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Test: Sugar Bytes Egoist, Groove Plug-in

12. Oktober 2015

Ein Egoist, den Sie lieben werden

Egoist

Ich gestehe – ich war egoistisch.

Der SUGAR BYTES EGOIST ist nämlich auf meinem Studio-Rechner seit Monaten (!!!!) installiert und – soweit darf ich vorgreifen – ich bin absolut begeistert – um nicht zu sagen: SÜCHTIG. Und doch habe ich diesen „Schatz“ lange, lange ganz für mich behalten.

Als Autor eines Musiker-Magazins kommt man ja in den Genuss von unzähligen Plug-ins. Da kommt es schon mal vor, dass die Update-Aktualisierungen jener verführerischen „Plagegeister“ mehr Zeit in Anspruch nimmt als der kreative Akt. Neulinge haben es also nicht leicht, den abgestumpften Amazona.de-Heavy-Tester noch wirklich vom Sockel zu hauen. Doch dann kommt da einer wie der EGOIST von SUGAR BYTES um die Ecke und schließt so schnell Freundschaft mit dir, dass du nicht weißt, wie dir geschieht.

Was tut´s

Grundsätzlich geht es darum, aus verstaubten Loops neue Grooves zu basteln. Dazu bedient sich der EGOIST dreier Kernkompetenzen in separaten Bereichen:

  • Sample-Loop-Verarbeitung (Slicer)
  • Bass Line
  • Drumpart

Dazu kommt ein ausgefuchster Effekt-Part und eine grafische Oberfläche, die für einen gestandenen Toningenieur fast anarchistisch wirken muss.

Die GUI sieht zunächst etwas kompliziert aus, ist aber nach einem kurzen Blick in das Handbuch leicht zu durchschauen. Hier hat offenbar ein Musiker für Musiker ein Tool vollkommen praxisnah umgesetzt. Warum allerdings eine Firma mit Berliner Wurzeln seine Handbücher nur in Englisch anbietet, ist mir ein Rätsel.

Dann stelle ich Ihnen die einzelnen Bereiche einmal kurz vor.

Der Slicer

Der Slicer ist das Kernstück des EGOIST und auch der Grund für meine euphorische Einleitung.

Hier laden, analysieren und bearbeiten Sie einen beliebigen Loop. Nach seiner Verwandlung durch den EGOIST ist dann das Ausgangsmaterial kaum mehr wiederzuerkennen.

Nach dem Laden des Loops wird dieser im oberen Drittel der GUI in kleine Audio-Schnipsel unterteilt (die sogenannten „Slices“). Diesen Vorgang kennen wir aus Dutzenden von Soft- und Hardware-Samplern. Selbstverständlich ist es auch möglich, die Slices manuell seinen eigenen Wünschen anzupassen.

Bereits hier lassen sich die einzelnen Slices in Tonhöhe, Länge, Decay und Lautstärke editieren. Anders als die Einstellungen im folgenden Slicer-Editor, gelten diese Einstellungen generell für das jeweilige Audioschnipsel.

Spannender wird es hingegen im mittleren Drittel, da hier nun Slices PRO SCHRITT verändert werden können. Im oben gezeigten Beispiel haben wir ein Pattern, das in 16 Schritte unterteilt ist. Über die Fader legen Sie nun fest, welches Audio-Schnipsel in welchem Bereich abgespielt wird.  Auf dem Screenshot oben wird zunächst mit Schnipsel 4 begonnen, dann folgt Schnipsel 9, 11, 1 usw.
Selbstverständlich kann man beliebige Schnipsel auch mehrmals in die Liste eintragen oder  die Anzahl der Schritte beliebig reduzieren.

Die Abspielfolge der Schnipsel muss aber nicht zwangsläufig von links nach rechts erfolgen, sondern lässt sich auch umdrehen oder auf Zufall stellen. Ebenso lassen sich Steps überspringen oder auch rückwärts abspielen.

Im unteren Drittel können Sie nun für jeden Schritt unterschiedliche Einstellungen für Attack, Decay und Level vornehmen.

