Test: FGN J-Standard Odyssey Classic, E-Gitarre

28. Juni 2020

"Surfgitarre" aus Japan

Dass die japanische Firma FGN seit vielen Jahren Instrumente guter Qualität baut, hat sich sicherlich herumgesprochen. Die FGN J-Standard Odyssey Classic bezeichnet sich selbst als  „zeitgenössische Surfgitarre“, man könnte sie aber sicherlich auch unter der Rubrik „Powerstrat“ einreihen, da sie mit zwei klassischen Singlecoils und am Steg mit einem Humbucker mit Coilsplit-Funktion bestückt wurde und gleichfalls über ein „moderneres“ Vibratosystem mit Zweipunkt-Aufhängung verfügt. Die Frage stellt sich, warum ein Kunde lieber eine FGN anstatt z. B. einer Fender Stratocaster kaufen sollte. Deswegen sollte die FGN, die sich preislich in einer etwas leichteren Klasse als ein amerikanische Strat bewegt, gute Argumente vorweisen, ihr den Vorzug zu geben, da auch die Farbgebung unserer Testkandidatin (Old Lake Placid Blue) von zahlreichen Fender Strats bekannt ist. Unsere Testkandidatin gäbe es auch in 3-Tone Sunburst, Antique White oder Black Gloss zu erstehen.

FGN J-Standard Odyssey Classic – Facts & Features

Die FGN J-Standard Odyssey Classic hat mit einer Fender Stratocaster vieles gemeinsam. Unterschiede bestehen lediglich in der Korpusform, die Cutaways fallen geringfügig spitzer aus. Die abgerundete Armauflage sowie ein „Bierbauch-Shaping“ sind gleichfalls bei unserer Testkandidatin anzutreffen. Die Gitarre wurde mit einer Polyester-Lackierung in der Farbgebung Old Lake Placid Blue versehen.

Die Lackierung und die Verarbeitung sind perfekt, auch bei genauem Hinsehen sind diesbezüglich keinerlei Schwachstellen auszumachen. Gebaut wurde das gute Stück in Fujigen, Japan. Auch die Gewichtsklasse ist identisch mit einer gewöhnlichen Stratocaster, das Instrument bringt ca. 3,6 kg auf die Waage und wird inkl. eines schwarzen Gigbags ausgeliefert. Dieses ist von ordentlicher, aber keiner überragenden Qualität. Ab Werk kommt die FGN mit 0.010-er Saiten (Nickel Wound 010 – 046).

Korpus

Der Korpus wurde aus amerikanischer Rot-Erle gefertigt. Lediglich einige Details unterscheiden die FGN J-Standard Odyssey Classic von einer gewöhnlichen Fender Stratocaster. Der Halsfuß wurde abgerundet, um einen besseren Zugang zu den hohen Lagen zu ermöglichen. Die Klinkenbuchse wurde seitlich an der Zarge angebracht, also nicht mittels eines Schiffchens an der Decke.

Abgerundete Halstasche für besseren Zugang zu den hohen Lagen, „klassische“ Vierpunkt-Befestigung

FGN J-Standard Odyssey Classic – Hals

Der geschraubte Hals wurde aus kanadischem Ahorn mit stehenden Jahresringen gefertigt. Für das Griffbrett kommt indischer Palisander (Granadillo) zum Einsatz. Die Mensur ist mit 25,5″ (648 mm) so dimensioniert, wie wir das von einer Stratocaster gewohnt sind. Die Halsbreite am Sattel beträgt 43 mm.

Laut Hersteller besitzt das Griffbrett einen sogenannten „compound“ Radius (10“-14“), was bedeutet, dass der Hals in den höheren Lagen etwas flacher wird (also im Radius zunimmt), was das Saitenziehen sicherlich geringfügig begünstigt, aber auch das Akkordspiel in den tieferen Lagen.

