wie wir später sehen werden, ist auch dieser Preis durchaus gerechtfertigt.

SND.com bietet für monophone Synthesizer nur dieses eine MIDI-Interface an, passt dieses aber auf Wunsch an praktisch alle Klassiker an (auch modulare). So wurde mir bei ihm eindrucksvoll der Einsatz der Möglichkeiten am Beispiel eines MIDIfizierten Minimoogs demonstriert. Interface und Einbau gibt es bei SND nur im Bundle. Es ist also nicht möglich, sich das Interface für den eigenen Einbau schicken zu lassen.

Es wäre übrigens auch kein Problem, einen SH-2 mit diesem Interface auszurüsten – aber dann hätten wir ja nichts zum Vergleichen gehabt.

Einbau der MIDI-Nachrüstung in der Praxis

Sebastian haben wir nicht nur den Einbau seines eigenen Interfaces durchführen lassen, sondern auch den Einbau des CHD-Interfaces.

Das CHD-Interface wird mit einer englischen Installationsanleitung geliefert. Laut dieser Anleitung ist das Interface für einen seitlichen MIDI-Ausgang und MIDI Thru/Out am SH-2 vorgesehen. Der Einbau und damit die Veränderung des Originalszustands ist für Freunde analoger Synthesizer an und für sich schon eine Verunstaltung, das Gehäuse seitlich aufzubohren, geht vielen aber sicher einen Schritt zu weit und ist in den meisten Fällen auch unpraktisch.

Die CHD Platine mit MIDI-Buchse wurde auf die Rückseite montiert

Sebastian ging es ebenso, deshalb entschloss er sich, die MIDI-Buchse an der Rückseite anzubringen. Das ist etwas aufwendiger, für Fachmänner aber kein echtes Problem. Auf die MIDI Thru/Out-Buchse haben wir aus den selben Gründen bewusst verzichtet.

Auf der linken oberen Gehäusefläche wird außerdem ein Schalter am SH-2 angebracht, mit dem sich zwischen CV- und MIDI-Steuerung umschalten lässt, sowie eine LED. Leider funktioniert die LED nicht als MIDI-Anzeige. Auch ist der  Schalter nicht zwingend erforderlich, darauf wird aber in der Einbauanleitung erst ganz am Ende hingewiesen, wenn man das Loch wahrscheinlich längst gebohrt hat.

Bei der Installation fiel auf, dass bei einem der mitgelieferten Mehrpolkabel die Farbzuordnung so ungünstig gewählt wurde, dass man nach dem Verlegen noch mal elektrisch prüfen muss, welche Ader wohin gehört. Auch wird in der Anleitung verlangt, in zwei der werkseitig verbauten Flachbandverbindungen zwischen den verschiedenen Platinen einzelne Adern aufzutrennen, um dort das Interface anzuschließen. Das ist nicht nur unschön und „fummelig“, sondern birgt auch ein hohes Risiko, versehentlich etwas zu beschädigen. Viel einfacher und sicherer ist es, statt dessen zwei Widerstände einseitig auszulöten und dort die Verbindungen anzuschließen. Überhaupt gewinnt man den Eindruck, dass bei CHD kein SH-2 zur Hand war, um ihre Konstruktion am „lebenden Objekt“ zu testen.

CHD Kabelbaum mit 4 Kabeln, aber leider nur 2 Farben

Die Installation der SND MIDI-Nachrüstung nahm der Meister himself vor. Auch für das SND-Interface werden zusätzliche Bedienelemente eingebaut, nämlich zwei Kippschalter, ein Taster und eine Kontroll-LED. Wie schon erwähnt, kalibriert Sebastian beim Einbau auch gleich das Tuning des Probanden.

