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Test: Steinberg AXR4 Thunderbolt Audiointerface

6. Mai 2019

Einstieg in die Thunderbolt-Interface-Welt

steinberg axr 4

Test: Steinberg AXR4, Thunderbolt-Audiointerface

Das AXR4 ist das neue Flaggschiff Audiointerface von Steinberg. Es wurde auf der NAMM 2019 vorgestellt und reiht sich sowohl preislich als auch von den Features her nahtlos in die Riege der hochklassigen 1HE Thunderbolt-Interfaces ein. Von den Konkurrenzprodukten der Firmen RME, Antelope, Focusrite und Universal Audio will man sich durch die Zusammenarbeit mit Rupert Neve und der Möglichkeit, mit Sampling-Raten bis zu 384 kHz aufzunehmen, absetzen. Wie sieht es damit in der Praxis aus? In meinem 2-monatigen Langzeittest habe ich das AXR4 für euch auf Herz und Nieren getestet.

Teamwork beim Steinberg AXR4

Wie den meisten von euch bekannt sein dürfte, arbeitet Steinberg sehr eng mit der japanischen Firma Yamaha zusammen, die sowohl die Hardware als auch die Treiber aller Steinberg Audiointerfaces liefert. Das Kürzel AXR4 leitet sich von der Verwendung der 4 Mikrofonvorverstärker ab und bedeutet Audio eXcellence Reinvented. Auf die Vorverstärker ist man ganz besonders stolz, sind diese doch vom grundsätzlichen Aufbau her identisch mit den Preamps aus der Rivage PM 10 Mixer-Serie – die mit einem Einstiegspreis von über 150.000,- Euro zu Buche schlägt! Für diese Luxus-Pulte wurde in Zusammenarbeit mit Rupert Neve eine Emulation der Silk-Schaltung der berühmten Portico-Serie entwickelt. Steinberg integriert diese technische Innovation nun auch im neuen AXR4. Es handelt sich also um richtiges Teamwork aus Deutschland, Japan und den USA mit einer Prise englischem Genius.

Steinberg Goes Thunderbolt – mit dem AXR4

Das AXR4 ist das erste Thunderbolt-Interface aus dem Hause Steinberg, bisher wurden ausschließlich USB bzw. Firewire bedient. Gerade im Hinblick auf kurze Latenzzeiten und verlässlichem Datendurchsatz ist Thunderbolt den beiden vorgenannten Schnittstellen absolut überlegen. Prinzipiell ist USB 2 und 3 natürlich weiter verbreitet und wird für jegliche Peripherie benutzt, aber durch diese Multifunktionalität kann ein System auch sehr schnell fehleranfällig werden. Welche und wie viele USB-Geräte angeschlossen sind, kann eine Auswirkung auf die Verlässlichkeit der Schnittstelle haben.

Apple selbst hatte zum Beispiel im letzten Jahr mit den Komplikationen, die der T2-Chip mit den USB-Anschlüssen verursachte, Audioanwender und Hersteller verzweifeln lassen. Auf neueren Macs mit besagtem Sicherheitschip war keine nahtlose Audioaufnahme mit USB-Interfaces mehr möglich. Denn während der T2-Chip “nach Hause” funkte, wurde der USB-Stream für einige Millisekunden unterbrochen, was zu Glitches und Dropouts führte. Die Hardware-Hersteller waren machtlos und Apple hat erst in diesem Frühjahr eine Lösung in Form eines Software-Updates angeboten.

Für professionelles Arbeiten ist Thunderbolt definitiv die zuverlässigere Schnittstelle. Damit lassen sich im Falle des AXR4 sogar bis zu drei Geräte kaskadieren, was zu einer maximalen Zahl von 84 Eingangskanälen bei 48 kHz/32 Bit führt. Die Zahl der Eingänge verringert sich mit zunehmender Sampling-Rate, da Schnittstellen wie etwa ADAT keine 384 kHz unterstützen. Bei 192 kHz stehen zum Beispiel noch 66 Kanäle zur Verfügung, während bei 384 kHz nur die 12 analogen Eingänge mit dieser Sampling-Rate gewandelt werden.

Ergo liegt das Maximum mit drei in Reihe geschalteten Steinberg AXR4 bei 36 Kanälen in 384 kHz /32 Bit. Will man diese nun alle in 32 Bit und einer Samplerate von 384 kHz aufnehmen, so werden pro Minute ca. 3,4 GB an Audiodaten auf die Festplatte geschrieben. Dafür kommt Thunderbolt natürlich wie gerufen und ist durch die Kompatibilität zu Thunderbolt 3 / USB 4 auch zukunftssicher.

