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Test: Novation V-Station Software-Synthesizer

23. Juli 2003

Die Emulation der Emulation

Heutzutage ist nichts mehr sicher vor den Nullen und Einsen: Alles was irgendwie analog anmutet, findet seinen Weg in digitaler Form in den Computer oder in DSPs. Natürlich heißt das dann „virtuell analog“, weil digital ja angeblich kalt klingt und in Zeiten zunehmender Erderwärmung auch nicht ins Bild passt :o). Doch mittlerweile sind wir an einem Punkt angekommen, wo wohl jeder klassische Analoge schon mindestens einmal auf dem Seziertisch lag und die Nachbildungen von Rasenmähern und Kaffeemaschinen sich als wenig musikalisch erwiesen haben. Was fehlte, war die Emulation der Emulation. Dies hat Novation erkannt und schickt mit der V-Station die softe Variante der K-Station ins Rennen.

Am Anfang war der Wunsch

Die V-Station war sicher eines der am sehnsüchtigsten erwarteten VST-Instrumente. Gerüchte geisterten schon eine Weile durch das Netz und als es dann auf der diesjährigen Musikmesse eine spielbare Version gab, kannte die Vorfreude keine Grenzen mehr. Nun, beinah 3 Monate später läuft die Installationsroutine über meinen Bildschirm und die Hände harren gierig über der MIDI-Tastatur.

Die Installation verläuft ohne Probleme. Nach dem anschließenden Start des VST-Host verlangt das PlugIn die Eingabe eines Autorisationscodes. Diesen erhält man, indem man auf der Novation Homepage das Produkt registriert. Da die Registrierung an den Computer gebunden ist, auf dem die V-Station installiert wurde (Machine-Code), muss bei Installationen auf anderen Systemen (z.B. Notebook) ein weiterer Code zum Freischalten angefordert werden. Pro V-Station stehen drei Autorisationscodes zur Verfügung. Sollten mehr Codes benötigt werden (was z.B. bei Neuinstallation nach Wechsel einer Grafikkarte passieren kann), muss dies über den Support beantragt werden. Unter diesen Gesichtspunkten sind drei Codes eine nicht gerade üppige Anzahl.

Das Vorbild: Novation KS4 Synthesizer

Building a station

Die V-Station ist pro Instanz achtfach polyphon und präsentiert sich auch sonst im Look ihres Vorbilds, der K-Stat ion. Löblicherweise sind hier im PlugIn alle Parameter als eigenes Bedienelement ausgeführt. Über vier verschiedene Ansichten gelangt man zu den einzelnen Parametern. In der Ansicht „Main“ befindet sich die Klangerzeugung, „Extra“ enthält ergänzende Einstellungen und Modulationen. „Controls“ ermöglicht, wie es der Name vermuten lässt, die Zuordnung externer MIDI-Daten wie Aftertouch zu bestimmten Zielen wie der Filterfrequenz. Unter „Global“ schließlich lassen sich Sounds von A- und K-Station importieren und z.B. die Mausbedienung von linear auf zirkular umstellen.

Pro Instanz stehen sechs Effekte zur Verfügung: Delay, Reverb, Chorus, Distortion, EQ und Panning. Lediglich der Vocoder bleibt der Hardware vorbehalten. Ein Arpeggiator lässt sich bei Bedarf ebenfalls aktivieren. Zudem gibt ein kleines blaues Display jederzeit Auskunft über den gerade veränderten Parameterwert.

