Test: Roland SH-32, VA-Synthesizer

7. Mai 2002

Virtuell Analoger mit SH-Sound?

Wir sind gespannt auf den Neuling Roland SH-32, denn die berühmten Roland SH-Modelle, allen voran der SH-101, waren bisher als rein analoge monophone Synthesizer für ihren extrem fetten Klang bekannt. Besonders im Technobereich konnten die sich die SH-Modelle behaupten. Jetzt legt Roland ein elfenbeinfarbiges SH-Brikett nach. Diesmal allerdings vollgestopft mit 32 Stimmen, Drumsamples, Effekten und erweitertem Ar peggiator. Bei einem Preis von ca. EUR 500.- dürfte klar sein, dass all dies natürlich auf rein digitaler Ebene zur Verfügung gestellt wird. Außer dem Namen hat der SH-32 also nicht allzu viel mit seinen Ahnen zu tun.

Oberfläche Roland SH-32

Auf den ersten Blick erscheint die Bedienoberfläche des Roland SH-32 den Betrachter zu erschlagen. So viele Bedienelemente auf einer so kleinen Fläche wirken zunächst unaufgeräumt. Beschäftigt man sich aber ein wenig mit der Anordnung, wirkt alles durchdacht und man kann schnell und intuitiv auf alle wichtigen Parameter zugreifen. Etwas schwieriger lassen sich allerdings „weniger wichtige“ Funktionen erreichen. Oft sind Tastenkombinationen notwendig, die sich erst aus der Bedienungsanleitung erschließen. Die Drums findet man kaum ohne Anleitung, und wenn überhaupt nur durch Zufall. Die eigentlichen Synthesizer-Funktionen lassen sich aber tadellos editieren. Wenn auch nicht sonderlich stabil, sind z.B. den drei Hüllkurven allesamt gesondert kleine Fader spendiert worden, was sich sehr begrüße. Lediglich die beiden Oszillatoren und die zwei LFOs müssen sich jeweils die gleichen Bedienelemente teilen, was man aber verschmerzen kann. Schön ist auch die Möglichkeit mittels dem „Preview“-Knopf, den übrigen Tasten ein „virtuelles“ Keyboard zuzuordnen, um somit direkt am SH-32 seine Klänge zu testen. Alles im allem ist die Oberfläche des SH-32 eine gelungene Innovation
am Kompromiss zwischen der Anzahl an Bedienelementen und der Benutzerführung.

Oszillatoren

Der Roland SH-32 bietet zwei Oszillatoren pro Stimme. Die Wellenformen sind in Gruppen eingeteilt, da der Roland SH-32 auf eine Vielzahl vom verschiedenen Spektren zugreifen kann. So steht z.B. nicht nur ein einziger Sägezahn zur Verfügung sondern insgesamt stolze zwölfe an der Zahl, die alle unterschiedliche Obertonspektren haben. Die Variation Nr. 12 bietet sogar zwei gegeneinander verstimmte Sägezähne, wodurch mit einer einzelnen Stimme schon recht dicke Sounds erzeugt werden können. Wer das vom JP bekannte Oszillatormodell „Supersaw“ sucht, wird hier leider enttäuscht, was ich für sehr schade erachte. Dies hat sicherlich mit der Rechenleistung zu tun, und bleibt somit den teuren JP-Modellen vorbehalten. Dennoch bietet der SH-32 eine weitreichende Auswahl an Wellenformen, die das Klangpotenzial gegenüber anderen Synthesizern dieser Art erwähnenswert erhöht. Obendrein steht Ringmodulation und Sync zur Verfügung.
Bei Verwendung der Oszillator-Sync-Funktion muss man leider auf das Filter verzichten, das dann Aufgrund beschränkter Rechenleitung in der „OFF“-Position verweilt. Die Oszillatoren schwingen beim SH-32 nicht frei, d.h. sie werden bei jedem Tastenanschlag neu gestartet.

