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Test: Wayoutware TimewARP 2600, Software-Synthesizer

19. Oktober 2005

ARP 2600 mit Warp-Antrieb

Wie schon bei diversen Emulationen des Minimoogs gibt es auch bei dem Versuch, den ARP 2600 in das Zeitalter der softwarebasierten Synthesizer zu bugsieren, Konkurrenz. Zu Jahresbeginn wurde die Garde der Desktop- und Laptopmusiker mit dem Erscheinen des Arturia ARP 2600 V konfrontiert, nun folgt dem französischen Produkt ein amerikanisches Pendant, um den Kult um dieses Instrument auch auf der Softwareseite zu beleben. Jim Heintz, ein amerikanischer Entwickler, hat schon vor Monaten eine RTAS-Version dieses PlugIns auf den Markt gebracht, nun also sind auch die Windows XP und MacOSX Standalone und VST PlugIn Versionen erhältlich. Um auch die Authentizität des Manuals zu gewährleisten, wurde Jim Michmerhuizen ins Boot geholt, der schon im Jahre 1970 die Bedienungsanleitung für das Original verfaßt hatte. Und natürlich hat auch Alan R.Pearlman diesem Produkt seinen Segen gegeben, so dass eigentlich nichts mehr schief gehen konnte…oder etwa doch?

Ein erster Überblick

Natürlich wurde der TimewARP 2600 nicht als völlig puristisches Abbild seines Vorbilds erstellt, doch halten sich Abweichungen gegenüber dem Original stark in Grenzen. Einige – für den Hersteller – wichtige Modifikationen im Bereich der Bedienung wurden in die Software implementiert. Die Polyphonie ist mit bis zu 8 Stimmen vom Anwender frei wählbar, während das Original monophon bzw. duophon (je nach Baureihe und verwendeter Tastatur) war.
Den VCOs 1 und 3 wurden gegenüber dem Original jeweils ein zusätzlicher Sinusausgang spendiert. Beim Filter Cutoff kann die Steuerspannung der Tastatur durch einen Slider in ihrer Intensität geregelt werden.
Die Zeiten der einzelnen Abschnitte, sowohl der AR- als auch der ADSR-Hüllkurve, wurden erheblich verlängert.
Somit sind die wenigen Abweichungen zum originären Bedienfeld schon umrissen.
Natürlich ist auch eine umfangreiche MIDI Implementierung gewährleistet, aber dazu später mehr.

Installation und Registrierung

Nach der Installation kann die Software entweder mit Hilfe eines kostenpflichtigen iLok-Keys oder des PACE-Kopierschutzes auf den internen Speichermedien authorisiert werden. Die Authorisierung erfolgt entweder direkt über eine Internet-Verbindung am Audio-PC/Mac oder über ein Challenge-/Response-File durch Überspielung auf einen externen Internet-Rechner und der Erfassung einer Seriennummer auf einer speziell dafür eingerichteten Website. In meinem Falle habe ich die zweite Variante durchgeführt und es klappte tadellos.

Grundsätzliches zum Handling

Werte von Schaltern, Drehreglern und Slidern werden mit der Maus in gewohnter Weise verändert. Das Patchen ist ebenfalls schnell durchgeführt, indem man von einer Buchse A mit der Maus zu einer Buchse B wandert und loslässt. Schon steckt das virtuelle Kabel. Herausziehen kann man es auf die selbe Art und Weise, indem man das offene Ende entweder im „Niemandsland“ loslässt (das Kabel verschwindet dann umgehend) oder eine andere Buchse als Verbindung wählt. Bevor das wilde Patchen beginnt, gibt es zu bedenken, dass bestimmte Signalflüsse schon verbunden sind, so dass auch ohne Kabel schon einiges an Klanggestaltung möglich ist. Durch Einstecken eines Kabels wird diese interne Verbindung unterbrochen. Am Original lässt sich durch Blindstecker z.B. der Einfluß der Tastatursteuerspannung auf die Cutoff Frequency ausschalten, was hier ja durch den zusätzlichen Slider möglich ist.

Die Patchverwaltung

Hier hat sich der Entwickler Gedanken gemacht, um auch einem Program Change Befehl Genüge zu tun. Die Speicherung eines Patches erfolgt, indem man zuerst eine Bank, anschließend eine Subbank auswählt, um dann neben der Namensvergabe und einiger Stichworte auch eine Patchnummer anzugeben.
Solange die Anzahl innerhalb einer Subbank 128 nicht übersteigt, und eine ordentliche Zuordnung seitens des Anwenders erfolgt ist, kann über MIDI das entsprechende Patch innerhalb dieser Subbank gewählt werden.

