Rezension: A GUIDE TO MODULAR WORLDS, Synthesizer Buch

9. Mai 2020

Ein neues Fachbuch zu modularen Welten

Buchautoren: Rolf-Dieter Lieb & Ulf Kaiser

Einem neu erworbenen Modular-Synthesizer Töne zu entlocken, kann ohne ein wenig Hintergrundwissen zu Standardmodulen und -funktionen ein aussichtloses Unterfangen werden und schnell darin enden, dass das Schmuckstück auf der jeweiligen Secondhand-Plattform des Vertrauens landet. Diesem Szenario kann das Buch «A Guide To Modular Worlds» von Rolf-Dieter Lieb und Ulf Kaiser entgegenwirken. Das knapp 300 Seiten starke Werk kann aber auch fortgeschrittenen «Kabel- und Buchsen-Fanatikern» spannende Informationen liefern.

Das Ende 2019 erschienene Buch präsentiert sich im handlichen Format von 24 x 17 cm und macht durch das schöne, technisch angehauchte Design Lust, darin zu stöbern. Als Sprache wurde Englisch gewählt, was für die meisten potentiellen Lesern funktionieren dürfte. Strukturiert ist die Publikation in sieben Kapiteln (Parts), die anregende Titel wie «Power Is Nothing Without Control!» (Part I), «Make Them Sing!» (Part III) oder «Make Them Dance!» (Part V) besitzen. Im gesamten Buch verteilt sind kürzere und längere Interviews («Statements») von namhaften Herstellern und Künstlern zu finden (dass als erstes Statement dasjenige von Boris «Yello» Blank auserkoren wurde, hat mich als Schweizer natürlich außerordentlich gefreut!).

A GUIDE TO MODULAR WORLDS

Part 0 «Introduction» widmet sich kurz der Geschichte des elektronischen Synthesizers, erklärt die Unterschiede zwischen «Modular» und «Semi-Modular» sowie Begriffe wie «East-Coast» und «West-Coast». Das Ende dieses Einleitungs-Kapitels machen die unterschiedlichen Größenstandards und elektrisches Grundlagenwissen, das jeder verstehen sollte, der nicht eines Tages das heißgeliebte Modularsystem in Rauch aufgehen sehen möchte.

  • Part I «Power Is Nothing Without Control!» erklärt auf 30 Seiten alles zu Timing, Synchronisierung, Hüllkurven, LFOs und VCAs.
  • Part II „And Action“ beschäftigt sich mit den Steuerungsmöglichkeiten in einem Modularen Setup.

Hier werden MIDI, USB, CV/Gate gleichermaßen behandelt wie Sequenzer, Arpeggiator, Quantizer sowie Sample&Hold. Worum es in Part III «Make Them Sing!» geht, wird ziemlich schnell klar: Ohne Signal-Generatoren kein Sound. Nebst den klassischen analog erzeugten Oszillatormodellen wird auch Digitales wie Wavetables oder Physical Modeling aufgegriffen. Das Kapitel erklärt auch Begriffe wie AM, FM, Ringmodulation, Waveshaping, Sync usw. und beschreibt die gängigen Filtermodelle sowie deren Funktionsweisen. In Kapitel vier (Part IV «Make Them Cry!») werden Effekte behandelt. Nach Part V «Make Them Dance», das sich den Rhythmen (Pattern-Erzeugung, Tonerzeuger), Voice-Modulen und polyphonen Modulen verpflichtet, kriegt auch das Thema Software seinen Platz (Part VI «Virtual At Its Own Right!»). Sowohl softwarebasierte modulare Systeme als auch DAW-Einbindung werden hier besprochen. Im siebten und letzten Kapitel (Part VII «Now I Want More») werden den Unersättlichen weitere Informationsquellen empfohlen; sei es online mit Foren und Communitys oder live mit Informationen zu Messen oder Ausstellungen bis hin zu weiterer Literatur und Büchern.

