Making of: ZZ Top Afterburner

24. März 2019

Und es brannte nach!

ZZ Top Afterburner

ZZ Top Afterburner

Manch ein Leser von AMAZONA.de dürfte sich schon mal in einer Band befunden haben oder ist festes Mitglied einer solchen. Das heißt, die Querelen, Scherereien, Schwierigkeiten, Streitigkeiten und das immense Konfliktpotenzial, das so ein gemeinsames Projekt mit sich bringt, sind hier vermutlich den wenigsten fremd.

Manchmal geht’s um die Vision, manchmal um den Sound – jeder hat so seine Vorstellungen, jeder seinen Charakter. Und ist der gemeinsame Nenner zunächst gefunden, ist das noch lange nicht ein Garant für fortwährenden Zusammenhalt: Die Weiterentwicklung und der Aufbruch zu neuen Ufern sind gemeinhin das, was die meisten Bands den Zusammenhalt kostet. Verschiedene Kräfte, die alle in unterschiedliche Richtungen ziehen – bis das Gerüst zerreißt. Und man die Scherben zusammenkehren darf, menschlich wie musikalisch.

Also, was macht man, wenn man von einer Band hört, die es geschafft hat, 50 Jahre zusammenzubleiben?

Man stellt eine einfache Frage. Um Gottes Willen – How?

ZZ Top ist eine solche Band. Das Trio rund um Billy Gibbons feiert dieses Jahr goldene Hochzeit. Die Bärte sind nach wie vor Teil des Ganzen, dunkelblonde, ergraute Zipfel, die bis zur Brust reichen, die ominöse Kombination aus Trenchcoat und Stetson und das in die Jahre gekommene und trotzdem bubenhaft gebliebene Grinsen unter den Sonnenbrillen – ZZ Top haben überlebt. Irgendwie. Woher man die Ausdauer für fünf Jahrzehnte Rockmusik nimmt und wie die Band ihren Zenit Mitte der 80er erlebte, schauen wir uns pünktlich zum Jubiläum genauer an.

ZZ Top Afterburner – American Art

„… so, where was I? Oh yeah – consistency, and longevity!“ 

Diese Worte wählte Keith Richards 2004, als er ZZ Top zu ihrer Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame gratulierte. Konsistenz und Langwierigkeit – doch woher die Band ihren unumwundenen, einzigartigen Charakter nahm, kann nur verstanden werden, wenn man sich ihre Herkunft genauer ansieht.

Manche Bands sind in Charakter und Flair nämlich synonym mit den Orten und Städten, die sie hervorgebracht haben. Man kann Nirvana nicht unabhängig von Seattle denken, kann Metallica nicht von ihren Bay Area Wurzeln trennen. ZZ Top wurden im Herzen Amerikas geboren: 1969, in Houston, Texas, erkannte Billy Gibbons, dass seine Zukunft im Blues-Rock lag, dass er sein Herz hoffnungslos an BB King und ZZ Hill verloren hatte und ihnen schon durch den Namen seines Projektes ein Denkmal setzen wollte: Aus ZZ King wurde ZZ Top und es dauerte nur ein bzw. zwei Jahre, bis mit Dusty Hill und Frank Beard die zwei Männer zu Gibbons stoßen würden, die bis zum heutigen Tage die anderen zwei Drittel der Besetzung ausmachen würden.

