Test: Waldorf Lector Vocoder-Plug-in

16. November 2011

Der Q-Vocoder nun als Plugin?

Waldorf Lector Vocoder Plugin

Waldorf Lector Vocoder Plugin

Was genau macht eigentlich Vocoding?

Dieser Frage sind wir ausführlich nachgegangen. Was genau ein Vocoder ist, wer seine historischen Vorfahren sind und welche Varianten es gibt, erklären wir ausführlich in unserem Vocoder-Special. Dazu bitte HIER KLICKEN.

Waldorfs Lector Vocoder

Vocoder sind ja eigentlich Sprachsynthesizer. Entwickelt gleichermaßen als militärische Verschlüsselungstechnologie wie zur Umgehung der Bandbreitenlimitierung beschränkter analoger Telefonleitungen, wurden sie – etwa nach dem Siegeszug der digitalen Synthese – recht populär auch in normaler Musik. Denn ihre technische Umsetzung ist komplex, und analog ist das Grundprinzip – die Resynthese gesprochener Sprache durch parallele Filterbänke, die ihrerseits einen frei spielbaren Synthesizer jene Charakteristik „aufdrücken“ –  technisch nur sehr aufwendig zu erreichen. Wie auch bei  Hardware, sind auch im Bereich von Plug-ins Vocoder aber eher selten. Während vor einigen Jahren eine kleine Reihe von Plug-ins mehr oder weniger gleichzeitig auf den Markt kamen, war es in den letzten Jahren bis auf eine Ausnahme eines deutschen Plug-in-Programmieres (Virsyn) ruhig. Offenbar wird  mittlerweile der Bedarf an interessant-technoiden Stimmeffekten durch Echtzeit-Tonhöhenkorrektur-Soundtools wie Autotune gedeckt, während das im Klang etwas  extremere „Original“ gerade im Abseits steht. Dank Waldorf ändern sich diese Zeiten jetzt – nach Jahren gibt es wieder einmal einen neuen Vocoder als Plug-in auf hohem Niveau. Waldorf Lector heißt unser Prüfling, und ob er seinen (wenigen) Konkurrenten das Fürchten lehrt, wie uns Älteren einst der (vielleicht) namensgebende Hannibal L. im Grusel-Kino der späten 80er, wollen wir hier einmal testen.

Kleine Gesamtübersicht zum Waldorf Lector

Lector ist ein Effekt-Plug-in mit moderaten Hardwareanforderungen (auch auf älteren Dualcore-Prozessoren sollten etwa 20 Instanzen gleichzeitig laufen), das quasi nebenbei auch einen gelungenen virtuell-analogen Synthesizer und eine Multieffekteinheit bereitstellt. Durchläuft ein akustisches Signal den Effekt normal, kann die Tonhöhe des Effektes und damit die Melodie entweder über MIDI gespielt oder wird im sg. Latch-Modus regulär auf Höhe des Standard-C (C3) resynthetisiert werden. Dazu kommt ein Modus, bei dem die Tonhöhe eines externen Trägers die des resynthetisierten Signales via Sidechain (VST 3) oder eines kleinen Plug-ins namens „Lector Carrier“ (VST 2.4) steuern kann. Damit wird also die analysierte Grundstimmung und die einzelnen Frequenzbestandteile mittels einer zweiten (Parallel-)Filterbank auf das Carrier (Träger) -Signal (anstatt des integrierten Synthesizers) übertragen. Somit kann Lector prinzipiell „Übergriffe“ zwischen verschiedenen analogen Instrumenten erzeugen, um etwa einem Rockgitarren-Riff menschliche Sprache aufzuprägen oder Percussion durch menschliche Sprache in etwas Beatbox-Nahes mit gehoben-edlem Klangcharakter zu verwandeln.

