Test: Erica Synths Drum Sequencer, Sequencer

7. September 2018

Geniales Schlagzeug-Gehirn

erica synths drum sequencer

„Lettland liegt an der Ostsee zwischen Litauen und Estland. Seine Landschaft zeichnet sich durch breite Strände sowie gewaltige, dichte Wälder aus. Hauptstadt des Landes ist Riga mit bedeutenden Gebäuden aus Holz und aus der Zeit des Jugendstils, einem großen Zentralmarkt und einer mittelalterlichen Altstadt mit der Petrikirche.“ Soweit reicht die charmante Kurzbeschreibung. Sie zeichnet ein Bild des ländlichen Idylls und einer Kulisse aus alter Zeit – doch das trügt. Ein grollender Rhythmus aus der Ferne kündigt die Ankunft von etwas anderem an. Pulsierende Drums und grummelnde Synthesizerbässe schütteln Haus und Hof weit über die Landesgrenze hinaus wach und das alles dank den schwarzgewandeten Modulen des Herstellers „Erica Synths“. Schon längere Zeit exportieren die Letten ihre Module kräftig und die hohe Nachfrage bestätigt sie in ihrem Handwerk. Auf der diesjährigen Superbooth warteten sie mit einem kompletten System aus verschiedensten Drummodulen auf und ließen es ordentlich krachen. Das Gehirn dieses Systems, der Erica Synth Drum Sequencer, ist nun den Mittelpunkt dieses Testberichts.

Das Drumgehirn aka Erica Synths Drum Sequencer

Der Erica Synths Drum Sequencer ist nicht nur pragmatisch benannt sondern auch konzeptioniert worden: Als klassischer XOX-Sequencer verfügt er über ganze 16 Trigger- und 12 Accent-Ausgänge, einer Hand voll Modulationsquellen und überaus schöne, große Taster. Bedingung für diesen Luxus ist natürlich eine Menge Rack-Space: Mit stattlichen 42 TE nimmt der Drum Sequencer deshalb auch ordentlich Platz im System ein. Ergonomisch gesehen ist das Layout des Geräts gut gelungen. Vorallem die Taster machen nicht nur optisch etwas her, sie können auch mit ihrer Haptik punkten.

Klasse Taster!

Die Verarbeitungsqualität des gesamten Moduls ist durchweg sehr gut. Hier wackelt nichts, das Bediengefühl ist hervorragend. Hauptschnittstelle sind zwei gestufte Endlos-Encoder, mit denen durch die Menüeinstellungen navigiert wird. Für den schnellen Zugriff auf die Menüebenen dienen die 12 Taster in der Mitte des Moduls. Es stehen 8 Bänke zur Speicherung von je 16 Patterns zur Verfügung. In einem Pattern gibt es wiederum 16 Spuren für die Trigger-Ausgänge 1-16 plus eine Spur für den CV-Out-Kanal. Letzerer kann reguläre Steuerspannungen nach V/Oct-Prinzip ausgeben. Das dazugehörige Gate-Signal wird außerdem noch einmal an einem separaten Gate-Output ausgegeben. Um trotz der auf 16 Spuren limitierten Pattern-Obergrenze an die Accent-Ausgänge zu kommen, werden die Accents kurzerhand auch in der ihrerseits numerierten Spur ausgeben.

Der Erica Synths Drum Sequencer kann mit interner Clock arbeiten, nimmt aber auch Clock-Signale von externen Geräten wahlweise über Clock-In oder MIDI-In auf. Nachdem nun die Rahmenbedingungen erklärt sind, möchte ich auf die einzelnen Ausgabekanäle und ihre Bedienung eingehen.

Pattern kreieren mit dem Erica Synths Drum Sequencer

Anfangen werde ich mit dem normalen Pattern-Mode, in dem der Löwenanteil der Arbeit am Modul stattfindet. Default-Setting beim ersten Einschalten des Moduls ist Bank A und Pattern 1. Das noch leere Pattern will gefüllt werden und das vollzieht sich über das Gedrückthalten des „Trig Select“-Tasters und anwählen einer der großen Sequencer-Taster.