Den meisten Musikliebhabern wird die Bedeutung von Austin, Texas klar sein. Kaum eine Stadt in Amerika dürfte so wichtig für historischen Verlauf gewesen sein, den Rockmusik genommen hat – abseits von New Orleans vielleicht. „The live music capital of the world“ lebt bis heute von ihrem allgegenwärtigen Live-Spirit entlang der Sixth Street. Und auch sonst ist die Stadt ein kulturelles Kleinod Amerikas, ein bisschen Schmelztiegel und Vergegenwärtigung, wie man am Kulturfestival SXSW merkt, das zurzeit in Austin stattfindet und Tausende von Künstler und Musiker anlockt. Das war gewissermaßen schon immer so: Bereits Ende der 60er Jahre und Anfang der 70er war Austin musikalisch am Brodeln, amerikanische Legenden wie Buddy Holly und Janis Joplin betraten von dort aus die Weltbühne. Austin stand für die musikalische Selbstfindung Amerikas, verhalf das Land in schwierigen Zeiten zu einer gemeinsamen Stimme mithilfe jener Talente, die sie in ihrer Mitte schmiedete. Wer in Austin, Texas, also eine Gitarre in die Hand und sich der Nomenklatur des Blues verschrieb, war automatisch Teil einer Szene, die gewissermaßen mit der Essenz Amerikas hantierte.

Ganz so bedeutungsschwanger sah es Gibbons sicher nicht, doch der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten – bereits 1972 trat das stimmige Trio im Vorprogramm von Janis Joplin auf. Und bis man die musikalische Chuzpe für einen Longplayer wie Afterburner aufbringen konnte, mussten zehn Jahre verstreichen, die man fast ausschließlich „on the road“ verbrachte. Eine Erfahrung, die Gibbons in seinen eigenen Worten als „mörderisch“ empfand – kompromissloses Touren hat bekanntermaßen selten was mit Glamour und Glanz zu tun. Und als Blues-Rock-Kapelle, die sich Amerikas Highways Anfang der 70er unterwarf, dürfte die „american experience“ denkbar ungefiltert und authentisch abgelaufen sein.

„Wir haben überall gespielt, in jeder gottverdammten Scheune“, so Gibbons in einem SPIEGEL Interview aus dem Jahre 2018. Klar war auch: Einen anderen Weg gab es zunächst nicht, um sich über Wasser zu halten. Es wurde getourt, gespielt, aufgetreten und gelitten – und das mit den Größen der amerikanischen 70er Jahre auf riesigen Bühnen oder eben auf einer 6 x 6 Bühne im Hinterraum einer zugerauchten Spelunke zwischen Billardtischen und Jukeboxen.

Der Afterburner lag noch in weiter Ferne, aber im Zuge dieser Tour-Manie mussten Gibbons und die anderen erkannt haben, dass sie sich allmählich in einen Trademark verwandelten. Was für Gespräche genau stattgefunden haben, ist schwierig nachzuvollziehen, aber irgendwo Anfang der 70er muss jemand in den Reihen der ZZ Top einen gehörigen Geistesblitz gehabt haben. Der authentische Sound, die Spielfreude und die Fähigkeit, das, was die Welt gemeinhin mit Texas assoziierte, glaubhaft verkörpern zu können: Hier schlummerte etwas Großes – es bedurfte lediglich einer Prise Größenwahn und Selbstbewusstsein, das Ganze aufs nächste Level zu hieven. Das Ergebnis? Eine der kommerziell erfolgreichsten Touren der 70er Jahre: Die Worldwide Texas Tour. Ein eigenes Bühnenkonzept, Texas als Kulisse, Klapperschlangen, Kaktusse und Vieh, mit dem man durch die Welt zog. ZZ Top waren eine der ersten Bands, die ihre authentische Identität als Rockband zu kommerzialisieren wussten. Auch in dieser Hinsicht stellen sie einen der wichtigsten Wegbereiter der 70er Jahre dar. Musikalisch blieb man weiter seiner Schiene des Abstract Blues treu – einer gekonnten, leichtfüßigen Synthese aus Rock’n’Roll, Country und Boogie.

Und obwohl man als Trio viel aufeinander saß – die großen Dramen blieben aus. Niemand schlief mit der Frau des anderen oder schwang betrunken um vier Uhr nachts die Fäuste. In einem Interview aus dem Jahre 2006 meinte Gibbons hierzu: „Das Geheimnis sind getrennte Tourbusse. So einfach ist das.“ Trotzdem: Nach sieben Jahren konstanten Tourens lagen die Nerven blank. Man trennte sich (räumlich), weitete die Pause auf zwei Jahre aus. Und als Gibbons aus Europa zurückkam und Hill aus Mexiko, standen sich zwei Männer mit langen Bärten gegenüber, bereit, die nächste Phase von ZZ Top einzuläuten.

