Test: VOX Cambridge 50, E-Gitarrenverstärker

25. Februar 2020

Geht es dem Glaskolben an den Kragen?

Die Welt des Musikanten, wie auch die gesamte Gesellschaft, ist im Umbruch, was auch vor der Fraktion der Gitarristen nicht haltmacht. Der PA-Bereich reagierte als erster auf den Wechsel, die Bassisten reagierten auch ein paar Jahre früher und selbst die Sechssaiter-Abteilung kommt mittlerweile nicht mehr ohne massive Diskussionen um den Stein der Weisen herum. Die Rede ist vom der allgemeinen Abkehr von allem, was groß, schwer und wartungsintensiv ist. Was diese Vorrede mit dem VOX Cambridge 50 Combo zu tun hat? Im nachfolgenden Testbericht erfahrt ihr mehr darüber.

VOX Cambridge 50 Front

Die Säulen des Glaskolben bröckeln

Ohne jetzt zum gefühlt tausendsten Mal eine Grundsatzdiskussion lo treten zu wollen, wir kommen um ein paar Statements nicht drum herum. Ich bin so frei und breche die wichtigsten Eckpunkte der Verstärkertechnik auf ein paar wenige Punkte herunter, den Rest kann sich jeder selber dazu packen.

1.) Die klanglich bevorzugte Röhrentechnik hat im Instrumentenverstärkerbereich gefühlte 70 Jahre auf dem Buckel. Die Vakuumröhre war das erste Bauteil, das sich im Verstärkerbau stufenlos regeln lies und erzeugt klanglich insbesondere im verzerrten Bereich ein Obertonverhalten, welches das menschliche Ohr als druckvoll, dynamisch, blablabla (wir kennen die Lobpreisungen) empfindet. Außerhalb der Verstärkertechnik und mit Ausnahmen in der Militärtechnik (Vakuumröhren sind gegen einen EMP resistent) ist diese Technik aufgrund ihrer Wartungsintensität, des Gewichts und der hohen Kosten der Bauteile ausgestorben.

2.) Transistorverstärker oder auch der Modeling Sampling- (Kemper) Bereich sind leichter, kleiner, transportabler, wartungsärmer und preiswerter, sprich, sind den Röhrenboliden in allem überlegen, bis auf den Klang. Nach wie vor ist das höchste aller Wertungen für diese Spezies der Ausdruck „klingt wie …“ und nicht „ist …“, will heißen, das Annähern an die klanglichen Blaupausen der Wämmser in der Topteil/412er Cabinet Kombination gilt bis heute als Ritterschlag für alles, was auf Halbleiterbasis aufgebaut ist.

3.) Wahrscheinlich gibt es nicht einen etablierten Hersteller, der nicht in seinen Labors händeringend an einem Bauteil forscht, das die spielerische und klangliche Interaktion eines Röhrenamps nicht nur nachzuahmen versucht, sondern in seiner Gänze auch erreicht. Womit wir endlich bei unserem Testobjekt angekommen sind, das einen revolutionären Ansatz in der Verstärkertechnik mit dem Namen Nutube verfolgt.

VOX Cambridge 50 Front

Das Konzept des VOX Cambridge 50

Wenn es um Modeling-Amps geht, blickt die Firma VOX auf einen mittlerweile großen Erfahrungsschatz zurück. Als einer der größten Namen der Sechziger mit dem alles überragenden und wohl nach wie vor größten Umsatzbringer AC30, erkannte die Firma als einer der ersten die Zeichen der Zeit und war mit der Valvetronix-Serie lange Zeit unangefochten die Nummer eins auf dem Markt, sofern es um möglichst viele Verstärkersimulationen aus nur einem Verstärker ging.

