Test: Roland SH-201, VA-Synthesizer

24. Juli 2006

Das Erbe des JP-8000

Vorgestellt auf der Musikmesse 2006, ist der neue Einsteiger Synthesizer Roland SH-201 nun endlich lieferbar. Wurde Anfangs noch über echte analoge Synthese gemunkelt, stellte sich schnell heraus, dass der SH-201 ein V-Synth Ableger ist, also ein rein digitaler Synthesizer, dessen Klangarchitektur sich nach analogen Vorbildern richtet. Ob hinter der Engine aufgrund des Vorhandenseins der Supersaw und des Feedback Oszillators ein runderneuerter JP-8000 steckt, wird dieser Test zeigen.

Features Roland SH-201

Der SH-201 wohnt in einem sehr leichten Kunststoff-Gehäuse (5,5 kg) mit 49 anschlagdynamischen Kunststofftasten und dem typischen Roland Pitch-Bender. Auf der Rückseite finden wir neben den üblichen Anschlüssen einen Stereo-Eingang und vor allem eine USB Buchse (s.u.) mit überraschend flexiblen Funktionen.

Die 10stimmige Klangerzeugung kann maximal zwei Klänge (Upper und Lower) gleichzeitig erzeugen, die durch zwei Effekt-Engines aufgewertet werden können. Upper und Lower können auch gesplittet werden, jedoch ist es nicht möglich diese getrennt auf den linken oder rechten Ausgang zu routen. An Spielhilfen stehen ein Arpeggiator und ein D-Beam Controller zur Verfügung.
Der Stereo Eingang kann durch ein eigenes Filter bearbeitet werden oder direkt als Oszillator „Wellenform“ in die Klangerzeugung einfließen.

Klangarchitektur

Der SH-201 erzeugt seine Klänge mit zwei Oszillatoren, einem Filter, zwei LFOs und drei Hüllkurven. Die beiden Oszillatoren sind identisch aufgebaut und bieten die Wellenformen Sägezahn, Rechteck, modulierbarer Puls, Dreieck, Sinus, weißes

Rauschen, Feedback, Supersaw und external Input an. Die Tonhöhe ist um +/-12 Halbtöne oder +/- 3 Oktaven regelbar und zusätzlich per Detune zu verstimmen. Der Regler PW/Feedback beeinflusst nur die Wellenformen Puls (Pulsweite), Feedback Osc (Feedback) und Supersaw (Detune). Schön ist, dass man durch die identische Struktur der beiden Oszillatoren gleich mehrfache Möglichkeiten der Klangerzeugung hat. Beim JP-8000 bietet der zweite Oszillator nur Sägezahn, Dreieck und Puls. Klanglich fällt auf, dass der SH-201 nicht von allerhöchster Güte ist. Die Wellenformen sind nicht frei von Aliasing und klingen über die Tastatur verteilt inhomogen.

Dieses Verhalten ist schon aus dem V-Synth bekannt, wenn der „High Quality“ Parameter nicht aktiviert ist. Leider gibt es im Roland SH-201 diesen Parameter gar nicht und so werden sich Idealisten an den nur mittelmäßigen Oszillatoren stören. Der JP-8000 klingt hingegen mehrere Klassen besser, während auch der JP-8080 mit seinen 10 Stimmen gegenüber dem JP-8000 leicht abfällt. Möglicherweise ist nicht genügend Rechenpower vorhanden, um richtig gute Oszillatoren erzeugen zu können, womit der SH-201 als Einsteiger-Synthi zu klassifizieren ist.
Die beiden Oszillatoren werden nun entweder gemischt, gesynct oder ringmoduliert. Danach bietet der SH-201 eine Art rudimentären Equalizer an, mit dem sich der Bassbereich abheben und absenken lässt. So kann man per Knopfdruck Lead-Sounds durchsetzungsfähiger und Bass-Sounds dicker machen.