Normalerweise werden die Interfaces von SND im Rahmen von Komplett-Restaurierungen angeboten.  Da der Axxe insgesamt in recht gutem Zustand war, hielt sich der sonstige Aufwand aber in Grenzen. Richtig dringend waren eigentlich nur die Reinigung des Transpose-Schalters und der Tastenkontakte. Letztere waren allerdings so verdreckt, dass es nötig war, die Sammelschienen zum Reinigen auszubauen. Außerdem wurden alle Funktion und Bedienelemente überprüft, sodass wir ein wirklich voll funktionsfähiges Instrument zurück bekamen.

Solcher Service verteuert die Sache gegebenenfalls um den einen oder anderen Euro. Wie sehr, hängt letztendlich vom Zustand des Gerät ab, das man bei Sebastian angeliefert. Nach der Prüfung und vor dem Umbau wird der Umfang der Restaurierung abgesprochen, und der Kunde bekommt eine Kostenschätzung.

Was genau können die Midi-Sets?

CHD.Electronics für Roland SH-2

Die mehrseitige englische Anleitung zum CHD SH-2 MIDI-Interface ist sehr ausführlich, leider auch größtenteils verwirrend. Wer sich nicht auskennt mit Sys-Ex Codes und Hex-Angaben, wird sich das ein oder andere Mal wünschen, die Anleitung wäre auf Deutsch und durch einen Musiker geschrieben worden – und nicht, wie es aussieht, durch einen Ingenieur. An dieser Stelle gleich ein großes „Entschuldigung“ an alle musizierenden Ingenieure.

Endlich Midi für den Roland SH-2

Durch das CHD-Interface lassen sich VCO-Tonhöhe, Pitchbend, VCF-Cut Off und VCA-Level steuern. Die Steuerung von Modulation habe ich leider schmerzlich vermisst, auch funktioniert bei der MIDI-Steuerung das Portamento nicht mehr. Letztere gilt übrigens für fast alle MIDI-CV-Interfaces, nicht aber für das SND-Interface. Doch dazu später.

Leider fehlte der CHD MIDI-Nachrüstung ein Learn-Taster für das schnelle Zuweisen von MIDI-Kanal oder Controllern. Das macht die Konfiguration umständlich. Wer aber über eine moderne DAW verfügt, kann sich recht schnell ein passendes Controller-Environment zusammen stellen, mit dem er die angebotenen Parameter verändern und auch aufzeichnen kann. Alternativ dazu lässt sich selbstverständlich auch eine externe Controller-Box entsprechend konfigurieren.

SND für ARP AXXE

Das SND-Interface erlaubt ebenfalls Steuerung der Tonhöhe (inklusive Pitchbend), des Filters und der Lautstärke, aber auch der Modulation. Außerdem gibt es noch ein Hilfsgate, welches für verschiedene Funktionen eingesetzt werden kann, z.B. als Clock für einen evtl. vorhandenen Arpeggiator oder zur getrennten Triggerung der zweiten Hüllkurve. Im Axxe gab es allerdings leider keine sinnvolle Verwendung dafür, deshalb wurde es nicht angeschlossen.

… und ebenso Midi für den ARP Axxe

Im Gegensatz zum CHD-Interface (und andern intern Nachrüstungen wie z.B. von Kenton) muss beim SND-Interface nicht zwischen internem Keyboard und MIDI-Steuerung umgeschaltet werden. Beides funktioniert parallel und gleichwertig, dh. auch Portamento funktioniert über MIDI. Das Einstellen von MIDI-Kanal und tiefster Note erfolgt bequem über einen Lern-Taster. Zusätzlich kann mittels der beiden Kippschalter die Filter- und Lautstärke-Steuerung zwischen Velocity und einem anderen (frei wählbaren) Befehl umgeschaltet werden. Sehr praktisch! Über MIDI lassen außerdem weitere Einstellungen vornehmen, wie etwa der Regelbereich jedes Parameters sowie die Richtung, d.h. es ist auch eine invertierte Steuerung möglich.

