Test: Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove, E-Gitarre

4. April 2019

Die Chapman ML1 wird zahmer

Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove

Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove E-Gitarre

Gitarren von Rob Chapman hatten wir schon öfter, na klar. Der Engländer arbeitet weiter fleißig an seinem mittlerweile riesigen Gitarren-Lineup und richtet dabei den Fokus nach wie vor auf den Hard ’n‘ Heavy Bereich. Dazu gehören selbstverständlich Humbucker-Pickups mit ordentlich Power auf die Klampfe, zum Teil sogar in aktiven Varianten. Die Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove scheint dagegen eine Ausnahme zu sein, hat sie doch die für diese Stilistik so untypische Singlecoils an Bord – und davon sogar drei! Kein Doppelspuler in Sicht, kann das trotzdem gut gehen? Oder möchte Rob Chapman etwa neue Märkte erschließen? Machen wir den Test!

ML1 Pro Traditional White Dove – Facts & Features

Schneeweiß ist sie, die ML1 Pro Traditional White Dove E-Gitarre! Der Sumpfeschenkorpus wurde jedoch nicht decken oder etwa in Hochglanzoptik lackiert, die sauber aufgetragene weiße Hülle ist nur ganz dünn und lässt so den Korpus frei atmen bzw. schwingen. Somit ist die Struktur des Holzes zu erkennen und auch zu fühlen, was der Sache einen kleinen Touch von „custom made“ verpasst. Das Design des Bodys basiert auf der ML1 Pro Serie des Herstellers, die ja schon etwas länger auf dem Markt ist. Entsprechend erwartet uns ein an allen Ecken und Enden bearbeiteter Korpus, kaum etwas wurde nicht bearbeitet: Das fängt an mit der konturierten Decke, geht über die beliebte „Bierbauchfräsung“ und den ergonomischen Hals-Korpus-Übergang auf der Rückseite bis zu den Cutaways, von denen das untere der Greifhand eine Bespielbarkeit bis zum letzten Bund ohne Mühe ermöglicht.

Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove

Ergonomisch von oben bis unten

Das i-Tüpfelchen an diesem meiner Meinung nach gelungenem Design dieser E-Gitarre sind die beiden Abdeckplatten für die Elektronik und das Vibratofach, die versenkt eingesetzt wurden und somit nicht an der Gürtelschnalle schaben. An den Rändern der Decke wurde über eine Breite von ca. 1 cm keine weiße Farbe aufgetragen, das ergibt ein schönes und dezentes Binding in Echtholzoptik, das erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist.

Der Hals wurde bombenfest und ohne Spaltmaße in der Halstasche verankert bzw. eingeschraubt. Er besteht aus einem Stück Ahorn, allerdings mit einem separat aufgeleimten Ahorngriffbrett. Die Qualität der Bundierung kann man als OK bezeichnen, hier und da piekst es zwar an den Kanten ein wenig, insgesamt betrachtet ist der „Fret Job“ aber gut gelungen. Für die Orientierung auf dem Griffbrett gibt es rein gar nichts: keine Punkte, Embleme oder Perlmuttgeglitzer in irgendeiner Form. Lediglich in der Oktavlage hat sich das für Chapman Guitars charakteristische Infinity-Logo breitgemacht. Doch keine Sorge, an den Rändern des Griffbretts befinden sich dann doch noch Dots – und die glühen sogar im Dunkeln.

Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove infinity

Inifinity-Logo in der Oktavlage

Die Hardware

Die Zutaten lesen sich gut auf dem Papier bzw. in den Specs zur Gitarre. Ein Chapman-eigenes Vibrato, ein Satz Hipshot Klemmmechaniken sowie zwei String-Trees für die E- und die A-Saite sollen die Basis für ein gut funktionierendes und zugleich verstimmungsfreies Spielen ermöglichen. Das mit dem gut funktionieren kommt hin, der Vibratoblock sitzt wunderbar weich und frei schwebend auf zwei Bolzen verankert, zudem erlaubt der nur eingesteckte Vibratohebel durch seine Leichtgängigkeit einen sinnvollen Einsatz in der Praxis. Was in der Theorie stimmig klingt, ist in der Praxis allerdings eher Wunschdenken, denn die ML1 Pro Traditional White Dove zeigt sich sehr zickig in Sachen Stimmung halten und auch beim Stimmen selbst gab es während der Testdauer mal mehr und mal weniger Probleme. Die offenen Hipshot-Mechaniken besitzen unangenehm viel Spiel und machen das Stimmen zum Geduldspiel, leider muss man sie jedoch des Öfteren benutzen, denn nach dem Einsetzen des Vibratohebels kommt die Stimmung in den allerseltensten Fällen zu dem Punkt zurück, wo sie vor dem Einsatz des „Jammerhakens“ zu finden war. Jammerschade, da gibt es selbst in dieser Preisklasse schon E-Gitarren von Mitbewerbern, die das deutlich besser machen. Ich denke, dass ohne die beiden String-Trees das Ergebnis besser wäre, die sind jedoch nötig, um die Saiten auf ein niedriges Niveau zu drücken und sauber zu den Mechaniken zu führen.

Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove headstock

Reversed Headstock an der Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove

Pluspunkte fährt die Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove E-Gitarre hingegen bei der übrigen Hardware ein. Die beiden Potis für Lautstärke und Ton laufen nicht nur butterweich und ohne Spiel auf ihren Achsen, sie besitzen zudem griffige Metallknöpfe, die stets gut zu erreichen und zu bedienen sind. Ein ähnlich positives Bild hinterlässt der Schalter, der in seinen fünf Positionen sauber einrastet und die drei Singlecoils ansteuert. Und damit sind wir auch schon bei den Pickups und der Elektrik angelangt!

ML1 Pro Traditional White Dove – die Elektronik

Die drei direkt in die Decke eingeschraubten Einspuler mit Alnico 5 Magneten stammen aus hauseigener Fertigung von Chapman und tragen die ein wenig mystisch klingende Bezeichnung „Venus Witch Singlecoils“. Der Fünfwegeschalter erlaubt keine besonderen Kombinationen der Tonabnehmer, hier bekommt man die Möglichkeiten, die man erwartet: Hals-Pickup, Hals-Pickup und mittlerer Pickup in Kombination, mittlerer Singlecoil allein, mittlerer SC mit dem Steg-Pickup zusammen und schließlich der Steg-Pickup im Alleinbetrieb. Der Strat-Fan kennt diese Kombination ganz genau. Apropos Strat: Der Tonabnehmer am Steg wurde, wie bei der guten alten Strat, leicht schräg eingebaut. Das soll die Bässe etwas wärmer und die Höhen noch durchsetzungsfähiger machen.

Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove Pickups

In der Praxis!

Die drei Singlecoils verpassen der Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove selbstverständlich einen komplett anderen Sound, als die übrigen Modelle der ML-Baureihe mit ihren in aller Regel hochpotenten Humbuckern es tun. Obwohl man auch sagen muss, dass die hier verbauten „Venus Witch Pickups“ auch gar nicht so wirklich nach den typischen Einspulern klingen, wie man sie üblicherweise kennt. Irgendetwas zwischen Humbucker- und Singlecoilsound ist es, was nach Anschließen der E-Gitarre an den Verstärker ertönt. Auf jeden Fall aber eher zum klassischen Rock ’n‘ Roll als zum reinen Metal tendierend und erstaunlich cool in Sachen Nebengeräusche – von daher haben Rob Chapman und sein Team an dieser Stelle offensichtlich alles richtig gemacht!