Eingangsbereich

Eingangsbereich

Rundgang

Sehen wir uns die einzelnen Bestandteile des neuen Plug-ins aus dem Hause Waldorf mal genauer an.  Das Eingangssignal (sowie bei Bedarf der „Carrier“) geht zuerst durch einen zuschaltbaren Kompressor, der die Durchschnittslautstärke anhebt, Pegelunreinheiten ausbügelt und damit auch die Analyse und Bearbeitung des Signales erleichtert. Dazu kommt die für Klangexperimente spannende Möglichkeit, Eingangs- und Carriersignal zu vertauschen und natürlich eine Regelung der Eingangslautstärke, die sich im Test gerade für experimentellere Anwendungen als wichtig entpuppte. Ein zuschaltbarer „Unvoiced Detector“ mit drei Betriebsmodi erlaubt eine bessere Verständlichmachung von Sprach- und anderen Signalen für die Analyse. Auch hier wird der gehobene Anspruch des Plug-ins aus deutschem Haus deutlich.

Komplett: der Carrier bzw. Synthesizer

Komplett: der Carrier bzw. Synthesizer

Der in den meisten Fällen als Carrier verwendete und zum Glück auch „solo“ lauffähige integrierte Synthesizer bietet 16 Stimmen und die übliche  „Waldorf-DNA“ (O-Ton der Betriebsanleitung) der Synthesizer des deutschen Traditionsherstellers. Somit bietet er bietet zwei Oszillatoren mit den „üblichen Verdächtigen“ (Sinus, Triangel, Sägezahn, Noise) plus die immer interessanten Spezialisten-Schwingungsformen Sample&Hold für Abgefahrenes und Puls (mit regelbarer Pulsbreite) mit Detune (klar) und regelbarer FM (seltener). Dazu kommen als Besonderheiten Sampleimport (samt einer gewissen Auswahl von Standard-Klängen wie Streichern) sowie Sidechain, um über die Sidechain-Option neuerer Hosts (mit Unterstützung von VST 3) oder das Carrier-Plug-in Signale durch einen oder beide Oszillatoren zu schleusen. Damit gewinnt der Lector noch einen weiteren Aspekt und wird zur Filterbank.

Über Details schweigt sich die Bedienungsanleitung leider etwas aus, daher hier etwas Nachhilfe: Man muss darauf achten, den Latch-Modus abzuschalten und das passende Symbol bei der Schwingungsformauswahl (ein Haken, der nach unten geht) anwählen, dann funktioniert es. Dank der gewohnt guten Waldorf-Filter werden dann nicht nur die Oszillatoren-Signale oder WAV-Samples, sondern jedes nur denkbare aufgenommen Audiomaterial sanft-edel bis brachial-böse verbogen. Neben Hoch-, Tief- und Bandpass steht ein Notchfilter sowie das per se (Stimm-)Formanten abschwächende Whitening-Filter mit jeweils 12 oder 24 dB Flankensteilheit zur Verfügung. Letzteres ist eine Besonderheit und erleichtert die richtige Übertragung der Stimmformanten auf das Carrier-Signal durch Abschwächung von Überbetonung. Das Filter hat eine einfache (Attack/Release)-Hüllkurve sowie eine Sättigungsstufe mit drei verschiedenen Modi wie Röhre oder Transistor. Einige Details wie zuschaltbare Monophonie mit Legato, ein Ringmodulator oder „Filtervelo“ zur anschlagsabbhängigen Filterhüllkurvensteuerung sowie ein praxisnaher Filter-LFO mit sechs Schwingungsformen erlauben einen  Einsatz als vollwertiger-aber-einfacher Synthesizer. Vor allem für Bässe, FX und Leads ist er sehr geeignet, die sehr einfach  gehaltene AR-Lautstärkehüllkurve und die Beschränkung auf zwei Oszillatoren machen komplexere Sounds kaum möglich.