Hier findet ihr eine sehr übersichtlich gestaltete Liste zu den möglichen Ein- und Ausgängen:

Das Steinberg AXR4 ausgepackt

Das AXR4 ist eine wuchtige Flunder. Was ich hier aus dem Karton nehme, ist in allen Belangen als “Heavy Metal” zu bezeichnen. Es ist von den Abmessungen her fast doppelt so groß wie mein RME UFX und beim Einbau ins Rack sollte man die Tiefe von 35 cm im Auge behalten. Die Verarbeitung ist in allen Belangen sehr gut, die Klinkenbuchsen sind fest mit dem Gehäuse verschraubt und es gibt absolut nichts zu beanstanden. Im Gegenteil – das ist deutsch-japanische Qualität. Und das auf hohem Niveau. Das Metallgehäuse des AXR4 ist an der Oberseite perforiert, damit sich die Hitze nicht im Gerät staut.

 

Die Bedienelemente des AXR4

Auf der Vorderseite sind zunächst die vier kombinierten Mikrofon-/Line Eingänge platziert, von denen sich die ersten beiden Kanäle auch für Instrumente eigenen und auf HI-Z umschalten lassen. Zu allen vier Kanälen gibt es einen “Select”-Schalter und eine LED, die den Status der Phantomspannung anzeigt.

Es folgt ein Drehregler für die Silk-Einstellung der Preamps und acht weitere Drucktaster für Silk, Monitoring und Menüeinstellungen. Auf der rechten Seite liegen der farbige Bildschirm, ein Multifunktions-Jog-Wheel, zwei Kopfhörerausgänge samt Lautstärkeregelung und der An/Ausschalter. Genauer gesagt handelt es sich um einen Stand-by/on-Schalter. Laut Handbuch zieht das Gerät nämlich noch immer Strom, wenn es auf Stand-by ist. Klingt komisch, ist aber so…

Die Rückseite des AXR4 ist vollgepackt mit Anschlüssen. Zunächst wären da je acht analoge Line-Ins und Line-Outs im 6,3 mm Klinkenformat, zwei optische Ein- und Ausgänge für S/PDIF bzw. ADAT sowie acht Ein- und Ausgänge in AES/EBU im Sub-D25 Format. Das neue Steinberg Interface ist also extrem anschlussfreudig. Es folgen zwei MIDI-Buchsen, Wordclock und zwei Thunderbolt 2 Anschlüsse. Zur Stromversorgung wird das mitgelieferte Netzteil (24 Volt) benötigt, wobei der Anschluss auf der Rückseite verriegelbar ist.

Die Software des Steinberg AXR4

Die Software für das AXR4 lade ich über die Steinberg Website. Die Installation klappt ohne Probleme. Für den Test lag uns die Version 1.0.1 vor, die den Yamaha Thunderbolt Treiber, die Mix Software DSPMIXFX AXR sowie das Plugin-Bundle “Advanced FX Suite” umfasst.

Als kleine Draufgabe hat das AXR4 Cubase AI mit im Gepäck. Sollte man später auf Cubase Pro updaten wollen, erhält man dadurch einen Preisnachlass von 110,- Euro. Momentan stehen Treiber für Mac OSX ab Sierra, High Sierra und Mojave zur Verfügung. An Windows-Treibern wird noch gearbeitet und diese sollen im Sommer dieses Jahres folgen.

Das Steinberg AXR4 im Einsatz

Ich habe mich entschlossen, während der Testphase das AXR4 nicht nur punktuell anzutesten, sondern es für zwei Monate zum “Herzen” meines Studios zu machen. Bisher verrichtet dort ein RME UFX mit Totalmix seinen Dienst, auf das ich mich bisher immer verlassen konnte – und Verlässlichkeit der Hard- und Software ist das A und O in meiner täglichen Arbeit. Es war also kein leichter Schritt, aber wie heißt es schön? No risk, no fun!

steinberg axr 4

Gleich vorweg kann ich sagen, dass das AXR4 seine Aufgabe mit Bravour erledigt hat. Es gab keinerlei Probleme mit der Software, den Treibern, keine Dropouts, Glitches oder ähnliches. Die Hardware ist ohnehin sehr vertrauenerweckend und auch hier gab es keinerlei unangenehme Überraschungen. Das ist nicht selbstverständlich für ein nagelneues Produkt, mit neuer Schnittstelle und Treiber-Version 1.0.1. Steinberg scheint hier vor Veröffentlichung alles richtig gemacht zu haben und hat das AXR4 ohne Kinderkrankheiten auf den Markt gebracht.

