Workshop: Mikrofonstative auf der Bühne

28. April 2019

Bloß nicht ohne Mikrofonstative!

Mikrofonstative auf der Bühne

Mikrofonstative auf der Bühne – wenn es ein Case, respektive Transporttasche gibt, die von allen Musikern in Sachen Transport gemieden wird wie die Pest, so ist es neben der berüchtigten Drum-Hardware das Transportcase der Mikrofonstative. Es ist groß, es ist schwer und es beinhaltet kein wunderschön aussehendes oder atemberaubend klingendes Instrument, sondern „nur“ eine stattliche Anzahl von metallenen, gefalteten Rohren, die weder bei den involvierten Musikern, noch bei der Groupie Entourage Eindruck schinden wollen. Lediglich Teile der Crew können sich bisweilen für qualitativ hochwertige Mikrofonstative erwärmen, sind sie es doch, die den Beruf des Technikers je nach Ausführung massiv erleichtern oder erschweren.

Diametral hierzu hat sich in den vergangenen Jahren eine Gegenbewegung etabliert, die sich als Ziel gesetzt hat, möglichst viele Mikrofonstative auf der Bühne durch Klammern, Halterungen und freischwebende Hängevorrichtungen zu ersetzen, alles unter dem Aspekt der Platzeinsparung auf der Bühne und der Transportabilität der Produkte. Schauen wir doch mal, ob sich ein solches Unterfangen qualitativ hochwertig umsetzen lässt oder ob nicht vielmehr der Wunsch Vater des Gedankens ist.

Die Funktion der Mikrofonstative auf der Bühne als solches

Um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sollte man zunächst einen Blick auf die Geschichte des Mikrofonstativs auf der Bühne im Live-Betrieb werfen. Das Produkt entstand aus dem Wunsch des Künstlers, sein Instrument einem immer größer werdenden Publikum zugänglich zu machen. Wo eine akustische Gitarre allein noch mit der natürlichen Gesangsstimme begleitet werden konnte, war spätestens mit dem Einsatz des „Schlagwerks“ Feierabend. Dieses System hat sich übrigens bis heute nicht verändert, ein Schlag auf die Snare und man hört von nahezu jedem akustischen Instrument, vielleicht abgesehen von einem Dudelsack, nahezu gar nichts mehr.

Sich dessen bewusst, entwickelte gerade die Saiten- und Tastenfraktion unzählige Verstärkerkonstruktionen, um sich gegen die natürlich überlauten Drums durchzusetzen, was wiederum darin mündete, dass mit zunehmender Leistung nun wiederum die Drums so „leise“ wurden, dass sie nunmehr verstärkt werden mussten. Dies bedeutet, dass selbst bei Clubkonzerten jedes Instrument, das man auf der Bühne sieht, direkt oder indirekt abgenommen werden muss, um das Gesamtpaket über die PA dem Publikum zugänglich zu machen. Die daraus entstehende Problematik mit dem Direktschall von der Bühne lassen wir bei diesem Workshop einmal außer Acht.

Um jedes Instrument an seinem „Sweet Spot“ tonal zu erfassen, entwickelten die Hersteller von Mikrofonstativen im Abgleich mit den Mikrofonherstellern verschiedene Versionen, zumeist Galgen, die je nach primären Abnahmeeinsatz in der Größe und vor allem im Gewicht variierten. Eigentlich einleuchtend, aber für den gesamten Workshop von großer Wertigkeit, wer ein Mikrofon über einen großen Hebel, wie z. B. bei einer Overhead-Abnahme einsetzten will, braucht entweder ein entsprechendes Gegengewicht, ein vergleichsweise hohes Eigengewicht des Stativs oder aber eine Verschraubung an einem entsprechenden Rack o. ä. Und hier beginnt die eigentliche Geschichte …

Mikrofonstative auf der Bühne: Gibt es Alternativen?

Ja, zumindest wenn es nach der Meinung einiger Kollegen geht, die Mikrofonstative als eine Art Feind auf der Bühne ausgemacht haben. Einige Detaillösungen hinterlassen einen ordentlichen Eindruck, andere hingegen erweisen sich als komplett an der Realität vorbei gedacht. Um es noch einmal kurz zu erwähnen, die Aufgabe eines Mikrofonstativs ist es, in Zusammenarbeit mit dem Mikrofon, je nach Richtcharakteristik den optimalen Abnahmepunkt sicher und fest über die Zeit des Auftritts möglichst ohne eigene Störfrequenzen zu garantieren.

