Test: Fender American Professional Telecaster Deluxe E-Gitarre

2. Juni 2017

Reissue einer Wuchtbrumme

Die gute alte Telecaster, stets im Schatten ihrer Schwester Stratocaster stehend und dennoch seit vielen Jahrzehnten immer auch Basis für Modifikationen an ihrem Holz, der Hardware, den Farben und den verbauten Pickups. Mit der „Ur-Tele“ und ihren zwei Singlecoils hat unser heutiges Testmodell, die Fender American Professional Telecaster Deluxe kaum noch etwas zu tun, allenfalls die Form des Korpus und die der Kopfplatte erinnern noch an eines der wichtigsten Zugpferde aus dem Hause Fender. Doch so ganz neu ist unsere Testgitarre nicht, denn bereits 1973 präsentierte Fender die Telecaster Deluxe, ebenfalls ausgestattet mit zwei Humbuckern. Aber das waren damals garantiert keine Shawbucker und auch die String-Through-Saitenführung war noch nicht einmal erfunden. Um so neugieriger macht uns das aktuelle Modell aus Fenders Mittelklassebaureihe, die wir uns jetzt mal genauer betrachten werden.

Features: Fender American Professional Telecaster Deluxe

Erlekorpus und Ahornhals sind von jeher die typischen und bewährten Zutaten für eine Telecaster. Auch bei der neuen American Professional Telecaster Deluxe greift der Hersteller auf diese Tonhölzer zurück, deren Klangverhalten maßgeblich für den charakteristischen „Twang“ dieses Gitarrentyps verantwortlich sind. Die aufgebrachte Lackierung ist so hochgradig deckend, das keinerlei Rückschlüsse darüber gezogen werden können, aus wie viel Teilen Erle der Korpus wohl zusammengesetzt wurde. Die Lackierung unseres Testmodells nennt der Hersteller „Sonic Gray“, zugegeben eine Frage des Geschmacks. Erhältlich ist die Fender American Professional Telecaster Deluxe auch in 3-Tone-Sunburst, in einem Naturfinish oder in schlichtem Schwarz. Und das selbstverständlich geliefert in einem passenden Hartschalenkoffer!

— Die Fender American Professional Telecaster Deluxe in 3-Tone-Sunburst, Schwarz und im Naturfinish – make your choice —

Der Hals der Fender American Professional Telecaster

Der besteht aus Ahorn und aus einem Stück, aufgeleimt wurde ein Palisandergriffbrett mit 22 recht schmalen, dafür aber ungewöhnlich hohen Bundstäben. Das Halsprofil bezeichnet Fender als „Deep C“ – das klingt in der Tat viel wuchtiger, als wie es sich in der Praxis erweist. Es ist immer noch ein typisches „Tele-Halsprofil“, ziemlich schlank und dank der satinierten Halsrückseite sehr gut zu bespielen. Überraschend ist, dass Fender bei der American Professional Telecaster Deluxe auf die konventionelle Methode in Sachen Halseinstellstab setzt. Ganz im Gegensatz zu vielen neueren Modellen von Fender, bei denen sich die Einstellschraube des Truss Rod am Halsfuß befindet, wird hier im Falle einer nötigen Justierung wie eh und je ein Inbusschlüssel am Übergang zur Kopfplatte eingesetzt.

Und noch eine nicht zu unterschätzende Kleinigkeit fällt beim Betrachten der Gitarre ins Auge: die kleine Bohrung innerhalb der Metallplatte zur Verbindung von Hals und Korpus. Damit ist es möglich, den Hals nach Lockern der vier Schrauben in seiner Tasche im Korpus in der Höhe anzuheben bzw. abzusenken. Beste Voraussetzungen also, um der neuen American Professional Telecaster Deluxe ein perfektes Setting zu verpassen.