Das Filter bietet Tiefpass, Bandpass und Hochpass an, die sich alle Drei zwischen 12 und 14 dB umschalten lassen. Wenn die Resonanz reingedreht wird, wird automatisch die Lautstärke abgesenkt um Verzerrungen zu vermeiden. Das Filter tönt recht gut und klingt dabei „rolandtypisch“ weich. Es ist und bleibt aber ein digitales Filter, das sich qualitativ zwischen Novation und Waldorf einstufen lässt. Ein Vorteil gegenüber dem Filter des JP-8000 ist, dass es bei niedrigen Cutoff Werten nicht knackt, generell klingt das JP-8000 Filter aber auch komplett anders.
Die drei mäßig schnellen Hüllkurven rekrutieren sich aus einer einfach AD-Hüllkurve für Pitch und je einer ADSR-Hüllkurve für Filter und Lautstärke. Dem „Amp“ kann ein einfacher aber effektiver Verzerrer vorgeschaltet werden. Die Stärke der Verzerrung ist durch eine Doppelbelegung des Level-Potis zu verändern. Dazu hält man den Overdrive-Button gedrückt und dreht am Level-Poti.

Die beiden LFOs sind identisch aufgebaut und nur monophon ausgeführt, d.h. sie regeln für den gesamten Klang und nicht pro Stimme. Dafür lassen sie sich auch zum Tempo synchronisieren. Mit maximal 30 Hz, können die LFOs nicht bis in den Audiobereich modulieren, sind aber für normale Modulationen bestens geeignet.

Effekte

Zwei Effektprozessoren, Delay und Reverb, können den Klang erheblich aufwerten. Wie man es von Roland gewohnt ist, können zahlreiche Parameter der Effekte verändert werden. Die Parameter Time und Depht sind direkt als Poti ausgeführt. Möchte man andere Parameter ändern, so ist etwas Fingerakrobatik nötig. Mit verschiedenen Tasten/Poti Kombinationen, die im Handbuch vermerkt sind hat man Zugriff auf weitere wichtige Einstellmöglichkeiten für die Effekte. Schön, dass es diese Möglichkeit gibt. Etwas komfortabler geht es mit der Editor-Software, bzw. mit dem Editor-PlugIn. Die Effekte klingen ordentlich, können aber nicht mit den Effekten aus dem V-Synth oder Fantom mithalten. Für einen Einsteiger-Synthesizer sind die beiden Effekte jedoch ein tolles Feature, so kann das Delay auch moduliert werden und so als Chorus fungieren. Leider bietet das Delay keinen Ping-Pong- oder Cross-Modus.

External Input

Der externe Stereo-Eingang lässt sich mit einem extra Filter bearbeiten, z.B. für DJ-Live-Performances oder um einfach auch andere Klangerzeuger zu filtern. Die Center-Cancel Funktion, auch unter dem Namen „Karaoke“-Funktion darf wohl in keinem japanischen Produkt fehlen … ;-). Sie filtert mittig sitzende Instrumente heraus und lässt meist nur halligen Klangmatsch übrig. Leider lässt sich das externe Signal nur durch die Effekte schicken, wenn es als Wellenform in die Klangerzeugung eingeschliffen ist. Tut man genau das, so kann der Eingang nur mono verarbeitet werden, dafür aber auch von der Ringmodulation, dem Filter, dem Verzerrer und eben den Effekten profitieren. Zudem kann es mit den Tasten zerhackt werden. Das externe Signal liegt immer am Ausgang an, also auch wenn man es als Wellenform ausgewählt hat. Um dies zu vermeiden filtert man es einfach mit einem Tiefpass-Filter komplett weg.

Arpeggiator

Der Arpeggiator kann auch als Phrasengenerator benutzt werden. Es stehen 64 Muster aus den Bereich Simple, Modern, Phrase und Slice zur Verfügung. Von einfachen Mustern bis zu komplexeren Gebilden ist mit ihm also nahezu alles möglich, zumal er sich auch programmieren lässt. Dabei ist er noch sehr einfach zu bedienen, sehr schön!!
Zusätzlich gibt es noch einen MIDI-Recorder, der also nicht Audio aufzeichnet, sondern Reglerbewegungen und Tastenanschläge.