ZZ Top Afterburner – eine mutige Kurskorrektur

Wann und wo kam Afterburner nun ins Spiel? Man kann den Charakter der Platte nicht verstehen, wenn man sich nicht die Bedeutung des Vorgängers vergegenwärtigt: Die Eliminator aus dem Jahre 1983 markierte den endgültigen Durchbruch, präsentierte der Welt Gimme all your lovin‘ und verkaufte sich 10 Millionen Mal. Ein unglaublicher Erfolg also, der die Vollblutmusiker Gibbons, Hill und Beard jedoch in eine seichte Sinnkrise stürzte.

Denn klar war: Nie und nimmer würde sich der kommerzielle Erfolg dieses Albums wiederholen lassen. Zehnfaches Platin bedeutete schlichtweg, dass es jetzt riesige Erwartungen gab, an den Sound, den Klang und das Feeling – ein Alptraum für jeden ernstzunehmenden Künstler.

Also taten Gibbons und die anderen zunächst das einzig Richtige: Man nahm sich Zeit. Navigierte sich durch einen Haufen Ideen, die im Laufe der Eliminator Tour und Studio-Sessions liegen geblieben waren, schrieb Riffs, verwarf diese und versuchte mit aller Kraft, die unzähligen kreativen Einbahnstraßen zu vermeiden, die sich überall auftaten.

Die Lösung brachten neue Impulse von Dusty Hill, der verstärkt mit Synthesizern experimentierte. Es zeichnete sich ab, dass man mit den gleichen Instrumenten und Werkzeugen etwas Ähnliches wie die Eliminator hervorbringen würde – so oder so. Also musste die Gitarre für die ZZ Top Afterburner schlichtweg vermehrt aus der Hand gelegt werden – so falsch sich das auch im ersten Moment angefühlt haben musste. Dusty und Bill wandten sich also verstärkt den Synthesizern zu und sorgten mit dieser Entscheidung für gehöriges Kopfschütteln bei der alten Fan-Gemeinde. Bezeichnend geht die Platte auch mit einem maschinellen, kalten Beat los, ehe sie den ZZ Top-typischen Groove aufgreift. Bedauerte Gibbons diesen Kurswechsel? Wahrscheinlich nicht: Der Schritt brachte frischen Wind in eine Band, die jetzt schon über eine Dekade Touring hinter sich hatte und erschloss der Band eine neue Hörerschaft. Und trotzdem: Nie verkamen die synthetischen Stilmittel bei den Liedern der ZZ Top Afterburner zum Selbstzweck, sondern wurden stets dem Songwriting untergeordnet.

Also – war die Afterburner kommerzielles Kalkül oder die einzige richtige Richtung, die ZZ Top nach einem Erfolg wie Eliminator einschlagen konnte? Fakt ist: Beides muss sich nicht ausschließen. Und kreative Sackgassen führen oftmals zu interessanten Kurskorrekturen. Die Reaktion auf die ZZ Top Afterburner war trotzdem mehr als verhalten. Auch wenn das Album mit fünf Millionen verkauften Einheiten ein kommerzieller Erfolg war, warf man der Band unumwunden zu, ihren authentischen, texanischen Charme zu verspielen. Die synthetische Effekthascherei wirkte auf viele unbeholfen, die Sounds bissen sich mit dem rauen Blues-Feeling und vertrugen sich nun mal nicht mit dem Lebensgefühl, das die Band sonst transportierte. Das Nachfolgealbum, Recycler, war auch das letzte in der Diskographie der bärtigen Ikonen, das so ungezügelt mit diesen künstlichen Klangfeldern experimentierte. Mit dem Abschied von Warner Records fand man Anfang der 90er gerade rechtzeitig wieder zum gitarrenbasierten, „bodenständigeren“ Songwriting.