— Rückseite der Kopfplatte mit den sechs Tunern aus eigenem Hause —

Die Hardware der Fender Telecaster Deluxe E-Gitarre

Aus Gründen der besseren Tonentfaltung (und für ein ausgeprägteres Sustain) besitzt die neue Tele eine „String-Through“ Saitenführung. Die Drähte nehmen also ihren Weg durch die Brücke über die sechs Saitenreiter aus gebogenem Stahl in Richtung Kopfplatte. Dort werden sie von den sechs verchromten Mechaniken in Empfang genommen, die zwar die Stimmung des Instruments während der Testdauer recht ordentlich zu halten vermochten, in ihrer Bedienung jedoch etwas hakelig wirken. Das könnte aber auch mit eventuell nicht ganz auf Maß gefeilten Kerben des verbauten Knochensattels zusammenhängen, wobei sich in diesem Falle nach einer Weile der Benutzung durch das „Einarbeiten“ der Drähte in die Schlitze das Problem wohl von selbst lösen dürfte.

— Die Rückseite der Professional Telecaster Deluxe —

Pickups & Elektronik

Gut die Hälfte der Decke wird von einem dreischichtigen Pickguard bedeckt, an dem sämtliche Elektronik der Gitarre ihren Platz findet. Das Besondere sind sicher die beiden Humbucker am Steg und in der Halsposition, die den Namen Shawbucker tragen. Zur Info: Tim Shaw ist der Chefentwickler bei Fender in Sachen Tonabnehmer, die Entwicklung der beiden Doppelspuler war also auch hier reine Chefsache. Jeder Pickup besitzt einen Regler für Lautstärke und Ton, die Auswahl erfolgt über einen Dreiwegeschalter, der sehr griffgünstig am oberen Teil des Korpus in unmittelbarer Nähe des Gurtendknopfs in das Pickguard eingesetzt wurde und von sehr guter Qualität ist.

— Die beiden „Shawbucker“ mit ihren verchromten Blechkappen an Hals- und Stegposition —

Leider besitzt die Elektronik American Professional Telecaster Deluxe keine Singlecoil-Schaltung, somit ergeben sich lediglich die Varianten Halspickup solo, beide Pickups oder Stegtonabnehmer solo. Einen kleinen Trost gibt es dennoch, denn alle Gitarren der neuen American Professional Serie von Fender verfügen über einen Treble-Bleed: ein zusätzlicher Teil in der Schaltung der Gitarre, der ein Abfallen der Höhen und der Dynamik im Sound beim Herunterregeln des Volumepotis der Gitarre verhindert. Eine tolle Sache, gerade auch für Benutzer von einkanaligen Röhrenamps, deren klangliches Potenzial so noch besser ausgeschöpft werden kann.

Zwischenzeugnis

Die neue Tele kann gefallen. Die Verarbeitung unseres Testinstruments entspricht den hohen Erwartungen, die man an eine Fender aus US-Produktion erwartet und auch erwarten sollte. Lediglich die etwas hakeligen Mechaniken trüben das Bild einer ansonsten handwerklich gelungenen Gitarre etwas. Schauen bzw. hören wir nun ab der nächsten Seite, ob die neue Fender American Professional Telecaster Deluxe eine würdige Wiederauflage des 73er-Modells darstellt, das ja damals die Nachfrage nach wuchtigen, druckvollen und vor allem brummfreien Sounds befriedigen sollte. Einmal umblättern bitte!

Sound & Praxis der Fender American Professional

Akustischer Grundsound

Der akustische Grundsound ist typisch Tele und, wie es aufgrund der Esche-Ahorn-Konstruktion auch nicht anders zu erwarten war, dem entsprechend knackig und drahtig. Trotz des laut Fender kräftiger ausgefallenen C-Shapings der Halsrückseite liegt der Hals gut in der Hand und bietet dank seiner satinierten Rückseite auch der feuchten Greifhand jederzeit eine Oberfläche frei von unangenehmem Kleben. Etwas Einarbeitung dürfte sicher das Spielen mit den neuen höheren Bundstäbchen erfordern. Die erleichtern zwar das Spielen von Bendings und Vibratos spürbar und sorgen zudem für eine saubere Intonation auf der gesamten Länge des Halses. Beim Gleiten über das Griffbrett mit den Fingerkuppen fühlt sich das Ganze jedoch zunächst ziemlich zäh an, um nicht zu sagen sehr gebremst.

Elektrischer Sound

Am Verstärker angeschlossen macht die Fender American Professional Telecaster Deluxe mal so richtig Dampf und überrascht erneut mit der Erkenntnis, wie flexibel doch die Grundkonstruktion einer Fender Telecaster erweiterbar ist. Die beiden Shawbucker liefern den drahtig-wuchtigen Grundsound der Gitarre gut am Verstärker ab und färben den Ton mit einem leichten Vintage-Touch. Aufpassen sollte man allerdings bei Settings mit viel Overdrive, denn hier neigen diese ansonsten sehr gut klingenden Tonabnehmer leider zum unangenehmen Pfeifen.

