Test: Fender Vintera 70s Tele Deluxe, E-Gitarre

11. Februar 2020

Vintera-Tele mit reichlich Dampf im Kessel!

Fender Vintera 70s Tele Deluxe E-Gitarre

Fender Vintera 70s Tele Deluxe E-Gitarre

Obwohl die Firma Fender alles andere tut als ihre Zugpferde zu vergessen und daher immer wieder an ihren Instrumenten bzw. innerhalb ganzer Serien Verbesserungen bzw. Änderungen vornimmt, bleibt wohl dennoch immer genug Zeit für Neuentwicklungen übrig. Die Vintera-Serie ist so etwas Neues: Basierend auf den Instrumenten der 50er, 60er und 70er Jahre entstehen zwar keine vollkommen neuen Gitarren und Bässe, allerdings wird hier mit anderen Zutaten gekocht, die zum Teil völlig neue (klangliche) Ergebnisse hervorbringen.

Viele von uns kennen die Telecaster schon lange – ein einfaches Brett mit zwei Singlecoils, einem Ahornhals und natürlich mit dem berühmten „Twäng“. Das mit dem Ahornhals ist auch bei der Fender Vintera 70s Tele Deluxe so, vollkommen anders zeigt sich jedoch die Elektronik mit den zwei neu entwickelten Fender Revoiced Wide Range Humbuckern, was unmittelbar den Gedanken aufkommen lässt, dass hier weit mehr als Country & Blues und andere Cleansounds möglich sind. Was genau drinsteckt, werden wir uns jetzt mal genauer anschauen!

Fender Vintera 70s Tele Deluxe Front

Fender Vintera 70s Tele Deluxe – Facts & Features

Die Neuinterpretation erinnert lediglich mit der Form des Korpus an die gute, alte Telecaster, wie wir sie alle kennen und lieben. Okay, auch die Hölzer, Erle für den Body und Ahorn für den Hals, sind seit Entstehung des Klassikers nahezu unverändert geblieben und kommen auch hier bei der Fender Vintera 70s Tele Deluxe erneut zum Einsatz. Auf den ersten Blick jedoch erscheint das riesige Pickguard auffällig, das gut die Hälfte der Decke bedeckt und in dem die komplette Elektronik untergebracht wurde. Nichts ist es mit zarten Singlecoils und weichem „Pläng-Pläng“, stattdessen sorgen zwei Humbucker in verchromten Gehäusen an Steg- und Halsposition für die Marschrichtung! Erhältlich ist die Vintera-Tele neben dem Finish unseres Testinstruments („Mocha“) noch in zwei weiteren Farben: in einem Dreiton-Sunburst-Finish sowie in „Vintage Blonde“, einer fast schon cremefarbenen Lackierung.

Fender Revoiced Wide Range Pickups an Bord

Die eigens für die Vintera-Serie entwickelten Revoiced Wide Range Pickups werden über einen soliden Dreiwegeschalter angewählt, der am oberen Ende des Schlagbretts eingesetzt wurde. Das ist zum einen sehr griffgünstig positioniert und zum anderen recht praktisch, denn so geht der Schalter den vier Reglern am anderen Ende des Pickguards aus dem Weg. Die Pickups wurden laut Fender so entwickelt, dass sie „so richtig nach 70er Jahre klingen“: mit viel Headroom, einer klaren Artikulation und mit einer optimierten Lautstärkebalance zwischen den einzelnen Saiten, um Klangverluste zu minimieren.

Und ich kann bereits an dieser Stelle sagen, dass Fender hier nicht zu viel versprochen hat, denn die beiden Revoiced Wide Range Pickups machen einen sehr guten Job! Die Schaltung ist jedoch nicht besonders flexibel, eine Singlecoil-Option ist nicht vorgesehen, dafür kann man aber jeden Tonabnehmer separat in Lautstärke und Klangfarbe regeln. Und das geschieht immer zuverlässig, denn bei diesen riesigen Kunststoffknöpfen kann man praktisch kaum danebengreifen!

