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Feature: Fender Lead II E-Gitarre, Geschichte & Restauration

Die unterschätzte Low-Budget-Stratelecaster

13. November 2022

Mehr als zwei Jahre ist es jetzt her, dass mir ein Freund einen unscheinbaren Formkoffer in die Hand drückte und mich bat, wenn ich die Zeit dafür hätte, den Inhalt des Koffers – seine alte E-Gitarre – mal zu begutachten und gegebenenfalls etwas zu pflegen. Beim Öffnen des Koffers staunte ich nicht schlecht, denn ich bekam eine Gitarre zu Gesicht, die ich tatsächlich vorher noch nie bewusst wahrgenommen hatte. Irgendwie schien mir das Instrument ein Kompromiss aus Stratocaster und Telecaster zu sein, ist doch die Korpus- und die Kopfplattenform eher Strat-typisch, während die Bestückung mit zwei Singlecoils eher der Telecaster entspricht. Nun ja, Google weiß Rat und so schrie ich die Modellbezeichung Fender Lead II einfach mal lautlos in den Äther. Und siehe da, die Fender Lead-Serie ist gar keine so ganz Unbekannte. Sogar Eric Clapton, Bono und Steve Morse haben solche Gitarren am Gurt baumeln gehabt, letzterer war sogar erster, offizieller Endorser und präsentierte die Fender Lead Serie auf der damaligen NAMM Show in Chicago.

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Möglicherweise, so dachte ich mir, wäre all das eine Geschichte Wert. Doch dann kamen zwei Umzüge und ein hartnäckiges Virus und die Gitarre geriet erst mal in Vergessenheit. Erst vor wenigen Wochen holte ich sie dann aus ihrem Kofferschlaf und errettete sie aus meinem Kasseler Zwischendomizil im Haus meiner Eltern.

Die Geschichte der Fender Lead II

Was genau liegt denn da nun vor mir? Die Fender Lead Serie kam 1979 auf den Markt, um die damaligen Low-Budget-Gitarren von Fender, nämlich die Bronco, die Mustang und die Musicmaster zu ersetzen. Zielgruppe sollten E-Gitarren Einsteiger sein, schaut man sich jedoch den damaligen Preis der Gitarre an, der zwischen 850 und 900 DM inklusive Koffer lag, kann man sich vorstellen, dass diesem Modell nur eine kurze Produktionszeit beschieden war. Bereits 1982 war Schluss, die japanische Konkurrenz war einfach billiger und bot zunehmend gute Qualität. Nicht zuletzt wurde in dieser Zeit auch Fender selbst in Japan und im unteren Preissegment tätig und produzierte die günstigen Squier-Instrumente. Die Fender Lead Serie umfasst drei Modelle, die Fender Lead I mit einem Humbucker am Steg, die hier vorgestellte Lead II mit zwei Singelcoils und die Lead III, die mit zwei Humbuckern aufwartete. Farblich gab es wenig Auswahlmöglichkeiten, entweder man entschied sich für ein fröhliches Schwarz oder das hier präsentierte, durchsichtige Weinrot. Lediglich die Lead III wurde später auch in drei weiteren Farben angeboten. Auch ein Bass war im Rahmen der Lead-Serie geplant, dieser kam aber nie in Serienproduktion und dürfte nur als Prototyp auf dem Vintage-Markt umhergeistern.

Die Konstruktion der Fender Lead II

Ein Leichtgewicht ist die Fender Lead II wahrlich nicht, die mir vorliegende Gitarre wiegt tatsächlich knapp 4 kg und wildert damit schon fast im Bereich einer Les Paul. Der Body bestand beim Modell mit der transparenten Lackierung aus Esche (Northern Hard Esh), die deckend lackierten Modelle einte ein Korpus aus Erle. Die Hälse waren entweder einteilig aus Ahorn gefertigt oder wurden mit einem Palisander-Griffbrett versehen und beherbergten 21 Medium-Bünde bei einer Fender-typischen Mensur von 648 mm. Die Kopfplatte im Stratocaster-Stil, die seit 1954 erstmals wieder die kleinere Form aufgriff, trägt die sechs Tuner mit Fender-Logo, den Schriftzug sowie zwei String-Trees, jeweils einen für D- und G-Saite und einen für H-und E-Saite. Der Sattel bei der Probandin auf meinem Schoß besteht aus Messing. Leider finde ich keine Informationen, ob dies der originale Sattel ist, ich finde allerdings auch keine Hinweise darauf, dass der Sattel getauscht wurde. Auf allen verfügbaren Bildern sieht man dieses Instrument allerdings immer mit weißem Sattel aus Knochen oder Kunststoff, deshalb gehe ich davon aus, dass er bei „meiner“ Lead II ausgetauscht wurde. Die Seriennummer E001606, die das modifizierte Fender US-Seriennummernformat benutzt, datiert die Gitarre auf das Jahr 1980 (E00) und die fortlaufende Nummer 1606. Die Tatsache, dass Fender bei den ersten Lead-Modellen mit neuen Lacken experimentierte und dass möglicherweise auch nicht korrekt abgelagertes Holz für die Produktion verwendet wurde, führt bei vielen dieser Gitarren zu Lackschäden in Form feinster Risse und einer leichten Blaufärbung de Lackes an verschiedenen Stellen. Auch mein Testmodell ist davon betroffen, ich versuche, diesen Effekt auf einem der Bilder festzuhalten.

