Test: RODE M1 und M1-S Gesangsmikrofon

3. Juli 2009

Klassiker unter den Gesangsmikrofonen

Wenn es eine Legende im Musikbusiness gibt, dann ist es das Shure SM-58. Unter den Gesangsmikros hat es dieses amerikanische Bühnen-Urgestein seit den Sechzigern ähnlich weit gebracht wie die Stratocaster bei den Gitarren. Es ist robust, zuverlässig und klingt solide. Aber wie die gute alte Strat immer wieder von allen Seiten gepiesackt wird, so gibt es von jeder Mikro-Firma mit Sicherheit auch ein Modell, das dem Shure-Kollegen die Schau stehlen will. Mit dem vorliegenden M1 schlägt die australische Mikrofon-Schmiede RØDE genau in eben diese Kerbe und präsentiert einen durchaus ernstzunehmenden Gegner. Vielleicht sollte ich eines gleich klarstellen: Dies ist kein Vergleichstest. Trotzdem muss sich ein Live-Gesangsmikrofon in diesem Gewand und dieser Preiskategorie zwangsläufig mit dem Klassiker messen. Daher wird der Name Shure in diesem Text mit Sicherheit noch öfter fallen.

Der in Sydney ansässige Hersteller RØDE, hervorgegangen aus einer Firma für Audioequipment, die von schwedischen Auswanderern gegründet wurde, fertigt seit 1990 Mikrofone. Ging es in den Anfangsjahren noch hauptsächlich um die Produktion günstiger, aber hochwertiger Studio-Kondensatormikrofone, sind in letzter Zeit auch immer mehr dynamische Schallwandler hinzugekommen.

Rode M1 – schlicht und robust

Verarbeitung und Zubehör

Der erste Eindruck beim Auspacken der dicken Blechdose ist durchweg positiv. Die hübsche Verpackung umhüllt eine schlichte, schwarze Mikro-Schönheit, die schwer und solide in der Hand liegt.

Die Dose ist leider zu umständlich zu bedienen, um sie auf Reisen als Hardcase zu benutzen, für den Transport liegt aber glücklicherweise eine Kunstledertasche bei. Weiteres Zubehörteil ist eine stabile Stativklemme inklusive Reduziergewinde, die dem Mikro sicheren Halt auch im harten Live-Einsatz garantiert. Ausstattungs-Schmankerl über das Nötigste hinaus sucht man leider vergeblich.

Das Mikro besitzt die übliche männliche XLR-Buchse, in diesem Fall mit vergoldeten Kontakten, in der das Kabel sicheren Sitz findet, ohne zu wackeln. Positiv fällt hier auf, dass Pin 1 in der Buchse leicht erhöht angebracht wurde. Dadurch bleibt garantiert, dass zunächst die Masseverbindung hergestellt und damit ein Knackgeräusch beim Anstecken mit offenem Regler unterbunden wird. Mit einem Gewicht von 360 Gramm ist das RØDE geringfügig schwerer als etwa das Shure-Pendant SM 58. Dies macht sich jedoch in der Handhabung genauso wie der leichte Größenunterschied nicht negativ bemerkbar.

Insgesamt ist die Verarbeitung vorbildlich, die australische Fertigung zeichnet sich durch eine durchweg hohe Qualität aus. Pluspunkt: Wer sein M1 online registriert, erhält vom Hersteller außerdem eine Garantieerweiterung auf zehn Jahre. Das ist zumindest in dieser Preisklasse nicht unbedingt üblich. Während das SM 58 auch mit Schalter zu haben ist, existiert diese Option beim M1 nicht. In der Regel besteht hierfür auch keine zwingende Notwendigkeit, möchte man doch als Sänger dem Tontechniker in der Regel freie Hand lassen und im Live-Alltag versehentliches Abschalten verhindern.

Die Kapsel des Rode M1 / M1-S

Der Klang des Rode M1

Das M1 ist mit seiner Nierencharakteristik bestens als Gesangsmikro für den Live-Einsatz geeignet und zeigt sich weitgehend unempfindlich gegenüber Feedback. Der engmaschige Korb besitzt einen integrierten Poppschutz, der im Rahmen der Möglichkeiten effektiv arbeitet. Der Übertragungsbereich des M1 beginnt erst bei 75 Hz, dadurch werden Trittschallgeräusche von vornherein vermindert. Nach oben hin überträgt das Mikrofon Frequenzen bis 18000 Hz. Die Geräusche beim Umgreifen der Hand sind minimal, können jedoch trotz des im Gegensatz zum SM 58 nach oben verschobenen Übertragungsbereichs nicht ganz eliminiert werden. Das RØDE drückt dem Sänger bzw. abgenommenen Instrument weniger seinen eigenen Stempel auf als der Klassenprimus SM 58. Der Frequenzgang besitzt vor allem im Bereich von 5-10 kHz eine weniger ausgeprägte Konturierung. Das Klangbild erscheint dementsprechend eher neutral. Ob dem individuellen Geschmack eher eine stark konturierte Kurve oder die sehr ausgewogene Wiedergabe des M1 entspricht, kann dieser Test nicht entscheiden. Da hilft nur persönliches Antesten und Vergleichen. In der direkten Gegenüberstellung mit dem SM 58 zeigt sich der Testkandidat ebenfalls sehr ausgewogen im Sound und offenbart keine hörbaren Schwächen. Wie alle dynamischen Mikrofone besitzt auch das M1 einen ausgeprägten Nahbesprechungseffekt, der sich zur Soundgestaltung bestens eignet.