Die einzelnen Begriffe und Themen werden in einer erfreulich kurzen und knackigen Art und Weise erklärt. So kann das Buch beispielsweise perfekt dazu genutzt werden, um mit dem am Ende angesiedelten Stichwortverzeichnis zu einem bestimmten Thema eine prägnante Einführung zu erhalten. Einige Themen werden etwas ausführlicher beschrieben und teilweise bebildert. So habe ich durch die grafische Darstellung der Logikfunktionen (endlich) verstanden, wie die Funktionen XOR und NAND funktionieren. Mit der Abbildung einiger Hüllkurven wird auf den Punkt gebracht, wie sich eine AD- von einer AR-Hüllkurve bei gleichem Tastendruck unterscheiden. Die bildliche Darstellung der Obertöne einiger Standard-Oszillatoren können das Verständnis erhöhen, wie diese «zusammengesetzt» sind oder weshalb einige Schwingungsformen besser oder schlechter filterbar sind. Weiter finden sich Spektral-Analysen-Screenshots zu verschiedenen Rausch-Typen. Spätestens hier sollte jedem klar werden, weshalb sich weißes Rauschen nahezu perfekt als abwechslungsreiche Signalquelle für Sample & Hold eignet. Ganz hübsche Oszilloskop-Screenshots finden sich im Effekt-Kapitel zu Boost, Overdrive und Distortion, wo eindrücklich dargestellt wird, was aus einer Sägezahnschwingung mit aufsteigender Flanke und verschiedenen Modulen (Strakal Orsel, Plasma Drive, Geiger Counter) und verschiedenen Einstellungen resultiert. Was in meinen Augen sonst noch aus dem Buch heraussticht, ist das Kapitel der «kontinuierlichen Parametermodulation». Hier wird die Modulation mittels LFO inklusive der Möglichkeiten derer Verzögerung und Phasenverschiebung erläutert. Auch hier helfen Grafiken der besseren Verständlichkeit. Auf Patch-Beispiele wurde nach eigener Aussage der Autoren bewusst verzichtet, was ich aufgrund des notwendigen Platzbedarfs bestens nachvollziehen kann. Hier kann sich der interessierte Einsteiger mit den Internet-Quellen am Ende des Buchs selber weiter informieren. Auch auf den Verweis einzelner Module wird – mit einigen wenigen Ausnahmen – verzichtet. Auch hier muss ehrlicherweise zugegeben werden, dass die unglaubliche Vielzahl der erhältlichen Module eine objektive Auswahl unmöglich macht.

In den meisten Kurzinterviews (oder eben «Statements») mit Herstellern und Musikern (u. a. auch Jean-Michel Jarre und Richard Devine) wird mit jeweils ähnlichen oder denselben Fragen in Erfahrung gebracht, was verschiedene Beteiligte zu den Themen «Kommunikations-Standards» oder «Notwendigkeit von Polyphonie in modularen Systemen» zu sagen haben. Wie man sich denken kann, gehen hier die Meinungen stark auseinander. Ganz besonders gefreut hat mich das etwas ausgedehntere Interview mit Dieter Doepfer. Ohne seinen unbeirrbaren Glauben an die Renaissance von modularen Synthesizern wäre alles ganz anders geworden (Ich persönlich bin unglaublich froh, dass es nicht anders gekommen ist). Dieter gibt «Modular-Neulingen» am Ende seines Interviews den Rat, sich ein Basiswissen in Workshops, Videos und Literatur anzueignen. Ich denke, dass sich dieses Buch genau dazu sehr gut eignet.

Fazit

Das Buch beinhaltet genau die Informationen, die mir den Einstieg in die modulare Welt vor ca. 6 Jahren etwas erleichtert hätten, in einer kompakten und verständlichen Form. Aber auch heute, als durchschnittlich versierter Modular-Synthesizer-Musiker sowie Freund von Sachbüchern, habe ich mich außerordentlich gefreut, als ich vor einigen Monaten zufällig auf dieses neue Buch gestoßen bin. Nach erstmaligem vollständigem Durchlesen nehme ich das Buch immer wieder zur Hand und schlage Informationen darin nach (der analoge Ansatz behält anscheinend auch bei der Informationssuche immer wieder die Oberhand). Ich empfehle das Buch ohne schlechtes Gewissen allen Modular-Synthesizer-Nerds, egal ob Einsteiger, Amateur oder Profi. Voraussetzungen sind ein Grundwortschatz der englischen Sprache und ein ungebremstes Interesse an modularen Synthesizern.

Minus

  • nur in englischer Sprache erschienen

Preis

  • 29,99 Euro
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