Häussel Pickups – Tonabnehmer von der schwäbischen Alb

17. März 2019

Häussel - Pickup-Power aus Schwaben

Häussel Pickups - Tonabnehmer von der schwäbischen Alb

Häussel Pickups – Tonabnehmer von der Schwäbischen Alb

Bei der Arbeit an beiden Specials über deutsche Gitarrenbauer zeichnete sich mit der Zeit ab, dass unabhängig vom Hersteller, vom Standort oder dem Stil ein Name immer und immer wieder aufkam: Harry Häussel.

Das war insofern nicht überraschend, als dass bei allen Interessierten rund um das Saiteninstrument der Name Häussel-Pickups ein Begriff ist: hochwertige Pickups von der Schwäbischen Alb – soweit klar. Dass diese Humbucker und Singlecoils aus schwäbischem Haus jedoch derart allgegenwärtig waren, überraschte dann doch. Und Tatsache ist – ganz fair ist es nicht, wenn man sich auf ausführliche Spurensuche unter Deutschlands Gitarrenbauern begibt und dabei einem der wichtigsten Kollaborateure der Schmiedekunst nicht einen eigenen Spot einräumt – Harry Häussel beliefert deutsche Hersteller von Gitarren seit 30 Jahren mit hochklassigen Pickups mit eigenem, distinkten Charakter. Zeit für uns, Harry Häussel einen (figurativen) Besuch abzustatten.

Häussel Pickups – auf Spurensuche

Burladingen im Bezirk Tübingen: Am „Tal der Lauchert“, zwischen grünen Wiesen und Walzmühlen steht die Werkstatt des schwäbischen Urgesteins. Die Anfänge hat der Pickup-Guru keiner inspirierten, mysteriösen Eingebung zu verdanken – da war einfach handfestes Interesse im Spiel, von Anfang an. Harry hat sich vor allem erst mal dem Bau von akustischen Custom-Gitarren gewidmet. In Eigenregie entstanden ein paar Stück und es dürfte sich in deutschen Wohnzimmern sicher noch die eine oder andere Akustikgitarre von Harry Häussel finden lassen. Interessant hierbei: Viel mehr hat es nicht bedurft. Der Name Häussel Pickups machte rund um die Schwäbische Alb die Runde. Was dann folgte, war die Erkenntnis von Harry selbst, dass er nicht um eine Erweiterung seines Sortiments herumkommen würde. E-Gitarren und -Bässe wurden ins Sortiment genommen. Und notgedrungen passierte dann das, was passieren musste: Als angehender Spezialist für Pickups flatterten die Reparaturaufträge immer mehr rein. Das Interesse an seinen Tonabnehmern begann stetig zu wachsen.

Das Handwerk als solches ist nicht leicht. Denn speziell was die Klangcharakteristik von Singlecoils angeht, sind Qualität und Wicklung der Drähte entscheidend. Man muss sich klar machen: Tübingen in Baden-Württemberg vor einem Vierteljahrhundert: Thomann und Amazona lagen noch fern in der Zukunft, das Internet war zu der Zeit nicht mehr als ein DOS-basiertes Arpanet. Sprich: Wer ein Problem mit seinem Pickup hatte, war knallhart auf Namen und Know-how in der Umgebung angewiesen. Und Mitte/Ende der 80er spielten die Tüftler und Gitarrenfreaks Deutschlands mit Harrys Namen Flaschenpost: Es machte die Kunde die Runde, dass es da einen äußerst versierten Pickup-Doktor an der Alb gab. Also wurde eingeschickt, angereist und angesehen, was der junge Mann aus Tübingen da ausheckte.

Harry hatte in der Zwischenzeit Hunderte von Pickups repariert und dementsprechend alles gesehen, was es unter der Sonne zu sehen gab. Da die Auftragslage über die Jahre hinweg konstant blieb, konnten Ende der 80er Jahre schließlich die ersten CNC-Maschinen eingekauft werden. Mit dem Know-how wuchs die Kundschaft und endlich hatte Harry das Equipment, um ganz konkret auf Kundenwünsche eingehen zu können. Man wollte weg vom Reparieren der Seymour Duncans und DiMarzios und das angesammelte technische Wissen nun in eine eigene Marke stecken. Nach über zwanzig Jahren voller Arbeit und Sammlung von Fachwissen ist dann eine Pickup-Marke entstanden, die den internationalen Größen in Nichts nachsteht.

Häussel Pickups – die Produkte

Einer der Gründe, weshalb speziell unter den deutschen Gitarrenbauern und Individualisten Harry Häussel sehr beliebt ist, ist zweifelsohne der Custom Shop. Angefertigte Pickups konkret nach Kundenwunsch sind ja nicht gerade die Regel. Ein paar der ausgefallenen Exemplare beispielsweise beinhalten wunderschöne Coils, ummantelt von Riegelahorn.