Nehmen wir also an, Sie würden ein und denselben Schnipsel mehrmals hintereinander abspielen, so könnte jeder Schritt dennoch komplett unterschiedlich klingen.

Effekte

Die Effekte, die sich pro Step variieren lassen, sind nun das Salz in der Suppe und werden über eine Matrix im unteren Drittel dieses Parts aktiviert.

Sieben verschiedene Effekte stehen zur Auswahl, die sich auf Wunsch auch alle 7 GLEICHZEITIG auf ein und denselben Step anwenden lassen.

Die sieben horizontale Spalten repräsentieren in der Matrix die Timelines der 7 Effekte. Die vertikalen Spalten stehen für die Anzahl der Schritte Ihres Patterns. Klicken Sie nun das gewünschte Kästchen an und verknüpfen Sie dadurch Schritt und Effekt.

Das sieht dann etwa wie folgt aus:

Dank der Farbcodierung sehen wir also in diesem Beispiel, dass auf Schritt 1 ein Delay gelegt wurde, Schritt 2 trocken bleibt und Schritt 3 einen Chorus erhält.

Auch hier gilt also wieder: Selbst wenn jeder Schritt dasselbe Schnipsel enthält, kann jeder Schritt unterschiedlich klingen.

Als Effekte steht zur Verfügung:

  • Filter (7 verschiedene Filtertypen)
  • Delay
  • Reverb
  • Lo-Fi
  • Chorus
  • Tape Stop
  • Looper

Die verfügbaren Parameter entnehmen Sie bitte dem Screenshot (anklicken zum Vergrößern)

Eine Veränderung der Effektparameter verändert auch gleichzeitig die grafische Abbildung des Effekts – und das sehr treffend. Selbst Einsteiger werden wahrscheinlich sofort sehen, was dieser oder jener Effekt auslöst – und zwar nicht nur durch die akustische Veränderung des Nutzsignals, sondern auch durch die Visualisierung. Das gibt von mir viele, viele Bonuspunkte.

Noch ein Wort zur Qualität der Effekte: Wer hier Lexicon und Co. erwartet, hat sich geschnitten. Diese Effekte sind kreatives grob Gehacktes. Hallo, da passiert richtig was und zwar ordentlich. High End Puristen werden da sicher unglücklich werden, kreative Groove-Freaks werden diesen Baukasten lieben!

Bass & Beat

Für mich ist dieser Part bislang eine nette Dreingabe. Er vervollständigt mit einem Drum- und einem Bass-Part die Main-Parts Slices und Effekte.

Hier gibt es sicherlich deutlich spannendere Kollegen, aber zum Ideen-Schrauben leistet auch diese Page einen wertvollen Beitrag und deshalb gibt es für diesen Part ganz sicher keinen Punktabzug in der sonst kritikfreien Gesamtnote.

In der oberen linken Hälfte lässt sich eine klassische Bass-Line kreieren (à la TB303 oder SH101), bestehend aus einem OSC (Saw oder Pulse) und einigen wenigen Parametern wie Resonanz oder Decay.
Ebenso lädt man sich in die obere rechte Hälfte ein Drumset aus Snare, Bass und HiHat, die sich dann mit wenigen Parametern verändern lassen.

In der unteren Hälfte sind nun zwei Sequencer aufgereiht, in denen man nach Matrix-Manier die Trigger für den Basslauf bzw. eine der drei Drum-Spuren einsetzt.
Die Bass-Spur erlaubt dabei pro Step eine straight gespielte oder eine gepitchte Note (Glide), die Eingabe einer Oktave sowie einer Tonhöhe innerhalb der Oktave.

Wie gesagt, wenn sich jemand EGOIST zulegt, um einen tollen Bass-Synthesizer oder Drum-Sequencer sein Eigen nennen zu können, der ist schief gewickelt. Diese beiden Parts sind vorzüglich geeignet, um Grooves in Verbindung mit dem Slicer auszuprobieren, wird man aber bei einer finalen Produktion in vielen Fällen durch hochwertigere Plug-ins ersetzen.

… und auch hier Effekte?

