Test: Marcus Miller V7 Swamp Ash 4 BMR, E-Bass

3. Januar 2017

Kann mir mal bitte jemand das Wasser reichen?

Marcus Miller, ein Name klangvoll wie Niccolò Paganini oder Antonio Stradivari … oder eher ein Beweis dafür, dass man auch mit einem unspektakulären Allerweltsnamen weltweit bekannt werden kann. Nun kennt zwar jeder Herrn Miller als die tödlich groovende Slapmachine mit seiner eigenen Funk-Fusion-Band sowie durch diverse Bass Clinics und sein Projekt SMV mit Stanley Clarke und Victor Wooten, allerdings war der Mann (Baujahr 1959!) schon vor seinem vergleichsweise späten Ruhm als Solist eine große Nummer im Studio- und Sessionbereich. Auf über 500 Alben findet man seine Basslines, unter anderem bei Künstlern wie Michael Jackson und Miles Davis – letzteres Engagement beinhaltete auch eine Menge Songwriting und sorgte letztlich für den Durchbruch in der internationalen Jazzszene.

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— Marcus Miller V7 Swamp Ash 4 in Bright Metallic Red —

Seitdem kennt man Marcus Miller, der nebenbei auch sehr gut Klavier, Gitarre und Klarinette spielt, für fette, funkig-groovige Slapriffs und einen dicken, aber drahtigen Basssound. Den entlockt der Mann lange Jahre einem Fender Jazz Bass aus den 70ern, der mit einer Dreibandelektronik von Sadowsky und einigen weiteren Spielereien aufgerüstet war. Ein analoges Signaturemodell von Fender gab es bis vor einiger Zeit, entsprechend hochpreisig, auch in Variationen mit vier und fünf Saiten zu erwerben. Bis sich Herr Miller in den Kopf setzte, unter seinem eigenen Namen günstigere Instrumente auf den Markt zu bringen. In „Zusammenarbeit“ mit Sire Guitars – nach eigener Aussage einem kleinen Gitarrenladen hervorgegangen – werden seit 2015 verschiedene in Fernost gefertigte Instrumente als „Marcus Miller by Sire“ vertrieben. Aus dieser Serie liegt hier der Marcus Miller V7 Swamp Ash 4 in Bright Metallic Red zum Test vor.

Das Instrument soll laut Werbeaussagen ein Game Changer sein, der den Bassmarkt völlig revolutionieren soll – aber mal Butter bei die Fische, in der Realität liegt hier eine mit einer 18-Volt-Aktivelektronik angefettete Jazz-Bass-Kopie vor. So revolutionär ist das nicht, aber vorweggenommen: Es ist durchaus überraschend, was für ein qualitativ hochwertiges Instrument man hier für unter 500,- Euro auf den Markt geworfen hat!

Facts & Features

Der Marcus Miller V7 Swamp Ash 4 kommt in einem Pappkarton, auf dem Marcus Miller höchstpersönlich slappenderweise aufgedruckt ist. Ein Gigbag ist nicht enthalten, was in der Preisklasse aber okay ist, dafür sind Inbusschlüssel für Hals und Bridge dabei (anders als beispielsweise bei Fender). Ausgepackt liegt die Sumpfesche-Version in Bright Metallic Red mit weißem Pearl Schlagbrett vor mir. Der V7 ist prinzipiell wie das Vorbild auch in zwei Hals-Griffbrett-Kombinationen verfügbar, einmal der Klassischen mit Erlekorpus und Palisander-Griffbrett und der an die 70er Jazz Bässe angelehnten Kombi aus relativ leichtem Sumpfeschekorpus und lackiertem Ahorngriffbrett. Die Hälse sind bei beiden einteilig und aus Ahorn, die Griffbretter mit großen, weißen Block-Inlays ausgestattet.

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— Wo Marcus Miller drauf ist, ist hoffentlich auch Marcus Miller drin —

Durchaus ein schickes Instrument, bei dem mir auf den ersten Blick auch keine groben Verarbeitungsfehler auffallen. Die Form der Kopfplatte ist Geschmackssache, aber wenn’s sonst nichts ist – nett anzusehen und eindeutig ein Jazz Bass, da beißt die Maus keinen Faden ab. Anders als bei Marcus Millers altem, teuren Fender Signature Modell, welches eine 1:1-Kopie eines 70er Jazz Bass darstellte, präsentiert Sire hier einen Hybrid aus 60er- und 70er-Elementen. So ist der Hals vierfach verschraubt (statt der Fender-Microtilt-Dreifachverschraubung aus den 70ern) und die Tonabnehmer sind 9 cm weit auseinander angeordnet wie beim originalen Jazz Bass.

Bekanntlich hatte Fender Anfang der 70er den Stegtonabnehmer etwa einen Zentimeter weiter Richtung Brücke verlegt, was seither Anlass für heiße Diskussionen war, mancher hasst es, während sich die Konstruktion gerade in Funk-Kreisen großer Beliebtheit erfreut. Daher ist es fast etwas verblüffend, dass Meister Miller hier die klassische Version gewählt hat – sein Fender hatte das andere Pickup-Spacing – aber der wird als Kenner der Materie schon wissen, was er tut.