Arpeggiator in der VST-Version

USB Audio und MIDI

Ja, sie haben richtig gelesen. Das eingebaute USB 1.1 Interface bietet MIDI und auch Audio an. WDM und ASIO Treiber liegen bei und funktionieren auf Anhieb. So kann der SH-201 sofort mit Cubase und Co an den Start gebracht werden. Er gibt seinen Klang übrigens über USB rein digital in den Rechner, womit man ihn direkt als Audiospur aufzeichnen, oder als Externes Hardware Instrument einbinden kann. Zwar ist die Samplerate auf 44,1 kHz beschränkt, jedoch benötigt man in der Praxis auch nicht mehr. Der Clou ist das VST-PlugIn, das dem 201 beiliegt. Mit ihm sind sämtliche Parameter per Maus (auch ohne Tastenkombinationen) zu erreichen und man kann seine Klänge direkt mit dem Cubase Projekt abspeichern. Eine Integration von Audio im VST-PlugIn ist jedoch nicht vorgesehen und so kann der Virus TI noch eine alleinige Stellung in diesem Bereich für sich behaupten. Das PlugIn selber erzeugt also keine Klänge, sondern dient ausschließlich zur Steuerung des SH über MIDI-Daten.

Mitgeliefertes VST zur Editierung

Optisch wird das PlugIn nicht vom Hocker reißen, jedoch bietet es direkten Zugriff auf alle Parameter des SH-201. Leider unterstützt das PlugIn nicht die Cubase Automations-Daten und auch das Cubase Patch-System wird außer Acht gelassen. Eine Automation ist lediglich über normale Controller Daten möglich.
Etwas nachteilig ist, dass man bei der der Benutzung des PlugIns den Local-Modus des 201 deaktivieren muss. Wenn man bei ausgeschaltetem Rechner dann den 201 spielen möchte muss man diesen dann erst wieder mit komplizierten Tasten-Kombinationen anschalten.

Klangbeispiele

Ganz unten können Sie einige Klänge des SH-201 hören. Damit Sie wissen, wie sich Aliasing bei Oszillatoren anhört, haben wir noch Vergleichsfiles des JP-8000 erstellt. Zwar ist der JP-8000 auch nicht 100%ig „aliasing-frei“, aber klingt auf jeden Fall um Klassen besser.

Mitbewerber

Die konzeptionell ähnliche Novation X Station 49 (640 Euro) bietet ebenfalls einen internen Synthesizer auf Basis der V-Station und eine recht gute USB Anbindung. Der X Station liegt die V-Station als vollwertiges PlugIn gleich bei. Klanglich bewegen sich Novation und Roland hier auf etwa einem qualitativen Niveau. Der Alesis ION (640 Euro) bietet keine PlugIn Integration und ist – wie auch die X Station – für Einsteiger weitaus weniger leicht zu durchschauen als der Roland SH-201. Synthesizer wie der MicroKORG (400 Euro), Waldorf microQ (400 Euro) oder die monophonen Dave Smith Evolver (450 Euro) und MFB Synth 2 (450 Euro) liegen preislich unterhalb des Roland und klingen bis auf den microKorg weitaus besser, sind aber vom Konzept her nicht so flexibel einsetzbar.

Der Juno-D (500 Euro) ist ein rein digitaler ROM-Sampleplayer in Einsteiger-Qualität und konzeptionell nicht mit dem SH-201 zu vergleichen.

Fazit

Für 600 Euro ist der Roland Einsteiger-Synthesizer SH-201 wirklich gelungen und bietet viele praxisgerechte Features. Vor allem für den Live-Einsatz oder als Studio Arbeitstier wird der SH-201 sicher viele Freunde finden. Für eingefleischte Synthesizer-Freaks ist er jedoch klanglich kaum interessant. Die 128 Klänge sind in 64 Presets und 64 überschreibbare Programme aufgeteilt. Die Werksklänge lassen den SH-201 zunächst als reinen Techno/Trance Synthesizer erscheinen, aber man kann natürlich auch ganz andere Genres bedienen. Vor allem die USB Features und die PlugIn Integration sind echte Highlights. Würde ich momentan vor dem Kauf meines ersten Synthesizers stehen, so wäre der SH-201 wohl die erste Wahl. Auch wenn der SH-201 bei niedrigen Cutoff-Werten nicht knackt, ich behalte aber lieber meinen JP-8000.