Der Clou an dieser MIDI-Nachrüstung sind aber die bei keinem anderen Interface zu findenden Zufallsmöglichkeiten. Bei Steuerung per Velocity kann für die Parameter Modulation, Filter und Lautstärke eine in der Stärke regelbare Zufälligkeit eingestellt werden. Außerdem lässt sich für Haupt- und Hilfsgate die Wahrscheinlichkeit einstellen, mit der diese „feuern“.  Im Klartext: Selbst eine einfache achtel Sequenz beginnt zu grooven. Und mit ein bisschen Rumprobieren beginnen mehrere Synths, die mit den selben MIDI-Daten gefüttert werden, richtig zu „jammen“.

Fazit

Die CHD MIDI-Nachrüstung arbeitet zuverlässig und tut, was man von ihm erwartet. Der Einbau  ist etwas frickelig. Die Bedienung  gewöhnungsbedürftig und die Anleitung schlechtweg eine Katastrophe. Auf der anderen Seite haben uns einige User davon berichtet, dass die CHD-Erweiterungen für Roland Jupiter-4, Korg Monopoly und Korg Polysix, problemlos eingebaut werden konnten. Vielleicht legt CHD beim Axxe-Set noch etwas nach, dann ist der preis letztendlich unschlagbar.

Das SND-Interface hat seine Stärke in seiner Vielseitigkeit. Hier lassen sich mehr Parameter steuern, und die Funktionen „Zufall“ und „Wahrscheinlichkeit“ erweitern das musikalische Repertoire enorm. Hinzu kommt eine vorbildliche Anleitung auf Deutsch sowie dank Learn-Taster und zusätzlichen Kippschaltern eine komfortable Bedienung. Der Preis ist hingegen extrem hoch.

Zusammengefasst:

Halbwegs versierte Elektroniker und Tüftler, die sich den Einbau selbst zutrauen, bekommen mit dem CHD-Interface ein MIDI-Interface mit einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer aber bereit ist deutlich mehr zu bezahlen, der erhält mit der SND-MIDIfikation die Königsklasse.

Preis

  • CHD: 129,- Euro ohne Einbau
  • SND: 600,- Euro zuzügl. MwSt. inklusive Einbau
Forum
  1. Profilbild
    ossi-lator

    Aus meiner Sicht – als Anwender und Nutzer von CHD Midiinterfaces in den folgenden Geräten – gibt dieser Test ein verfälschtes und unstimmiges Bild wieder. Mag sein, dass es beim SH-2 etwas tricky ist – ich habe keinen – aber beim:

    -Jupiter-4
    -Korg Mono/Poly (war der Prototyp für Jan von CHD)
    -Korg Polysix

    sind die Interface auch von Laien perfekt und sauber installierbar. Die Dokumentation ist leicht verständlich und ein Tool zur Programmierung der Sysex-Daten zur Umprogrammierung des Interfaces liegt ebenfalls bei.

    Zu diesem Preis-Leistungsverhältnis von CHD gibt es keine Alternative am Markt, bei denen auch der Funktionsumfang (alle Modi bei Korg verfügbar, Arpeggiator per Midi, Modulation usw.) verfügbar ist.

    Sebastian N. macht unbestritten Spitzenprodukte aber eben auch für den „großen“ Geldbeutel. Der Großteil der Otto-Normalverbraucher-Synth-User wird nur leider nicht um 600 Euro pro Synth berappen.

    Vergleicht doch beim nächsten mal die Akai MFC-42 Filterbank oder eine von Vermona mit der SND FB-14 oder den MFB Urzwerg pro/Doepfer Dark Time mit dem SND SAM-16.

    Nonsens ist das, zumal vom Autor kein objektives Fazit im Bezug auf Preis/Leistung erfolgt………….Sommerlochgeschreibe.

    • Profilbild
      Tyrell  RED 11

      Auf Grund guter Erfahrungen, auch von anderen Lesern, mit CHD, haben wir das Gesamturteil entsprechend angepasst und auch den hohen Preis des SND-Midi-Interfaces im Fazit gerade gerückt.

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