Schon nach kurzer Einarbeitungszeit haben mich der “Grundklang” und damit die hohe Qualität der Wandler überzeugt. Der Klang des Steinberg AXR4 ist unglaublich klar und detailliert. Es zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht und es macht viel Spaß, damit zu arbeiten. Es erlaubt eine sehr genaue klangliche Analyse des Audiomaterials und der Eindruck, den das AXR4 hier abliefert, ist wirklich exzellent. Zusammen mit der hohen Auflösung von 384 kHz dürfte es sich also auch für Audio-Mastering prädestinieren.

Die Software DSPMIXFX, die alle Eingänge, Ausgänge und Effekte steuert, ist größtenteils selbsterklärend aufgebaut. Manche Einstellung (z. B. um Stereokanäle zu verbinden) lassen sich nur mit Tastenkombinationen aufrufen und ein Blick ins Handbuch ist angeraten, um alle Möglichkeiten ausschöpfen zu können. Derer gibt es viele und das Routing geht dann leicht von der Hand. Mich freut die Tatsache, dass man die Line-Inputs wie beim RME UFX zwischen -10, +4 und High umschalten kann. Damit lassen sich externe Preamps ohne Ausgangsregelung bei Bedarf höher ansteuern.

Die mitgelieferten Effekte sind einerseits im AXR4 integriert und lassen sich über DSPMIXFX steuern und auf Wunsch auch gleich mit aufnehmen. An der Qualität gibt es nichts zu beanstanden – das Gegenteil ist der Fall. Der Vintage-Kompressor im 1176 Stil, der Rev-X Hall, der Vintage EQ 601 (bei dem sich harmonische Verzerrungen aktivieren lassen) und der „Sweet Spot Morphing“ Channelstrip lassen sich alle sehr gut in verschiedenen Aufnahmesituationen einsetzen. Die interne DSP-Power geht leider etwas schnell zur Neige, aber dafür gibt es die Effekte auch als Plugins, um sie später bei Bedarf in der DAW zu laden. Bezüglich Latenz erreicht das Steinberg AXR4 in meinem Setup laut Logic Pro bei einer Buffergröße von 64 Samples Werte von 5,1 ms Roundtrip (2,3 ms Output) bzw. 28,4 ms Roundtrip (4,8 ms Output) bei 128 Samples.

Etwas Rupert Neve im Steinberg AXR4

Die Silk Emulation von Rupert Neve benötigt keine DSP-Power und kann individuell zu jedem der vier Mikrofoneingänge nach Belieben hinzugefügt werden. Die beiden Grundcharakteristiken “Rot” und “Blau” stehen zur Auswahl. Ganz vereinfacht gesagt steht Rot für neutral seidige Höhen mit Obertönen und Blau für einen fett angedickten Tiefmittenbereich. Über den Regelbereich von 0 bis 10 lässt sich so zu jedem Mikrofon eine eigene klangliche Charakteristik hinzufügen. Die Silk-Emulation und die internen Effekte sind ein tolles Toolkit, um in den verschiedenartigsten Aufnahmesituationen zurechtzukommen und kreativ zu arbeiten.

Hier bekommt man beim Steinberg AXR4 also eine ganze Fülle von Möglichkeiten zur Klanggestaltung mit an Bord. Die Silk-Emulation in Vollaussteuerung kann in manchen Situationen etwas zu viel des Guten sein. Hier wird ganz schön aufgetischt. Mir persönlich genügt schon der halbe Regelbereich, um eine gewisse klangliche Grundcharakteristik festzulegen. Hier gibt es ein Video zur Zusammenarbeit zwischen Rupert Neve Designs und Steinberg/Yamaha:

Generell ist das Zusammenspiel zwischen dem Steinberg AXR4 und Logic Pro wunderbar – in Cubase natürlich noch besser. Hier hat man den Vorteil, dass sich das Interface auch direkt in die DAW integrieren lässt. Das führt dazu, dass man nicht ständig zwischen DSPMIXFX und der DAW hin und her schalten muss, sondern sich fast alle Parameter bequem aus Cubase heraus steuern lassen. Auch das hat einwandfrei funktioniert: Kaum regelt man etwas in Cubase, bewegen sich auch die entsprechenden Potis in DSPMIXFX. Im Aufnahmeprozess bleibt man damit eher bei der Sache und alles geht einen Tacken schneller von der Hand, da sich das ständige Umschalten (in der Software und im Kopf) erübrigt.