Mit dem VOX Cambridge 50 geht der Hersteller nunmehr einen Schritt weiter und wagt mit der Nutube-Technologie den Frontalangriff auf das Allerheiligste aller Röhrenfans, den Ersatz der geliebten, ja sogar zuweilen abgöttisch verehrten Glaskolben aller Art. Die Optik des Bauteils allein schon ist so provokant, dass es dem anachronistischen Röhrenfan die Zornesröte ins Gesicht treibt. Wer es jedoch schafft, hinter den Effekt des Vakuumfluoreszen-Displays zu schauen, wird erkennen, dass es sich bei dem Ergebnis um eine Art Doppeltriode mit einem Heizdraht (direktbeheizte Kathode), einem Gitter und einer Anode in einem Vakuumglasbehälter handelt, was mit der Wirkungsweise einer klassischen Vakuumröhre identisch ist. Das Ganze allerdings mit nur einem Bruchteil der Spannungen eines klassischen Röhrenverstärkers und einer Lebensdauer von geschätzten 30.000 Stunden.

VOX Cambridge 50 Front

Die interessante Frage ist, ob die Nutube mit dem Impuls- und Resonanzverhalten einer klassischen ECC83/12AX7 identisch ist oder ob es nach wie vor Unterschiede gibt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wir reden hier nur von der Vorstufe, ein Vollröhrenamp ist noch mal ein anderes Kaliber.

Wenden wir uns zunächst dem Aufbau des VOX Cambridge 50 zu. Der Amp hängt konzeptionell nach wie vor stark an seinem Urvater, der Valvetronix Serie. Der Combo emuliert 11 verschiedene Verstärkermodelle und bietet 8 verschiedene Effekte (4x Modulation, 4x Raumeffekte), von denen maximal 2 simultan (je 1x Modulation und 1x Raum) nutzbar sind. Es gibt 2 freiSpeicherplätze, bei der Verwendung des VFS-5 Fußtasters, der nicht im Lieferumfang enthalten ist, kann man 8 verschiedene Sounds per Fußschalter abrufen.

Jeder Sound kann mit einer 2-Band Klangregelung (ein Mittenband ist nicht vorhanden) und den Reglern Gain und Volume angepasst werden, ein Mastervolume-Regler regelt alle Lautstärken gleichermaßen. Zusätzlich bietet der Amp noch einen einfachen Tuner mit 3 LEDs, einen USB-Ausgang für den Rechner, einen frequenzkorrigierten Kopfhörerausgang, einen AUX-Eingang und die JAMVOX III Software. Die Delay-Geschwindigkeit kann zudem mit einem Tap-Button an die Geschwindigkeit des Songs angeglichen werden.

Mit den Abmessungen von 452 x 240 x 410 mm (B x T x H) und einem Gewicht von 8,9 kg ist der VOX Cambridge 50 sehr handlich, bietet aber mit dem von Celestion in Lizenz hergestellten VOX Lautsprecher knapp 50 Watt Ausgangsleistung, was für jeden Clubgig mehr als genug Headroom bietet.

VOX Cambridge 50 Fußschalter

In der Praxis

Vor dem ersten Ton direkt ein ordentlicher Dämpfer. Ja, ich weiß, es ist logistisch, im internationalen Verkauf einfacher und billiger mit externen Netzteilen zu arbeiten, aber ein fummeliger Netzstecker, der einem Verzerrerpedal zur Güte reichen würde, kombiniert mit einem externem Netzteil im Festplattenstil, geht gar nicht. Andere Hersteller machen es mit internen Multispannungsnetzteilen und ordentlichem Kaltgerätestecker vor, zumal das hinten offene Combogehäuse nicht mal ein unteres Brett besitzt, um das Netzteil während des Transportes dort zu verstauen.

Leicht angesäuert wende ich mich den ersten Tönen des Verstärkers im cleanen Bereich zu, was dann jedoch deutlich versöhnlicher klingt. Für einen Verstärker, dessen Ladenpreis bei knapp 300 Euro liegt, bietet der Verstärker erstaunlich viel Charakter fürs Geld. Der Grundklang ist vergleichsweise ausgewogen und bietet auch aufgrund des 12“ Lautsprechers einen sehr erwachsenen Grundklang. Trotz der offenen Rückwand bietet der Amp einen ordentlichen Bassanteil und macht zudem ab einer Mastervolume-Einstellung von ca. 10 Uhr einen Höllenrabatz, dem man dem kleinen Gehäuse gar nicht zugetraut hätte. Im direkten Vergleich zu den geschlossenen Gehäusen der Valvetronix-Serie zieht der VOX Cambridge 50 in Sachen Druck zwar etwas den Kürzeren, dafür schlägt er viele aktuelle Konkurrenten in dieser Leistungsklasse um Längen.

