Test: Studio Electronics ToneStar 2600 & 8106, Eurorack

7. Juni 2017

Boomstars nun im Eurorack

Die Analogsynthesizer von Studio Electronics gehören seit Jahrzehnten zur Crème de la Crème. Dass sie in manchen Kreisen immer noch als Geheimtipp gelten, liegt wohl in erster Linie an den selbstbewussten Preisen dieser ausschließlich im Rackformat gebauten Edelinstrumente. So war es bestimmt eine Überraschung, als Studio Electronics vor drei Jahren ihre Boomstar Serie präsentierte: kleine, monophone Desktop-Module, die zu einem halbwegs erschwinglichen Preis angeboten werden können.

Mit der Tonestar Serie wird dieses Konzept konsequent weitergeführt, will heißen: Diese Module sind noch ein bisschen einfacher aufgebaut als die Boomstars, kosten nur die Hälfte und passen ins Eurorack-System. Es handelt sich dabei um zwar simple, jedoch vollständige analoge Synthesizer mit einem VCO, Rauschgenerator, Filter, LFO und zwei Hüllkurven. Da zusätzlich über zwanzig Patchbuchsen verbaut sind, lassen sich die einzelnen Bausteine der Tonestars auch einzeln nutzen, was die Einsatzmöglichkeiten entschieden erweitert. Die gebotene Qualität ist über jeden Zweifel erhaben. Wer sich für die Tonestars entscheidet, bekommt eine Klangqualität geboten, die zum Besten gehört, was die analoge Synthese zu leisten vermag.

Die beiden bisher verfügbaren Tonestar Module sind vom Aufbau her gleich und unterscheiden sich nur durch ihre Filterschaltung: ToneStar 8106 mit Roland Jupiter Filter mit manuellem Hochpass und ToneStar 2600 (ARP).

Die beiden Module ToneStar 2600 und ToneStar 8106 sind sehr übersichtlich aufgebaut: links ein Oszillator, mittig Filter und LFO, rechts die Hüllkurven und darunter zwei Reihen mit 21 Patchbuchsen. Der VCO bietet zwei Regler für Grob- und Feinstimmung (“Range” und “Tune”) sowie einen dreistufigen Oktavwahlschalter. Die Pulsbreite lässt sich manuell einstellen und vom LFO (Dreieck) und der ADSR Hüllkurve modulieren. Die Schwingungsformen – Dreieck, Sägezahn und Puls – können parallel abgegriffen werden, und dank eines kleinen Mixers in ihrer Lautstärke bestimmen. Hier findet sich auch ein Suboszillator, der sich stufenlos dazumischen lässt. Als Besonderheit kann die Dreieckschwingung ungefiltert direkt in den VCA geführt werden, um den Sounds noch etwas mehr Druck zu geben. Rauschen gibt es übrigens auch, ebenfalls mit eigenem Lautstärkepoti oder besser gesagt: Potiachse. Einige Regler sind nämlich im Miniaturformat gehalten, die kompakten Ausmaße fordern eben ihren Tribut.

Doch zurück zur Klangerzeugung des ToneStar 2600 und ToneStar 8106. Der VCO verfügt über einen Modulationseingang, der wahlweise auf die Pulsbreite oder die Frequenz geroutet wird. Lineare FM und Reset (für die Synchronisation zu einer externen Quelle) sind nicht vorgesehen.

Das Filter verfügt über die üblichen Parameter und ist intern mit der ADSR-Hüllkurve und dem LFO verdrahtet. Eine externe Modulation ist natürlich auch möglich. Der zentrale Drive-Regler fährt den Filtereingang in eine angenehme Sättigung.

In Sachen Modulationen sind die Tonestar Module erstaunlich gut aufgestellt. Zwei Hüllkurven und ein eigener LFO sind mehr, als man bei diesen kompakten Ausmaßen erwartet hätte. Dass eine Hüllkurve lediglich als Attack-Release vorliegt, mag den einen oder anderen stören. Nennen wir es eine Reminiszenz an die ARP Synthesizer.

Eine Besonderheit ist, dass der Wirkungsgrad der ADSR-Hüllkurve spannungssteuerbar ist, womit beispielsweise eine anschlagsdynamische Filtereckfrequenz realisierbar ist.

Out to Out

Für einige Verwunderung sorgte Studio Electronics mit ihrer Ankündigung, dass im ToneStar 2600 und ToneStar 8106 beide Ausgänge mit Ausgängen verkabelt werden könnten. Ja, richtig gelesen: Man kann beispielsweise den Oszillator mit dem Filter Out verbinden, womit der VCF sozusagen “rückwärts” durchlaufen wird. Das Ergebnis tendiert klanglich in Richtung Bandpass, ist aber gewiss kein Ersatz für ein echtes Bandpass-Filter. Eine andere, weit interessantere Schaltung ist VCO Rechteck —> ADSR Out. Dabei muss die Hüllkurve im Master-Modus geschaltet sein. Mit hochgedrehter Resonanz ergeben sich Klänge, die an Crossmodulation erinnern.

Etwas simpler, doch durchaus praktisch ist die Verbindung LFO Rechteck —> ADSR Out, die eine Triggerung der Hüllkurve zur Folge hat.

Welcher klingt besser?

Die beiden Module ToneStar 2600 und ToneStar 8106 unterscheiden sich – abgesehen vom Design – nur in ihrem Filter.

