Test: Blackstar HT Club MKII, Gitarrenverstärker

30. Januar 2018

Britisches Erbe unter asiatischer Flagge!

Sind wir mal ehrlich, wer hätte gedacht, dass die von ehemaligen Marshall Mitarbeitern gegründete und offiziell seit 2007 auf dem Markt erhältlichen Produkte der Firma Blackstar schon über eine Dekade auf dem Buckel haben. Gehört die in Northhampton/UK ansässige Firma doch zu den ganz wenigen, welche nicht nur die ersten Jahre ihrer Firmengeschichte überlebt haben, sondern auch aufgrund der geradezu inflationären Endorsement-Politik (die offizielle Website listet allein schon knapp 450 Gitarristen!) ihre Marktpräsenz in den letzten Jahren massiv ausbauen konnten.

Das Konzept von britischer Entwicklung bei chinesischer Fertigung, kombiniert mit patentierten und interessanten Detaillösungen, scheint sehr gut zu funktionieren, was sich auch daran erkennen lässt, dass einige der ersten Verstärker-Releases der Firma bereits als zweite Generation veröffentlicht werden. So auch geschehen mit dem Blackstar HT Club MKII, der basierend auf der ersten Modellreihe, einiger Upgrades erfahren hat, die ihn in Sachen Flexibilität deutlich erweitern!

Blackstar HT Club MKII – Facts & Features

Bei dem Blackstar HT Club MKII handelt es sich um ein zweikanaliges Vollröhren-Topteil, das mit zwei ECC83 in der Vorstufe und zwei EL34 Leistungsröhren eine Leistung von 50 Watt an den Tag legt. Über einen frontseitigen Schalter kann die Leistung auf 5 Watt reduziert werden, aber immer daran denken, um die Lautstärke eines Verstärkers zu verdoppeln, muss man die Leistung verzehnfachen, d. h. die 5 Watt Schaltung halbiert gerade mal die Leistung des Verstärkers. Auch 5 Watt Vollröhre können noch einen Heidenlärm im Proberaum erzeugen.

Blackstar HT Club MKII - Profil

— Der Blackstar HT Club MKII —

Mit den Abmessungen von 79 x 23 x 38 cm und einem Gewicht von 18,7 Kilogramm darf das Topteil ruhig in die Liga „leicht“ und „handlich“ eingeordnet werden. Da freut sich der Rücken, allerdings müssen infrage kommende Cases gegebenenfalls ausgepolstert werden.

Neben der Tatsache, dass der Head mit je zwei unterschiedlichen, mit einem Druckschalter (oder per mitgeliefertem Fußschalter) abrufbaren Voicings pro Kanal arbeitet, setzt Blackstar mit seiner ISF (Infinite Shape Feature) Schaltung erneut auf stufenloses Überblenden zwischen Klangfarben britischer oder amerikanischer Prägung. Bevor die Puristen sich jetzt die Haare büschelweise ausreißen, natürlich ist es unmöglich, komplette Konstruktionen britischer oder amerikanischer Protagonisten in all ihrer Komplexität durch einen simplen Blendregler umzusetzen, aber wir sprechen hier von Klangfarben, nicht von Mesa Boogie und Marshall in antiseptischer Reinkultur.

Blackstar HT Club MKII back

— Blackstar HT Club MKII – Rückseite —

Die Frontseite ist schnell abgehandelt. Zwei Kanäle, Clean mit 2-Band-EQ, Overdrive mit 3-Band-Klangregelung, ein in der Färbung umschaltbarer Digitalhall nebst Regler, 2 Voicing-Schalter, Kanalumschalter, Mastervolume, Netzschalter, Standby-Schalter, Betriebs-LED, Inputbuchse, fertig! Die Rückseite gestaltet sich etwas anspruchsvoller. Neben drei Speaker-Out (1x 16 Ohm, 2x 16 Ohm, 1x 8 Ohm – ACHTUNG Mesa Boogie oder H&K Freunde etc. 2x 8 Ohm geht nicht!) befinden sich noch zwei Footswitch (5-fach und 2-fach) Eingänge, ein Emulated-Out als TRS und XLR mit umschaltbarer Charakteristik und ein serieller Effektweg, schaltbar zwischen -10 dB (Boden-FX) und +4 dB (19 Zoll und Konsorten).

