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Test: Ibanez Artcore AM93QM-JBB, E-Gitarre

24. November 2019

(H)Artcore aus dem Hause Ibanez

 Ibanez AM93QM-JBB

Ibanez = Metal. Diesen eng gesteckten Erwartungen versucht die Firma nicht erst seit gestern entgegenzuwirken. Wer sich den Ibanez Katalog auf AMAZONA.de ansieht, wird ebenfalls feststellen, dass wir den Schwerpunkt auf die Bretter-Gitarren dieser Firma gelegt haben. Klar – dass wir uns so halbakustische Schönheiten wie die Ibanez TCM50-GBO nicht entgehen lassen, liegt auf der Hand. Aber speziell die Ibanez RG-Reihe ist in ihren unterschiedlichen Ausführungen ein echter Dauerbrenner. Dabei wird die noch Artcore-Serie von Ibanez sträflich übersehen. Seit 2002 sind diese preisgünstigen Gitarren vor allem für den Jazz, Rock und Blues eine feste Größe. Die Ibanez AM93QM-JBB ist die neueste Expression-Variante der Artcore-Serie. Kann das gute Stück, was man von einer guten Hollow-Body erwarten darf? Ein warmer, differenzierter Sound, gute Reaktion und ein lebendiges Spielgefühl? Wir schauen mal genauer hin.

Ibanez Artcore AM93QM-JBB – Facts and Features

Gleich vorweg – eine waschechte Hollow-Body ist die Ibanez AM93QM-JBB nicht. Im Zentrum der Gitarre gibt es einen soliden Resonanzblock, der für erweiterten Sustain sorgen soll, aber die zwei F-Löcher sollen ganz klar signalisieren: Das warme Klangbild einer Hollow-Body dominiert hier (bestenfalls). Unterstützt wird dieses mit einem Top aus gestepptem Ahorn, das auch auf der Rückseite zu finden ist, sich ganz ordentlich anlässt findet und dieser Double Cut Form ganz hervorragend steht. Resonanz und Klangcharakter werden hier mit Esche transportiert – der Korpus ist entsprechend äußerst leicht. In Sachen Fertigungsqualität gibt es rein gar nichts zu bemängeln – zumindest auf den ersten Blick. Das cremefarbene Binding ist sauber aufgetragen, die Holzverarbeitung komplett sauber. Wie viele Reihen kommt auch die Artcore aus dem indonesischen Werk, das in Sachen Qualität zumeist immer hohe Standards einhält.

 Ibanez AM93QM-JBB

Was sagt der Hals der Ibanez AM93QM-JBB? Eingesetzt, geleimt, dreiteilig, zusammengesetzt aus Ahorn und Nyatoh, eine Holzkombination, die serienmäßig bei der Artcore Serie zum Einsatz kommt. Nyatoh ist ein vor allem in Indonesien verwendetes Holz, das in etwa die Charakteristik von Mahagoni besitzt. Die Halsform ist von Ibanez patentiert und trägt die Bezeichnung AM Expressionist – am ehesten vergleichbar mit einem C-Shape, ein wenig breiter vielleicht. Nicht ganz meine persönliche Präferenz, für Jazz- und Blues-Gitarristen wahrscheinlich aber durchaus willkommen. Die Mensur beträgt 628 mm, das Griffbrett besitzt einen Radius von 305 mm. Die Sattelbreite beträgt 43 mm. Das Griffbrett aus Ebenholz breitet besitzt 22 Bünde und ist mit Bindings aus Elfenbein versehen, die sich äußerst glatt und geschmeidig anlassen. Der Double-Cut ist tief und eignet sich hervorragend, um die höheren Bundregionen erreichen zu können. Das Ebenholzgriffbrett selbst ist ein wenig rau und alles andere als geschmeidig – gewöhnungsbedürftig, vor allem in Kombination mit dem flachen Radius. Auf den ersten Blick also alles auf hohem Niveau, wenn auch der erste Eindruck beim Spielgefühl eine gewisse Geschmeidigkeit vermissen lässt. Bundreinheit ist durch die Werkseinstellungen ebenfalls gegeben.

Ibanez Artcore AM93QM-JBB – Hardware und Elektronik

Die goldene Hardware macht in Kombination mit dem bläulichen, laminierten Finish namens Jet Blue Burst ordentlich was her, wie ich finde. Eine der Besonderheiten der Ibanez AM93QM-JBB ist die ART-1 Bridge und das damit verbundene Quick-Change-Tailpiece, das den Spielgewohnheiten entsprechend angepasst und eingestellt werden kann. Was die Kopfplatte angeht – die charakteristische Form erinnert mich persönlich ein wenig an das nun in Rente gehende Epiphone-Design. Dem stehe ich ein bisschen gleichmütig gegenüber (die Häme und Abneigung, die über die Jahre hinweg der Form dieser Kopfplatten zuteil wurde, habe ich persönlich nie ganz nachvollziehen können), aber darüber hinaus lässt sich zu den Stimmmechaniken nur sagen: kein Firlefanz, einfache Klemmmechaniken, die doch durchaus für eine angemessene Stimmstabilität sorgen sollten.