Plus

  • günstiger Preis
  • USB MIDI und Audio
  • Bedienung
  • Effekte
  • Arpeggiator

Minus

  • Aliasing in den Oszillatoren
  • PlugIn unterstützt Automation nur über MIDI Controller

Preis

  • Straßenpreis: 600 Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Leider bleibt in dem Bericht etwas über die Verarbeitungsqualität bzw. Estätik völlig unerwähnt. Auf Bildern sieht der Synth ja noch ziemlich ansprechend aus, steht man davor ändert sich das Bild doch schnell. Noch schlimmer wird das Ganze wenn man den Synth dann bedient. Die Potis und Schalter sind wirklich vom billigsten. Alles hat Spiel und fühlt sich nach Plastik an. Nee nee, das ist nix. Für die 600.- Euro würde ich mir lieber einen älteren, gebrauchten Virus oder Nordlead kaufen als diesen Plaste und Elaste Synth aus Schkopau ;-)

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    hmm, wenn man unbedingt mahagoniholz braucht und die „estätik“ wie so schön gesagt wurde, eine so grosse rolle spielt, gibt es in diesem preissegment wohl wirklich keine fabrikneuen produkte, tatsächlich…

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    Servus,

    netter Beitrag, allerdings hat der SH 201 nur 64 Klänge an Board (32 Preset / 32 User).

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    HI
    Ich möchte fragen ob die sh 201 unison hat?

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      Ich denke man sollte schon unterscheiden zwischen Virus und dem SH-201! Und im Neukaufbereich liegen auch finanziell Welten dazwischen. Ich habe beide Synths, (dazu den kleinen MicroKORG und den unkaputtbaren Waldorf XTk) und stoße mich nicht an dem Plastikgehäuse des SH-201. Ich finde vom optischen her sieht er sogar ziemlich gut aus. Aber das ist immer Ansichtssache. Ich denke es kommt doch letzlich auch darauf an, was man mit der Kiste machen will. Und das er "nur" 64 Presets hat … naja, wer ne Presetschleuder will kann sich fürs gleiche Geld den MicroX kaufen. Ich denke es ist gut geschrieben und auch von Roland schon desöfteren erwähnt: es ist ein Einsteigersynth, der zudem die Herangehensweise einer solchen Kiste durchaus gut erläutert und zudem auch zum Sounddesign gedacht ist.

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    Ich hatte am Anfang auch grosse Skeptsis aber am Ende fand ich den SH-201 sehr gut. Nicht, dass er der beste virtuelle analoge Synthesizer ist, aber man kann schon so einiges damit anstellen. Die Effekte tun dann noch ihren Teil dazu, aber der SH-201 kann schoene Flaechen, knackige Baesse und so einiges mehr. Ich mag es zu bezweifeln, dass der SH-201 nur fuer Anfaenger zu empfehlen ist. Der Aufbau ist sehr dem Jupiter angeglichen und ich habe noch nie jemanden ueber den Jupiter beschweren hoeren. Naja, man findet immer was wenn man sucht. Trotzdem ein geiles Teil fuers Geld…

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    Der SH-201 ist eigentlich perfekt für technoiden Drum

  7. Profilbild
    Filterpad  AHU

    „…Die Potis und Schalter sind wirklich vom billigsten…“

    Ja, den Eindruck hatte ich leider auch als ich den SH-201 zum ersten mal ausprobieren durfte (vor allem die Schieberegler: wackel hin-wackel her). Optisch sieht er ansprechend aus und benutzerfreundlich ist er ebenfalls. Sicherlich ein guter Synth für Hobbyklangbastler die es gerne etwas Trance-ig uns Space-iger (a` JP-8000) mögen.

    Gruß, euer Filterpad

  8. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Nachdem es so viel Kritik über den SH-201 hagelte, sehe ich mich bemüßigt, ihn ins rechte Licht zu rücken. Der SH-201 bereichert mein Studio nun schon seit fast 10 Jahren, und die „billigen“ Fader und Drehregler versehen weiterhin tadellos ihren Dienst. Ich mache Elektronische Musik im Stil der 70er Jahre, ohne mich neueren Einflüssen zu verwehren. Der SH-201 wird dabei hauptsächlich für sphärische Flächensounds verwendet, die ich leicht mit ihm erstellen kann. Ich habe dabei festgesellt, dass ich meinen Juno-6 immer weniger nutze, seit dem ich den 201 habe. Der Sound ist unzweifelhaft Roland und seine Möglichkeiten gehen weit über die des Juno hinaus. Ganz zu schweigen vom programmierbaren Arpeggiator, der fast schon einen eigenen Artikel verdient hätte…

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