Ein paar Worte zu der Herstellung von Pickups machen eventuell klar, wie viel Genauigkeit Hersteller wie Häussel Pickups an den Tag legen. Beispiel Singlecoil: Das Prinzip ist im Grunde genommen über Marken hinweg das Gleiche: Sechs Zylindermagneten, welche die Grundlage des Wickelkörpers darstellen, werden auf Fiberplatten aufgereiht und vorher in „Sandcast“-Form gegossen. Alle sechs werden dann mit einer Legierung aus Aluminium, Nickel und Kobalt belegt (was zusammen die Abkürzung Alnico ergibt – für alle, die sich mal gewundert haben sollten). Magnetisiert ist da noch nichts – das passiert meistens erst, wenn der Barrenmagnet gewählt und der Tonabnehmer fertig gewickelt ist.

Die Wicklung selbst ist ein wichtiger, oftmals mechanisierter Prozess und die anschließende Polung während der Magnetisierung muss ebenfalls fehlerlos ablaufen, um das Auslöschen von Frequenzen zu vermeiden. Die Legierung der oftmals verwendeten Kupferdrähte ist entscheidend – auch hier gibt es zahlreiche Variationen. Was nicht ganz so stark variiert, ist die Anzahl der Wicklungen, mit denen die Drähte um die Zylinder geschlossen werden – zwischen 7500 und 8000 Wicklungen sind eigentlich typisch.

Aber im Rahmen dieser Grundlagen gibt es selbstredend unzählige Aspekte bei der Materialbeschaffung, Spulenwicklung und Verlötung, die beachtet werden müssen. Harry Häussel hat den Überblick diesbezüglich nicht verloren, sondern seine Erfahrungen mit den Reparaturen in den 80ern vor allem dazu genutzt, das Beste aus den jeweiligen Pickup-Prinzipien rauszuholen. Rausgekommen ist ein großer Katalog von Häussel Pickups.

Häussel Pickups – Humbucker

Ob Dogbucker oder Jazzmaster – auf Anfrage geht alles. Wer sich die Häussel Produkte genauer ansieht, stößt dann auch gleich auf eins der Geheimnisse, weshalb die Pickups so frei von Rauschen, Feedback oder unliebsamen Nebengeräuschen sind – das vakumierte Behandeln mit Bienenwachs. Interessant und für mich, der kein Fachmann auf dem Gebiet der Herstellung von Pickups ist, ist offen für die Gründe dieser derartigen Behandlung in der Kommentarsektion! Kommen wir aber zurück zu den Humbuckern: Die VIN-Reihe besticht unter anderem mit dem bluesig-zeitlosen PAF-Sound, für dessen authentische Umsetzung Harry Häussel so bekannt ist. Beliebt sind auch die TOZZ-Humbucker, die sich durch einen kräftigen Sound auszeichnen, ohne Teile des Frequenzspektrums zu vernachlässigen. Ein echter Geheimtipp hierbei: Die TOZZ Fat-XL-Humbucker.

Häussel 1959

Hier haben Häussel Pickups eine ihrer bekanntesten Produktsparten. Wie bereits erwähnt: Der PAF-Sound zeichnet sich durch einen cremigen, zarten Charakter aus, etwas, das die Häussel Fifties Sparte perfekt hinkriegt. Und Nachahmer hat der Sound viele: Die ursprünglich von Seth Lovers hergestellten Doppelspuler (damals versehen mit dem namensgebenden „Patent Applied For“-Sticker) wurden zwischen 1957 und 1963 bei Gibson verbaut und hatten einen mittleren Output und einen hellen, doch zugleich durchsetzungsfähigen Charakter. Die Originale gehen inzwischen für viele tausend Euro über den Tisch (ein bisschen Hype hat der Legende hierbei sicher nicht geschadet). Klar ist: Den Häussel 1959s sagt man gerne nach, dass sie verdammt nah dran sind an diesem originalen PAF-Sound. Viel Aufwand und Genauigkeit bei der Wicklung scheinen also dann doch den feinen Unterschied in Sachen Stringenz und Brillanz auszumachen. Die 56er und 53er aus der gleichen Sparte sind P90 Pickups, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie mehr in die Breite als in die Höhe gewickelt sind und dadurch ordentlich die Mitten herausdrücken.

Häussel Pickups

 

Der Tronebucker

Hier geht es definitiv ein bisschen martialischer zu. Wie es in der Produktbeschreibung heißt: „FilterTron Sound in P90-Fräsung“. Übersetzt heißt das: ordentliches Brett! Spezielle Wicklung, spezielle Schrauben, spezielles Material zur Montur – fertig ist der durchaus empfindliche, tiefenlastige FilterTron Sound. Orientieren tut sich das gute Stück trotzdem ganz klar am originalen Pickup von Gretsch, presst aber deutlich mehr Mitten hervor. Und sieht, ehrlich gesagt, auch schweinecool aus, das Ganze:

 

 

Über Pickups lesen, Harrys Werdegang nachvollziehen, alles schön und gut. Am Ende des Tages ist es aber vielleicht am sinnvollsten, mit dem Mann höchstpersönlich ein paar Worte zu wechseln. Netterweise hat sich Harry Häussel die Zeit genommen und uns ein paar Fragen beantwortet:

 

Erst mal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, Herr Häussel. Ein paar Worte zu Ihrem Background – sind Sie gelernter Fräser?