Track-Auswahl

Korrespondierend damit ändert sich die Bildschirmanzeige und bildet die Parameter „BAR“, „len“, „scl“ und „trig“ ab. Auswählbar mit den beiden Encodern unterhalb des Bildschirms können hier die Position im Takt („Bars“), die Länge („Length“) und die Zählzeit („Scale“) pro Einzelspur editiert werden. Der „Trig“-Parameter gibt über die aktuell angewählte Spur Auskunft und kann auch zum Wechsel zwischen eben diesen verwendet werden. Die maximale Länge pro Spur sind 64 Steps.

Unter Scale stehen einem Teiler oder Multiplikatoren der Zählzeit von 1/4 bis 1/32 zur Auswahl, wobei es auch eine triolische Variante von 1/8 und 1/16 gibt. Über die Trig-Select-Ansicht erhält man auch Zugang zu den Accent-Out-Spuren und zwar mit der Tastenkombination „Shift“ + „Trig-Select“. Ist man im Accent-Modus, erscheint ein kleines „+“ vor dem angewählten Kanal und die gesetzten Steps können durch wiederholtes Klicken zum Accent gewandelt werden. Das wiederum ist gekennzeichnet durch ein abgedunkeltes Leuchten bei allen Nicht-Accent-Steps. Nach diesem Verfahren werden also die 16 Spuren gefüllt und mit individuellen Längen versehen.

Ereignissreiche Sequenzen beim Erica Synths Drum Sequencer

Um aber mehr Variationen in ein Pattern zu bringen, führt uns der Weg auf die nächste Menüseite, die „Step-Events“-Seite. Zu der gelangt man über den Druck auf einen Step unter runtergedrückter Shift-Taste. Wieder ändert sich die Bildschirmanzeige und zeigt folgende Parameter an: Ganz links wiederholt sich der „Bar“-Parameter, der zur Orientierung dient, gefolgt von „utm“, „pro“ und „RTRG“. Ersteres soll kein „u“ sondern ein „ µ“ darstellen und steht für das Micro-Timing. Der Effekt von diesem Parameter dürfte selbsterklärend sein.

Etwas weniger bekannt ist da vielleicht schon der „Probability“-Parameter, mit dem der angewählte Step nur unter bestimmten Bedingungen gespielt wird. Zu diesen Bedingungen zählen Ratio-Einstellungen, wie etwa 1:4. Das bedeutet, dass dieser Step nur einmal in vier Durchläufen angespielt wird. Dann gibt es noch die Möglichkeit, dass der Step mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, wie etwa 25% ausgegeben wird. Zu guter Letzt erlaubt die „Retrig“-Funktion ein anpassbares erneutes Anschlagen des Steps. Dieser Parameter reicht von 1:24 bis zu satten 1/128 und ermöglicht extrem schnelle Salven von Steps.

Step-Events

Soweit – so gut, die beschriebenen Funktionen bilden einen sinnvollen Zusatz zum Grundgerüst des Erica Synths Drum Sequencers. Einen Wermutstropfen gibt es für mich aber doch: Die Entscheidung, keine fließenden Werte für diese Parameter bereitzustellen. Beim Einstellen der Probability gibt es eine feste Anzahl an Optionen und die dazwischenliegenden sind nicht anwählbar. Hier hätte ich mir mehr gewünscht als 1:2-8, 2:3, 3:4 und 7:8 oder den prozentualen Chancen 10%, 25%, 50%, 75% und 90%. Viel sinnvoller wäre doch, die einfache Option aus x:x beliebig wählen zu können und von 0-100% zu arbeiten, wie es zum Beispiel bei den neueren Elektron-Geräten der Fall ist. Auch beim Retrig verstehe ich die Begrenzung nicht ganz, bei dem ich mich öfter nach langsamen Werten wie etwa 1:8 gesehnt habe. Hier bleibt die Hoffnung auf ein zukünftiges Firmware-Update, mit dem die Parameter-Palette hoffentlich erweitert werden wird.