Und 1, 2, 3 … die Oszillatoren

Und davon hat die V-Station gleich drei an Bord. Sie beherrschen folgende Wellenformen: Sinus, Dreieck, Sägezahn und Rechteck. Sinus, Sägezahn und Dreieck lassen sich bereits auf Oszillator-Ebene doppeln. Gerade die Double-Saw empfiehlt sich für die bekannten Detune-Sounds, wenngleich diese hier nicht ganz so fett klingen wie die SuperSaw im JP8000. Dafür hat die V-Station aber einen ganz eigenen Klangcharakter.
Die Oszillatoren klingen exakt wie die der K-Station und machen insgesamt eine gute Figur. Sie sind nicht ganz Aliasing-frei, erzeugen aber durchsetzungsfähige und kräftige Sounds. Im Mixer steht ein Ringmodulator zur Verfügung, der sich aber eher nach Amplitudenmodulation anhört. Weißes Rauschen gibt es ebenfalls.
Mittels FM lassen sich der V-Station auch einfache E-Pianos und metallische Klangstrukturen entlocken. Schließlich bietet die Funktion „VCO Drift“ die Möglichkeit, die Stimminstabilität echter analoger Synthies nachzubilden. Je höher der eingestellte Wert, desto eher geraten die Oszillatoren aus der Stimmung. Eine Unisono Funktion stackt jeweils zwei oder mehrere Stimmen; ein Feature, dass ich sehr begrüße!

Flüssig-Filter

Wer kann in Zeiten knapper Kassen schon noch behaupten, flüssig zu sein? Die Filter von Novation nehmen dieses Attribut für sich in Anspruch. Novations „Liquid Sound Engine“ soll den flüssigen Sound analoger Schaltungen nachbilden. Ich weis nicht, wann bei euch das letzte Mal ein Synthesizer ausgelaufen ist, aber gönnen wir den Marketing-Leuten ihre Wortschöpfung. Das Filter beherrscht die Betriebsart Lowpass mit den Flankensteilheiten 12 und 24dB. Beide Einstellungen klingen hervorragend. Das Filter lässt sich übersteuern – dieser mit „Filter Overdrive“ bezeichnete Parameter ist allerdings ein eher zahmer Vertreter seiner Zunft. Insgesamt könnte das Filter aber noch etwas flüssiger sein: Dank fehlender Interpolation gibt’s leider Treppenstufen bei Filterfahrten. Dies sollte eigentlich seit Jahren der Vergangenheit angehören. Schade.

Lasst die Hüllen knallen – die Hüllkurven

In Sachen Hüllkurven begegnen wir dem klassischen ADSR-Konzept. Diese hier gehören zwar nicht zu den schnellsten ihrer Gattung, sind aber schnell genug, um auch perkussive Sounds zu erzeugen. Für z.B. richtig fette Bassdrums fehlt ihnen allerdings der letzte Biss. Neben der Verstärker-Hüllkurve gibt es eine Modulations-Hüllkurve. Diese kontrolliert wahlweise die Pulsbreite, die Tonhöhe oder die Filterfrequenz. Natürlich können auch alle drei Parameter gleichzeitig beeinflusst werden. Noch schöner wäre es, stünden für Filter und Tonhöhe getrennte Hüllkurven zur Verfügung.

Modulationen und Klangmanipulation

Zwei LFOs stellen sich in den Dienst der Klangmanipulation. LFO 1 ist dabei den Oszillatoren, LFO 2 dem Filter zugeordnet. Beide lassen sich zur Host-Tempo synchronisieren.

Im „Controls“ Bildschirm lassen sich das Modulationsrad, der Pitch-Bender, der Breath-Controller und Aftertouch vorgegebenen Zielen zuordnen. Die Auswahl ist ausreichend. Nahezu alle Parameter können auch via MIDI-Controller beeinflusst werden. Leider ist die von Novation gewählte Zuordnung abweichend von den üblichen Gepflogenheiten der MIDI-Welt. So befinden sich z.B. die Controller zur Filtersteuerung nicht wie bei den meisten Geräten in den 70ern sondern zwischen 103 und 106. Eine „MIDI-Learn“ Funktion wäre zwar schön, aber Novation hat diese Controller-Belegung nach dem Hardware-Pendant gewählt, so dass man mit einer K-Station direkt und ohne Anpassungen die V-Station Fernbedienen kann. Die V-Station folgt dabei wirklich jedem Bedienschritt der Hardware!!

