Gitarren-Audiointerface für die Hosentasche
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Ein Gitarrenschüler von mir erzählte mir neulich stolz von seinen neuesten Errungenschaften auf seinem Pedalboard. In der Tat hörte sich das alles spannend an – viele Pedale, ein Switching-System und ein sehr hochwertiges Board mit kräftigem Netzteil. Ich hatte zuvor schon einmal das Vergnügen, sein Board bei einem seiner Gigs zu bestaunen. Schon der Anblick ließ mich vor Ehrfurcht erstarren. Als ich beim Abbau allerdings beobachten durfte, wie er sich gemeinsam mit der Sängerin mit dem Pedalboard abmühte, weil es ein immenses Gewicht auf die Waage bringt, war der Zauber irgendwie verflogen. Dabei könnte alles sprichwörtlich so leicht sein …
IK Multimedia
Es begann alles in einer kleinen, aber innovativen Stadt in Italien. So heißt es auf der Website von IK Multimedia. Gemeint ist die Stadt Modena. Dort machten sich 1996 zwei Toningenieure an die Arbeit, das Verhalten von Elektronenröhren mittels DSP-Algorithmen zu simulieren. Ziel war die Nachbildung der legendären Röhrenkonsole der Abbey Road Studios. Der Rest ist Geschichte. Hier liegt der Startpunkt von IK Multimedia, von Produkten wie SampleTank, T-RackS, Groove Maker, AmpliTube, Stealth Plug, X-Gear, iRig, Uno Synth, Uno Drum, Axe I/O, iLoud Monitore, Uno Synth Pro, ARC und schließlich TONEX. Letzterer schlägt als Software und als Hardware-Pedal gerade hohe Wellen, denn es handelt sich um Amp AI Modeling, mit dem man auch eigene Tones erstellen können. Das Motto von IK Multimedia ist „Musicians first“ und insbesondere die vielen kleinen nützlichen Tools für Musiker samt Smartphone/Tablet-Anbindung zeigen, dass man die Zeichen der Zeit verstanden hat. Das IK Multimedia iRig HD X Interface passt exakt zu diesem Motto.
iRig
Das vorangestellte „i“ ist seit dem iPod, iPhone, iPad und iMac untrennbar mit Apple verbunden. Es steht zugleich für eine Kundenorientierung, hohe Nutzerfreundlichkeit und auch im Falle der Smart Devices für Mobilität. Viele Hersteller sind in der Folge auf den Zug aufgesprungen und haben die Namensgebung kopiert. Auch IK Multimedia macht mit der iRig-Reihe diesbezüglich keine Ausnahme, hat aber dafür auch einen triftigen Grund: iRig war nämlich der Name des ersten Gitarren-Audiointerfaces für das iPhone/den iPod/das iPad überhaupt. 2010 wurde es vorgestellt und ermöglichte es Gitarristen, mit der ebenfalls im selben Jahr vorgestellten AmpliTube App über ihr Smartphone E-Gitarre zu spielen und das Gitarrenspiel aufzunehmen – und das in sehr guter Qualität.
Die hohe Verbreitung des iPhones mit seiner von Beginn an sehr guten Unterstützung musikalischer Anwendung durch Übertragung vom Mac und MacOS X bekannter APIs wie Core Audio und Core MIDI auf iOS verlangte geradezu nach passendem Zubehör, um mobil mit iPhone und iPad Musik machen zu können. IK Multimedia hat das erkannt und seit 2010 die iRig-Serie immer wieder erweitert und aktualisiert. Mehrere iRig Gitarren-Interfaces, iRig Audiointerfaces, iRig Mikrofone, iRig Masterkeyboards, iRig Bluetooth Pedalboards, iRig MIDI-Interfaces, iRig Pad-Controller, iRig Lavaliermikrofon, iRig Micro Amp Gitarrenverstärker mit iOS/USB-Interface und vieles mehr zeigen, dass man es bei IK Multimedia ernst nimmt mit der Produktpflege.
iRig HD X Gitarren-Audiointerface
Das iRig HD X richtet sich erneut an Gitarristen und ist das Flaggschiff der Serie. Es ist mit seinem USB-C-Anschluss gleichermaßen für Computer wie iPhone/iPad geeignet und für die Nutzung der hauseigenen Amplitube und TONEX Apps optimiert. Für beide Produkte liegt jeweils eine Lizenz für die SE-Versionen bei, die für Mac/PC und iOS/iPadOS veröffentlicht wurden. So kann man sofort loslegen.