Direkt vorneweg, die Nutube Technologie entpuppt sich als schlicht und ergreifend sensationell. Das Attack-Verhalten, die Kompression, der gesamte „unlineare Krempel“, den die klassische Röhre so „musikalisch“ macht, wird in der Tat 1:1 erreicht. Ich bin begeistert! Im Endstufenbereich sieht die Sache natürlich etwas anders aus, aber der Vorstufenklang ist einfach nur hervorragend. Mal sehen, wie viele Patente Korg auf dieses System draufgeschaufelt hat und ob es noch mal einem anderen Hersteller vergönnt sein wird, diese Technik nutzen zu dürfen.

Klanglich gibt es einige Modelle, die der VOX Cambridge 50 ganz hervorragend bedient, andere Modelle schmieren etwas ab. Zu den Highlights zählen erwartungsgemäß die beiden AC30 Modelle (wen wundert’s), die auch die einzigen Bezeichnungen sind, die man aus markenschtzrechtlichen Gründen auch bei ihrem echten Namen nennen darf und zwei der drei Marshall Modelle, wobei insbesondere das JCM 900 Modell gut nachgebaut wurde. Auch der cleane Fender Sound ist gelungen, wenngleich natürlich die Tiefe und Wärme des Originals nicht erreicht werden kann. Man bedenke aber bitte, es handelt sich um einen Modeler für knapp 300 Euro, das ist man bei Fender schon für den Speaker und die Endröhren los.

Weniger gelungen erscheinen die Dumble Adaptionen, was natürlich auch ein gewagtes Unternehmen darstellt und der High-Gain-Bereich, der von einer Soldano und Rectifier Adaption belegt ist. Beide Sounds driften sowohl leicht ins „Matschige“, als auch ins „Bissige“ im Höhenbereich ab, was allerdings auch an der Interaktion mit dem Lautsprecher liegen kann. Mir ist kein Speaker bekannt, der sowohl einen frischen, knackigen Crunch-Sound, als auch einen komprimierten und dennoch durchsichtigen High-Gain-Sound erzeugen kann, wobei der Celestion Vintage 30 hier noch als Referenz dienen kann.

Abschließend muss man dem VOX Cambridge 50 ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis bescheinigen, der viele seiner Mitbewerber klanglich in den Schatten stellt. Selbst die 2. Wahl Modelle klingen noch um einiges besser, als was ich in der letzten Zeit von anderen Modeling Amps zu hören bekam.

Fazit

Mit dem VOX Cambridge 50 hat der britische Hersteller einen hervorragenden Vertreter im Rennen, wenn es um den Preis-Leistungs-Bereich geht. Die bahnbrechende Nutube-Technologie ermöglicht dem Combo einen herausragenden Vorstufensound, der von der klassischen Röhrenabteilung klanglich und spieltechnisch nicht zu unterscheiden ist. Man bekommt für einen sehr moderaten Preis einen sehr flexiblen Verstärker, der mit knapp 4-5 sehr starken und 6 weiteren Sounds eine große Bandbreite abdeckt und aufgrund der großen Leistungsreserven jeden Club beschallen kann.

Plus

  • Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Nutube-Technologie
  • gutes Modeling mit mehreren Highlights
  • Celestion Lautsprecher

Minus

  • Versorgungsspannung nur über extrenes Netzteil
  • Gehäuse ohne hinteres "Kabelfach"

Preis

  • 309,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    bluebell  

    Prima Test, dem man anmerkt, dass Axel als praktizierender Musiker „schon etwas länger neu“ ist und aus einem reichhaltigen Erfahrungschatz zehren und Vergleiche ziehen kann.

    Was mir nicht ganz klar ist: Ist das abgebildete Kabel an der Rückseite fürs Netzteil oder den Fußschalter?

    Könnte man das Netzteil-Handlingproblem entschärfen, indem man es z.B. mit Klettband innen an einer Seitenwand oder am Boden befestigt?

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Kabel / Netzteil, siehe Antwort Green Dino.