Breitmacher – die Effekte

In Sachen gleichzeitig mögliche Effekte pro Sound war Novation seit jeher Vorreiter. Schön ist, dass auch die V-Station von sechs Effekten am Stück profitieren kann: Delay, Hall, Chorus, Distortion, EQ und Panning. Alle Effekte sind gut brauchbar, sie fügen sich oft nahtlos ins Klangbild ein und lassen sich zur MIDI-Clock synchronisieren. Mit dem EQ ist schnell mal Platz geschafft oder einem Sound etwas mehr Pfund verpasst. Der Hall und vor allem der Verzerrer unterliegen einem sehr speziellen Sound, der wohl durch Kompromisse zwischen Effektanzahl und Prozessorbelastung gefunden wurde, aber dennoch überzeugen kann. Besonders hervorzuheben ist, dass die V-Station mit der guten Effektabteilung, jeden Sound sofort fast Produktionsfertig abrufen kann. Andere VST Instrumente bieten keine internen Effekte und verlangen das umständliche konfigurieren des Send- und Insert-Racks der Hostsoftware, um zu überprüfen, ob der Sound ins Arrangement passt. Einen fetten Pluspunkt also für die Effekte!!

Arpeggiator

Die großen Modelle aus der Novation Produktlinie werden für ihre umfangreiche Arpeggiator Funktion geliebt. Viele der Phrasen fanden schon mal eins zu eins ihren Weg in eine Chartproduktion. Die K-Station und so auch ihre Software-Schwester bietet hingegen „nur“ die üblichen Muster: Up, Down, Up/Down und Random. Spannend wird’s ab mehr als einer V-Station Instanz – dann laden verrückte polyrhythmische Spielereien zum Experimentieren ein.

Natürlich folgt der Arpeggiator auf Wunsch dem Sequenzer-Tempo. Neben einer Hold-Funktion, ist auch ein Gate für herrliche Staccato-Linien am Start.

Gesamtklang

Und klingt sie nun wie ihr Vorbild? Mit einem Wort: Ja. Die V-Station hat ihn, diesen typischen Novation-Klang: Rund, weich und durchsetzungsfähig und dabei doch so ganz anders als ein Virus oder Q. Ihre Domäne sind Bass- und Lead-Sound aller Coleur. Ganz besonders gelingen Trance/Techno-Lines á la 303. Der Import von A-Station und K-Station Sounds gestaltet sich ohne Probleme. Solange die Sounds allerdings im MIDI Format vorliegen, lassen sich immer nur einzelne Klänge importieren – Bänke akzeptiert die V-Station nur im SysEx-Format.

Ein Wort noch zu den Werks-Presets: 200 davon hat Novation spendiert und sie zeigen nicht annähernd die Kraft dieses Synthies. Verstehe einer die Hersteller, wer außer den ihnen sollte besser wissen, was dieses Baby leisten kann? Immerhin haben sie es programmiert. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und außerdem: Selbst ist der Mann / die Frau.

Herzlichen Dank gilt an dieser Stelle Frank Wilhelm vom Musikhaus Crusius, der uns eine K-Station zum Vergleich zur Verfügung stellte. Man hört in den Klangbeispielen, dass die Algorithmen 1:1 umgesetzt wurden. Die Klangunterschiede, die dennoch wahrnehmbar sind, entstehen zum einen durch die DA/AD-Wandlung der K-Station, sowie durch deren Ansteuerung per MIDI. Die V-Station wird samplegenau unter Cubase SX angesteuert. Vor allem beim Leadsound sind durch die verhältnismäßig langsame MIDI-Übertragung bei der K-Sation Unterschiede zu hören, da hier die Cutoff per Controller umgeschaltet wird. Dies ist nicht der K-Sation anzulasten, sondern dem MIDI-Protokoll. Unter Umständen klingt (je nach D/A-Wandler der Soundkarte) die V-Station also sogar besser als die K-Station.

