Test: Bitwig Studio 3.1, Digital Audio Workstation

23. Dezember 2019

Mikrotonales DAW-Update für Bitwig

bitwig 3.1 daw update

Bitwig Studio 3.1, Digital Audio Workstation

Wie bereits allgemein bekannt, brachte Bitwig bereits viele Standards, mit denen sich andere Hersteller von DAWs bislang etwas schwertaten, in seine DAW mit ein (z. B.: MPE-Support). An alternative Skalen außerhalb der chromatischen Gefilde war außerhalb der dafür ausgelegten Controller und Klangerzeuger (da existierten ein paar wenige – beispielsweise Roland GS, Yamaha XG, Kurzweil – diese richteten sich vordergründig an Alleinunterhalter und Künstler unterschiedlicher Herkunft) bislang nicht wirklich zu denken.

In Flaggschiff-Geräten wie dem Moog One und anderen Produkten ähnlicher Couleur wurde jenes Feature groß und breit schon während der Entwicklung angekündigt, von dessen Umsetzung fehlt jedoch nach wie vor bislang jede Spur. Bitwig macht es kurz und schmerzlos und bringt ebenjene Features anhand eines wunderbar simplen und genialen weiteren MIDI-Plugins ohne großes Tam-Tam in die DAW. Und macht somit jenes für die fortlaufende Entwicklung von Musik so wichtiges Feature zugänglich – und nach wie vor erschwinglich – für absolut jedermann.

Ganz im Bitwig Stil lässt das neue „Micro-Pitch“ Plugin sämtliche schon von den anderen Bitwig-native Plugins bekannten Modulationen zu und eröffnet so die Möglichkeiten der Echtzeit-Alternation des Pitches der einzelnen Notenwerte. Zusätzlich legt der Hersteller noch einige andere Pitch-bezogene Plugins bei. Das ist aber bei weitem nicht alles in der aktuellen 3.1 Version.

Übersicht über das Micro-Pitch Plugin in Bitwig 3.1

Bitwig 3.1

Micro-Pitch – das neue Plugin in Bitwig, was Mikrotonalität möglich und einfach macht

Micro-Pitch lässt einerseits mit Bitwigs kompatiblen Native Plugins sowie auch allen anderen Plugins, die das MPE-Format unterstützen, die Veränderung der Grundstimmun basierend auf dem Kammerton zu (432 Hz Stimmungen und ähnlich esoterisches sind also ab jetzt für alle Native-Plugins nur noch einen Mausklick entfernt). Zum anderen lassen sich fortan alle einzelnen zwölf Noten der chromatischen Skala in Cent-Schritten neu stimmen.

Ein zusätzlicher auf dem Plugin befindlicher „Dry/Wet“-Regler lässt zusätzlich eine Modulation des Master-Eingriffsgrades zu. Somit lässt sich die eingestellte Skala auch stufenlos chromatisch hin und her automatisieren oder modulieren. Die Stimmung sämtlicher Einzelnoten lässt sich natürlich ebenfalls modulieren. Diese Schritte lassen somit nicht nur statische Skalen zu, sondern können auch für die Humanisierung oder Vermenschlichung von Klängen dienlich sein – oder eben des abstrakten Sound-Designs.

Bitwig legt 30 Presets bei, die sich zum einen an den Experimenten der „Nach-Concrète“ oder berühmter Pioniere wie Walter „Wendy“ Carlos oder Rousseau orientieren. Zum anderen werden hier auch wichtige, traditionelle Skalen wie die javanische, chinesische oder griechische aufgegriffen und interpretiert. Wichtig zu erwähnen ist ebenfalls, dass man zwar noch auf die 12 Töne der Oktave angewiesen ist (nicht zuletzt schon aufgrund der Hardware) – jedoch wahlweise auch den Bereich einer Oktave auf bis zu 24 Halbtöne – also zwei Oktaven – ausweiten kann.

