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Test: Studio Electronics Charcot Circles, Eurorack-Sequencer

16. Oktober 2016

Eurorack Sequencer Circle

Der MIDI/Analog-Sequencer Charcot Circles für das Eurorack ist eine weitere Koproduktion von Studio Electronics und Eowave. Im Test auf Amazona war ja bereits der Dual LFO STE.16. Der Name Studio Electronics Charcot Circles geht zurück auf den französischen „Nervenarzt“ Jean-Martin Charcot, der im späten 19. Jahrhundert als erster die Auswirkungen der Hypnose erforschte. Und genau so, so garantieren zumindest die Hersteller, soll einen der Sequencer auch schnell in seinen Bann zeihen. Ob das in hypnotische Zustände führt oder einfach nur nervt – mal sehen, was dran ist.

Studio Electronics/ Eowave: Charcot Circles - der Hypnotiseur

Studio Electronics / Eowave: Charcot Circles – der Hypnotiseur

Retro-futuristisch

Mit seiner Breite von 26 HP kommt der Studio Electronics Charcot Circles im quadratisch, praktischen Format daher und das auffälligste Merkmal ist natürlich die Anordnung der sechzehn Eingabeelemente in zwei konzentrischen Kreisen à acht Elementen. Die Eingabeelemente bestehen aus runden, zweigeteilten Metallflächen, in deren Mitte eine LED sitzt. Rot für den äußeren, weiß für den inneren Ring. Berührt man mit dem Finger beide Metallflächen, wird der Kontakt ausgelöst. Ein gerasterter Encoder zur Werteeingabe ziert den Mittelpunkt und hat zusätzlich eine Druckfunktion. Die beiden unscheinbaren schwarzen Taster in der unteren Hälfte dienen der Wiedergabe (Play) und der Wahl des Modus (Shift) – rein designtechnisch kann das voll überzeugen.

Anschluss an die Außenwelt

Der Studio Electronics Charcot Circles bietet nicht nur die üblichen Ausgänge CV/Gate/Velocity/Clock, sondern auch einen Reset-Ausgang, der bei jedem neuen Durchgang der Sequenz einen Gate-Impuls ausgibt. Zusätzlich dazu gibt es selbstverständlich einen Clock-Eingang (1 ppq) sowie einen Reset-Eingang.

Die analogen Aus- und Eingänge sind mit Breakout Boxen erweiterbar.

Die analogen Aus- und Eingänge sind mit Breakout Boxen erweiterbar

Der CV-Eingang wird genutzt, um durch eine externe Steuerspannung durch eine Sequenz zu scannen. Dabei wird der entsprechende Step gehalten. Das funktioniert im Ruhezustand ebenso wie im laufenden Betrieb, dann ertönt jedoch der Step stotternd. Interessant ist hier, dass sich ein LFO anschließen lässt, mit dem sich herrlich erratische Ergebnisse erzielen lassen. Der Charcot Circles wird damit vom Sequencer zum CV-Speicher. Bei langsamer LFO-Rate auch gut für Ambient und Drones einsetzbar.

Sequenzer Rot-Weiß

Sequencer rot-weiß

Über die USB-Buchse werden die Sequenzen auch als MIDI ausgegeben. Zusätzlich kann man darüber auch Firmware Upgrades installieren. Dazu benötigt man ein kleines Tool, das die Hex-Datei an den Charcot Circles sendet, erhältlich in den Geschmacksrichtungen Mac und Windows. Auch der Inhalt des Sequencers kann über Sysex archiviert und wieder aufgespielt werden. Laut Hersteller gibt es dafür einen Max7 Patch, der das erledigt. Zur Zeit ist dieser aber noch nicht erhältlich und da Max7 auch nicht kostenlos ist, ist das Ganze eher suboptimal. Ob und wie ein Sysex-Dump manuell ausgelöst oder angefordert werden kann, ist unklar.

Memory Basics

Der Charcot Circles ist in acht Bänken zu sechzehn Presets organisiert. Ein Preset enthält 128 Plätze für Noten- und Velocity-Informationen. Der Clou daran ist, dass man deren Aufteilung bestimmen kann. Der Sequencer kennt dabei vier verschiedene Modi, die über den Global-Modus aufgerufen werden können. Im Modus 8 stehen acht Spuren mit jeweils einer 16-Step langen Sequenz zur Verfügung. Der Modus 4 ist dann vierspurig, jede Sequenz hat dann aber 32-Steps. So geht das weiter im Modus 2 (zweispurig, 64 Steps) und Modus 1 (einspurig, 128 Steps). Klar kann man nach der Programmierung der Spuren und Sequenzen auch den Modus umschalten. Hat man z.B. im Modus 8 vier Spuren programmiert (also jeweils ein 16er Pattern) und schaltet auf Modus 4 um, rutscht die Sequenz der vorherigen Spur 2 auf das zweite 16er Pattern der Spur 1 usw.