Filter

Das Multimodefilter kann mit den Charakteristiken Low-Pass, Band-Pass, High-Pass und Peak ordentlich zupacken. Zudem lässt sich die Flankensteilheit von 12dB/Okt. auf 24 dB/Okt. umschalten. Eine ADSR-Hüllkurve und Key-Follow komplettieren die Ausstattung. Ein nicht minder gravierender Kritikpunkt ist, dass es beim kontinuierlichen Verändern der Cutoff-Frequenz zu deutlich hörbaren Sprüngen kommt. Vorbildlich ist hier der Virus, der eine Parameterglättung bietet. Beim SH-32 stellen sich aber unschöne Flattereien im Klangbild ein. Bei Filtersweeps durch LFO oder Hüllkurve tritt dieses Phänomen – wie erwartet – allerdings nicht auf. Hierbei handelt es sich aber auch nicht etwa um einen Software-Bug, sondern ich denke eher, dass das Cutoff-Poti vom Prozessor nicht schnell genug abgefragt wird. Klanglich bewegt sich das Filter in der Klasse Yamaha CS1x / CS2x bzw. Roland RS-5. Man kann hier also nicht Minimoog-Qualitäten erwarten. Das soll bedeuten, das man dem Filter „anhört“, dass es sich mit wenig Rechenleistung zufrieden geben muss. Man hat vor allem beim Einsatz der Resonanz immer ein etwas kratziges Klangbild, was aber nicht unbedingt schlecht sein muss. Für aggressive Hooks oder knarzige Bässe ist das in der Tat immer wieder von Vorteil.
Die Programmierer haben sich also (mit Erfolg) angestrengt, aus der Not eine Tugend zu machen, indem sie das Filter „schön dreckig“ klingen lassen, was dem typischen Anwender des SH-32 entgegenkommen dürfte. Bei hohen Resonanzwerten sollte man die Patch-Lautstärke etwas zurücknehmen, falls die entstehenden digitalen Verzerrungen nicht gewünscht sind.

AMP und LFOs

Neben der Amplituden ADSR-Hüllkurve können die Hüllkurvenzeiten des Roland SH-32 per Key-Follow verändert werden. Die LFOs sind recht umfangreich ausgestattet. Zwar reichen die Frequenzen nicht bis in den Hörbereich, aber für übliche Modulationen ist das auch nicht notwendig. Die LFOs können zudem per BPM-Sync an das bestehende Tempo angepasst werden, was ich sehr begrüße.

Arpeggiator

Mit dem Arpeggiator des Roland SH-32 lässt sich schon einiges anstellen, bietet er doch die Möglichkeit eigene Styles zu kreieren. Die Bedienung ist sicherlich nicht so luxuriös wie z.B. bei einem Stepsequenzer, aber dennoch gut gelöst. Schön sind auch die verschiedenen Grid-Muster mit denen sich sogar Shuffle-Rhythmen erstellen lassen. Neben dem Arpeggiator für die tonalen Synthesizer-Spuren gibt es noch eine Variation speziell für den Drum-Modus mit dem sich dann Drum-Patterns erstellen lassen. Zudem sind alle wichtigen Parameter vorhanden um nicht nur die typischen monophonen Old-School-Styles zu erzeugen, sondern auch Polyphone Muster mit verschiedenen Notenlängen. Die Synchronisation zum Songtempo ist natürlich selbstverständlich.

Effekte

Der SH-32 bietet zwei Multi-Effekte, die sich die Algorithmen wie folgt aufteilen. Der „REV/DELAY“-Prozessor kann zunächst natürlich Hall in verschiedenen Varianten erzeugen. Zudem gibt es auch hier die Möglichkeit, verschiedene Delay-Varianten und einen Chorus anzuwählen. Der zweite Effekt stellt einen sogenannten „Insert-FX“ dar. Hier sind die Algorithmen vielfältiger und greifen zum Teil heftig ins Klanggeschehen ein. Neben Equalizern, Verzerrern, Kompresooren und natürlich den LoFi-Effekten, gibt es hier die guten Roland-Modulations-Effekte, wie z.B. Chorus, Flanger und Phaser. Auch der Insert-FX kann Hall oder Delay erzeugen, allerdings nicht so vielfältig.
Vor allem der Phaser besticht auf Flächen und Arpeggio-Synths. Die Hall-Qualität geht für einen Synthesizer in Ordnung, ist aber sicher nicht das gelbe vom Ei.