Dreißig Jahre später merkt man: Die ZZ Top Afterburner hat im Laufe der Jahre einen ganz eigenen Kultcharakter entwickelt. Woran liegt das? Die Songs stimmen einfach, denn allen Experimenten zum Trotz: Gibbons und Hill waren und sind begnadete Songwriter. Im Nachhinein betrachtet kann das Album also als ein gelungenes Beispiel für das genommen werden, was passiert, wenn sich eine Band aus einer anderen Ära an den aktuellen Zeitgeist heranwagt und dabei der eigenen Formel treu bleibt. Die Blues-Wurzeln sind nämlich allen Keys zum Trotz mehr als spürbar und der Humor und Charakter der Band ebenfalls – wie man an Titeln wie Wakin‘ up with Wood schon damals gemerkt haben dürfte.

Forum
    • Profilbild
      DANIEL FISCH

      Wie du sicher weisst Bruder, war dasselbe Gemisch schon auf Eliminator, nur dass bei Afterburner die Synths und Drummachines noch mehr in den Vordergrund gepusht wurden. Auf Eliminator waren diese noch dezenter bzw sparsamer eingesetzt worden. Da ich die Eliminator Songs und die trockenere Produktion ein bisschen lieber mag (reine Geschmackssache), landet Afterburner auf Platz 2 in meiner ZZ TopTen :-)

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    Trance-Ference  

    „Sharp Dressed Man“ angemacht und dabei diesen Artikel gelesen…
    Man ZZ Top waren und sind einfach Klasse.
    Ihr Sound ist immernoch stark. Vielen Dank für den schönen Beitrag, auch wenn ich gehofft habe das etwas mehr über die technische Seite der Produktion käme.

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    Grok Ahamay

    Das ist aber doch kein „MakingOf“ sondern ne Biografie… oder hab ich die Absätze zu den bei dem Album eingesetzten Instrumenten überlesen?

  3. Profilbild
    dAS hEIKO  

    Mit den Songs von Eliminator hab ich ZZ Top Anfang der 80er kennengelernt. Mit Ihren Bärten und ihren verrückten Videos sind sie zwischen Thomas Dolby und Rick Springfield nicht großartig als Rocker aufgefallen. Die (da noch) geniale Mischung aus echtem Rock, Synths Bässen und BEards ddrum Sound ging dierekt ins Musikerherz. Was bei Afterburner nochmal ganz gut funktioniert hatte, hat spätestens mit Recycler (bedeutet der Titel schon was?) seinen Bums verloren. Und ZZ Top kümmerten mich nicht mehr sonderlich.
    Mein Aha-Erlebnis hatte ich Ende der 80er, als ich zum ersten Mal Tush und La Grange hörte. Holla die Waldfee: auch geil, aber ganz anders. how could that happen? o_O

    ZZ Top gehört auf jeden Fall in JEDE Playlist. Ob Pop oder Bluesrock.

  4. Profilbild
    Sintetizador

    Ich sehe es ähnlich, wie das Fazit, welches der Artikel zieht. Nach „Eliminator“ waren ZZ Top es den „neuen“ Fans fast schuldig, wieder auf Synthesizer zu setzen. Dennoch bin ich persönlich ein Fan von den eher kernigen und rauen, mit etwas Blues durchsetzten Stücken, wie sie ZZ Top noch in den 1970ern machte. Ein Album von ihnen, was genau diesem Rezept folgte und meines Erachtens zu wenig geschätzt wird, ist zum Beispiel „Tejas“ von 1977. „Arrested for Driving While Blind“ ist eines der Stücke hierauf, welches hervorragenden Bluesrock liefert. Dennoch sei den Jungs ihr Synthesizer-Rock von damals gegönnt. Mag etwas aus der Mode gefallen klingen, aber haut immer noch rein. https://www.rabatt-coupon.com/

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