Test: Boss Nextone Stage, Gitarrenverstärker

7. Mai 2019

Der perfekte BOSS on Stage?

BOSS Nextone Stage Gitarrenverstärker

BOSS Nextone Stage Gitarrenverstärker

Die japanische Marke BOSS hat von jeher die moderne und mittlerweile auch schon nicht mehr so moderne Rockmusik mitgeprägt. Insbesondere in den späten Siebzigern und frühen Achtzigerjahren war beinahe in jedem Rig ein Effektgerät oder Verzerrer von BOSS verkabelt und einige Geräte wie das OD-1 schafften es mit den Jahren sogar in den Rock- und Metal-Olymp. In späteren Jahren wurden unter dem Namen BOSS auch vermehrt Verstärker und digitale Multieffektgeräte gebaut und auch hier spielt man an der Speerspitze der Innovationen mit und genießt den Ruf einer soliden Marke für Hobbymusiker und Profis gleichermaßen. Mit dem Nextone Stage hat BOSS vor Kurzem einen relativ kompakten, aber vielseitigen Verstärker mit Röhren-Modeling-Technologie vorgestellt und wir schauen uns einmal an, was in der Kiste so drin steckt!

BOSS Nextone Stage Gitarrenverstärker

Trotz vieler Funktionen recht kompakt, der BOSS Nextone Stage

Aufbau und Verarbeitung des BOSS Nextone Stage

Auf den ersten Blick wirkt der Nextone Stage recht unspektakulär, aber schick. Die schwarz überzogene Sperrholzkiste des Bodys ist mit etwa 50 x 27x 43 cm recht klein, aber nicht zwergenhaft und die klaren Winkel und Kanten haben eine sehr direkte und schnörkellose Formsprache. Die Front wird vom Stoffgitter des Lautsprecherschutzes und einer kleinen Plakette des BOSS Logos bestimmt. Hinter der Stoffbespannung verbirgt sich ein G12-100, ein 12″ Lautsprecher aus eigenem Haus, was ein wenig überrascht, denn der Amp sieht irgendwie kleiner als ein 1x12er aus.

Die gesammelten Bedienelemente befinden sich auf der Oberseite des Amps, gleich hinter dem stabilen Tragegriff. Hier ist schon etwas mehr los als von vorne zu sehen, finden sich hier neben den normalen Bedienelementen eines zweikanaligen Amps auch diverse Extrafunktionen: Zum einen springen hier sofort die Potis auf der rechten Seite des Bedienpanels ins Auge. Diese steuern unter anderem das eingebaute Delay sowie den Hall des Nextone Stage. Die Geschwindigkeit des Echos lässt sich über eine Tap-Taste regeln, weitere Parameter sind jedoch nicht einstellbar. Der Hall kommt ebenfalls mit nur einem Poti aus, was aber auch genügen sollte. Auch befindet sich ein Tremolo mit an Bord des Nextone Stage.

Rechts davon befindet sich ein Presence-Regler, wie man ihn bei vielen anderen Amps auch finden würde.  Daneben ist auch der Master-Regler untergebracht, den man ebenfalls dort so erwarten würde.

BOSS Nextone Stage Panel

Das Bedienpanel des BOSS Nextone Stage mit den Effekten und den Tube-Modi

Features des Nextone Stage

Etwas ungewöhnlicher ist da das vierstufige Auswahlpoti direkt nebenan, das einen zwischen 4 verschiedenen Poweramp-Modi wählen lässt. In diesen Modi stellt der BOSS Nextone Stage dank eines analogen Class-AB-Schaltkreises vier klassische Endstufenmodelle nach und soll so den Klang von 6V6, 6L6, EL84 und EL34 Röhren in einem Gerät vereinen. Die von BOSS entwickelte Tube Logic Technologie macht den Wechsel im Handumdrehen möglich und soll sich klanglich und in Sachen Dynamik auf Profiniveau bewegen. Die End- und Vorstufen selbst sind in Wirklichkeit allerdings transistorbetrieben.

Ein weiteres Feature ist der eingebaute Power-Attenuator, bei dem sich die Ausgangsleistung des Amps in drei Stufen von einem halben Watt Leistung bis zu der vollen 40 Watt Endstufenleistung hochregeln lässt. So soll auch bei geringer Lautstärke ein natürliches Verhalten des Gitarrenverstärkers möglich sein, was insbesondere bei angezerrten Sounds und im High-Gain-Bereich wichtig ist. Die restlichen Bedienelemente sind wie eingangs schon erwähnt recht klassisch. Neben einem Dreiband-EQ sind hier Gain-Regler für den Drive-Kanal sowie für beide Kanäle ein individueller Volume-Regler vorhanden. Ein Boost-Schalter sowie eine Tone-Taste komplettieren die Einstellungsmöglichkeiten.

Anschlüsse und Konnektivität des BOSS Nextone Stage

Neben dem 6,1 mm Klinkeneingang für die Gitarre hat der Nextone Stage auch hier recht viel zu bieten. So kann natürlich auch ein Kopfhörer an den Amp geschlossen werden und es gibt einen direkten Line-Out mit Speaker-Simulation für die Aufnahme ohne Mikrofon. Der integrierte Effektweg lässt die Lieblingseffekte im Signalweg beliebig platzieren und auch zwei externe Fußschalter lassen sich an den Verstärker anschließen. Einer davon schaltet das Echo, ist aber nicht im Preis inbegriffen.

BOSS Nextone Stage back

Blick auf die Rückseite des BOSS Nextone Stage

Wem die Lautsprecherbestückung des Combos nicht ausreichen sollte, der kann sich auch einen Speaker mit wahlweise 8 oder 16 Ohm anschließen. Darüber hinaus besitzt der Nextone Stage auch einen USB-Anschluss, über den der Amp mit dem Nextone-Editor für Mac und Windows verbunden werden kann. Über diesen lassen sich dann mehr Soundeinstellungen (auch beim Delay) vornehmen und es können verschiedene Presets geladen werden.