Multimode

Im Roland SH-32 gibt es leider nur einen vierfachen Multimode, was ich schade finde, denn mit 32 Stimmen lässt sich eigentlich in elektronischen Stilistiken schon eine Menge anfangen. Falls man komplette Arrangements mit dem SH-32 erstellen will, muss man sich schon etwas einfallen lassen, um eine gewisse Komplexität zu erreichen, zumal sich die Drums gleich auch noch den vierten Multimode-Part krallen. Zwei weitere Einzelausgänge hätten dem SH-32 sicher auch nicht geschadet, um z.B. trockene Klänge am Mischpult zu bearbeiten. Dennoch erschließt sich die Arbeit mit dem Multimode schnell und ist einfach zu handhaben, da sich jeder Part sofort per dezidiertem Knopf anwählen und editieren lässt. In der „Synth-Stack“-Betriebsart kann man vier Sounds übereinanderschichten und erhält somit schön fette Klänge, wodurch sich natürlich die Polyphonie reduziert. Im Falle eines vierfachen Stacks ist der SH-32 aber immer noch mit acht Stimmen spielbar, was vollkommen ausreicht.

Drums

Es stehen vier Drumbänke im Roland SH-32 zur Verfügung, die schnell erkennen lassen, für welches Genre der SH-32 gedacht ist. In Gedenken an den Hauptverwendungszweck der SH-101 ist dies wohl klar: Techno/Dance/Elektronik. Die Belegung der Tasten mit den entsprechenden Klängen ist leider fest vorgegeben. Erfreulich ist allerdings die Möglichkeit, jeden Klang pro Taste mit den Synthesizer-Funktionen bearbeiten zu können und Effekte zuzuweisen. Der Hall-Effekt kann dabei in128-Stufen angesteuert werden, beim Insert-FX besteht nur die Möglichkeit des An/Ausschaltens.

Klangbeispiele Roland SH-32

Anhand der Klangbeispiele können Sie am besten entscheiden, ob der SH-32 Ihren Ansprüchen gerecht wird. Das Klangliche Spektrum wird hierdurch natürlich nicht im vollem Umfang abgedeckt. Die Aufnahme wurde ohne externe Nachbearbeitung bei ausgeschalteter Low-Boost-Funktion mit nur einem SH-32 erstellt. Die Low-Boost-Funktion würde in aktiviertem Zustand die Tiefen Frequenzen anheben. Beim Betrieb im Multimode kann dem SH-32 schon mal die Puste ausgehen. Im Klangbeispiel „SH-32 Trance“ hören sie eindrucksvolle Timingschwankungen z.B. bei den Snare-Rolls.

Fazit

Klanglich kann sich der SH-32 auch über die Technohupe :o) hinaus behaupten. Den Status analoger Brachialität darf man hier aber erwartungsgemäß nicht zuweisen. Hinter seinen großen Brüdern aus der JP-Reihe muss sich der SH-32 nicht direkt verstecken, klingt aber bei weitem nicht so fett, was mangels der „Supersaw“ auch nicht verwunderlich ist. Auch im Vergleich mit Virus, Nordlead und den Novas muss er leider etwas zurückstecken. Der günstige Preis, für den er zu bekommen ist relativiert das aber enorm. Die sehr gut gelungene Oberfläche mit den zahlreichen Bedienelementen und die 32-Stimmige Polyphonie lassen den SH-32 im attraktiven Licht stehen und der Grundklang erreicht ein Niveau, das die meisten Software-Synthesizer alt aussehen lässt. Im direkten Vergleich kann allerdings der eine oder andere Softsynth besser klingen. Für sein Geld bekommt man neben 32 Stimmen und der Oberfläche auch noch zwei Effekte mitgeliefert, was den Einsatz auf der Bühne und im Studio unterstützt, bzw. die CPU eines reinen PC-Studios entlasten kann. Für 500.- bekommt man also ein attraktives Gerät für Einsteiger und mittelgroße Studios, das sicher nicht ungenutzt in der Ecke landen wird.

Plus

  • Günstiger Preis
  • Direkter Zugriff auf alle wichtigen Parameter
  • 32 Stimmen
  • Gute Effekte
  • Sehr guter Arpeggiator

Minus

  • Keine "Supersaw" ;-)
  • Nur vier Multimode-Parts
  • Drumsounds pro Taste nicht frei wählbar

Preis

  • 500,-€
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