Praxis

Das PlugIn lief auf meinem System absolut stabil. Abstürze oder Gängeleien waren nicht zu vernehmen. Etwas gedämpft wird die Euphorie beim Blick auf das CPU-Meter in Cubase: Ganze fünf Instanzen á acht Stimmen verkraftet eine PIV 2,4 GHz Maschine, dann ist sie aber auch rattendicht und nichts geht mehr. Auf einem PIII mit 1Ghz Taktung waren zweieinhalb Instanzen möglich. Wenn man die Station einsetzt wie ihr Hardware-Pendant, ist entspanntes Arbeiten möglich, wobei man auf der kleinen Maschine Acht geben muss, was man sonst noch auffährt. Man muss sich eben vor Augen führen, dass die Hardware auch keine 32 Stimmen bietet. Und mal ehrlich, wer braucht schon 32 Stimmen aus einem Virtuell Analogen?
Ein großes Manko der K-Station ist, dass sich die Klänge nicht benennen lassen. Mit großer treue zur Hardware klappt das auch nicht in der V-Station – beim erneuten Aufruf heißt der gerade umbenannte Sound wieder „User 001“. Ich hoffe, dass dieses Verhalten nicht als Feature zu verstehen ist und denke, dass man es mit einem Update dringend beheben sollte. Möchte man die V-Station Klänge in die K-Station importieren, so kann man ja immer noch die Namen ignorieren, da die K-Station keine Namensvergabe ermöglicht.

Die V-Station on YouTube

Fazit

Nun denn, die Tür ist aufgestoßen. Novation schreitet also mit gutem Vorbild voran! Waldorf, Access, Clavia und Co. sind herzlich eingeladen einzutreten. Die V-Station ist ein sehr gelungener Einstieg in die Welt der VSTi und setzt das Hardware-Original 1:1 in die Welt der Software um. Der Klang ist rund, fett und durchsetzungsfähig und Novation-typisch anders als der Rest der virtuell analogen Welt. Während des Tests lief die V-Station stabil und der Hardware-Hunger hält sich in Grenzen, wenn man das PlugIn mit Bedacht einsetzt. Dass man es mit der Umsetzung bis hin zur Speicherlogik ohne Vergabe von Namen gebracht hat, halte ich für übertrieben und wird hoffentlich mit einem Update behoben. Noch nie wahr es so günstig (vorausgesetzt man hat schon einen Computer) an den typischen Novation-Sound heranzukommen.

Plus

  • Gelungene Umsetzung der K-Station
  • Sechs Effekte zur gleichen Zeit
  • Fetter, durchsetzungsfähiger Klang
  • Unterstützung des Maus-Rades

Minus

  • Keine Werte-Interpolation beim Filter
  • etwas lahme Hüllkurven
  • Benennung von Sounds nicht möglich (Update?)

Preis

  • 229,-€
  • Nachtrag 2019: 52,-€
Klangbeispiele
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      • Profilbild
        AMAZONA Archiv

        …oder alternativ ein Focusrite Interface kaufen. Da sind die beiden auch mit dabei (war bis vor einiger Zeit zumindest noch so). Und komischerweise – beide VSTIs sind wirklich nicht die buntesten Kugeln am virtuellen Tannenbaum – (die lahmen Hüllkurven der V-Station sind wirklich nicht der Burner) – aber ich setze sie nach vielen Jahren immer noch wieder gerne ein – vor allem das Bass Station VSTI. Tut, was es tun muss, dezent, unauffällig, gut im Mix reinzukriegen.

        • Profilbild
          chk  

          Auf jeden Fall. Gibt sicherlich mittlerweile bessere Soft-Synths. Aber, wenn man den Novation-Sound mag, dann sind die beiden, vor allem die V-Station, sicherlich das wenige Geld mehr als wert. :)

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