Vergleichstest Tubescreamer: Ibanez TS808, TS9, NTS

13. August 2019

Mythos oder Tatsache - Klangvergleich der Klassiker!

Heute wollen wir uns einem Vergleich zweier legendären Klassiker (dem immer noch kultigen Ibanez TS808, dem Ibanez TS9) und dem Ibanez NTS (Nu Tubescreamer) widmen. Interessant ist dabei natürlich auch, ob die NTS Variante, die vor ca. zwei Jahren ein vollkommen neues Bauteil in die Welt der Pedale einführte, sich klanglich qualitativ entscheidend von den seit einigen Jahrzehnten bewährten Klassikern absetzen kann. Der Ibanez NTS liegt preislich nämlich deutlich (um etwa 100,- Euro) höher als die Klassiker der 80 er und 90er Jahre.

Ich besitze selbst noch einen alten (heutzutage gerne als „Vintage“ bezeichnet) Ibanez TS808, den ich mir Anfang der 80er zulegte. Unzählige Gitarrenhelden erzeugten mithilfe dieses Overdrives ihren Signatursound (z. B. Stevie Ray Vaughan). Der Ibanez TS808 ist dafür bekannt, die Bässe sehr stark zu beschneiden und dadurch recht mittig zu klingen. Vor einem klar eingestellten Verstärker klingt er meist nicht besonders beeindruckend, er eignet sich jedoch vorzüglich, um leicht angezerrte Amps zu boosten und somit weiter in die Sättigung zu fahren. Das Beschneiden der Bässe verhindert dann ein Wummern im Bassbereich. Die Kombination eines Röhrentopteils von Marshall und einem davorgeschnallteten Tubescreamer ist sicherlich auf vielen Dutzend Tonträgern aus den 80er und 90er des vergangenen Jahrhunderts zu hören.

Um eines vorwegzunehmen: Der Ibanzez TS808 und TS9 besitzen eine quasi identische Schaltung, lediglich ein Widerstand besitzt einen anderen Wert. Sollte also jemand feststellen (hören), dass diese beiden Kandidaten unterschiedlich klingen, ist dies lediglich den Toleranzen der verwendeten Bauteile geschuldet.

Der Sound des Ibanez NTS ist mir bis dato (abgesehen von einigen mehr oder weniger aussagekräftigen Videos) weitgehend unbekannt, deswegen darf man gespannt sein, ob er entscheidende Klangvorteile und mehr Lebendigkeit als die lediglich mit analogen Operationsverstärkern (ICs und Transistoren) ausgestatteten Tubescreamern bietet und den deutlich höheren Preis somit rechtfertigen würde. Entscheidenden Einfluss auf den Sound eines Overdrives haben übrigens (ob man es glaubt oder nicht) die zur Verwendungen kommenden Dioden, die für wenige (unter 10) Cents zu haben sind. Auch verschiedene Operationsverstärker (ICs) variieren etwas im Klang.

Vergleichstest Tubescreamer: Ibanez TS808, TS9, NTS – Features

Alle drei Pedale besitzen etwa die gleichen Abmessungen (B x L x H): 70 x 125 x 52 mm. Eine rote Leuchtdiode zeigt uns natürlich den aktuellen Zustand des Pedals an. Im Gegensatz zu den Kollegen besitzt der Ibanez NTS einen True-Bypass. Die Tubescreamer TS808 bzw. TS9 besitzen einen sogenannten „gepufferten“ Bypass. Alle drei Pedale werden ohne Batterie ausgeliefert.

Zwei der drei Pedale bedürfen keiner weiteren Vorstellung, da man sie seit Jahrzehnten im selben grünen Gehäuse mit unveränderter Ausstattung kennt. Lediglich der Ibanez NTS weicht im Design leicht ab, da die Farbe seines Gehäuses in Beige gehalten ist und das neue „mysteriöse“ Bauteil, die NuTube (die in Zusammenarbeit mit der Firma Korg entwickelt wurde), durch ein kleines Fenster in der Oberseite zu sehen ist. Der Ibanez NTS besitzt im Gegensatz zu seinen Kollegen einen Regler mehr (Mix). Dieser gestattet es, das verzerrte Signal (Effektsignal) mit dem klaren Signal (Originalsignal) zu mischen, was seine Bandbreite an erzeugbaren Klängen deutlich vergrößert. Seine Stromzufuhr erhält er mittels einer Hohlstecker-Buchse auf der rechten Seite seines cremefarbigen Gehäuses, das abgesehen von der Farbe identisch mit dem TS808 ist. Rein optisch gesehen ist der Ibanez NTS sicherlich „der Coolste“, da das kleine Sichtfenster oberhalb des Fußschalters den Blick auf die NuTube gestattet. Die hellgrüne Farbe der Anzeige erinnert an ein sogenanntes „Magisches Auge“ bzw. an einen „Magischen Balken“ (EM84 Röhre). Diese waren in alten Röhrenradios eingebaut, um die Stärke des Empfangssignals auch sichtbar zu machen. Die Anzeige der NuTube korrespondiert mit dem Eingangssignal, somit wird das eigene Spiel quasi auch optisch wiedergegeben.