Das Halsprofil könnte man als D bezeichnen, wobei die Flanken jedoch recht schlank gehalten wurden (und somit fast ein ganz leichtes V- Shaping besitzen). Dieses Halsprofil war mir auf Anhieb extrem sympathisch, was sicherlich nicht oft gegeben ist. Jeder hat da seine persönlichen Präferenzen, die FGN trifft bei mir zumindest voll ins Schwarze.

C.F.S. Bundierung

Wie zu erwarten, wurde auch dieses FGN-Instrument mit der patentierten „Circle Fretting Technology (kurz C.F.S) ausgestattet. Lesen wir hierzu die Angaben des Herstellers:

„Bei der Circle Fretting Technologie laufen alle Saiten exakt im gleichen Winkel über die Bünde, was genaueste Intonation und außerdem ein längeres Sustain und einen klareren Ton ermöglicht. Aufgrund des trapezförmigen Griffbretts bei konventionell bundierten Hälsen läuft keine der Saiten im rechten Winkel über die Bünde. Je näher eine Saite am Griffbrettrand ist, desto weiter ist sie vom rechten Winkel entfernt. Wenn die Saite dann auf den Bund gepresst wird, verursacht dieser Winkel einen geometrisch unscharfen Auflagepunkt, welcher die Saitenschwingung negativ beeinflusst. Das Resultat ist eine leicht verzerrte Intonation. Beim Circle Fretting System werden statt gerader minimal gebogene Bundstäbe im Griffbrett montiert, daher passiert jede Saite jeden Bund in exakt rechtem Winkel. Die Kontaktpunkte jeder Saite in jeder Position sind präzise definiert und erlauben es den Saiten mit einem Minimum an Verzerrung zu schwingen.“

Circle Fretting System, C.F.S.

Ich testete in der Vergangenheit bereits einige weitere Instrumente aus dem Hause FGN, die mit dem C.F.S. ausgestattet waren, kann aber weder bestätigen noch dementieren, dass sich die Intonation dadurch tatsächlich verbesserte. Festzuhalten ist jedoch, dass sich alle FGN-Instrumente ausnahmslos perfekt anfühlten und sich hervorragend spielen ließen.

Der Kopf der FGN

Hardware

Die komplette Hardware des Instruments wurde verchromt. Der Vibratohebel wird gesteckt, ist angenehm fett und liegt gut in der Hand. Das Vibratosystem funktioniert nicht mit sechs Schrauben („Vintage-mäßig“), sondern arbeitet mit zwei Bolzen. Dieses System ermöglicht, verglichen mit einem Vintage-Vibratosystem, eine größere Auslenkung und somit auch eine größere „Tonhöhen-Modulation“ der Saiten, sowohl nach oben als auch unten. Auch richtige „Dive Bombs“ sind damit zu erreichen, wie man im letzten Klangbeispiel vernehmen kann.

Elektrik

Die Schaltung ist übersichtlich gehalten. Wir finden den klassischen 5-Wege Schalter, der meist in einer Stratocaster zu finden ist, einen Volume-Regler und einen Masterton-Regler. Ein Mini-Switch erlaubt es, den Humbucker zu splitten, also nur eine der beiden Spulen zu betreiben, was bekanntlich einen etwas schmaleren, weniger bassigen Ton erzeugt. Die Tonabnehmer (Seymour Duncan USA (SSL-1/SH-4 Humbucker in der Stegposition) werden vom Hersteller als „handgewickelt“ klassifiziert, was aber sicher nicht bedeutet, dass die gewöhnlich einige tausend Wicklungen des haarfeinen Spulendrahts ohne eine entsprechende Tonabnehmer-Wickelmaschine aufgebracht wurden. Manchmal darf man die Kirche auch ruhig im Dorf lassen.

Vibratosystem mit Zweipunkt-Aufhängung, der Hebel wird gesteckt

Das Schlagbrett (Tortoise Shell) erhielt, verglichen mit einer klassischen Stratocaster, eine leicht abgewandelte Form. Das rechte Cutaway ist nicht vollständig mit dem Schlagbrett bedeckt, was möglicherweise etwas moderner wirkt.