Dazu noch ein USB-Out, um direkt in den Rechner spielen zu können. Die emulierten Lautsprechersignale funktionieren auch im Standby-Modus. Nach wie vor gilt, NIEMALS einen betriebsbereiten Vollröhrenamp ohne angeschlossene Box betreiben. Merke: Vollröhren Amp ohne Last durch einen Speaker gleich unmittelbarer Tod des teuersten Bauteils des Verstärkers, dem Ausgangstrafo!

Als Abschluss, auf den ersten Blick ganz putzig, aber gerade im Festivalbetrieb der zweiten Garde und tiefer, wo sich leider teilweise Hinz und Kunz selbst in sensiblen Bereichen herumtreiben können ein echter Praxis-Burner, das Kensington Schloss. Und wenn es den Dieb nur eine Minute aufhält oder es soviel Lärm produziert, dass der Verbrecher auf sich aufmerksam macht. Eigentlich müsste jeder Amp, der das Übungverstärkerniveau verlassen hat, über eine solche Schutzeinrichtung verfügen!

Blackstar HT Club MKII switch

— Blackstar HT Club MKII – Fußschalter —

Sound und Praxis mit dem Blackstar HT Club MKII

Eins vorneweg, auf den Emulated-Speaker-Out nehmen wir keinen Bezug. Ist ein nettes Tool, um auf die Schnelle eine Idee festzuhalten, aber einen ernsthaften Sound kann man auch hier einmal mehr nicht generieren.

Zunächst einmal die Aufnahmenanordnung. Um eine bessere Interaktion mit der Gitarre zu gewährleisten, kam keine der von mir bevorzugten Gitarren mit EMG Pickups zu Einsatz, sondern eine Vintage Les Paul Custom. Das Signal ging ohne Effekte in den Blackstar HT Club MKII mit angeschlossenem Hughes & Kettner 4×12″ Cabinet mit Celestion Classic Lead Speakern. Abgenommen wurde das Signal mit einem Fame MS57 in eine Mackie 32-8 Konsole ohne weitere Filterbearbeitung.

Um die unterschiedlichen Pickups im Cleanchannel im direkten Vergleich zum Amp beurteilen zu können, habe ich die Licks jeweils erst über den Halstonabnehmer, dann beide Pickups parallel und zum Schluss über den Stegtonabnehmer gespielt, was man mit ein wenig tonaler Erfahrung aber ohnehin sofort erkennt. Alle Klangregler stehen übrigens auf 12 Uhr, um eine möglichst neutrale Färbung zu erzielen. Fangen wir mit dem ersten Voicing an, das laut Hersteller eine „amerikanische“ Prägung haben soll.

Wer jetzt den Glanz und Schimmer der Fender Familie erwartet, wird schnell eines anderen belehrt. Richtig clean geht anders, ist wahrscheinlich aber auch nicht vom Hersteller angestrebt. Obwohl der Gain-Regler gerade mal bei 9 Uhr steht und die Vintage-Pickups der Gitarre alles andere als echte Impedanz-Monster sind, treten bei hartem Anschlag bereits erste Verzerrungen auf. Der leicht bissige Sound verfügt dafür um ein umso stärkeres Durchsetzungsvermögen, hier möge sich jeder sein eigenes Urteil bilden.

Wer bei Klangbeispiel 1 schon ein wenig skeptisch die Bezeichnung „clean“ betrachtet, wird bei dem „britischen“ Voicing noch mehr die Stirn in Falten legen. Man sollte sich jedoch immer vor Augen halten, aus welchem „Stall“ die führenden Köpfe von Blackstar kommen und wer einmal erlebt hat, wie Marshall selbst bei seiner JCM 2000er Serie das Wort „clean“ definiert, sollte den Amp mit einer anderen Erwartungshaltung gegenübertreten.

Ja, das kneift schon ganz gut in den Höhen und erinnert zuweilen an Aufnahmen aus den Sechzigern, bei denen man sich noch aufgrund der geringen Leistungen der Amps permanent in der Sättigung befand. Meines Erachtens ein sehr authentischer CCR-Sound, würde zum Beispiel sehr schön zu „Fortunate Son“ passen.

Nun gut, dann lasst uns auch mal den „cleanen“ Kanal komplett ausreizen, indem wir Gain auf Anschlag fahren und zwischen den beiden Voicings umschalten.

Oh ja, das klingt wie eine Steilvorlage für jede ambitionierte Rockoldie-Band! Voicing 1 lässt erneut ur-amerikanische Wurzeln des Southernrock aufblühen, Querverweise zu den ersten Alben von Molly Hatchet (zum Beispiel „Whiskey Man“, ACHTUNG – nicht zu verwechseln mit dem neu aufgenommenen Müll, den die zusammengewürfelten Namensschänder heutzutage abliefern) werden wach, die damals noch ihren Sound aus den ersten Peavey Verstärkern heraus holten. Voicing 2 hingegen lässt Assoziationen zum alten britischen Sound vom Schlage AC/DC der ersten Tage zu. Alles natürlich abhängig von der verwendeten Gitarre und dem Anschlag.