Ich habe nach dem Abitur als Musiker gearbeitet, damit lange Jahre mein Geld verdient, parallel dazu angefangen, Instrumente zu bauen, akustische und elektrische Gitarren, Bässe, alles individuell und als Sonderanfertigung, das war ca. 1980. Dadurch wurde es auch schnell nötig, eigene Pickups zu wickeln, es gab in dieser Zeit keine 7-String-Gitarren-Pickups oder 5-String-Bass-Pickups, die habe ich dann für mich selbst gemacht. Mitte der 90er Jahren begannen dann Gitarrenbaukollegen von mir sich für meine Pickups zu interessieren …

Was sind so ein paar Faustregeln, die Sie bei der Herstellung von Pickups beachten, um z. B. das gefürchtete Brummen zu vermeiden?

Glücklicherweise müssen wir ja den Tonabnehmer nicht erfinden, wir können auf bestehende Modelle zurückgreifen, Humbucker, Singlecoils, etc., dadurch ist es möglich, erst mal grundlegend zu betrachten, wie ein PU funktioniert. Die Feinheiten, die den Ton ändern, kommen dann im Verlauf der Herstellung zum Tragen, was ändert sich z. B., wenn ich dickeren oder dünneren Draht verwende, wie wirkt sich ein stärkerer oder schwächerer Magnet auf den Ton aus. Wenn man vom Humbucker als solches ausgeht, wird man schnell feststellen, dass es hier gefühlte 300.000 Variationen geben kann.

Vom Tronebucker bis zu den Flat Jazz Pickups – Alnico Magnete finden gut und gerne Verwendung bei der Herstellung. Was macht diesen Magnettypen dafür so praktikabel und wie unterscheidet er sich von anderen Typen, wie beispielsweise einem Keramikmagneten? 

Alnico Magnete sind sehr alte und schon lange entwickelte Magnete, die eben zu Beginn der Entwicklung der Pickups verfügbar waren und verwendet wurden. Heute sind es eher die teureren unter den Magneten, es werden inzwischen bei der Herstellung von Pickups auch Keramik- und Neodymmagnete verwendet. Da der traditionelle Klang immer noch sehr beliebt ist, werden eben genau diese Alnicomagnete von früher sehr gerne benutzt.

Unter Fans des PAF-Sounds gelten die 1959-Pickups von Häussel als bester Vertreter dieser Soundgattung. Ein paar Worte dazu, wie Sie diesen rauchigen, authentischen Sound bei den 1959-Pickups hinbekommen?

Der Ton ist das Produkt vieler Test-Pickups und Versuche, diesen Ton mithilfe der richtigen Komponenten, Magnete, Magnetisierung, Draht, Bauweise und der richtigen Kombination dieser Einzelteile. Wir haben hierfür lange Testreihen gemacht, auch unter Einbeziehung vieler unserer Kunden. Es ist ja auch immer Geschmackssache, was gut klingt oder nicht. Maßgeblich beteiligt ist hier immer mein Vertriebsmann Holger Diepold von www.acys-lounge.de.

Ein paar Worte zum Kundenkreis allgemein – wie weit hat sich inzwischen eine internationale Klientel entwickelt? Mit welchen Ländern kooperieren Sie da am häufigsten?

Wir haben Kunden in der ganzen Welt, die einerseits unsere Replacement-Pickups gerne verwenden, die aber auch ausgefallene Sonderanfertigungen bestellen, für besondere Instrumente. Zu unseren Kunden gehören Privatpersonen und kleine Gitarrenbauer ebenso wie mittlere und größere Gitarrenhersteller, die sich eigene Modelle wickeln lassen. Die Mindestabnahmemenge ist 1 Pickup!

Ein paar Worte zu der Entwicklungsarbeit und den Tests, mit denen Sie den hohen Qualitätsstandard gewährleisten?

Man kann sich einem gewünschten Sound durch vergleichende Messungen von Widerstand, Magnetstärke etc. nähern, letztendlich aber ist es entscheidend, den Ton durch Hören und Spielen zu beurteilen und zu formen, dies ist ein langer Prozess unter Einbindung vieler Meinungen, auch unserer Kunden, am Ende steht dann ein getestetes und reproduzierbares Produkt. Bei manchen Modellen ging dieser Prozess sehr schnell, an anderen arbeiten wir immer noch.

Forum
  1. Profilbild
    Spartakus  

    Ich habe eine t-man Gitarre mit Harry Häussel Pickups. Bin zufrieden.

    Was ich mir noch kaufen will, ist ein Pickup, der extrem schnell in die Obertöne wechselt. Also heiß gewickelt – vom Sound wie ein wilder Mustang, Vor ein paar Tagen habt Ihr die Eddi Van Halen Gitarre vorgestellt. Der Sound war mir zu zahm.

  2. Profilbild
    PLan9  

    Arpanet war dann doch eher Unix basierend.
    Unter DOS liefen meistens Terminal Programme die mit Unix Maschine verbunden wurden.

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