Apropos Presets: Interaktive Hilfe und vieles mehr

Ist man Neuling oder möchte sich einfach nur die neuen Plugins erklären lassen bzw. hinter ein bestimmtes internes Plugin in seiner Gänze kommen, genügt fortan der Mausklick auf „show help“ im linken Operationsmenü. Das im Vorhinein jeweilig selektierte Plugin wird in aller Übersichtlichkeit umschrieben und bleibt dabei komplett bedienbar. Hier bekommt „learning by doing“ eine ganz neue Bedeutung.

Bitwig 3.1

Poppt auf bei Klick auf „show help“: Die interaktive Erklärung des jeweilig selektierten Plugins – hier: Micro-Pitch

Des Weiteren gibt es nun eine erweiterte generelle MIDI-Funktionalität. Es gibt nun mehr Controller-Presets für unterschiedliche Geräte wie Masterkeyboards und Performance-Controller,  hier wurden die bereits bestehenden Protokolle um einige erweitert.

Bitwig 3.1

Bitwigs Pianorolle

Innerhalb der Pianorolle tut sich ebenfalls einiges: Per Druck auf die Taste „3“ kann man nun MIDI-Noten mit gedrückter Maustaste im jeweilig aktiven Raster und der jeweilig selektierten Note einzeichnen, per Druck auf Alt und Shift auch über die jeweils selektierte Note hinaus.

Praktisch für Filmkomponisten und weitere Extrem-MIDI-Notenkünstler: Bitwig 3.1 bekommt Note-Chase als Feature. Dieses ermöglicht, dass, selbst wenn sie auf dem Transport Marker (und nicht wie bisher noch davor) liegt, eine Note getriggert wird. Springt man viel in seinem Arrangement herum und möchte nicht immer mit aller Genauigkeit seinen Transport-Startpunkt festlegen, kann das ungemein hilfreich sein.

Pitch-12 als neuer Modulator

Bitwig 3.1

Der Pitch-12 Modulatorbaustein

Zu guter Letzt baut Bitwig mit Pitch-12 noch einen neuen Modulator in die DAW mit ein, der sich natürlich wie gewohnt auch selbst von anderen Modulatoren beeinflussen lässt. Dieser bietet einen virtuellen Patch-Punkt pro einer der 12 Noten der chromatischen Skala, der beim Aktivieren der jeweiligen Note eingreift. So lässt sich beispielsweise bewirken, dass immer wenn ein Cis (egal ob 1, 2 , 3 , 4 , 5 (…)) spielt, dieses Cis nach links gepannt wird oder ein Filter aufgeht oder sich dessen Tonhöhe mit einem LFO als Vibrato moduliert – und dergleichen mehr.

Bitwig 16-Track

Mittlerweile bietet Bitwig unter dem Namen eine abgespeckte Version seiner DAW an. Der Einstiegspreis liegt bei 99,- Euro. Weitere Informationen dazu findet ihr hier.

Fazit

Mit der Implementierung des mikrotonalen Supports baut Bitwig seine ohnehin schon diversen Alleinstellungsmerkmale weiter aus und bringt ein Feature, an dem bisher so gut wie jeder gescheitert ist, auf extrem intuitive Art und Weise in die Software mit ein. Ein großes Lob von meiner Seite und mit diesem die Bitte an euch: Probiert es aus!

Plus

  • intuitive Bedienbarkeit eines Features, was es nur hier so gibt

Preis

  • 299,- Euro
Forum
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    Leverkusen  

    Die Mikrotuning features sind interessant. Wirkt es sich eigentlich auch auf das Layout der Pianoroll aus, wenn die Oktave nicht in die üblichen 12 Töne aufgeteilt wird.

    Aber sagt mal, was wollt Ihr denn mit der Formulierung ‚Walter „Wendy“ Carlos‘ ausdrücken? Das Wendy Carlos trotz Geschlechtsangleichung ein Mann ist und Wendy nur ihr Spitzname?