Der augenfälligste Unterschied betrifft den Pegel: Der Ausgangspegel des ToneStar 2600 ist etwa halb so hoch wie beim ToneStar 8106. Zunächst ging ich von fehlerhaften Kabeln oder Kanalzügen aus, die Einstellungen kontrollierte ich mehrmals. Es blieb dabei: Bei voll aufgedrehtem Filter und ansonsten gleichen Settings ist der ToneStar 2600 merklich leiser. Als nächstes verglich ich die rohen Schwingungsformen beider VCOs. Hier lagen die Pegel, wie nicht anders zu erwarten, gleich hoch, was in der Konsequenz nur einen Schluss zulässt: Der Pegelabfall findet im Filter statt. Interessanterweise verhält es sich bei Selbstoszillation genau umgekehrt: Hier bietet der ToneStar 2600 den weitaus stärkeren Ausgangspegel.

Beide Filter klingen überzeugend und es fällt mir schwer zu entscheiden, welchem Modul ich den Vorzug geben würde. Dank separatem Hochpassfilter ist das 8106er etwas flexibler, jedoch überzeugt das ARP-Filter mit seiner glasklaren und satten Selbstresonanz, die schlicht großartig klingt. Der geringere Ausgangspegel würde mich nicht weiter stören.

Der Klang beider Tonestar Module ist zweifellos von höchster Qualität und erinnert an Moog und ARP. Klassische East-Coast Klänge eben. Der VCO bietet einen runden und satten Grundsound dank der Mischung dreier Schwingungsformen plus sattem Suboszillator. Einen zweiten Oszillator vermisst man kaum.

Drive gehört eher zur milden Fraktion, ein Verzerrer ist er gewiss nicht, eher Klangverdicker, der den Synthesizer in eine angenehme Sättigung fährt.

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    fkdiy  

    Auch von mir danke für den Test! Der 8106 sollte schon länger mein Einstieg ins Thema Eurorack/Modular werden, aber andere Dinge kamen dazwischen.

    Nun ist mein Interesse erneut geweckt. :)

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    SimonChiChi  

    Tolle Klangbeispiele, aber die Boomstars waren noch nie mein Ding. Immer wird irgendwie die Nähe zu den alten Synths gesucht – aber klingen tun sie dann doch ganz anders. Da finde ich andere Konzepte spanender.

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      fkdiy  

      Hast du da was spezielles im Auge? Ich finde die Mutable Instruments Module ziemlich spannend, da sie zwar digital sind, aber halt auch wirklich andere Klänge bieten als die üblichen Analogmodule.

      An West-Coast Architektur traue ich mich noch nicht ran, von daher bin ich neugierig was andere so interessiert, und was ich evtl. noch nicht kenne – gibt ja unüberschaubar viel.

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        swellkoerper  AHU 2

        Wenn du in West-Coast inspirierte Synthese reinschnuppern möchtest, reicht fürs Erste ein Wavefolder oder -shaper, um Obertöne zu erzeugen. Oder ein ThruZero-Oscillator, den du fleissig modulierst (oder wie immer: BEIDES!) Das ist kein Paradigmen-Wechsel im Sinne von 10 neuen Modulen, mehr eine andere Art zu patchen. Ich habe damit tolle Ergebnisse erzielt und dabei immer öfter auf Filter verzichten können.

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    Martin Andersson  RED

    Erstmal danke für die positiven Rückmeldungen zu diesem Test.
    Gewiss wird hier die „Nähe zu alten Synthis“ gesucht, doch sehe ich nichts Negatives dabei. Die Tonestars (und übrigens auch alle anderen Produkte aus dem Hause Studio Electronics) sind eigenständige Entwicklungen und gewiss keine Klone alter, gehypter Instrumente.
    Die Architektur ist klar East-Cost: subtraktive Synthese nach dem bekannten Schema. Dies kann man uninspiriert oder veraltet nennen, für mich ist es eher die Pflege eines bewährten Prinzips. Ob andere Instrumente “spannender” wirken? Mag sein, doch verkennt man damit die Grundidee von Studio Electronics. Diese Instrumente wollen nicht “ausgefallen” und um jeden Preis “neu” klingen, sondern musikalisch.

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    fritz808  

    bin neu hier in der amazona-runde – und auch schon ein älteres semester (bj48). ich bin mit modularen systemen quasi groß geworden. auf dauer ein teures hobby. zumindest bis döpfer kam. inzwischen sind mir die aber fast alle euroracks für eine schnelle bedienung in meinem alter fast zu klein. kauf trotzdem aber immer mal wieder ein modul dazu. der testbericht hat mir jedenfalls so gut gefallen, dass ich mich entschlossen habe mir auch ein boomstar modul zu kaufen. deshalb danke für die wunderbare empfehlung. übrigens grosses kompliment an dieser stelle an die redaktion. ich wünschte zu meiner zeit hätte es schon online und solch umfangreiche und kostenlose magazine gegeben.

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      fkdiy  

      Dann herzlich willkommen Fritz! Alter spielt zum Glück ja keine Rolle bei musizieren – sonst würde bei mir vielleicht bald die Midlifecrisis anstehen … ;)

      Hast bestimmt ein paar Schätze bei dir rumstehen und freue mich bald mal mehr zu erfahren.

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        fritz808  

        das nenne ich mal einen freundlichen empfang. oh ja, einiges an Schätzchen, aber kaum mehr bespielt. so z.b. noch ein zum teil originales moog modularsystem. hatte es aber in den jahren ergänzt oder ersetzt durch neue elemente.

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