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Ein Vibratosystem ist bei der Fender Lead II nicht vorgesehen, die Stegkonstruktion ist eher Tele-typisch und die Saiten werden über einen festen Steg mit einzelnen Saitenreitern durch den Korpus hindurch gefädelt.

Die Elektrik der Fender Lead II

Zwei Singlecoils und spartanische Regelmöglichkeiten lassen auch hier wieder die Nähe zur Telecaster erkennen, jedoch ist bei der Fender Lead II die komplette Elektronik im Stratocaster-Style auf dem Schlagbrett montiert. Die beiden Tonabnehmer werden über einen 3-Wege-Toggle-Switch verwaltet, also wird ganz schlicht entweder einer der beiden Einspuler gewählt oder eben beide. Der zweite Toggle schaltet bei Verwendung beider Pickups die beiden Out-of-Phase, somit gewinnt man einen zusätzlichen Sound. Wie der klingt, präsentiere ich später. Zunächst muss ich die Gitarre entstauben, polieren, neu besaiten, zudem fehlt auf der Rückseite eine Hülse für die Saitenaufnahme. Fender hat ja quasi die Standards für verbaute Teile mit geprägt, also ist es auch kein Problem, hier Ersatz zu beschaffen.

Die Restauration der Fender Lead II

Jetzt heißt es also runter mit den alten, rostigen Drähten und drauf mit der Lackpolitur. Ich nehme euch jetzt ein bisschen mit ins Innere der alten Lady. Direkt beim Entfernen der alten Saiten kommen mir die fünf verbliebenen Saitenhülsen auch entgegen, was das Fehlen der einen Hülse schlagartig verständlich macht. Wahrscheinlich wohnt die seit den späten Achtzigern in irgendeinem Vorwerk Supersauger und chillt ihr Leben. Zum Glück habe ich gleich einen ganzen Satz bestellt. Die neuen Hülsen sind minimal größere Einschlaghülsen mit geriffeltem Rand, die sich mittels eines kleines Hammers und eines Holzklötzchens butterweich in die Bohrungen treiben lassen. Sehr schön, da geht jetzt nichts mehr verloren.

Fender Lead II Einschlaghülsen

Rechts die alten Saitenhülsen, links die neuen, geriffelten Einschlaghülsen.

 

Fender Lead II Einschlaghülsen

Neue Hülsen, neue Saiten

Zunächst geht es dem Staub und dem 30 Jahre alten Griffbrettschmodder an den Kragen. Das Palisandergriffbrett freut sich dabei über etwas Griffbrettöl und eine sanfte Massage mit feiner Stahlwolle. Das poliert auch gleich die Bundstäbchen, die im Übrigen in einem guten Zustand sind. Offenbar war diese Gitarre mehr Wohnzimmerdeko als Instrument. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Arbeit mit Stahlwolle nur bei abgeschraubtem Hals oder abgeklebten Pickups erfolgen sollte, denn die winzigen Stahlpartikel und die Magneten im Tonabnehmer gehen sonst ein etwas zu inniges Verhältnis ein. Im schlechtesten Fall gehen die Pickups dabei kaputt, also Vorsicht!

Fender Lead II Staub

Staubig und voller Patina …

 

Fender Lead II Griffbrett

… und ein bisschen klassischer Griffbrettschmodder

Beim Abschrauben des Schlagbretts erwartet mich naturgemäß auch ein bisschen Patina, der ich mit einer Lackpflege und einem alten Baumwollunterhemd zu Leibe rücke. Pflegeprodukte gibt’s dafür wie Sand am Meer, ich persönlich bevorzuge Duesenbergs „The Cleaner“. Aber da kann jeder wie er will.

Fender Lead II Elektronik

Das komplett mit Abschirmfolie bekleidete Schlagbrett trägt die komplette Elektronik.

Bei den Pickups handelt es sich um Fender Lead II X1 Singlecoils. Die Fräsung des Korpus ist für die mit nur einem Humbucker bestückte Lead I ebenso gewappnet, das spart Kosten in der Produktion.