Vintera 70s Tele Deluxe Revoiced Wide Range Pickups

Die für die Vintera-Serie entwickelten Revoiced Wide Range Pickups

Solide Hardware trotz „Made in Mexico“

Die Qualität der Potis geht vollkommen in Ordnung, es ist kein übermäßiges Wackeln oder etwa Schaben beim Drehen festzustellen. So ganz linear verläuft deren Regelweg allerdings nicht, aber das ist in dieser Preisklasse nichts Ungewöhnliches. Ebenso verhält es sich mit dem Schalter, auch der geht als gut durch, das war bei Instrumenten aus mexikanischer Fertigung von Fender auch nicht immer so. Und damit wäre auch das Herstellungsland unserer Fender Vintera 70s Tele Deluxe E-Gitarre geklärt: Aus dem fernen Mexiko startet sie in die Läden rund um den Globus und ist damit deutlich günstiger zu bekommen als die vergleichbaren US-Modelle. Knapp 900,- Euro sind für die Vintera 70s Tele Deluxe in den Shops fällig,  dafür kommt sie sogar in einem robusten Gigbag.

Fender Vintera 70s Tele Deluxe E-Gitarre Regler Potis

Fender Vintera 70s Tele Deluxe Regler/Potis

Eine schlichte Brücke mit Saitenführung durch den Korpus nimmt die Saiten auf. Auf schmuckes Beiwerk, wie etwa die „Aschenbecherabdeckung“ bei der klassischen Tele, wurde hier verzichtet. Ist auch gut so, denn das würde überhaupt gar nicht zum eher „schmutzigen“ Stil dieser E-Gitarre passen. Am anderen Ende, an der Kopfplatte nämlich, warten sechs Fender-eigene geschlossene Mechaniken darauf, die Fuhre in Stimmung zu bringen und bestenfalls zu halten. Das gelingt recht gut, die Tuner vermitteln ein gutes Gefühl beim Drehen, übermäßiges Spiel der Achsen ist nicht festzustellen. Festzustellen ist aber, dass die Form der Kopfplatte so weit weg von der Tele ist, wie es nur eine Strat sein kann. Und genau diese Form hat man dem Headstock der Fender Vintera 70s Tele Deluxe verpasst.

Ahornhals mit Dreipunktverschraubung

Das bislang hervorragende Bild in Sachen Verarbeitung der Gitarre setzt sich nahtlos beim Hals fort. Ein Hals aus Ahorn kann es natürlich nur sein, solide verschraubt mit drei Schrauben in der Halstasche des Korpus. Wie, nur drei? Ja, hier scheint man wohl die Fender-Instrumente aus der CBS-Ära zum Vorbild genommen zu haben. Ob es ein Stilmittel sein soll oder eine Art Sparkurs, sei mal dahingestellt. Sehr schön ist jedoch die Tatsache, dass eine Bohrung in der Metallplatte Zugang zu einer Inbusschraube ermöglicht, mit der der Hals aus der Tasche angehoben werden kann. Als „Micro Neck Adjustment“ wurde dieses Feature von Leo Fender zum Patent angemeldet – eine bessere Lösung zum Einstellen des Halses bieten sich wohl kaum und man kann dem genialen Leo Fender auch an dieser Stelle wieder nur ein Lob für dieses kleine, aber doch so nützliche Feature aussprechen!

Lackierter Hals? Geschmackssache!

Kommen wir aber nun zum ersten echten Knackpunkt an der Fender Vintera 70s Tele Deluxe E-Gitarre, dem lackierten Hals nämlich. Rund herum wurde das Holz mit einer hochglänzenden Klarlackschicht überzogen, das betrifft auch das Griffbrett. Trotz des schlanken Halsprofils dürfte dieser Umstand für viele Spieler Probleme bereiten, denn der Lack neigt auch hier wieder zu unangenehmem Kleben. Und das vor allem dann, wenn die Greifhand nicht mehr ganz so trocken ist. Aber letztlich ist das wie immer Geschmackssache, wer das Bespielen lackierter Hälse und Griffbretter gewohnt ist, wird davon vielleicht nicht einmal Notiz nehmen. Ansonsten aber entspricht die Verarbeitung des Halses, der Bundierung und des Sattels den hohen Qualitätsansprüchen von Fender, auch wenn es sich um ein kostengünstigeres Instrument aus Mexiko handelt. Fender Vintera 70s Tele Deluxe E-Gitarre Kopfplatte

Fender Vintera 70s Tele Deluxe Kopfplatte – die Strat in der Tele!

Fender Vintera 70s Tele – In der Praxis!