    • Profilbild
      qwertzvsqwerty

      Gute Frage. Ich bin auch der Meinung, dass Walter hier nichts mehr zu suchen hat. Sie heißt Wendy und nur Wendy. Wenn ein Musiker irgendwo erwähnt wird, steht ja eher selten der Geburtsname daneben.

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        Vincent  RED

        Sowas von wahr. Ich hatte die Namenskonstellation in dieser Art aber sowas von drin – war damals maßgeblicher Bestandteil meiner Bachelorarbeit. Wendy ist trotzdem Wendy! Sorry dafür.

        Gruß, Vince

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          Filterspiel  AHU

          Ich sage mal so: wer die Platten damals (68?) gekauft hat, verband die mit Walter Carlos. Damals eben der Name. So habe ich die Alben als Kind kennengelernt. Hat man sich danach ausgeklinkt, ist die Wandlung eher nicht bekannt und bei einer Wendy Carlos denkt vielleicht an eine ebenfalls begabte musikalische Tochter, o.ä. Daher ist es IMHO OK, solange der Zusammenhang erklärt wird und es sich um eine öffentlich tätige Person (!) handelt, auch den Geburtsnamen zu nennen unter dem Veröffentlichungen stattgefunden haben. Das ist einfach eine historisch richtige Einordnung. Was nichts an dem massiven Respekt ändert, den ich Wendy und anderen entgegenbringe und es nach Bekanntwerden natürlich nur noch Wendy für mich war.

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            Leverkusen  

            Ich sag auch mal so:
            Zum einen, eine Frau mit einem männlichen Namen zu belegen und ihren wirklichen Namen in Anführungsstriche zu setzen ist nie okay.
            Wer sich nach den Barockplatten ausgeklinkt hat und hier neugierig auf die vermeintliche Tochter, Mutter, Schwester oder Großtante von Walter Carlos geworden ist, kann das ja relativ problemlos bei Wikipedia nachschlagen.
            Zum anderen, geht es hier ja auch gar nicht um Switched on Bach sondern um die mikrotonalen Skalen, die sie soviel ich weiß überwiegend später als Wendy Carlos entwickelt und genutzt hat. Es wäre also auch noch historisch nicht richtig eingeordnet.
            Ich gehe mal davon aus, dass die besagte Bachelorarbeit nicht in den 70ern geschrieben wurde, als W.C. sich selber manchmal nicht mehr so sicher war, wohin mit sich – vielleicht wäre das jetzt ein guter Anlass, das wenigstens hier in diesem Artikel zu ändern? Wie gesagt, Anführungszeichen geht gar nicht – es soll ja nicht die sogenannte „Wendy“ Carlos heißen.
            Das ist ja ein sensibles Thema und mit viel Leid und Ausgrenzung für die Betroffenen verbunden – ich würde mich da einfach danach richten, womit es der von allen massiv respektierten Künstlerin am besten geht. Schadet doch nicht…

  2. Profilbild
    Henrik Fisch  

    Ich bin echt schon seit Monaten am Überlegen, ob ich mir nicht endlich »Bitwig Studio« kaufen soll. Es ist bei mir allerdings nicht die Frage »ob«, sondern »wann«. Ich sehe regelmäßig den Kanal vom YouTuber »Polarity Music«, der ein spannendes Tutorial nach dem anderen raushaut und mir mit dem »Grid« in »Bitwig« den Mund wässrig macht. Im Moment gibt es zudem noch einen Sale, während dem die Software bis zum 7.1.2020 für EUR 299,00 angeboten wird.

    Warum ich bisher nicht zugeschlagen habe … nun ja … es bedeutet auch, dass ich wieder Zeit für die Einarbeitung aufbringen muss. Und das ist es, wovor ich mich ein wenige scheue. Im Moment reicht mir zudem »Reaper«.

    Allerdings wird »Bitwig Studio«, wie erwähnt, auf jeden Fall irgendwann gekauft. Nur im Moment würde es mich, glaube ich, ein wenig überfordern. Ich konzentriere mich im Moment lieber auf die Ideenfindung.

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