Oszillatoren

Stellvertretend für alle Oszillatoren verfügt der am umfangreichsten bestückte OSC 2 über die gebräuchlichen Wellenformen Sinus, Dreieck, Sägezahn und Rechteck. Je nach Betriebsart als Audio- oder LF-Oszillator kann er zwischen 10Hz – 20.000Hz/0,03Hz – 30Hz jeweils grob und fein justiert werden. Zusätzlich ist die Pulsbreite zwischen 10 und 90 % einstellbar.
5 vorverbundene Eingänge zur Frequenzmodulation, wobei nur Keyboard CV NICHT über einen Slider regelbar ist, stehen zur Verfügung, die aber jederzeit durch Kabelverbindungen unterbrochen bzw. neuen Quellen zugeordnet werden können.

Filter

Das 24 dB Lowpass Filter verfügt ebenfalls über eine Grob- und Feinstimmung zur Bestimmung der Eckfrequenz, selbstverständlich ist es bei Erhöhung des Resonanzverhaltens fähig zur Selbstoszillation.
Angebunden an den Bereich des Filters ist der Mixer, der grundsätzlich neben den 3 Oszillatoren, von denen bestimmte Wellenformen anliegen, auch den Ringmodulatorausgang und das gewünschte Signal des Rauschgenerators als Grundkonfiguration bereitstellt.
Als Modulationsquellen sind Keyboard CV, die ADSR Hüllkurve und der Sinusausgang von OSC 2 intern zugeschaltet.

Envelopes

An Hüllkurven stehen dem Anwender sowohl eine ADSR- als auch eine AR-Hüllkurve zur Verfügung, also eine nicht gerade als üppig zu bewertende Ausstattung in dieser Hinsicht. Auch die Steuerspannung einzelner Abschnitte wie z.B. Decay oder Release ist nicht vorgesehen, aber wer den Abschnitt MIDI aufmerksam liest, wird die Abhilfe gegenüber der Hardware schnell erkennen.

Voltage Processors

Drei verschiedene Einheiten zur Erzeugung/Beeinflussung von Steuerspannungen sind in dieser Funktionseinheit vorzufinden. Die obere Einheit verfügt über 4 Eingänge, wobei zwei mittels Slider in ihrer Intensität regulierbar sind. Die mögliche Summe aller Eingänge kann invertiert abgenommen und einem Modulationsziel zugeführt werden.
Die mittlere Einheit bietet zwei Eingänge, einer davon mit einem Abschwächer versehen, und ebenfalls einen invertierten Ausgang.
Die dritte Einheit ist ein Lag Processor, der z.B. bei einem Signal zur Tonhöhensteuerung einen Glide-Effekt verursachen kann.

In der Output Abteilung können zwei Audiosignale in den VCA gespeist werden, hier sind das Filtersignal und der Ausgang des Ringmodulators als Initialsignale verschaltet.
Der VCA kann sowohl linear wie auch exponentiell spannungsgesteuert werden. Im Mixer steht die Option zur Verfügung, das Ausgangssignal im Panorama zu positionieren, auch ein emuliertes Spring Reverb, welches glücklicherweise nicht rauscht wie sein Hardwarevorbild, kann zur Anreicherung verwendet werden.

Externe Signale können über den Preamp in den TimewARP geleitet werden, auch ein Envelope Follower steht hier zur Verfügung. Zusätzlich ist auch ein Ringmodulator, in dem ebenfalls frei wählbare Signale verarbeitbar sind, an Bord.

Die Tastatur bietet neben dem Pitchbend-Knopf allerlei Möglichkeiten, den Sound grundlegend zu beeinflussen. Der LFO kann der Steuerspannung der Tastatur zugemischt werden, gleichzeitig können die Modulationssignale auch direkt abgenommen werden. Ein Vibrato Delay sorgt für ein angenehmes, sofern gewünschtes Einschwingen der Tonhöhenmodulation, ein Vibrato Depth für dessen Intensität. Ein Portamento und ein Oktavwahlschalter finden sich hier ebenso wie die Möglichkeit, einen Single oder Multiple Trigger auszuwählen. Wirklich interessant sind diese Sachen dann, wenn man zum Livespiel ein Masterkeyboard verwendet, denen diese Möglichkeiten der originalen 3620-Tastatur auch leicht zuordenbar sind.