Akustischer Grundsound & Handling

Wuchtig und kraftvoll ertönt bereits der Grundsound aus der Erle-Ahorn-Konstruktion. Gut gefallen können auch das Sustain und das spritzige Attack-Verhalten, das jeden Anschlag der Saiten unmittelbar in einen sauberen und klaren Ton umsetzt. Die Werkseinstellung geht in puncto Saitenlage in Ordnung, aber das dürfte für viele Spieler nicht das Problem sein, der rund herum lackierte und daher ziemlich stumpfe Hals inklusive seines Griffbretts – das stellt hier ganz andere Herausforderungen! Echt schade, denn das Halsprofil an sich ist wunderbar schlank geraten und macht der Telecaster als traditionell eine der am besten zu bespielenden E-Gitarren eigentlich alle Ehre. So aber sind Slides mit der Greifhand oder auch Saitenzieher („Bendings“) nur etwas für Geübte.

Elektrischer Klang

Wer den berühmten „Twäng“ einer Fender Telecaster sucht, der ist hier definitiv an der falschen Adresse. Die beiden Revoiced Wide Range Pickups können damit nämlich nicht dienen, dafür aber mit so viel mehr! Zum einen sind sie, wie Fender es verspricht, tatsächlich sehr offen in ihrer Charakteristik und im Frequenzbild. Sie klingen nicht nur sehr warm und „Vintage“, sondern überraschen zusätzlich mit einer hervorragenden Dynamik und einem kräftigen Output, der den angeschlossenen Amp (auf Wunsch) schon recht früh in die Zerrung treibt. Zum anderen zeigen sich die beiden Doppelspuler weitgehend resistent gegen Brummen oder unerwünschte Feedbacks, selbst bei höherer Verzerrung bleibt alles erfreulich ruhig und kontrollierbar. Von Crunch-Sounds bis hin zum High-Gain reicht das Einsatzgebiet, in denen die Fender Vintera 70s Tele Deluxe E-Gitarre bevorzugt wildert und ihre Stärken ganz besonders ausspielen kann. Also nichts ist mit „Twäng“, dafür aber gibt es ordentlich auf die Glocke, wenn man es denn möchte!

Fender Vintera 70s Tele Deluxe E-Gitarre Korpus 2

Vintera Tele – Klangbeispiele

Für die folgenden Klangbeispiele habe ich die Vintera 70s Tele Deluxe an meinen Referenz-Amp Orange Micro Dark angeschlossen. Der war gekoppelt mit einer 1×12″ Celestion v30 Box, ehe das Signal in Logic Audio aufgenommen wurde.

Fazit

Abgesehen vom lackierten Ahornhals, was ja im Endeffekt Geschmackssache ist, kann mich die Fender Vintera 70s Tele Deluxe E-Gitarre nach Abschluss des Tests von ihrer Qualität überzeugen. Die Verarbeitung befindet sich trotz mexikanischer Fertigung auf einem hohen Niveau, ebenso kann man die beiden neuen Revoiced Wide Range Pickups zweifellos als Volltreffer bezeichnen – dermaßen druckvoll und offen klingen sie. Die Fender Vintera 70s Tele Deluxe liefert zwar keinen echten „Twäng“, dafür aber jede Menge Power und Druck!

Plus

  • Verarbeitung
  • Klang
  • außergewöhnliche Optik
  • robuster Gigbag im Lieferumfang

Minus

  • lackierter Hals Geschmackssache

Preis

  • 869,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Willemstrohm  AHU

    Weiß nicht so recht…. klingt ja überhaupt nicht mehr nach ’ner klassischen Tele. Zu bauchig, nicht wirklich twang drin. Denke, es wird bei mir eher auf ’ne stinknormale 50s Tele hinauslaufen mit Single Coils. Für Zerrsounds gibbet genug Alternativen.
    Klanglich isses ja eher ’ne Paula ohne Klöten.

  2. Profilbild
    lambik

    Na ja, das ist ja jetzt keine „neue“ Neuinterpretation der klassischen Ur-Tele, sondern (s.a. Produktbezeichnung) eine weitere Neuauflage der auch klassischen, weil ab 1972 gebauten Telecaster Deluxe, die damals schon genauso aussah: Großes Pickguard, 2 Wide-Range Humbucker, 3-Punkt-Halsbefestigung und Strat-Kopfplatte. War also irgendwie vor 48 Jahren eine Neuinterpretation.

    Trotzdem eine schöne und etwas andere Tele.

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