Anschlüsse und Bedienelemente des Interfaces
Das iRig HD X Gitarren-Interface passt wie seine Vorgänger bequem in die Hosentasche oder besser das Zubehörfach der Gitarrentasche oder des Gitarrenkoffers. Auf der Oberseite entdecke ich einen Push-Regler, mit dem sich das Interface bedienen lässt. Über ihn lassen sich verschiedene Funktionen aktivieren und deaktivieren beziehungsweise diverse Pegel einstellen. Mehrere farbige LEDs geben Auskunft darüber, was gerade aktiviert ist.
An den beiden kurzen Seiten sind alle Anschlüsse untergebracht. An einer Seite erblicke ich den USB-C-Anschluss sowie die 3,5 mm TRS-Buchse für den Anschluss eines Kopfhörers. An der gegenüberliegenden Seite sind der Instrumentenanschluss (6,3 mm Klinke) und ein Mono Amp-Ausgang zu finden, über den das Signal an einen Gitarrenverstärker, ein Mischpult oder einen Aktivlautsprecher weitergeleitet werden kann.

Leider hat das Interface keine eigene Befestigungsmöglichkeit für so ein Stativ, obwohl die Herstellerfotos es oft auf einkleines Tischstativ montiert zeigen
Aufgrund der Fotos auf der Produkt-Website des Herstellers hatte ich eine Form von Gewinde auf der Unterseite erwartet, weil das iRig HD X dort oft auf ein kleines Dreibein-Fotostativ montiert gezeigt wird. Leider ist das nicht der Fall. Laut Hersteller handelt es sich beim gezeigten Dreibein-Stativ um das Stativ des iRig Studio, separat erhältlich ist dieses allerdings nicht.
Funktionen des iRig HD X
Das IK Multimedia iRig HD X wandelt das Gitarrensignal mit 24 Bit und 96 kHz und ist mit einigen herausragenden Features ausgestattet. Der Low-Noise-Instrumenteneingang mit einer Gesamtdynamik von 115 dB kommt sowohl mit passiven als auch aktiven Pickups klar. Natürlich wird das Interface per USB-C mit Strom versorgt, sodass ein externes Netzteil entfällt. Ebenfalls eine Selbstverständlichkeit ist das integrierte Stimmgerät, das sich leicht über den Push-Regler aktivieren lässt.
Über den Push-Regler werden auch weitere Funktionen des iRig HD X aktiviert. Dazu gehören der Kopfhörerverstärker zur Einstellung des Kopfhörerpegels, das Direct Monitoring (ein/aus), der Amp Output (FX/Thru) und Loopback+. Loopback+ erlaubt das Weiterleiten des mit Amplitube oder TONEX bearbeiteten Signals an weitere Apps und ist im Prinzip ein virtueller FX Loop.
Loopback+
Wie bereits erwähnt ist Loopback+ ein virtueller FX Loop und erlaubt das Routing des bearbeiteten Gitarrensignals in eine andere Software am PC/Mac oder eine andere App auf dem iPhone/iPad. Das kann zum Beispiel eine DAW sein, in der ich das Amp-Signal aufzeichnen möchte. Das kann aber auch eine App für das Streaming oder Video-Recording auf dem iPhone sein.
Gerade dieses Feature ist ein Traum, denn die Präsentation auf YouTube, TikTok, Instagram und anderen Social-Media-Kanälen gehört heute für Musiker fest zur Eigenwerbung. Das regelmäßige Erstellen von Inhalten kann zu einer Qual werden, wenn dazu immer erst Mikrofone, Amps und Pedalboards in Stellung gebracht werden müssen, um mal eben das „Lick of the day“ für die Follower aufzunehmen. Mit dem iRig HD X geht das ganz einfach. Auch das Erstellen von Tutorial Videos mit gutem Sound oder auch das Unterrichten von Gitarrenschülern wird durch Loopback+ stark vereinfacht.