Ibanez NTS

Der Ibanez NTS (Nu Tubescreamer) in cremefarbigen Gewand

Der Ibanez NTS kann mit bis zu 18 Volt betrieben werden, was seine Dynamik geringfügig verbessern dürfte. Über den Stromverbrauch des NTS, der ja mit der NuTube arbeitet, ist in der Bedienungsanleitung nichts angegeben, er dürfte jedoch auch nicht bedeutend höher als bei den beiden anderen Testkandidaten sein.

Ibanez TS808, TS9, NTS – Regler

Bekanntermaßen verfügen alle drei Testkandidaten jeweils über einen Gain-Regler, der den Grad der Verzerrung einstellt, einen Tone-Regler (Höhenregler) und natürlich einen Volume-Regler, mit dem sich die Ausgangslautstärke des Pedals an die persönlichen Bedürfnisse anpassen lässt. Da der hier getestete Reissue des TS808 anscheinend tatsächlich exakt wie das „Vintage-Pedal“ aus den frühen 1980er Jahren aufgebaut ist, befindet sich auch ein kurzes schwarzes Adapterkabel im Lieferumfang, um den standardmäßigen Hohlstecker auf einen Miniklinkenstecker zu adaptieren. Der TS808 besitzt für seine Stromversorgung (abgesehen von dem Betrieb mit einer 9 Volt Blockbatterie) nämlich nur diese Miniklinkensteckerbuchse an der Stirnseite. Der ursprüngliche Tubescreamer aus den 80er Jahren war zusätzlich auch anders herum gepolt. Dies hat man nun geändert, da man auf einer Abbildung am Boden des TS808 sehen kann, dass der Minuspol nun wieder innen liegt. Der Stromverbrauch des TS808 bzw. TS9 ist mit seinen knapp 10 mA verschwindend gering.

Ibanez TS808

Die Legende, der Ibanez TS808 Tubescreamer

Äußerlich etwas frecher zeigt sich der mittlerweile ebenfalls zum Klassiker gewordene Ibanez TS9 Tubescreamer. Abgesehen von dem etwas modifizierten Design (Knöpfe, Fußschalter etc.) ist sein Innenleben quasi identisch mit dem des TS808.

Ibanez TS9

Auch ein Klassiker, der Ibanez TS9 im giftgrünen Gehäuse

Wie man sehen kann, variieren die Kunststoffknöpfe auf den Potiachsen des TS9 etwas im Design, wobei der TS808 und der NTS stilistisch äußerst ähnlich gehalten wurden. Die Knöpfe des TS9 wirken etwas „moderner“. Der TS9 kommt designmäßig insgesamt etwas kühler daher. Das japanische Design neigt gelegentlich dazu, nüchtern bzw. abgeklärt zu sein. Amerikanische bzw. europäische Produkte erzeugen dagegen häufiger einen gewissen Sex-Appeal, aber auch das ist letztlich Geschmacksache. Wichtiger ist das klangliche Ergebnis, um das wir uns nun kümmern werden.

Vergleichstest Tubescreamer: Ibanez TS808, TS9, NTS – Sound

Um einen einigermaßen realistischen Vergleich unserer Testkandidaten zu ermöglichen, spielen wir alle drei Tubescreamer mit den gleichen Reglereinstellungen und schauen, wo die Unterschiede in Sound, Lebendigkeit und Charakter zu finden sind. Wir hören zwei unterschiedliche Gain-Einstellungen (12 h bzw. Gain-Regler voll aufgedreht), zunächst vor dem klaren Kanal meines Peavey Classic 20 MH. Um das Ergebnis am besten beurteilen zu können, spielte ich eine Phrase in einen Looper und schickte dieses Signal dann nacheinander durch alle drei Tubescreamer mit den angegebenen Einstellungen.

Bei Stellung des Lautstärkereglers um die 9 h (bei Gain 50 % bzw. 100 %) erreichen wir bei allen drei Pedalen das sogenannte „Unity-Gain“, d. h., die Lautstärke bei aktiviertem bzw. inaktivem Effekt sind etwa gleich.