 Ibanez AM93QM-JBB

Zwei Humbucker besitzt diese Ibanez Artcore: passive Alnico-Super 58 Humbucker, deren Klang ich in Kombination mit einer Hollowbody-Gitarre bislang nicht erlebt habe. Was hier gegeben sein soll, ist ein fetter, drückender Humbucker-Sound, der die für Blues und Jazz so wichtigen nuancierten Momente ebenfalls stemmen kann – alles Punkte, die wir in der Praxis nachvollziehen werden. Die goldenen Regler der Ibanez AM93QM-JBB fallen vierfach aus: Zwei Tone- und zwei Volume-Potis sollen hier ordentliche Kontrolle über die Super 58-Humbucker gewährleisten. Über einen Dreiwege-Schalter lässt sich die gewohnte Konfiguration der Humbucker einstellen – beidseitig oder getrennt voneinander. Wer jetzt – was im Rahmen einer Jazz-Gitarre durchaus berechtigt wäre – auf eine Option zum Singlecoil-Splitting gehofft hat, der muss an dieser Stelle enttäuscht werden. Mit dergleichen Features wartet die Ibanez Artcore nicht auf. Darüber hinaus jedoch versprüht sie jedoch einen Charme, dem man sich, wie ich finde, nur schwerlich entziehen kann. Man kommt nicht umhin, das Instrument immer wieder zur Hand zu nehmen. Das anfänglich etwas ungewohnte, ein wenig rau ausfallende Griffbrett und der dicke Hals sind rasch verarbeitet – wer auf den authentischen Hollowbody-Charme steht, dürfte hier vielleicht eine Alternative zu den Gretsch Dauerbrennern aus der Rubrik finden. Schafft es die Ibanez Artcore, die feine Gratwanderung zwischen rau und stumpf zu vollziehen? Taugen die Super 58-Humbucker was, wird hier ein voluminöser oder doch eher magerer Sound produziert?

Ibanez Artcore AM93QM-JBB – in der Praxis

 Ibanez AM93QM-JBB

Es muss noch mal betont werden: Die Ibanez Artcore AM93QM-JBB ist schön anzusehen – ein echtes Prachtstück einer Gitarre. Man verspielt da durchaus Stunde um Stunde, was selbstredend auch für das Spielgefühl spricht. Das unverstärkte Resonanzverhalten ist satt und spürbar am ganzen Körper. Was jedoch sofort negativ ins Gewicht fällt: Stimmstabilität sieht anders aus. Die gewöhnlichen Klemmmechaniken, die zunächst einen stabilen Eindruck gemacht haben, zeigen nach einer gewissen Zeit bereits, dass sie die Stimmung nicht halten können. Bendings und härteres Anschlagen führen dazu, dass die Gitarre recht schnell ihre Stimmung einbüßt. Ich überprüfe die Mechaniken mehrmals und muss mich wundern: Die Mechaniken sind unversehrt und in ihrem serienmäßigen Zustand.

Während die geschmeidige Oberfläche des Ebenholzes auf dem Griffbrett sich ungemein natürlich anlässt, sorgt die lackierte Rückseite des Halses nicht unbedingt für ein natürliches Spielgefühl. Aber das fällt nicht weiter ins Gewicht. Die AM-Expressionist Halsform sorgt dafür, dass man sich beim Abwandern des Griffbretts niemals verirrt – der Vergleich mit dem C-Shape ist treffend, aber auch nicht 100 % zutreffend. Schwer zu beschreiben, aber die Artcores haben auch deshalb vor allem wahrscheinlich so einen guten Stand in den Jazz- und Blues-Szene: der charakteristische Hals. Der Sound überraschte mich an mehreren Stellen: Während er naturgemäß ungemein satt und voll daherkommt, verliert er zwar in den Höhen manchmal an Substanz, bleibt seinem Low-End aber immer treu. Im cleanen Bereich probieren uns von Beispiel 1 bis 3 aus und entlocken der Artcore dabei ein paar jazzige Klänge, die sich sehr weich und ohne irgendwelche störenden Nebengeräusche anlassen. Sehr angenehmer Sound, sehr weich gegenüber dem Ohr und mit einer singenden, schönen Eigenresonanz.

Im verzerrten Bereich passiert ebenfalls Spannendes. Die Artcore klingt in der Halsposition ohne Ende und erweckt die singende Resonanz des Körpers quasi zum Leben. Ungemein authentisch und warm. Noch dazu ist die Gitarre ungemein responsiv – im wechselnden Flug zwischen Lead-Gitarre und Rhythmus- büßt sie nichts an Statur ein. Es klingt warm, besonders in der Halsposition und auch wenn man sich an volle Akkorde heranwagt. Dann singt das gute Stück regelrecht, ohne irgendwo Ober- oder Zwischentöne untergehen zu lassen – ein warmer Grundsound, mit dem Gain des Amps knapp unter einem Viertel seiner Kapazitäten.

Fazit

Geht doch – es muss nicht immer Metal sein, was aus dem Hause Ibanez kommt. Diese Artcore ist ein rundum gelungenes, ungemein lebendig anmutendes Halbakustik-Stück. Der Klang ist farbenfroh, ein bisschen dirty, ein bisschen basslastig – aber immer authentisch. Mangelnde Klangtransparenz, Klangverlust im hohen Bereich und einen nicht genug weichen Charakter wird ein Jazz-Connaisseur sicher auszusetzen haben, aber für den Preis handelt es sich um eine ungemein attraktive Angelegenheit für Blues- oder Jazz-Gitarristen.

Plus

  • farbenfroher Klang
  • attraktives Design
  • tolle Bespielbarkeit

Minus

  • leicht dreckiger Grundcharakter

Preis

  • 649,- Euro
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