Pedalboard von IK Multimedia für die Hosentasche
Das iRig HD X Interface lässt sich auch prima für die Bandprobe oder spontane Jam-Sessions einsetzen. Mit AmpliTube und TONEX ist man bestens versorgt, was virtuelle Pedale, Amps und Lautsprecher sowie Mikrofone angeht. Durch den Amp-Ausgang wird iRig HD X zum Pedalboard und lässt sich auch vor einem Gitarren-Amp nutzen. Oder man klinkt sich einfach direkt in eine PA oder einen Aktivlautsprecher ein. Da beide Produkte auch als App für das iPhone/iPad erhältlich sind, passt das alles bequem in eine Gitarrentasche. Durch das Fehlen eines Netzteils ist auch Brummen kein Problem. Lediglich der Akku des iPhones oder iPads könnte einen Strich durch die Rechnung machen, denn es muss ja nun zusätzlich das iRig HD X Interface mit Strom versorgt werden.
IK Multimedia iRig HD X: Praxis
Hier gibt es nicht viel zu berichten: Auspacken, Gitarrenkabel einstecken, Kopfhörer einstecken, entweder das mitgelieferte USB-C-zu-USB-C oder das USB-C-zu-Lightning Kabel einstecken und mit dem Gerät der Wahl verbinden, auf dem die AmpliTube oder TONEX Software läuft und schon kann es losgehen. Natürlich kann auch jede andere Software genutzt werden.


Das iRig HD X ist nicht an AmpliTube oder TONEX gebunden. Da beides aber hervorragende Produkte sind, spricht nichts dagegen, diese auch mit dem Interface zu verwenden. Insbesondere TONEX erfreut sich großer Beliebtheit. Einige User ziehen TONEX mittlerweile sogar dem erheblich teureren Kemper Amp vor.
Für Infos zu den beiden Produkten und Klangbeispiele empfehle ich die jeweiligen Testberichte. Insbesondere der Test zur TONEX Software mit dem Klangvergleich zum Kemper zeigt, dass IK Multimedia keine halben Sachen macht.
Ausprobiert habe ich das IK Multimedia iRig HD X an einem iPhone mit einem Kopfhörer, vor meinem ENGL Retro 50 Combo. Verwendet habe ich die kostenlose TONEX App. Die Latenz ist nicht spürbar. In TONEX habe ich die betreffende Einstellung „Ultra-Low“ gewählt. Als Samplingrate wurden 48 kHz ausgewählt, was für eine E-Gitarre mehr als ausreichend ist. Insbesondere für eine E-Gitarre samt simuliertem Gitarrenverstärker. Diese liefern oberhalb von 5 bis 6 kHz keine nennenswerten Signalanteile mehr, was schließlich auch ihren Sound ausmacht.
Getestet wurde außerdem die Loopback-Funktion. Dafür ist zu beachten, dass nun das Interface mit drei Eingängen arbeitet. Auf den USB-Returns 1 und 2 kommt das Loopback-Signal an. Auf dem Kanal 3 das Gitarrensignal. Damit Loopback richtig funktioniert, muss in der verwendeten App also Kanal 3 als Eingangssignal gewählt werden, sonst kommt es zu einer Rückkopplung.
In der App, die für das Streaming vorgesehen ist oder für die Videoaufnahmen, wählt man wie gewohnt die USB-Kanäle 1 und 2 aus. Etwas schade ist, dass es keine Möglichkeit innerhalb von TONEX oder AmpliTube gibt, das Signal des internen Mikrofons des iPhones noch den USB-Kanälen 1 und 2 beizumischen. Sollte dies technisch möglich sein, wäre ein Update mit einer solchen Funktion der absolute Hit. Ich befürchte diesbezüglich jedoch eine Limitierung seitens Apple, da auch bei der Benutzung von Lighting-Adaptern oft das Mikrofon stummgeschaltet wird.