Wenden wir uns nun dem Overdrive-Kanal zu, der zusätzlich zu den beiden Voicings „Classic Overdrive“ mit moderater Endstufendämpfung und „Modern Overdrive“ mit Höhenboost und wenig Endstufendämpfung auch noch über die patentierte ISF-Schaltung verfügt, welche das stufenlose Überblenden zwischen dem „amerikanischen“ und dem „britischen“ Sound ermöglichen soll. Fangen wir mit Voicing 1 und dem Überblenden vom US-Sound zum UK-Sound an.

Oha, da wäre ich vorsichtig mit den Bezeichnungen. Hätte ich eine Blindverkostung machen müssen, hätte ich US und UK gerade mal andersherum eingestuft. Der kräftige Mittenbiss im ersten Teil des Soundfiles klingt deutlich britischer als der zweite Teil, was einmal mehr offenbart, wie subjektiv das Beschreiben von Musik ist. Zitat Frank Zappa: „Über Musik reden ist wie über Architektur zu tanzen“. Für mich sind das zwei verschiedene Spielarten eines britischen Sounds, aber siehe Zappa. Auf zum zweiten Voicing.

Auch hier kann ich nicht unbedingt einen amerikanischen Sound ausmachen, der sich entweder in einem eher weichen Timbre im Stil von Mesa Boogie oder aber leicht kratzigen Touch eines Peavey 6505 bemerkbar macht. Allerdings geht hier der zweite Teil des Soundfiles deutlich mehr Richtung UK als bei dem vorherigen Soundfile. Wohl auch, da es sich um ein Riff deutlich britischer Prägung handelt, vom dem Artificial Harmonic Pinch einmal abgesehen.

Zusammenfassend sollte man sich darauf gefasst machen, einen Amp mit klaren britischen Tendenzen vor sich zu haben, der allerdings im cleanen Kanal auch ein paar sehr schöne Retro US Sounds sein Eigen nennt. Überhaupt sagt mir der cleane Kanal des Blackstar HT Club MKII deutlich mehr zu als der Overdrive-Channel.

Der Overdrive-Kanal neigt ein wenig zur Überkompression, was den Grundsound unter Umständen ins leicht Matschige abdriften lässt. Nicht dass der Kanal schlecht klingt, aber es fehlt ihm etwas die Offenheit, die man ab einem bestimmten Gain-Faktor für einen durchsetzungsstarken Sound benötigt.

Man sollte sich jedoch vor Augen halten, dass der Amp letztendlich über sechs verschiedene Vollröhren-Grundsounds verfügt, was eine sehr hohe Flexibilität in dieser
Preisklasse bedeutet. Dass man bei dieser Konstruktion ein paar Zugeständnisse in Sachen Wertigkeit der einzelnen Sounds machen muss und man nicht ein 6-Kanal-Highend-Monster im Stil eines H&K Triamp MK3 bekommt, dürfte jedem wirtschaftlich denkenden Menschen klar sein.

Fazit

Mit dem Blackstar HT Club MKII erwirbt man einen sehr flexiblen Amp, der bei kleinen Abmessungen einen großen Einsatzbereich abdeckt. Zwei unterschiedliche Kanäle mit schaltbaren Voicings ermöglichen in Zusammenarbeit mit der ISF-Schaltung eine große Klangvielfalt, mit denen sich sehr viele Standards der Rockmusik abdecken lassen.

 

Plus

  • Sound
  • Verarbeitung
  • Transportabilität
  • Flexibilität

Minus

  • -

Preis

  • Ladenpreis: 699,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Blackstar, der uneheliche Sohn von Marshall baut mal wieder einen echten Amp, und das zu einem sehr guten Kurs! Ganz ohne DSPs und virtuellen Spuckgespenstern, das lobe ich mal sehr. Lieber 1 Eingang und ein Ausgang, Hochvolt Geriebe mit glühend heißen Glaskolben, Transistoren und Widerständen als eine von bits und bytes betriebenen Transvestiten, trotz der gebotenen Reize überzeugen konnte mich bisher nur diese alte Technik. Und Gitarre muss man eben spielen können, da hilft auch der teuerste Amp nix.
    Klasse Gerät!

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