Wirklich schade ist die Sache mit der Werkseinstellung, unsere Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove ist sicher ein Anwärter auf den Spitzenplatz der miesesten Saitenlagen aller Zeiten: Bei knapp 5 mm in der Oktavlage hört der Spaß schnell auf bzw. beginnt erst gar nicht. Zum Glück aber lässt sich das Problem durch den auf nur zwei Bolzen sitzenden Vibratoblock recht schnell korrigieren. Trotzdem: Das muss das bei einer Gitarre für fast 1000,- Euro nicht sein. Nach dieser Korrektur lässt sich die E-Gitarre dank des flachen Halsradius und der satinierten Halsrückseite recht gut bespielen.

Nichts zu holen gibt es jedoch beim Problem mit dem Halten der Stimmung, schon kleine Bewegungen des Hebels wirken sich fatal auf die Stimmung der E-Gitarre aus. Ebenso schade, denn eigentlich arbeitet das System weich und nuanciert. Aber was nutzt es … Hauptproblem scheinen hier, wie bereits erwähnt, die String Trees zu sein, deren Rollenmechanismus nicht ausreichend geschmeidig zu funktionieren scheint. Mag sein, dass sich das Problem im Laufe der Zeit ändert, wenn das System, und dazu gehören auch die Sattelkerben, entsprechend „eingelaufen“ ist. Im Neuzustand kann bzw. muss man von der Benutzung des Hebels aber nur abraten, vielleicht kränkelt auch nur unser Testinstrument unter diesem Phänomen, beim persönlichen Antesten wird man aber sehr schnell rausfinden, ob dieses Problem auch in Serie auftritt – was ich leider befürchte.

Die Klangbeispiele

Hören wir rein in den Sound der Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove E-Gitarre, für die Klangbeispiele habe ich das Instrument wie immer in meinen Referenz-Amp Orange Micro Dark eingestöpselt. Der war verbunden mit einer 1×12″ Celestion V30 Box, ehe das Signal in Logic aufgenommen wurde. Effekte wurden keine benutzt, lediglich die Pegel wurden in Logic mit einem sanften Limiter in ihren Spitzen angepasst.

Zunächst zwei Cleansounds, im ersten Track eingespielt mit dem Singlecoil in Halsposition, in Beispiel Nummer 2 mit der Kombination Hals- und mittlerer SC.

Rüber zu den Overdrive-Sounds der Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove E-Gitarre. Zunächst ein Beispiel für das Zusammenspiel des mittleren und des Steg-Singlecoils.

Abschließend die beiden Pickups an Steg und Hals, beide mit hoher Zerrung, gleichbleibend guter Dynamik und erfreulich wenig Nebengeräuschen.

Fazit

Im Grunde ist die Chapman Guitars ML1 Pro Traditional White Dove eine grundsolide E-Gitarre mit einem interessanten Klang, einer guten Bespielbarkeit und einer schönen Optik. Der Haken an der Sache ist leider, wie so oft bei Instrumenten in dieser Preisklasse, das Vibratosystem, das jeglichen Spielspaß schon nach kurzer Zeit im Keim erstickt. Bleibt zu hoffen, dass dieses Problem nur unser Testinstrument betrifft. Einzig und allein dieser Fakt treibt die Wertung bedeutend nach unten, sodass die weiße Taube leider nicht mehr als ein „Befriedigend“ erreichen kann.

Plus

  • gute Verarbeitung
  • gute Bespielbarkeit (nach Korrektur der Werkseinstellung)
  • interessanter und charaktervoller Sound
  • Leichtgewicht

Minus

  • massive Stimmprobleme
  • Werkseinstellung

Preis

  • Ladenpreis: 899,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Sebastian B-L.

    Danke für den informativen Test. Zur Stimmstabilität hatte ich aber doch eine Frage: Kann man am Stringtree was machen (Siliconfett?)? Oder Graphit?

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Ich befürchte nein … das Problem ist u.a. auch die stark zurückgesetzte Kopfplatte, die die String Trees unumgänglich macht, da herrscht schon eine enorme Spannung drauf. Ich will aber nicht ausschließen, dass ein Fachmann hier Verbesserungen bewirken kann. Trotzdem ist das Serienmodell in diesem Punkt so kaum nutzbar.

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