TS808

Hören wir zunächst den Tubescreamer-Reissue des TS808 mit Gain- und Tone-Regler auf 12 h. Um einen guten Vergleich zu bekommen, hören wir den Sound zunächst einmal bei ausgeschaltetem Effekt, sofort anschließend dann mit aktiviertem Overdrive:

Wie zu erwarten war, beschneiden alle Testkandidaten, folglich auch der TS808 deutlich den Bass. Dies ist eine typische Eigenheit für einen Ibanez Tubescreamer. Aus technischer Sicht ist hier anzumerken, dass der Eingangskondensator mit lediglich 20 nF so gewählt ist, dass er tiefe Frequenzen unterhalb ca. 700 Hz sehr stark beschneidet:

Wir reißen den Gain-Regler nun voll auf, dies klingt folgendermaßen:

Wie wir wissen, ist der Tubescreamer ein Overdrive-Pedal und deswegen limitiert in seiner Möglichkeit, sehr heftige Verzerrung zu erzeugen, aber der Overdrivesound ist gewohnt cremig.

TS9

Kommen wir zum TS9. Auch diesen hören wir zunächst mit „halber Verzerrung“:

Nun wird der Gain-Regler voll aufgedreht:

Seien wir mal ehrlich. Wenn man überhaupt Unterschiede zwischen dem TS808 und dem TS9 feststellen kann, sind diese marginal. Kein Wunder aufgrund des (fast) identischen Innenlebens.

Ibanez NTS

Der MIX-Regler des Ibanez NTS steht bei der Aufnahme ganz rechts, um einen ehrlichen Vergleich zu ermöglichen. Wir hören den NTS zunächst mit halber, später mit voller Verzerrung.

Nun mit voll aufgedrehtem Gain-Regler:

Weltbewegende Unterschiede zu den beiden weiteren Testkandidaten sind auch hier nicht auszumachen. Aber in kleinen Nuancen sind klangliche Unterschiede (aufgrund des Einsatzes einer NuTube) wahrzunehmen. Betriebe man den NTS mit 18 Volt, vergrößerte dies sicherlich seine Dynamik.

Tubescreamer als Booster vor einem angezerrtem Amp

Interessant ist sicherlich auch zu erfahren, wie sich ein Tubescreamer als Booster vor einem angezerrten Amp verhält. Dies ist ja bekanntermaßen eines seiner Spezialgebiete. Somit wird das Signal (bei Bedarf) nicht wirklich lauter, aber deutlich fetter. Zum „Anblasen“ eines leicht angezerrten Amps eignet sich der Tubescreamer bekanntermaßen hervorragend. Ich empfehle dringend, diese Methode einmal auszuprobieren.

Im folgenden Beispiel hören wir zunächst einen Crunchsound (verzerrter Kanal) meines Peaveys und aktivieren dann den NTS (Gain 100 %, Tone 12 h):

Hier macht der Tubescreamer einen souveränen Job, da das Beschneiden der Bässe hier effektiv den Klangmatsch vermeidet und den Ton ordentlich anfettet.

Insgesamt hat der Ibanez NTS nach meinem Empfinden die größte Dynamik und den lebendigsten, natürlichsten Klang der drei Kandidaten, auch wenn die Unterschiede alles andere als auffällig sind. Ob er den hohen Aufpreis rechtfertigt, ist wie so oft persönliche Geschmacksache.

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment aufgenommen:

Stratocaster SSH – Ibanez TS808, TS9, NTS – Peavey Classic 20 MH – MESA/Boogie 1 x 12″ Thiele Box mit Creamback Celestion Lautsprecher – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic (etwas Hall bzw. Delay hinzugefügt).

Fazit

Alle drei Kandidaten klingen recht ähnlich, lediglich kleine Unterschiede sind auszumachen. Der TS9 ist abgesehen von seinen Äußerlichkeiten mit dem Klassiker TS808 quasi identisch. Zur Erzeugung von cremigen Crunchsounds ist er sicherlich nach wie vor ein wunderbares Werkzeug. Der Klang eines Tubescreamers hängt aber auch stark von seinem Verwendungszweck ab. Als Booster vor einem angezerrten Verstärker kann er sicherlich absolut überzeugen, da die ihm typische heftige Beschneidung der tiefen Frequenzen hilft, wummernde Bässe bei mehr Gain zu vermeiden. Der Ibanez NTS liegt minimal vorne in den Punkten Sound, Dynamik und Lebendigkeit.

Plus

  • Sound
  • Verarbeitung
  • Design

Preis

  • Ibanez TS808, 183,- Euro
  • Ibanez TS9, 132,- Euro
  • Ibanez NTS, 234,- Euro
Klangbeispiele
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