Die elektrische Schaltung mit dem „Treble-Bleed“ funktioniert ebenfalls sehr gut, beim Herunterregeln der Volumepotis ist kein merklicher Verlust im Frequenzbild oder in der Dynamik zu bemerken. Wohl aber in der Lautstärke der Pickups, denn der Shawbucker am Steg ist deutlich leiser als sein Gegenüber in der Halsposition und klingt auch wesentlich schärfer. Zusammen ergänzen sich die beiden Pickups wunderbar in einem homogenen Vintage-Sound, beim Alleinbetrieb des Steghumbuckers sollte man entweder das Volumepedal im Auge bzw. am Fuß haben oder ein entsprechend in der Lautstärke angepasstes Preset am Verstärker/Preamp vorbereiten.

Fazit

Die neue Fender American Professional Telecaster Deluxe zeigt sich bei uns im Test als hochwertig verarbeitete und vielseitig klingende E-Gitarre, die dennoch ein paar Kritikpunkte einstecken muss. Zum einen wären da die Shawbucker, die zwar ein hervorragendes Klangbild liefern, bei höheren Verzerrungen und ungünstigem Winkel zum Verstärker aber zum Pfeifen neigen. Der zweite Kritikpunkt ist der hohe Lautstärkeunterschied zwischen den beiden Tonabnehmern, der speziell im unverzerrten Betrieb negativ auffällt und ein Nachregeln der Lautstärke erfordert. Ansonsten aber bekommt der Käufer der Fender American Professional Telecaster Deluxe eine grundsolide Tele, die nicht nur aufgrund ihres Äußeren etwas aus der Reihe tanzt.

Plus

  • Sound
  • gute Bespielbarkeit
  • sehr gute Verarbeitung
  • Treble-Bleed-Schaltung gegen Höhenloch
  • hochwertiges Hardcase im Lieferumfang

Minus

  • Pickups neigen zum Pfeifen
  • Lautstärkeunterschied Steg/Hals-Pickup
  • Profil der Bundstäbchen gewöhnungsbedürftig

Preis

  • Ladenpreis: 1679,- Euro
Klangbeispiele
Forum
    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Ja, echt fett und druckvoll! Schade ist echt nur das Pfeifen, man sollte sich vom Abstrahlwinkel der Box/des Amps in acht nehmen. Oder halt nicht zu viel Zerre benutzen.

  1. Profilbild
    lambik  

    Erstmal ein freundliches „Hallo“!

    Der vorliegende Telecaster-Testbericht hat bewogen, mich zu registrieren, weil ich über einen Passus etwas erschrocken war ;-)):

    „Doch so ganz neu ist unsere Testgitarre nicht, denn bereits 1973 präsentierte Fender die Telecaster Deluxe, ebenfalls ausgestattet mit zwei Humbuckern. Aber das waren damals garantiert keine Shawbucker und auch die String-Through-Saitenführung war noch nicht einmal erfunden.“

    Der letzte Halbsatz des o.a. Zitats ist schlichtweg nicht richtig (oder habe ich was falsch gelesen oder verstanden???). Zum einen hatte bereits die 1952-er Tele eine String-Through-Saitenführung und zum anderen hatte die originale 1972er-Deluxe, wenn sie nicht mit einem – eher seltenen – Vibrato ausgestattet war, auch ein Hardtail mit String-Through-Saitenführung.

    Zu den „Shawbuckern“
    Mich hätte es an der Stelle gefreut, wenn im Test kurz auf die damals verbauten, von Seth Lover designten Wide Range-Humbucker eingegangen worden wäre, an deren Design, aber mit Sicherheit nicht an deren Aufbau sich die „Shawbucker“ anlehnen.

    Und der Vollständigkeit halber, weil das vorliegende Modell mit dem damaligen verglichen wird:
    Die Original-Deluxe hatte die große Stratocaster-Kopfplatte.

    Soll jetzt ausdrücklich kein Gemecker sein, sondern eine Ergänzung ;-)

    VG
    lambik

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