Die gesetzten Effekte in der Effektmatrix wirken auch hier und lassen sich für BASS und/oder DRUMS nur komplett an- oder abschalten. Ist also auf dem zweiten Schritt ein Delay aktiv und die Effekte im Mixer (kommt gleich) auf BASS und DRUMS angeschaltet, wird im zweiten Schritt das Delay auch auf eine gespielte Drum- oder Bassnote aktiv.

Mixer & More

Im obersten Feld jeder Page befindet sich ein kleiner Mixer, in dem sich ganz rechts nicht nur die Gesamtlautstärke, sondern auch die Lautstärke der drei Parts Slicer, Bass und Drums einstellen lässt. Über jedem der Part-Fader kann man außerdem das Routing zum Effektsystem ein- und ausschalten.

Quasi fast überall gibt es darüber hinaus einen Button, der beliebige Funktionen per Zufallsgenerator befüllt bzw. ändert. Wer also mal nicht weiter weiß, einfach Zufallsbutton drücken und hören, was passiert.

Am unteren Teil der Main-Page kann man Pattern zu Parts und Parts zu Songs verknüpfen. Schön: Patterns lassen sich auch einfach per Noteneingabe antriggern und umschalten.

Und zum Schluss sei noch die Utility-Page erwähnt, auf der sich der EGOIST in voller Größe zeigt und mit Parametern wie Programm-Wechsel, Master-Tune, Clock (Internal, External, Host Start) hantiert.

Dabei sei gleich erwähnt, dass der EGOIST quasi mit Mignon-Zellen läuft, so klein ist sein Ressourcen-Hunger. Auch muss man ihm eine hohe Zuverlässigkeit bescheinigen. Auf meinem iMac rappelte er ohne Probleme sowohl als AU-Plug-in in Logic als auch als Stand-Alone-Version. Ach – und übrigens gibt’s den EGOIST auch als iOS-Version ;-)

Fazit

Der SUGAR BYTE EGOIST ist meiner Meinung nach ein ganz großer Wurf. Selbst banalste Samples und Loops lassen sich hier in einen aufregenden Groove-Kontext bringen und bis zur Unkenntlichkeit verbiegen. Die kreative Herangehensweise ist großartig gewählt und fördert den Spieltrieb. Besonders erwähnenswert ist dabei das aufgekratzte Effektmodul, das ebenfalls Sequencer-basiert die Slices zu neuem Leben erweckt.

Nur Bass- und Drum-Part fallen hier deutlich zurück und sollte man eher als ergänzendes Ideen-Werkzeug ansehen.

Was ich gerne noch gehabt hätte, wäre eine Panoramaspur gewesen sowie die Möglichkeit, auch eigene Drumsamples für den Drumpart laden zu können. Aber vielleicht gibt’s das ja noch in einem Update.

Für 99,- Euro ist der EGOIST jedenfalls in seiner Disziplin unschlagbar.

Plus

  • extrem kreatives Werkzeug, das selbst aus langweiligen Loops Hammer-Grooves macht
  • geniale, Step-basierte Effekt-Page
  • intuitive Bedienung
  • einmaliges Look & Feel

Minus

  • Drumbeats und Bass-Lines eher rudimentär
  • Drumbox lässt sich nicht mit eigenen Samples füttern
  • keine Panorama-Modulationen

Preis

  • 99,- Euro im Webshop bei Sugar Bytes
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    YeakZn

    Sieht echt Interessant aus. Werde morgen mal die Demo testen.
    Ach und natürlich guter Testbericht.

    MfG

  2. Profilbild
    andybee

    Habe das Demo getestet, wirklich toll gemacht! Vor ca. 15 Jahren hätte ich das gut brauchen können, ich erinnere mich noch an mehrstündige Sample Bearbeitungs Sessions mit den Akai Samplern…

  3. Profilbild
    S.Hachel

    „Warum allerdings eine Firma mit Berliner Wurzeln seine Handbücher nur in Englisch anbietet, ist mir ein Rätsel.“

    Weil englisch reden und schreiben in Berlin Hip ist. :)

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