Handling

Erfreulicherweise wurde die FGN J-Standard Odyssey Classic ab Werk gut eingestellt, was leider nicht die Regel ist und bei vielen neuen Instrumenten häufig beanstandet werden muss. Halsspannung, Oktavreinheit und auch die Höhe der Saitenlage waren optimal eingestellt. Auch dem Kerben des Sattels wurde ausreichend viel Zeit gewidmet, sodass die Sattelkerben auch die nötige Tiefe besitzen, um eine flache Saitenlage bzw. die damit verbundene leichte Bespielbarkeit überhaupt erst zu ermöglichen. Das Instrument kommt ausgewogen auf den Knien zu liegen, ohne das geringste Verlangen, sich „aus der Wasserwaage“ zu bewegen. Spielt man die Gitarre, kommt Spielspaß auf, da sich der Hals, wie auch das gesamte Instrument, sehr gut anfühlt.

Der Hals gestattet ein müheloses Agieren. Auch das satinierte Finish leistet sicherlich seinen Beitrag zum außerordentlich guten Spielgefühl. Die hohen Lagen sind durch die am Halsfuß abgerundete Kante mühelos erreichbar.

Das Vibratosystem arbeitet auch bei heftigem Einsatz nahezu verstimmungsfrei, wie man dies auch in einem der folgenden Klangbeispiele hören kann. Die klassischen Schlitzloch-Mechaniken sitzen straff, sprechen direkt und an und gestatten ein exaktes Stimmen.

Perfekt abgerundete Griffbrettkanten, C.F.S.

Sound

Die Gitarre ist beim Anspielen ohne Verstärker bereits sehr „schwingfreudig“ und man hat das Gefühl, ein sehr wertiges Instrument in den Händen zu haben. Auch die Pickups machen einen guten Eindruck und erzeugen einen lebendigen Ton.

Hören wir die Gitarre zunächst clean, wir beginnen mit dem Halstonabnehmer:

Dann hören wir Stellungen 2 und 4 des 5-Wege-Blade-Schalters, also die beiden Positionen, die den Parallelbetrieb zweier Tonabnehmer gestatten:

Nun Stellung 4 (Mitte und Stegtonabnehmer parallel). Wir hören zunächst den Steg-Pickup gesplittet und anschließend als Humbucker (ab 0:17):

In der Zwischenstellung funktionieren beide Sounds gut. Nun schalten wir in den verzerrten Kanal meines Peavey Classic 20 und hören den Hals-Pickup mit einigen singenden bluesigen Linien:

Schließlich hören wir den Humbucker am Steg mit recht heftiger Verzerrung. Hier wird auch das Vibratosystem auf zuverlässige Funktion geprüft. Divebombs sind mühelos möglich, da die „Übersetzung“ (Maße der Grundplatte) stimmt. Die Stimmstabilität kann als gut bezeichnet werden.

Die FGN J-Standard Odyssey Classic ist sicherlich eine wunderbare Alternative zu einer Fender Stratocaster. Das Handling ist vergleichsweise mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar etwas luxuriöser.

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment aufgenommen:

FGN J-Standard Odyssey Classic – Peavey Classic 20 MH – MESA/Boogie 1 x 12″ Thiele Box mit Creamback Celestion Lautsprecher – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic (etwas Hall bzw. Delay hinzugefügt).

Fazit

Die J-Standard Odyssey Classic ist perfekt verarbeitet und verwendet hochwertige Materialien. Dies kann man spüren und auch hören. Vor allen der extrem gut geformte Hals und das perfekte Werkssetting erzeugen Spielspaß. Der Gesamteindruck des Instruments ist sicherlich sehr gut. Verglichen mit einer Fender Strat „aus den oberen Regalen“, ist die FGN sicherlich ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Der Preis geht mehr als in Ordnung, da das Instrument sehr gut klingt, sich traumhaft anfühlt und hervorragend bespielen lässt.

Plus

  • Sound
  • Verarbeitung
  • Pickups
  • Bespielbarkeit
  • Stimmstabilität

Preis

  • 869,- Euro
Klangbeispiele
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