      Klettband, ja, würde natürlich gehen, ist aber eine nervige Fummelarbeit, da man das Netzteil nicht nur grob fixieren, sondern komplett mit vergleichsweise viel Band sichern muss. Macht keinen Spaß.

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    Green Dino  AHU

    Das ist das Kabel für das Netzteil. Buchse für den Fusschalter ist direkt neben dem USB Port.
    Sieht man gut, wenn msn ranzoomt. :)

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    OscSync  

    Bezüglich des Speakers: „Mir ist kein Speaker bekannt, der sowohl einen frischen, knackigen Crunch-Sound, als auch einen komprimierten und dennoch durchsichtigen High-Gain-Sound erzeugen kann“

    Mein persönlicher Favorit und Tipp für einen satten, druckvollen und dabei transparenten und stabilen Breitwandsound von Clean über Crunch bis High Gain ist der Eminence Swamp Thang. Ich würde ihn als ähnlich dem Mesa C90 beschreiben, aber mit etwas mehr Charakter in den Mitten. Mein Rectifier wird damit zur Allzweckwaffe für alle Lebenslagen. Leider ist der Speaker aber vergleichsweise schwer…

  4. Profilbild
    Hein Bloed  

    Der JCM kling wirklich nicht schlecht und würde mir beinahe als Verkaufsargument schon genügen. Mir fällt allerdings die dünne Wandstärke des Gehäuses auf und optisch macht der Amp leider nix her (British Green und Racing Red bitteschön).
    Netzteile habe ich auch schon genug.

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      bluebell  

      Gibt’s für die Optik nicht leergeräumte Marshall-Türme entsprechend den Pseudo-PCs und -Büchern in Möbelgeschäften?

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    dr noetigenfallz  

    Wie hörst du denn heraus, dass die Vorstufe „den Röhrensound“ hat, der Rest aber nicht? Oder anders: Ich kann doch gar nicht den Vorstufensound alleine anhören. Ich höre ja immer die Endstufe mit. Also das soll jetzt nicht provozieren,. Ich glaube dir, dass du das hörst – aber ich wüsste gar nicht, woran ich erkennen kann, ob das die Vor- oder die Endstufe ist. Kannst du das kurz beschreiben?

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      Axel Ritt  RED

      Vor- und Endstufe haben ein sehr spezifisches Klangverhalten, wenn es um Attack, Kompression und die Gainstruktur des Sounds im allgemeinen geht, insbesondere wenn man den Verstärker spielt und ihn nicht nur hört. Bestimmte Klangstrukturen sind der Vorstufe, andere wiederum der Endstufe zuzuordnen.

      Man kann den spezifischen Klang nur im A/B Vergleich wirklich ausmachen oder man hat wie ich zehntausende von Stunden in Studios, Proberäumen oder auf Bühnen verbracht. Du kannst dir selber mal den Spaß machen und nimm dir 2 verschiedene Vorstufen (Röhre / Solid State) und 2 verschiedenen Endstufen (z. B. Class D / Röhre), vielleicht sogar 2 verschiedene Cabinets.

      Ruckzuck hast du 8 komplett verschiedene Sounds, dann definierst du für dich, welchen Sound du mit welcher Komponente verbindest und schon ist dein Gehirn dabei, die Vorstufe von der Endstufe und dem Lautsprecher klanglich zu trennen.

      Viel Spaß!

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    Zwo5eins  

    Ich habe den VOX Cambridge 50 im Laden getestet da ich sehr neugierig auf den Amp war.
    Die Überraschung war schon groß. Ich habe nur den Clean Kanal mit einer Telecaster gepielt, Gain soweit aufgedreht, dass ein wenig Würze in den Sound kommt. Ergebnis: sagenhafter Ton, wirklich breit, fett, transparent und irre gute Dynamik. Ein großer erwachsener Sound. Bravo.

    Den Amp hätte ich sofort gekauft wenn nicht das grausige Rauschen gewesen wäre.
    Ich lese hier im Test nichts von Rauschen ? Hat nur mein Testamp das starke Rauschen ?

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Ich konnte während des Tests kein übermäßiges Rauschen fest stellen. High Gain Sounds ohne Noisegate rauschen nun mal und die Werte des VOX lagen im normalen Bereich.

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