Als Gegenpol zu einem Mikrofonstativ stehen z. Zt. vor allem verschiedene Klammerlösungen hoch im Kurs, die räumlich je nach Einsatzgebiet durchaus Vorteile bieten, allerdings zumeist mit dem Makel der mangelnden Flexibilität einhergehen. Schauen wir uns die verschiedenen Instrumentengattungen doch einmal im Detail an.

Die Mikrofonierung von Lautsprecherboxen

Um es direkt vorneweg zu sagen, der gerne bemühte Spruch „Kauf dir einen Kemper“ wollen wir hier einfach einmal außen vor lassen. Ja, das Profiling-System erzeugt einen zuweilen guten Ton, aber wer sich in die Situation eines traditionellen Gitarristen begeben möchte, stellt einem Drummer mit dem Verweis auf Lautstärke und Sounds mal ein E-Drumset hin und hört sich dann seine Schimpftiraden an. Zwar findet man gerade im Heavy-Bereich bei 90 % meiner Kollegen mittlerweile einen Modeling/Sampling-Amp auf Festivalbühnen, wovon 99 % davon mit Kemper oder Axe FX arbeiten, was aber primär dem hohen Zeitdruck, hohen Transport-/Anreisekosten und der ausufernden Logistik eines Festivals geschuldet ist. Lassen wir also jegliche „Direkt-ins-Pult“ Variante außen vor.

Wie die meisten wissen, ist die Mikrofonierung eines Gitarrenlautsprechers eine extrem komplexe Sache. Schon eine Verschiebung von 5 mm verändert den Klang massiv, von daher ist eine punktgenaue Mikrofonierung für den amtlichen Sound unerlässlich. Der Klassiker eines kurzen Galgens nebst SM57 o. ä. bietet hier einige Vor- und Nachteile. Die großen Vorteile sind neben der resonanten Entkopplung vom Gehäuse die passgenaue Platzierung vor dem Sweet-Spot des Lautsprechers.

Der große Nachteil ist das zuweilen tumbe Verhalten der Personen, die sich befugt oder unbefugt während der Show auf der Bühne aufhalten und mit einem kleinen Stoß gegen das Stativ oder einfädeln im Mikrofonkabel den Sweet-Spot zunichte machen. Auch nicht fest gezogene Galgen entwickeln aufgrund des Drehmoments gerne einmal ein Eigenleben und platzieren ihre Kapsel im Laufe gen Himmel, was dem FOH nicht den Hauch einer Chance bietet, einen akzeptablen Sound zu produzieren.

Mikrofonstative auf der Bühne

Das K&M Stativ Modell 25993 im Einsatz

Hier können Mikrofonklemmen wie zu Beispiel diese hier Abhilfe schaffen, allerdings muss man je nach Cabinetgröße und Lautsprecherplatzierung mit klanglichen Einbußen rechnen, zumal auch hier der Schwanenhals bei nicht korrekter Justierung gerne mal auf Wanderschaft geht. Außerdem wird je nach Lautstärke und Frequenzanteil durch den Kontakt zum Gehäuse auch die Resonanz des Cabinets mit übertragen. Die einzige mir bisher vorliegende Lösung, die die Problematik beider Systeme auf ein Minimum reduziert, ist das neue Stativ von K&M , das sich mit dem neuen Fuß unter das Cabinet schieben lässt und somit maximale Stabilität bei minimalen Abmessungen bietet. Gleiches gilt übrigens auch für eine Bassdrum.

Mikrofonstative auf der Bühne

Der Fuß des K&M Stativs Modell 25993

Die z. T. vorgeschlagene Lösung mit „Mikrofon-am-Kabel-von-oben-über-Lautsprecher-auf-Bespannstoff-aufliegen“ lassen wir mal ganz außen vor, da sie in Sachen Platzierung, Flexibilität und Nebengeräuschverhalten die schlechteste Lösung darstellt und ohnehin nur mit einigen wenigen Mikrofonen wie der E-Serie von Sennheiser funktioniert. Die von einigen Kollegen beschriebene Verwendung eines SM57 in dieser Position sollte meines Erachtens nie die Lokalität eines Jugendzentrums nebst entsprechend krachender Nachwuchscombo verlassen. Hände weg von solchen Hirngespinsten!