Komplett: der Carrier bzw. Synthesizer

Komplett: der Carrier bzw. Synthesizer

Rechts des trotzdem überaus gelungen Carrier-Synthesizers finden sich die Bedienelemente der beiden Vocoder-Filterbänke. Hier lässt sich der analysierte Frequenzbereich in Details wie Anzahl der analysierten Frequenzbänder oder deren Bandbreite einstellen und/oder in der gelungenen graphischen Anzeige (mit Analyzer) per Maus einfach verschieben. Ähnliches gilt für die Synthese-Filterbank. Deren Filter können mittels eines weiteren synchronisierbaren LFO (wieder mit sechs Schwingungsformen zur Auswahl) zusätzlich moduliert werden, um  interessante und recht ungehörte Verfremdungen zu erzeugen. Hier ist viel Platz für spannendes Experimentieren. Anschließend folgt die Effektsektion. Nach einem dreibandigen Equalizer mit semiparametrischen Mitten folgt eine (weitere) simulierte Röhrenvorstufe (mit drei Modi wie Röhre oder Clipping), ein zwei- bis sechstufiger Chorus, ein recht umfassend ausgestattetes Delay mit einem etwas ungewöhnlichen Spread-Parameter für Pingpong- und andere Stereodelayeffekte sowie ein einfacher aber sehr wohlklingender Hall auf oberstem VST-Niveau.  Über der Effektsektion findet sich eben noch ein Mixer, um Carrier, Originalsignal und das Vocodersignal anteilig zu mischen oder eben nur eines davon abzuhören.

Fazit

In der Praxis zeigt sich Lector als sehr gelungenes Plug-in mit vielen Einsatzmöglichkeiten. Typische Vocoderanwendungen wie das roboterhafte Verfremden von Stimmen, Autotune-ähnlicher Gesang oder ähnlich sanfte Anwendungen à la Daft Punk („One more time“) lassen sich in wirklich gehoben-edler Qualität verwirklichen. Hardware vermisst man dabei nie, eines der weiteren Plug-ins für die, die immer noch an der Qualität von Software zweifeln. Die Bedienung funktioniert dabei problemlos, setzt aber  eigentlich Grundlagenwissen in Audiotechnik und ein vertieftes Verständnis des Signalwegs des Plug-ins voraus. Für ein Effekt-Plug-in ist Lector doch sehr komplex, es ist ja im Prinzip so etwas wie ein recht komplexer Synthesizer. Damit richtet sich Lector per se an professionelle Anwender, Studioprofis oder eben Synthesizerenthusiasten. Letztere profitieren auch am meisten von den etwas abwegigeren Einsatzmöglichkeiten wie dem Einsatz als Lead/Bass-Synthesizer oder Klangspielereien mit der modulierbaren Filterbank. Etwas Geduld vorausgesetzt, hat man hier sehr lange Spaß mit der hohen Bandbreite möglicher Sounds und Anwendungen. Bis auf ein, zwei milde Verbesserungsmöglichkeiten im Bereich Farbschema (etwas mit mehr Kontrast) und Presets (besonders für den Synthesizer) äußerst überzeugend.

Plus

  • flexibel und immer überzeugend
  • teurer, edler Grundsound
  • Innovationen wie Sampleimport oder modulierbare Filterbänke
  • Mehrwert durch auch „solo“ einsetzbare Effekte und Synthesizer
  • gut gelöste Bedienung und edle Effekte

Minus

  • ein paar Presets mehr wären generell zu begrüßen
  • ein besser lesbares Farbschema wäre toll

Preis

  • UVP: 169,- Euro
  • Straßenpreis: 149,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    steve_n

    Ich würde nicht nur VirSyn’s Matrix als Ausnahme nennen. Ganz ähnliche Effekte lassen sich mit dem Vocalizer von Sonivox erzielen, wenn dieser intern auch anders arbeitet. Ich finde denen ist da ein wirklich nettes PlugIn gelungen, dass in seinen Möglichkeiten über eine klassischen Vocoder hinausgeht.

  2. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Den Razor von Native Instruments nicht vergessen.

  3. Profilbild
    Markus Schroeder  RED

    Um jetzt mal ein bißchen klugzuscheißen:

    Da fast sämtliche Waldorf Produkte sich auf James Bond Filme beziehen, durfte die Namensinspiration hier wohl die Dechiffriermaschine Lector aus „Liebesgrüße aus Moskau“ sein. Was ja auch dem Ursprung des Vocoders naheliegt.

    Grüße ;)

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