Boss Nextone Stage Software

Über die Software gibt es noch mehr Editiermöglichkeiten für den Nextone Stage

Alles in allem macht der Gitarrenverstärker einen sehr soliden Eindruck, was nicht zuletzt an dem guten Gewicht von etwa 14 kg liegt und ebenso an der guten Verarbeitungsqualität, mit gut laufenden Potis und einem solide wirkenden 12″-Lautsprecher im offenen Rückteil.

In der Praxis mit dem BOSS Nextone Stage

Schaltet man den Nextone Stage ein, so wird man von keinerlei Störgeräuschen oder Brummen begrüßt, was schon einmal ganz angenehm ist. Dank digitaler Technik und Transistor-Verstärkungsstufen ist auch kein langwieriges Aufwärmen von Komponenten nötig und man kann sofort loslegen. Trocken angespielt zeigt sich der BOSS Nextone Stage recht ausgewogen und offen im Klang. Einen Gain-Regler zum „Andicken“ des Sounds gibt es nun ja leider nicht und so bleibt einem nur der Boost-Taster zum kräftigeren Sound. Auch kann hier mithilfe des Attenuators und die relative Lautstärke zwischen Vorstufe und Endstufe noch erhöht werden, was den Klang ebenfalls etwas voller macht. Und es bleibt ja auch noch die Klangregelung über den EQ.

Dabei ist der Sound sehr direkt und vergleichsweise dynamisch und wenn man nicht wüsste, dass dies wohl kaum die Ursache dafür sein dürfte, könnte man meinen, der Amp fühlt sich etwas nach Röhre an. Apropos: Das Röhren-Auswahl-Poti scheint im ganz cleanen Betrieb keinen allzu großen Einfluss auf den Sound zu haben.

Es ist zwar zu hören, dass der Sound etwas heller oder etwas wärmer wird zwischen den verschiedenen Einstellungen, aber so wirklich maßgeblich verändert sich der Soundcharakter dadurch nicht. Bei ein wenig Boost sind die Unterschiede allerdings schon etwas deutlicher.

BOSS Nextone Stage 5

Im Gain/Drive-Kanal gibt es im Crunch-Bereich dann dank des Gain-Reglers ein wenig mehr Klangregelung und hier lässt auch die vielfältige „Röhren“-Auswahl mehr Nuancen hören. Insbesondere im stärker angezerrten Crunch-Bereich ist schon ein deutlicherer Unterschied zu vernehmen und man findet schnell einen Favoriten für den gesuchten Sound. Dabei ist allerdings anzumerken, dass der Grundsound einen nicht unbedingt vom Hocker reist, zumindest mich nicht.

Er wirkt etwas zu linear und flach, um damit richtig Spaß zu haben und es ist denkbar, dass es ihm im Bandgefüge etwas an Durchsetzungsvermögen und Präsenz gegenüber den anderen Instrumenten fehlen dürfte. Das ändert sich auch dann nicht, wenn man den eingebauten Attenuator bemüht, um mehr Drive aus dem Sound zu holen. Nichtsdestotrotz ist der klangliche Umfang des BOSS Nextone Stage sehr ordentlich und es lassen sich sehr viele verschiedene Klänge aus diesem Gitarrenverstärker herausholen.

Auch die eingebauten Effekte klingen nicht schlecht und zumindest der Reverb kann die produzierten Sounds schön würzen und ein wenig Tiefe verleihen. Das Delay ist recht ordentlich, doch die fehlenden Parameter stoßen schnell etwas auf. Vor allem wenn man bedenkt, dass der Amp ja auch für die Bühne gemacht ist. Und trotz der Effekte lässt sich aus dem Nextone Stage kein so wirklich zufriedenstellender Leadsound herausholen. Der Klang verhungert gerne mal auf halber Strecke, auch wenn der Gain etwas weiter aufgedreht ist und das behindert etwas die Freude am Spaß.

Fazit

Der BOSS Nextone Stage Gitarrenverstärker hinterlässt einen etwas gemischten Eindruck. Einerseits ist der Amp mit Sicherheit ein solider Begleiter, der musikalisch gesehen für so ziemlich jeden Spaß zu haben ist und einen großen Umfang an Klängen und Stimmungen bietet. Auf der anderen Seite wirkt er dabei etwas lustlos und stellenweise beinahe blutarm. Es fehlt etwas der Spaßfaktor, den ein singender und etwas „dreckigerer“ Leadsound mit sich gebracht hätte und man vermisst etwas das letzte Quäntchen. Dabei würden die vielen Anschlussmöglichkeiten und die gute Ausstattung einen etwas Besseres erwarten lassen.

Vielleicht kommt der Nextone Stage aber auch eher auf der Bühne zum Glänzen, indem er hier die Muskeln seiner vielfältigeren Klangeinstellungen spielen lässt. Für einen Verstärker, der das Wort Bühne im Namen hat, ist die Tatsche, dass der volle Funktionsumfang einiger Effekte nur über den USB-Port erreichbar ist, aber doch ein wenig mau.

Plus

  • Funktionsumfang und Anschlussmöglichkeiten
  • vielfältige Einsatzmöglichkeiten und Sounds
  • solide Konstruktion

Minus

  • etwas langweiliger Sound im Overdrive
  • Effekte nur über den Editor voll erreichbar
  • Unterschiede zwischen den verschiedenen Röhrenmodi nicht besonders deutlich

Preis

  • Ladenpreis: 499,- Euro
Klangbeispiele