Die Mikrofonierung des Schlagzeugs

Kaum ein Instrument hat eine dermaßen große Metamorphose in Sachen Mikrofonierung in den vergangenen Jahren erlebt wir das Schlagzeug. Viele Sachen kann man verstehen, einige nur im Kontext. Ein umfangreiches Doublebass-Drumset verlangt bei maximaler Klangqualität nach einer extrem aufwändigen Mikrofonierung, wie die beigefügten Bilder eindrücklich zeigen. DIES ist der optimale Ansatz und es geht live letztendlich nur darum, wie weit man sich von dem Maximum entfernt.

Mikrofonstative auf der Bühne

Die optimale Mikrofonierung von Drums primär über Mikrofonstative

Insbesondere im Tom-Bereich haben sich selbst im Studio Klemmvarianten durchgesetzt. Schafft man es jetzt noch, die Klemmen nicht am Spannreifen, sondern an der Tomhalterung zu befestigen, gehen die Resonanzprobleme fast gegen null. Gleiches gilt auch für die Snare, wobei wir den Klang der jeweiligen Mikrofone einmal außen vor lassen wollen. Inwieweit einem die Kapseln der für die Klemmvorrichtungen optimierten Mikrofone im Vergleich zu den Klassikern von z. B. Shure gefallen, muss jeder selbst wissen.

Mikrofonstative auf der Bühne

Verkabelung Drums nebst Mikrofonstative

Im Kickbereich gehen die Probleme bzgl. von Klemmvorrichtungen bereits los. Losgelöst von der Resonanzproblematik gibt es des Öfteren Probleme, das Mikrofon tief genug in die Kick für einen entsprechenden Attack hinein zu bekommen. Auch hier würde ich das o. g. K&M Stativ empfehlen, welches sogar primär für den Bassdrum-Einsatz konzipiert wurde.

Beliebt ist auch die ewige Diskussion bzgl. der Overheads, was live immer eine Kompromisslösung darstellt, sofern man nicht jedes Becken einzeln abnehmen möchte. Übersprechung, ja, Abnahme von unten, nein. Auch wenn sich hier Stative einsparen lassen, ein Becken von unten klingt einfach völlig anders als von oben. Es fehlen Obertöne, der Klang ist gepresster. Ob jemandem dieser Klang gefällt, mag dahin gestellt sein, aber einen Gitarrenlautsprecher nehmen wohl auch nur die Wenigsten von hinten ab, was bei einem Combo durchaus möglich wäre und man auch ein entsprechendes Signal erhält.

Eine interessante Detaillösung in Sachen Overhead Abnahme per Mikrofonstative konnte ich bei meiner letzten Europatournee mit GRAVE DIGGER fest stellen. Unser FOH Peter De Wint nahm seine eigenen Mikrofone mit auf Tour und verwendete für den Overhead-Bereich Mikrofone der Firma „12 Gauge Microfones“, die ihre Mikrophone aus leeren Patronenhülsen fertigen. Er platzierte die winzigen Kapseln jeweils links und rechts des Drumsets sehr nahe auf Höhe der Crash-Becken und lies diese im rechten Winkel nach hinten Richtung Backdrop zeigen.

Fazit

Es gibt gute Gründe, warum Mikrofonstative nach wie vor das Nonplusultra in Sachen Mikrofonierung darstellen und es gibt ebenfalls gute Gründe, warum man gerade im Live-Betrieb versucht, möglichst viele Alternativen zu entwickeln. Abhängig vom finanziellen und Event-basierten Spielraum muss jeder für sich selber entscheiden, inwieweit er sich vom maximalen Klangerlebnis entfernen kann. Was der Musikfan im Publikum davon mitbekommt, steht noch mal auf einem ganz anderen Blatt.

Forum
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    dAS hEIKO  

    Ein Applaus an Axel, auch einmal die Randgruppen im Musikalienzubehör gebührend zu erwähnen. Machen sie doch so vielen so viel einfacher.

    Und ganz nebenbei: Stellt euch das Freddy Mercury Denkmal am Genfer See mal ohne (halben) Mikrofonständer vor – geht nämlich gar nicht.

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