Das funktioniert auch im laufenden Betrieb ohne Unterbrechung der aktuellen Sequenz.

Über USB-MIDI werden dann die Noten auf den Kanälen 1 bis 8 ausgegeben. Da der Studio Electronics Charcot Circles aber ja nur einen CV/Gate/Velocity-Ausgang hat, kann hier nur Spur 1 abgegriffen werden. Das bringt uns geradewegs zu den…

Breakout-Boxen

Über die Breakout Boxen kann man die CV-Ausgänge erweitern. Diese werden über Steckverbindungen auf der Rückseite mit dem Charcot Circles verbunden. Eine Breakout Box erweitert den Sequencer um weitere vier CV- und Gate-Ausgänge und es können insgesamt zwei dieser Boxen angeschlossen werden, um dem Charcot Circles damit um acht CV- und acht Gate-Ausgänge zu erweitern. Auch für MIDI soll es solche Breakout-Boxen geben. Leider gibt es noch keine Bilder von den Boxen und auf Nachfrage teilte der Hersteller mit, dass diese „hoffentlich Ende des Jahres“ verfügbar sein sollen. Ein Preis wurde nicht genannt.

Die Breakout Boxen werden über den seriellen Anschluss verbunden.

Die Breakout Boxen werden über den seriellen Anschluss verbunden

Programmierung

Entscheidend für die Bedienung ist die Programmierung der Sequenzen. Im Track-Modus wird eine der möglichen acht Sequenzen über den äußeren Ring zur Programmierung ausgewählt. Über den inneren Ring werden die einzelnen Spuren gemutet.

Die eigentliche Sequenz erstellt man im Notes-Modus. Die äußeren (roten) Kreise stellen die Achtel dar, die inneren (weißen) Kreise die darauf folgenden Sechzehntel, eine schöne Weise auf eine Sechzehntelsequenz zuzugreifen wie ich finde. Durch Berühren wird der Step aktiviert. Hält man den Step, kann man über den Encoder in der Mitte die Note einstellen. Dabei visualisieren die LEDs die Tonhöhe der aktuell gewählten Note, allerdings in einer Art und Weise, die sich nicht intuitiv erschließt und eher zur Verwirrung als zur Orientierung beiträgt. Auch seltsam – beim Einstellen der Note hört man diese nicht, das ist nur im Key-Modus der Fall. Warum nicht beide zusammenpacken?

Auf die gleiche Weise stellt man auch Velocity, Length und Retrigger pro Note ein. Length kann man als Legato sehen, das maximal bis zum nächsten aktiven Step geht. Retrigger hingegen lässt den Step im 16tel Rhythmus stottern und übertönt dabei eventuell nachfolgende Steps. Auch hier zeigen die LEDs die Länge an, der Kreis füllt sich dabei langsam im Uhrzeigersinn – eine gelungene Visualisierung.

Die Visualisierung eines Velocity-Wertes. Die bearbeitete Note wird dabei vom Finger verdeckt.

Die Visualisierung eines Velocity-Wertes, die bearbeitete Note wird dabei vom Finger verdeckt

Glide und Shuffle sind natürlich auch an Bord. Sie wirken global auf alle Sequenzen. Glide wird nur über den CV-Ausgang ausgegeben.

Über Clear kann man die aktuelle Sequenz löschen und über Rnd Track ein zufälliges Pattern generieren. Dabei betrifft die Randomisierung allerdings alle Sequenzen auf allen Tracks. Gefällt einem das nicht und löscht man die Sequenz über Clear, wird zwar die gewählte Sequenz gelöscht, die anderen Sequenzen auf den anderen Spuren kehren dann wieder in ihren vorigen Zustand zurück. Ein wenig unverständlich, wie ich finde.

Eine ähnliche Unstimmigkeit gibt auch bei der Scale-Funktion im Global-Modus. Mit dieser können die Noten der Sequenz auf eine von sechzehn Tonleitern quantisiert werden. Welche das sind, darüber schweigt sich die Dokumentation aus. Betroffen ist jedoch immer nur Spur 1, auf andere hat das keine Auswirkung.

Die Beschriftung ist teilweise unübersichtlich.

Die Beschriftung ist teilweise unübersichtlich

Über den Touch-Modus verwandelt sich der Studio Electronics Charcot Circles in eine Art Theremin; indem man mit den Fingern Druck auf die Metallflächen ausübt, werden kontinuierliche Tonhöhenveränderungen ausgegeben. Dabei ist es egal, welche Metallfläche gewählt wird.