Melodien entwickeln mit dem Erica Synths Drum Sequencer

Als Variante einer gewöhnlichen Spur im Pattern gelten alle obengenannten Dinge auch für den CV/Gate-Track. Er kann entweder mittels durchfahren des Trig-Parameters oder mit der Tastenkombination Trig Select + Encoder 2 erreicht werden. Zusätzlich zum Step-Event gibt es noch weitere Funktionen, die über Drücken des Encoders 1 sichtbar gemacht werden. Bei diesen handelt es sich um „nte“ („Note“), „oct“ („Octave“) und „leng“ („Length“). Die Namen sind hier Programm und auch selbsterklärend. Pro Step können also Tonhöhe und Gate-Länge editiert werden. Obendrauf hat Erica Synths noch eine Track-Scale für die ausgegebenen CV-Noten gegeben, die mit gängigen Modellen wie „Chromatic“, „Major“, „Minor“ und auch exotischeren wie „Phrygian“ oder „Mixolydian“ aufwartet. Ist auf diese Weise ein gewünschtes Pattern erstellt worden, sollte man nicht vergessen, das Ganze mit Druck auf den „Record“-Taster zu speichern. Jetzt dürfte schon ein ordentlicher Groove laufen, doch was, wenn man trotz Probability und individuellen Track-Längen noch immer nach mehr Variation sucht?

CV-Kanal

Bewegung hineinbringen

Dann wird eben zu den LFO-Ausgängen gegriffen, die durch die Tastenkombination von Trig Select + Encoder 1 aufgerufen werden. Beide LFO-Ausgänge sind identisch und bieten als Schwingungsformen Sine-, Triangle,- Sawtooth- und Squarewave sowie eine Sample&Hold-Funktion an. Die Frequenz kann entweder frei oder zum Takt synchron laufen und die Stärke des ausgegebenen Signals kann über den „amp“-Parameter reguliert werden. Durchaus eine wertvolle Erweiterung geht es mir hier auch etwas spartanisch zu: Wie schon vorher können die Einstellungen nur in einem begrenzten Bereich verändert werden, was einem als Nutzer und schließlich das Potential des Geräts schnell einschränkt. Fast schon kriminell, dass man bei der Frequenz der LFOs auf ganze 6 Werte festgenagelt wird: 1/2, 1/4, 1/8, 1/8 triolisch, 1/16 und 1/16 triolisch. Dabei bieten sich doch eben die ungeraden Teiler wie 1/3 prima zum Aufpeppen eines starren 4/4 Grooves an. Auch an dieser Stelle hoffe ich auch ein Update. Bis dahin sieht die LFO-Sektion noch zu mager aus und bleibt meiner Meinung nach weit unter dem bisherigen Niveau des Geräts

LFO-Page

Performatives Spiel mit dem Erica Synths Drum Sequencer

Sollte man jetzt soweit sein und mehrere Patterns erstellt und abgespeichert haben, kann der Erica Synths Drum Sequencer sehr schnell auch im Live-Betrieb verwendet werden. Die großen Taster sind wie gemacht für Live-Recording von Sequenzen und der großzügige Platz des Moduls wirkt sehr einladend. Über Druck auf den Record-Taster wird die Live-Aufnahme gestartet und im MPC-Stil eingespielt, wobei neben dem Standard-Mode auch der sogenannte Fill-Mode existiert. Dieser funktioniert wie ein Beat-Repeater und kann ebenfalls aufgenommen werden. Mit Multiplikationsoptionen von 1/16 bis 1/128 kann ordentlich aufgefahren werden und das Spiel macht damit unheimlichen Spaß. Unter die Rubrik Live-Perfomance-Tool zähle ich auch noch den Mute-Mode. Der liefert genau das, was man sich von einem Mute so erwartet und ermöglicht das Stummschalten einzelner Tracks oder „Soloing“. Einfach und effektiv – für mich ein absolutes Muss.

