Interview: Christoph Kemper (2019) zum neuen Stage Floorboard

15. September 2019

Christoph Kemper im Interview

Christoph Kemper

Christoph Kemper (2019)

Christoph Kemper hat die Musikwelt nachhaltig verändert – Punkt. Manchmal kündigen sich Paradigmenwechsel an – Entwicklungen zeichnen sich ab, die vermuten lassen, wohin die Reise gehen könnte. Als die ersten Plugins für Gitarre erschienen, konnten sich zumindest die Fantasten ausmalen, dass eines Tages mit der richtigen Technologie, die klassischen Röhren- und Transistor-Amps in die Bredouille geraten könnten. Dieser Tag scheint nun, zumindest in den Augen vieler Kemper-Fans und Modeling-/Profiling-Enthusiasten, gekommen zu sein.

Wir haben uns der Story von Kemper bereits ausführlich gewidmet, eine Geschichte, die geprägt war von der Paarung technischer Neugier mit musikalischer Begeisterung. Als unser Mann Stephan Güte darauf den Kemper Profiling Verstärker testete, war er hellauf begeistert. Und ähnlich erging es mir mit dem Kemper Stage Floorboard. Es ist ein faszinierendes, ehrlich gesagt auch aufwühlendes Stück Technologie, das einen durchaus nachdenklich und gespannt in die Zukunft blicken lässt. Wie wird sich diese Technologie auf die Gitarrenwelt die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre auswirken? Blicken die klassischen Röhren- und Transistoren-Amps nun einer ungewissen Zukunft entgegen? Natürlich gibt es nach wie vor Stimmen, die beim emulierten Klang einer Bogner Box oder eines Diezel Amps Abstriche sehen, aber die Tatsache, dass immer mehr große Namen (Trivium, Mastodon, Paul Gilbert, Korn, Steven Morse, Testament uvm.) auf Kemper umgestiegen sind, sollte einem klarmachen: Hier ist was passiert.

Kemper Stage Floorboard

Kemper Stage Floorboard

  • Das folgende Interview wurde per E-Mail geführt. Im Zuge der Erscheinung des Stage Profiler Floorboards haben wir Christoph ein paar Fragen zugesendet, die er uns netterweise nun beantwortet hat.

Erst mal eine persönliche Erfahrung: Ich habe das erste Mal bei einem Freund den Kemper Rack erblickt. Wir waren in seinem kleinen Homestudio, alles sehr entspannt, als ich ihn nach dem dunkelgrünen Rack befragte, das da neben seinem Mischpult lag. Er meinte nur: „Nie wieder Amps“ – und führte mir das gute Stück vor. Bis zu dem Zeitpunkt war ich stets ein bisschen skeptisch geblieben, was die Qualität der digitalen Amp-Welt anging, auch weil ich von den bisherigen Gehversuchen von Line 6 beispielsweise nicht viel hielt. Aber nachdem er mir die Michael Britt Modelle vorgeführt hatte, speziell das 3P Plexi & Tim, war ich wie viele andere meiner Zunft recht weggeblasen. Meine Frage hierzu: Hattet ihr von Anfang an das Gefühl, was Besonderes geschaffen zu haben?

Christoph Kemper:
Als das Profiling funktionierte, war das auf jeden Fall so. Die Idee war, das „Modeling“ nicht in der Firma zu machen, sondern der Welt draußen zu überlassen. Uns war klar, dass am Ende viel bessere Klänge entstehen, als wenn eine Handvoll Leute das bei uns in Firma machen. Das haben wir schon bei dem Access Virus so gemacht, dieser Ansatz ist in der Welt der Gitarrenverstärker jedoch einzigartig.

Dimitrios Kasprzyk:
Line 6 und Fractal Audio haben ebenfalls in den Staaten mit ihrer Technologie für Furore gesorgt. Gibt es so etwas wie einen freundschaftlichen, ab und zu stattfinden Austausch zwischen den amerikanischen Namen und euch? Die dürften sich ja bisweilen schwer gewundert haben, dass eine so junge Firma aus dem kleinen Deutschland so gleichzog. Oder ist das Verhältnis strikt Konkurrenz-basiert?

Christoph Kemper:
Wir sind ja gar nicht so jung. Unsere Firma ist inzwischen 23 Jahre alt. Gewundert haben sich manche eher, dass wir uns von der Entwicklung von Synthesizern auf digitale Gitarrenverstärker erweitert haben. Wir sind tatsächlich mit manchen Mitarbeitern der anderen Firmen seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden, auch schon vor dem Profiler.

Dimitrios Kasprzyk:
Den Anfang hat das Ganze ja für dich genommen, als du und Guido Ende der 90er die Synthesizer Welt mit eurem Access Virus A aufgemischt habt. Bis es zum ersten Profiler kam, vergingen über zehn Jahre. Was hast du in dieser Zeit getan? Welche Lernprozesse durchliefst du, die sich später für die Entwicklung der Profiler als hilfreich erweisen würden?