Von entscheidender Bedeutung ist der TrackPlay-Modus. Hier wird nicht bestimmt, welche Spuren aktiv sind, sondern welche Sequenzen. Läuft ein zweitaktiges Pattern und man deselektiert den ersten Takt, wird nur noch das zweite Pattern im Loop gespielt. Deaktiviert man beide, hält der Sequencer allerdings komplett an und erst die erneute Aktivierung eines der Pattern startet ihn neu. Auch das erschließt sich mir nicht – sollte er nicht im Hintergrund weiterlaufen, um dann entsprechender Stelle einzusetzen?

Das zentrale Bedienelement ist der Encoder.

Das zentrale Bedienelement ist der Encoder

Der Encoder selbst ist für die Einstellung des Tempos zuständig (zusammen mit der Shift-Funktion), einige Tests ergaben aber eine grobe Schrittweite von 2 pro Schritt, ein genaues Tempo ist also nicht realisierbar.

Dokumentation

Es kommt nicht oft vor, dass der Dokumentation ein extra Absatz gewidmet wird, hier muss es allerdings sein. Dass diese nur in Englisch und zum Download bereit liegt, ist sicherlich noch zu verkraften. Allerdings sucht man eine ausführliche Dokumentation auf der Website vergeblich. Es gibt die Informationen auf der Website selber und ein PDF-Dokument, den „Quick Start Guide“. In diesem wird exemplarisch die Erstellung einer 8-Spur-Sequenz beschrieben und einige Inhalte der Website wiederholt. Eine vollständige Anleitung fehlt bis jetzt.

Jedoch sind die Anweisungen und Formulierungen teilweise nebulös und schwammig, führen sogar teilweise auf eine falsche Fährte, beispielsweise „Pad 9. LOAD: Loads preset into RAM by turning encoder or selecting preset“ – kein Wort davon, dass zur Bestätigung der Encoder gedrückt werden muss. Leider gibt es einige solcher Beispiele. Auch wird durch die Dokumente gar nicht deutlich, dass der Studio Electronics Charcot Circles auch ein vollwertiger MIDI-Sequencer ist.

Fazit

Der Charcot Circles von Studio Electronics/Eowave ist konzeptionell ein guter Sequencer. Acht Spuren gibt es ohne Breakout Boxen zwar nur über USB-MIDI, dafür ist der Preis der Grundausstattung günstig. Die Eingabe über die Metallflächen ist in der Tat gewöhnungsbedürftig. Eine wirklich verlässliche Auslösung wollte mir damit nicht recht gelingen, alle paar Male passierte nichts. Auch die Bedienung über Kreuz, bedingt durch die zirkuläre Anordnung, führt manchmal zu Fingersalat, obwohl diese Darstellung einer 16er Sequenz auch ihre Vorteile hat.

Ob der gerade betätigte Step aber an oder aus ist, kann man ja nicht sehen, da dort der Finger ruht. Nach einer Weile überblickt man auch die doch etwas wilde Beschriftung und kann den Sequencer flüssiger bedienen.

Neben den erwähnten Merkwürdigkeiten kommt noch die unübliche Temposchrittweite zum Tragen. Ein Max7 Patch zur Archivierung wird erwähnt, aber nirgends angeboten. Und weil unklar ist, wieviel die CV- und MIDI-Boxen kosten werden, ist auch eine abschließende Klärung des Preis-Leistungs-Verhältnisses schwierig. Bis auf diesen Umstand sind aber alle Missstände durch Firmware-Updates und eine erschöpfende Dokumentation behebbar. Dennoch kann ich mich, begründet durch die Häufung, zur Zeit nur zu einem insgesamt Befriedigend durchringen.

Plus

  • gute Darstellung einer 16-Step-Sequenz
  • bis zu acht MIDI-Kanäle
  • Auslösung des aktuellen Steps über CV
  • erweiterbar über CV- und MIDI-Breakout Boxen

Minus

  • fehlende ausführliche Anleitung
  • unübersichtliche Beschriftung
  • Metallflächen lösen nicht immer zuverlässig aus
  • ungewöhnlich grobe BPM-Schrittweite von 2 BPM
  • mehrere Unstimmigkeiten in der Bedienung
  • es liegt keine Archiv-Software vor

Preis

  • Ladenpreis: 379,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    An sich ein interessanter Ansatz, aber noch weit von der Ausreifung. Bei einem derart komplexen Modul sollte zumindest das Manual komplett sein, eben weil das User-Interface anscheinend nicht des Gelbe vom Ei ist.

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