Rode M1-S mit Schalter

Unterschied Rode M1 und M1-S

Ganz banal. Das „S“ steht für Schalter. Das Rode M1-S Mikrofon lässt sich also an- und abschalten. Für dieses schöne Feature muss man allerdings 30,- Euro mehr berappen.

Fazit

Mit dem RODE M1 erhält man ein robustes, gut klingendes und – nicht ganz unerheblich – zeitlos schönes Mikrofon, das sich vor der Konkurrenz nicht zu verstecken braucht. Kleine Details wie Knackschutz und Garantierverlängerung gehen defintiv über den Klassenstandard hinaus. Antesten und durchchecken nach den eigenen Kriterien lohnt in jedem Fall.

Plus

  • Verarbeitung
  • neutraler Klang
  • mechansicher Knackschutz
  • Garantieverlängerung

Minus

  • nur Standard-Zubehör

Preis

  • Rode M1 69,- Euro
  • Rode M1-S 99,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    sir stony

    Hm. Klangcharakter wird von jedem anders empfunden, hier fehlen mir eindeutige Vergleichsaufnahmen. Sicher, jeder in der Musikbranche hat wohl den SM58 Sound im Ohr, aber wie klingen die beschriebenen Unterschiede tatsächlich?

    Da beide Kandidaten in dem gleichen Preissegment liegen, kann man dieses Rode also auch nicht als „günstige Alternative“ zur Konkurrenz anpreisen, wie es bei vielen der übrigen Rode Produkte der Fall ist. Bestes Beispiel hierfür: NT5 vs. KM184. Ich bin mir aufgrund guter Erfahrungen mit dem Hersteller zumindest sicher, dass es sich auch hier um ein gutes Produkt handelt.

    Aber: Mikrofone sind für Sänger und Recordingleute ebenso eine Geschmacks- und Gewöhnungsfrage wie dem Gitarristen seine Axt, oder dem Schlagzeuger seine Sticks. Meine bevorzugte Alternative zum SM58 ist beispielsweise ein altes, hier wenig bekanntes, EV PL95.

  2. Profilbild
    mort77

    …das SM58 ist schon seit einiger Zeit auf den Bühnen von besseren Mikros abgelöst worden und bei Sängern heute eher unbeliebt und als veraltet verschrien.
    Das SM58 klingt eher dumpf, heute wird aber ein anderer Klang bevorzugt- eher höhenbetont, deswegen sieht man heute eher Sennheiser, Neumann und Konsorten auf der Bühne…
    Das Mikro ist beliebt bei Leuten, die es halt schon immer benutzten (Bono), Mischern, die sich nicht umgewöhnen wollen und Leuten, die „diesen Namen halt oft gehört haben“ und es deswegen kaufen. Und bei den vielen Sängern, die sich standhaft weigern, überhaupt Geld für Technik auszugeben (Motto: „bezahlt mir die Gesangsanlage, die ist ja für die ganze Band! Ich hab ja schon ein tolles Mikro im Kaufhaus besorgt!“)

    Das Mikro sollte man deswegen nicht unbedingt als Referenz für ein neues Produkt verwenden, denn „Klassenprimus“ ist es schon lange nicht mehr. Um bei der Analogie zu bleiben: der Klassenprimus ist NIE der beliebteste Schüler, sondern der beste, und der wird eher verdroschen als gelobt. Klassenprimus ist das SM58 also ganz sicher nicht mehr, egal wieviele drauf schwören.

    Bleibt nur noch die Robustheit als Argument- aber bei den lächerlich niedrigen Preisen selbst für die relative Bühnenmikro-Oberklasse zählt das auch nicht, wenn man daran denkt, daß alle anderen Musiker bedeutend empfindlicheres, teureres, klobigeres Gerät mit sich herumtragen, ohne daß es dauernd kaputt geht. Das Argument dürfte also eigentlich nur für die Roger Daltrey-Fraktion zählen- die meisten Sänger werfen aber mit dem Mikro nicht um sich.

    Und da sich mittlerweile das drahtlose System durchsetzt und der Sender im Zweifelsfall als erstes kaputtgeht, tritt auch dieses Argument in den Hintergrund, wenn man jetzt nicht gerade von Jugendzentren ausgeht.

    Meine Frau will auch nur das 58, „weil Björk es benutzt“. Tja, was soll man da sagen…

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