Christoph Kemper:
Ich habe mich in der Zeit mit dem Einsatz verschiedener Verzerrungsarten beschäftigt und über den Aufbau von Röhrenverstärkern sinniert.

Kemper Stage Floorboard

Der neue der Kemper-Familie: Das Kemper Stage Floorboard

Dimitrios Kasprzyk:
Wie ist derzeit die Stimmung bei Kemper? Ihr seid inzwischen einer der größten Namen auf der Welt, wenn es um Profiling oder Modeling geht. Wird trotzdem fleißig weiter getüftelt?

Christoph Kemper:
Wir ruhen uns nicht auf Lorbeeren aus, im Gegenteil. Die Firma ist in den letzten Jahren reichlich gewachsen. Wir entwickeln an verschiedenen Sachen, die in Zukunft als Software-Update zur Verfügung gestellt werden und forschen an neuen Technologien.

Dimitrios Kasprzyk:
Wie viele Leute haben insgesamt in den Anfangsjahren an der richtungsweisenden Profiling-Technologie gearbeitet? Sind noch Leute aus der Gruppe der Access Virus Zeiten dabei? Wie würdest du das Arbeitsverhältnis beschreiben?

Christoph Kemper:
Die Profiling Technologie habe ich tatsächlich alleine entwickelt. Es sind allerdings fast alle aus den Virus-Zeiten nach wie vor an der Weiterentwicklung des Profilers beteiligt. Ein fantastisches Team!

Christoph Kemper

Christoph Kemper mit Lutz Buch (Rammstein)

Dimitrios Kasprzyk:
Jetzt also das Kemper Stage Floorboard. Für uns doch mal durch die Gedanken hierbei, die ich euch im Vorfeld der Entwicklung begleiteten. War es eine Reaktion auf die zunehmende Anzahl von Floorboards der Konkurrenz? Und worauf habt ihr besonders Acht gegeben?

Christoph Kemper:
Wir haben uns früh für die Entwicklung entschieden, da unsere potenziellen User danach gefragt haben. Zu Anfang war uns jedoch der Aufbau einer Userbase von professionellen tourenden Gitarristen wichtig, als sehr gelungener Proof of Concept. Die Entwicklung des Profiler Stage war, wie man sieht, eine logische Weiterführung des Konzepts. Wir wollten ein Gerät realisieren, welches ein möglichst geringes Volumen aufweist und trotzdem viele Fußtaster hat, welche zudem einen komfortablen Abstand zueinander haben. Daher haben wir uns beispielsweise entschieden, kein eingebautes Expressionpedal einzubauen. Unsere User loben uns dafür, da externe Expressionpedale frei positioniert werden können und typischerweise eine hohe Qualität besitzen.

Dimitrios Kasprzyk:
Du stammst aus einer musikalischen Familie, bist aber meines Wissens kein Gitarrist. In einem Interview mit Peter Grandl erwähntest du, dass deine Faszination für den Prozess der Verzerrung ausschlaggebend war, dass du dich überhaupt mit der Gitarren-Thema so vertraut gemacht hast. Magst du darauf ein bisschen näher eingehen? Was hat diese Faszination so angefacht, dass eine derart starke Produktpalette rausgekommen ist?

Christoph Kemper:
Letztlich war es die technik-getriebene Neugier, warum der Durchbruch der digitalen Gitarrenverstärker so lang auf sich warten lässt. Da habe ich angefangen zu forschen und insbesondere mit vielen Gitarristen zu kommunizieren. Herausgekommen ist die Idee, eine Art Machine-Learning zu entwickeln, die den Klang eines individuellen Verstärkers lernt.

Dimitrios Kasprzyk:
Hand aufs Herz – hat dich der damalige Erfolg überrascht? Der kam ja enorm plötzlich. Wie erklärst du ihn dir?

Christoph Kemper:
Richtig Fahrt aufgenommen hat das Projekt tatsächlich erst drei Jahre nach Veröffentlichung. Das ist aber normal bei einer neuen Technologie. Wir haben den Erfolg allerdings schon erwartet, da wir in unserer längeren Geschichte bereits einige Erfahrung sammeln konnten – bei uns und bei anderen – welche Innovationen funktionieren.

Dimitrios Kasprzyk:
Wie siehst du die Entwicklung des Modelings und Profilings derzeit? Wohin geht die Reise? Ist das Ende der Fahnenstange für die klassischen Röhrenverstärker bald erreicht? Oder wird es immer ein paar Connaisseure geben, die bis zuletzt steif und fest behaupten werden, dass der Röhren-Sound das gewisse Etwas hat, das keine digitale Emulation hinkriegt?