Fender Lead II Elektronik 2

Für Nerds gibt es einen genaueren Blick auf die Elektronik.

Nach der Abtragung der Alterserscheinungen erstrahlt die Lady leider nicht in neuem Glanz, das liegt an den oben schon beschriebenen Veränderungen in der Lackstruktur. Die bläuliche Verfärbung ist gut zu sehen und nicht einfach wegpolierbar. Das ist auch der Grund, warum gebrauchte Fender Lead II Gitarren oftmals in „Natur Finish“ angeboten werden, da wurde dann einfach der alte Lack abgeschliffen.

Fender Lead II Lack

Die feinen Risse im Lack führten zu Verfärbungen

 

Fender Lead II Lack 2

Diese Verfärbungen sind überall am Korpus anzutreffen

Die Elektronik des Testmodells ist in gutem Zustand, deshalb kann ich die Gitarre schnell wieder zusammenschrauben und ihr neue Saiten gönnen. Weil der Besitzer die Saiten wohl nicht oft wechseln wird, gibt’s einen Satz Elixir Optiweb 0.10 – 0.46, die halten erfahrungsgemäß lange und klingen auch lange gut. Mit den neuen Saiten habe ich auch dann ein paar Soundfiles eingespielt. Wer auf Fender Gitarren steht, wird sich mit der Lead II direkt wohlfühlen. Mensur, Griffbrettradius, Bünde, alles entspricht der Fender-Gewohnheit.

Für die Soundfiles entscheide ich mich im angezerrten Bereich für das Kemper Profile eines Morgan AC 20, für die cleanen, verzerrten und den Leadsound greife ich auf die Performance von Nico Schliemann zurück, die den Michael Britt 69er Plexi verwendet. Ich schalte mich jeweils vom Hals-Pickup über beide Pickups, den Out-of-Phase Sound zum Steg-Pickup. Der Hals-Pickup klingt erwartungsgemäß kehlig mit bekanntem, schön hohlen Timbre. Die Mittelposition macht der Telecaster alle Ehre, während die Out-of-Phase Sounds leider etwas zu dünn und spitz klingen und allenfalls für Singlenotes oder Funkystyle zu gebrauchen sind. Obwohl ich mich mit dieser Kombi auch mit einem Drivesound anfreunden kann. Wer einen durchsetzungsfähigen Sound für Grunge sucht, wird damit sicherlich glücklich. Der Steg-Pickup ist durchsetzungsfähig mit naturgemäß deutlich strafferem Bass und kreischenden Höhen, hier grüßt die Stratocaster.

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Fazit

Die Fender Lead II hatte leider nie eine Chance auf dem Markt, weil die billige Konkurrenz aus dem fernen Osten zu dieser Zeit massiv auf den Markt drängte. Obwohl die Lead-Serie deutlich günstiger war als eine originale Strat oder Tele, war der aufgerufen Preis noch immer happig. Seit 2020 gibt es Neuauflage der Lead-Serie. Wer sich also in diese Gitarre verguckt hat, wird auf dem Markt fündig. Da Fender hoffentlich die Probleme mit dem Lack in den Griff bekommen hat, erhält man hier eine spannende Gitarre mit Charakter.

Preis

  • 850 DM - 900 DM
  • Reissues ab ca. 680 Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    left-to-do

    Der eine oder andere wäre froh, wenn er diese Verfärbung und die Risse künstlich erzeugen könnte. 😁 Mir persönlich gefallen die ganz gut. Gehören halt auch dazu, ist sozusagen Geschichte. Weiß man, was da für ein Lack verwendet wurde? – Insgesamt ein echt schönes Instrument. Und was das wichtigste ist: Der Sound stimmt ja auch.

  2. Profilbild
    lambik

    Danke für den schönen Artikel. Ich weiß noch, wie die Lead damals auf den Markt kam und gefühlt etwas komisch aussah. Die kleine Kopfplatte hatte Fender – wie auch bei der „The Strat“ – nicht richtig hinbekommen. Ich meine, ich hätte mal irgendwo gelesen, dass der Lack einen zu hohen Wasseranteil hatte.

    Die X1-Pickups wurden übrigens auch in der Bridgeposition der späten Noch-CBS-Stratocaster verbaut. Ich habe eine 1980er Strat mit hoher S9-Nummer mit diesem Pickup. Er hat ein paar Wicklungen mehr und sollte wohl z.B. den heißeren DiMarzio-Austauschpickups Paroli bieten.

  3. Profilbild
    LOTHAR TRAMPERT RED

    Schöne Story, Jan! Ich habe auch noch drei Baustellen im Keller, mit denen ich irgendwann wieder Musik machen wollte. Eben wurde ich beim Lesen motiviert … ;-)

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