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Jeder Parameter kann einem bestimmten MIDI Controller zugewiesen werden. Hierbei werden Global MIDI Map Settings, die für die gesamte Instanz unabhängig vom Patch gelten, und Patch-Specific Settings, die, nomen est omen, nur für dieses eine Patch eingerichtet sind, unterschieden. Die Global Settings kann man als komplette Maps speichern und bei Bedarf laden. Die pro Controller festzulegenden Parameter sollten jedem Bedarf Genüge tun. So lassen sich neben der Controller-Nr die Sensivity (linear, exponentiell oder logarithmisch), die Polarity (direkt, invertiert), Control Range und MIDI-Kanal speichern. Eine MIDI Learn-Funktion ist auch anwählbar. Über Pitchbend modulierbare Ziele werden über den Controller 128 mit eben dieser Funktion verknüpft.
Die patchspezifischen Parameter sind Velocity, Poly Aftertouch und Mono Aftertouch und haben bis auf den MIDI Kanal die gleichen einstellbaren Parameter wie die Global Settings.
Will man also eine globale Zuordnung von Controllern zu bestimmten Parametern nicht verändern, aber den einen oder anderen Klang durch Veränderung mehrerer Parameter gleichzeitig schön zum Morphen bewegen, bieten sich diese spezifischen Controller dazu an.

Systemvoraussetzungen

Windows

Windows XP
1,5 GHz P IV
VST 2.0 oder RTAS-kompatible HOST-Anwendung für den PlugIn-Betrieb
256 MB RAM, 1024×768 Bildschirmauflösung

MacIntosh

Mac OS X Version 10.3 oder höher
1 GHz
VST 2.0 oder Audio Unit-kompatible HOST-Anwendung für den PlugIn-Betrieb
256 MB RAM, 1024×768 Bildschirmauflösung

Fazit

Nun, wie will jetzt der TimewARP 2600 der Konkurrenz aus dem Hause Arturia, die ja auch noch durch Beigabe diverser neuer und erweiterter Parameter doch einiges mehr an Funktionalität zu bieten hat, die Stirn bieten? Das französische Produkt ist natürlich rein an solchen Dingen gemessen dem TimewARP 2600 voraus, schließlich ist ein Sequenzer als Beigabe sicherlich sehr begrüßenswert. Auch die Neuerungen, z.B. in Form von Delay- und Choruseinheiten, bieten dem Anwender einiges an hochwertigen Bausteinen zur Klangformung. Und eine tolle Spielwiese zum Experimentieren wird von beiden bereit gestellt. Doch geht es rein um Authentizität des Grundcharakters eines originären ARP 2600, so sind dem TimewARP 2600 doch einige Pluspunkte mehr anzurechnen. Sowohl die Wucht vieler Klänge der 2600er-Serie als auch der immer etwas neutraler, aber damit auch vielseitiger verwendbare Klang eines ARP Synthesizers wird durch den TimewARP 2600 doch eher getroffen. Es sei jedem empfohlen, von dem Download der Demo-Versionen schon aus Vergleichsgründen regen Gebrauch zu machen und sich allein mit den Patchbook-Klängen im 1:1 – Abgleich ein Bild/Gehör zu machen. Leider sind die Originalapparaturen dünn gesät, doch Kenner alter Weather Report-Scheiben haben eh schon bestimmte Klanggbilder vor Ohren. Josef Zawinul, der Tastendrücker von Weather Report, hat übrigens mal auf die Frage, warum er keine Moogs verwende, geantwortet, weil diese eben fast immer nach Moog klingen würden. Er aber habe einen Klangcharakter gesucht, der sich flexibler in die Klanggestaltung bei Weather Report einbinden liess und genau diese Anpassungsmöglichkeiten bei seinen beiden 2600 Modellen gefunden habe. Und genau das trifft m.E. auch auf den TimewARP zu. Einziger Wermutstropfen ist für mich der unbotmäßig hohe CPU-Bedarf dieses Softsynths bei Erhöhung der Stimmenzahl bei bestimmten Patches. Da hat die Authentizität wohl ihren Preis! Aber wirklich authentisch ist nun einmal auch die monophone Spielweise bei diesem Instrument.
Aber so richtig schief gegangen ist wirklich nichts!

Plus

  • sehr authentischer Klang
  • gut klingendes Filter
  • aufgeräumte Oberfläche, keine versteckten Menüs
  •  Zum Großteil puristische Umsetzung mit sinnvollen Erweiterungen

Minus

  • bei polyphonem Spiel hoher CPU-Bedarf
  • bei Verwendung mehrerer Patchkabel wird die Oberfläche durch die fehlende Farbabstufung der virtuellen Kabel etwas unübersichtlich

Preis

  • 249,- USD
Klangbeispiele
Forum
    • Avatar
      AMAZONA Archiv

      … Mangels Alternativen. Das WoW Produkt ist zwar näher am ARP Sound als der Softie von Arturia, besser als der Oddity klingt das Teil für mich aber nicht. Tja, und das wars dann ja auch schon zum Thema ARP ;) Ausserdem hat Timewarp 2600 im Vergleich zum Oddity einige nervende Bedienungsmankos.

    • Avatar
      AMAZONA Archiv

      … Ok, ich vergaß Axxe von WOW. Ist für mich aber auch nicht wirklich eine Erwähnung wert.

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