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— Klassischer Tonabnehmerabstand, aber dafür Esche und Ahorngriffbrett —

Der Hals unseres Marcus Miller V7 Swamp Ash 4 selber orientiert sich hingegen bis auf die Verschraubung eher an den 70er Jazz Bässen mit einem etwas dickeren Profil, Ahorngriffbrett, Block Inlays, cremefarbenem Binding und ist rundum glänzend lackiert. Die Breite (38 mm am Sattel) und der Saitenabstand (20 mm) sind genau wie von jedem normalen Jazz Bass gewohnt. Auf dem Griffbrett sind – wieder eher 60er – recht kleine, als „Medium Small“ deklarierte Bünde verbaut. Ebenfalls 60er ist die an der Korpusseite gelegene, aber durch eine Fräsung zugängliche Halsstabschraube.

An der Kopfplatte sind ganz klassische offene Fender-Style-Mechaniken zu finden – die sind zwar schon immer eine recht krude Konstruktion, funktionieren aber auch schon seit über 60 Jahren bei wohl den meisten je hergestellten Bässen.

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— Über die Form der Kopfplatte kann man sich streiten – aber dafür ist ein Knochensattel verbaut! —

Zugriff auf die beiden Marcus Super Jazz Pickups – einfach ganz normale J-Singlecoils im Prinzip – erfolgt über ein Bedienfeld mit fünf Potis, zwei davon doppelstöckig und einen Mini-Toggleswitch. Der schaltet die Aktivelektronik ein und aus. Man kann das Instrument also auch passiv betreiben. Das ist auch nicht unbedingt nur als Notfalloption gedacht: Neben einem Blendregler für die Tonabnehmer (Gott sei Dank, Tod und Pest über die „fendersche Lösung“ mit zweimal Volume!) findet sich mit dem Volumeregler gestackt eine passive Höhenblende.

Aktive Bässe mit Passivoption kranken ja oft an zwei Sachen: Einmal klingen aktive Höhenregler beim Zurücknehmen der hohen Frequenzen einfach anders als die klassische passive Blende und zweitens fehlt die Option im Passivmodus oft ganz. Beides hat man hier umschifft, allerdings zum Preis eines deutlich vollgestopften Bedienfeldes. Immerhin hat man, wie auch Fender bei ihren Aktivbässen, die Klinkenbuchse in die Zarge verlegt und die Sache somit etwas entzerrt.

Weiter geht es mit den Reglern der Aktivelektronik, Höhen, einem Doppelstockpoti für Mitten und die Semiparametrik für den Mittenregler (hört, hört!) sowie einem Regler für die Bässe. Unter den griffigen und stabil wirkenden Potiknöpfen ist der Toggle für aktiv/passiv nur etwas fummelig zugängig, aber wo gehobelt wird, da fallen Späne. Versorgt wird die Elektronik von zwei auf der Rückseite verbauten 9-Volt-Batterien, die ohne Werkzeug zu wechseln sind, was sich allerdings wegen recht kleiner Batteriefächer und kurzer Kabel etwas fummelig gestaltet.

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— Reglerbelegung, komischerweise spiegelverkehrt – aber ein Linkshändermodell gibt es ja auch —

Der einzige wirkliche Wermutstropfen beim Begutachten des Instruments betrifft zwar nur eine Zusatzoption, ist aber doch objektiv gesehen ein dicker Konstruktionsfehler. Der widerlegt auch die Story, dass Marcus Miller bei der Entwicklung übermäßig pingelig auf Details geachtet hätte. Ich spreche von der String-Through-Bridge. So wie das Instrument aus dem Karton kommt, sind die Saiten durch einen Blechwinkel mit dicken, fetten gefrästen Metallreitern gefädelt. Irgendwo zwischen klassischem Winkel und den luxuriösen Badass- oder Fender-Himass-Brücken, damit kann man leben.

Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, die Saiten von hinten durch den Korpus zu führen, um vorne den Anpressdruck zu erhöhen. Oder halt nicht: Die Option funktioniert so schlicht nicht! Und zwar gleich doppelt, die Bohrungen sind zu weit vorne angeordnet und verschwinden zum Teil unter den Saitenreitern und die Position der Reiterschrauben ist auch so, dass sie im Weg sind. Unmöglich, da eine, geschweige denn vier Saiten durchzubekommen! Aua, aua, aua … wer hat sich denn das ausgedacht?

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— Schöne Bridge, aber grober Murks: String-Through-Durchführungen unter den Einstellschrauben —

Man braucht nicht wirklich eine String-Through-Bridge, schon gar nicht bei einem Jazz Bass, aber dann hätte man die Option einfach verdammt noch mal weglassen sollen. So macht sie nichts außer dem ansonsten fast perfekten Eindruck vom Instrument kaputt.

Zwischenfazit

Wenn man über die Fehlkonstruktion der ohnehin nicht zwingend nötigen String-Through-Bridge hinwegsehen kann, bietet sich mit dem Marcus Miller V7 Swamp Ash 4 ein so gut wie perfekt verarbeiteter und dermaßen luxuriös ausgestatteter Viersaiter Jazzbass, dass es fast beängstigend ist bei dem niedrigen Preis. So sehr, dass man angesichts des Preises fast hofft, beim Praxistest wenigstens ein kleines Haar in der Suppe zu finden. Dem soll allerdings nicht so sein …

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