Hier muss ich auch einen weiteren Modus erwähnen: Die „Direction“. Das Modul ist nämlich dazu in der Lage, die Laufrichtung eines Patterns auf folgende Weise zu ändern: Standardmäßig im „Forward“-Mode kann das Pattern wahlweise auch rückwärts („Backward“), abwechselnd vor- und rückwarts („Ping-Pong“) oder zufällig („Random“) abgespielt werden. Auch hier ist der einfache Zugriff und die effektive Implementierung ein echter Knaller. Gerade wenn man über die Ausgänge auch mal etwas anderes als typische Drum-Module ansteuert, kommen teils sehr spannende Variationen dabei heraus.

Kabelsalat

Für den Live-Einsatz ein echter Bringer tritt der Erica Synths Drum Sequencer bei Arrangement-Möglichkeiten sehr kurz. Zwar können die Patterns einer Bank in Form vom „Pattern-Linking“ miteinander verkettet werden, aber weder die Abspielrichtung noch Wiederholung sind einstellbar. Wer also von komplexen Arrangements träumt, der wird im Voraus gut planen müssen. Das verketten der Patterns funktioniert nämlich auch nur „der Reihe nach“, sprich wer von Pattern 1 zu Pattern 4 will, muss erst durch 2 und 3 hindurch. Auch hier verbleibe ich in Hoffnung auf ein Firmware-Update.

Fazit

Der Erica Synths Drum Sequencer ist ein hervorragend verarbeitetes Produkt, das mit seiner aufgeräumten Oberfläche eine intuitive Bedienung ermöglicht und effizient arbeitet. Mit einer derart großen Anzahl an Gate-Outs, dem CV- und den zwei LFO-Outs kann es locker ein ganzes Battalion an Modulen kommandieren. Leider wird der Glanz getrübt von der bisher unreif wirkenden Firmware. Insgesamt kann ich hier den Eindruck eines verfrüht auf den Markt gebrachten Produktes nicht abschütteln. Eine Anleitung voller Schreibfehler und die extrem verbuggten früheren Firmwares sowie einige Unstimmigkeiten bei der aktuellen Version (wie etwas schwankende LFOs beim Patternwechsel) kann ich nicht unbeachtet lassen. Zwar gibt es Bemühungen, über ein gewisses Synthesizer-Forum mit der User-Base zusammen an den Bugs zu arbeiten, doch bisher scheint mir die Diskrepanz zwischen Soft- und Hardware zu groß. Ich werde definitiv die Augen offen halten und abwarten, ob und wann das Modul seinem Äußeren gerecht werden wird.

Plus

  • exzellente Verarbeitung
  • viele Trigger-Ausgänge
  • intuitive Bedienung

Minus

  • begrenzte Parameterwerte
  • kein Arrangement-Mode

Preis

  • Ladenpreis: 715,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    syntics  

    Optisch erinnert das Gerät an ein 70er-Jahre Terminal. Das Display ist auch nicht eben eronomisch. Und dann ein Preis von über 700 Euro? Mal sehen, wie das am Markt ankommt…

  2. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Sehr gut finde ich, dass es einen CV/Gate-Track (für Bass-Lines etc.) gibt. Dagegen gefallen mir die oben angebrachten Patch-Buchsen nicht so sehr, da so das Panel durch Kabel verdeckt werden kann. Die großen Taster erfordern natürlich ihren Platz, dass z.B. das neue Drum Modul von Endorphin.es Blck_Noir nicht mehr in ein 84HP-Case hinein passen würde. Allerdings wäre Platz für 14 Erica Synths Pico Drum Module…

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