Christoph Kemper:
Wir sind angetreten mit dem Beweis, dass Röhrenverstärker digital realisiert werden können und stellen uns dieser Idee bei jedem neuen Profiling-Lauf. Wenn man im A/B-Vergleich seinen Lieblingsverstärker nicht herauspicken kann, dann sollte man eigentlich überzeugt sein. Das ist unser kleines Kunststückchen, auf das wir stolz sind. Wie in anderen Bereichen ist die Digitalisierung nicht aufzuhalten. Röhrenverstärker werden allerdings nie aussterben, da sie einfach Spaß machen und oft einen interessanten Formfaktor haben. Insbesondere kleine Comboverstärker werden auch in der Zukunft immer Sinn machen. Vielen Gitarristen fällt es verständlicherweise schwer, den abmikrofonierten Sound der Gitarrenverstärker zu akzeptieren, obwohl dieser allgegenwärtig ist, nur halt nicht im Proberaum oder auf der Bühne. Da liegt noch ein Lernprozess vor uns.

Dimitrios Kasprzyk:
Lieber Christoph – vielen Dank für das Gespräch!

Christoph Kemper mit Matthew Heafy (Trivium)

Christoph Kemper mit Matthew Heafy (Trivium)

Die Philosophie von Kemper ist und bleibt also von Interesse für uns. In dem Rahmen schenkte uns Christoph ein paar Gedanken zum Thema „Amp in the Room vs. mikrofoniertem Gitarrensound“

1. Was der Gitarrist hört

Die klassische, gelernte, intuitive Hörperspektive des Gitarristen besteht aus dem Klang seines Verstärkers in Verbindung mit einer Gitarrenbox (Combo oder ext. 4x 12“ o. ä.). Die Gitarrenboxen haben ein ganz besonderes Klangverhalten, das zum einen frequenzmäßig sehr stark gefärbt ist und zum anderen strahlen die Boxen diese Frequenzen auch noch sehr ungleichmäßig ab.Man kennt das, der Gitarrist stellt sich die Box so hin, dass er sich soundmäßig wohlfühlt. Der Klang, den er schließlich hört, ist eine Kombination aus seiner Hörposition zur Box und der Räumlichkeit. Meistens steht die Box so, dass der berüchtigte Treble-Beam am Gitarristen vorbei geht (deshalb werden auch gerne die Mikrofone zur Abnahme am Rande des Lautsprechers positioniert). Das bedeutet, der Gitarrist steht im klanglichen Sweetspot, der Rest der Band und das Publikum in der ersten Reihe bekommen den nicht so optimalen Teil des Gitarrensounds ab!

Die Gitarrenklangwelt der Welt da draußen, das was beim Publikum ankommt im Konzert (sobald der Raum groß genug ist und es eine PA gibt) und an den Empfangsgeräten daheim, besteht jedoch vollständig aus dem Klang des abmikrofonierten Gitarrenverstärkers.

2. Was die Welt hört

Das, was die Welt hört, ist das, was das Mikrofon hört und was das Mikrofon hört, ist ein großer Unterschied zum berühmten Amp In the Room Sound. Das Mikrofon „horcht“ unbeweglich direkt am Lautsprecher, an einem Sweetspot. Die feine Kunst, eine Gitarrenbox zu mikrofonieren und so zu behandeln, dass ein authentischer und reichhaltiger Gitarrensound entsteht, ist über viele Jahre und Jahrzehnte immer weiter verfeinert worden und gilt nun als das anzustrebende Ziel in klanglicher Hinsicht. Mit diesem Klang werden Konzerte gespielt und Aufnahmen gemacht. Diese Art von Klang liebt das Publikum. Anekdote: Niemand außer Jimi Hendrix kennt den Sound seiner Cabinets, wenn er davor stand. Die Welt kennt nur, was das Mikrofon davon gehört hat. Es gilt also für die Gitarristen, sich mit dem „Weltsignal“, dem mikrofonierten Cabinet anzufreunden und damit kreativ umzugehen. Der Profiler liefert genau dieses Signal. Und das sogar noch mit individuell abschmeckbaren Verfeinerungen wie Pure Cabinet (dämpft den Mikrofonanteil im Sound) und Space (addiert Räumlichkeit).

Forum
  1. Profilbild
    Spartakus  

    Einige Gitarristen werden sich fragen, ob man an das Floorboard direkt eine Gitarrenbox hängen kann. Also ich habe den Profiler ohne Endstufe und bei mir funktioniert das.

    Was ich nicht verstehe: warum wurde kein Wah-wah Pedal direkt eingebaut ? Ist wohl für eine XL-Version des Floorboards vorgesehen.

    • Profilbild
      2late

      Das Floorboard gibt es nicht mit eingebauter Endstufe, also kann man nicht unmittelbar ein Cab anschließen. Da braucht es noch irgendeine Form von Endstufe :)
      Warum kein Pedal mit eingebaut ist wird ja im Interview erklärt.

  2. Profilbild
    chris  

    Ein neuer potenter Virus Ti mit zünftigen Effekten, jeder Menge Einzelspuren und Thunderbolt Anbindung wäre fein!

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