Die beiden Kopfhörerausgänge, die reichlich Gain-Reserven bieten, werden von einem Hardware Line-Out abgegriffen, stellen also keine zusätzlich verfügbaren Stereokanäle dar. Schön finde ich, dass das Ein- und Ausschalten der 48 Volt Phantomspeisung einen Sicherheitsmodus beinhaltet: Das Signal wird erst nach einigen Sekunden auf die Ausgänge weitergegeben, um ungewollte Knackgeräusche zu verhindern. Der Highpass-Filter und das Pad werden übrigens hörbar per Relais geschaltet und der Wirkungsgrad des HPFs lässt sich bequem in der Software einstellen.

steinberg axr 4

Es gibt nur wenige DAWs, die derzeit Aufnahmen von bis zu 384 kHz anbieten. Bei Cubase wie auch Logic Pro ist bei 192 kHz das Ende der Fahnenstange erreicht. Mit Wavelab Pro hat Steinberg allerdings eine DAW im Programm, die dazu fähig ist. Zwar sind damit keine kompletten Mehrspur-Songproduktionen möglich, aber gerade für den Mastering-Bereich ist es interessant. Bei 384 kHz klingen die Aufnahmen zusammen mit meinem sehr hochauflösenden AT 5040 Mikrofon noch ein Quäntchen plastischer als bei 44,1/48 kHz. Die Unterschiede bei höheren Sampling-Raten sind prinzipiell geringer als zum Beispiel unterschiedliche Bit-Tiefen. Ein analytischer Vergleich würde einen Signal-Splitter und 2 Testrechner mit 2 Steinberg AXR4 erfordern, da sich schon kleinste Positionsänderungen des Mikrofons deutlicher auf den Klang auswirken.
Da die CPU-Belastung und Datenmenge das 8-Fache von 48 kHz beträgt und man sinnvollerweise auch Plugins benötigt, die mit dieser hohen Auflösung arbeiten, werden die wenigsten dieses Feature im Moment benutzen. Das Steinberg AXR4 ist aber damit für  zukünftige technologische Entwicklungen gewappnet.

Fazit

Mit dem AXR4 hat Steinberg ein neues Topmodell im Stall. In meinem zweimonatigen Langzeittest gibt es sich keine Blöße und arbeitet software- wie auch hardwareseitig absolut verlässlich. Das ist nicht selbstverständlich für ein nagelneues Produkt.

Die Verarbeitung ist sehr gut. Klanglich ist es sehr ansprechend, die Wandler lösen unglaublich fein auf und sind sehr detailliert. Zusammen mit der hohen Sampling-Rate von 384 kHz ist es auch für Mastering-Anwendungen interessant. Die Preamps lassen keine Wünsche offen. Die Silk-Emulation und internen Effekte klingen gut und sind ein tolles Toolkit, wobei sich die DSP-Power der Effekte etwas im Rahmen hält. Durch die beiden Thunderbolt-Anschlüsse lassen sich 3 AXR4 kaskadieren, wodurch sich die Zahl der Eingänge auf bis zu 84 erhöhen lässt. Alles in allem ein fantastisches Produkt und ein sehr gelungener Einstieg in die Thunderbolt-Profiliga. Angesichts der vielfältigen Anschlussmöglichkeiten und der Qualität des AX4R ist der Preis absolut gerechtfertigt und im Vergleich zu manchen Mitbewerbern als günstig einzustufen.

Plus

  • sehr hochwertige, fein auflösende Wandler
  • Auflösung bis 384 kHz / 32 Bit
  • vielseitige Mikrofon-Preamps
  • gut klingende DSP-Effekte
  • 3 Geräte kaskadierbar
  • stabile Treiber, Software und Cubase Integration
  • hohe Fertigungsqualität

Preis

  • Ladenpreis: 2.399,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Jörg Hoffmann  RED

    Danke für den Bericht – sehr gut geschrieben!
    Mit dem AXR begibt sich Steinberg ja in den Bereich höherpreisiger Audiointerfaces. Bisher kannte man ja überwiegend die UR Serie aus dem unteren Segment. Ich bin gespannt, ob der Hersteller sich gegen RME & Co behaupten kann.

    • Profilbild
      Hectorpascal  AHU

      RME muss endlich mal vom hohen Ross runter kommen und mehr bieten als ein neues aufgebohrtes Fireface 800 von 2001 in 3 Varianten die keiner braucht. 24er IO mit 384khz und Thunderbolt sollten längst Standard sein. Warum? Weil man kann, nicht weil es gebraucht wird. Dazu extra Inserts für hochwertige Hardware. Ein Modular-Rack-Expander oder gleich Interface mit Mini-Klinken ist auch ein riesiges Loch im Bewußtsein von RME. Expert Sleepers sind da leicht zu schlagen und viel zu sehr diversifiziert. Macht wat, ich kauf dat! Yamaha wer? ;)

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