Test: Tascam TA-1 VP, Vocal Prozessor

27. Februar 2021

Tascams Stimmwunder - für Studio und Bühne

tascam ta 1 vp test

Tascam TA-1 VP, Vocal Prozessor

Schon viele Jahre kennen wir die Software Auto-Tune, diese ist bereits außerhalb der Studioszene zum geflügelten Wort geworden. Wer immer verdächtigt wird, nicht singen zu können, aber erfolgreich Platten verkauft, benutzt natürlich Autotune. So wie natürlich sowieso nur die Produktion per Computer unausgebildete Musiker mit Mausklick in wahre Größen verwandelt. Zumindest meint das der Volksmund. Es ist ja auch nicht ganz falsch. Allerdings kennt er auch nicht die ganze Wahrheit: De facto sind computerveredelte Produktionen und DSP-polierte Auftritte heutzutage Standard und das Publikum würde viele ihrer Helden ohne Hilfen kaum mögen und wäre bei Konzerten ohne besondere Effekte recht gelangweilt. Für junge Musiker schließlich sind Produktionshilfen eigentlich unverzichtbar und sei es auch nur zur Selbstmotivation: Endlich hört sich das mal amtlich an – das gibt Hoffnung, ein besseres Demo, und das motiviert schließlich zum Üben.

Mit dem TA–1 VP hat Tascam schon lange ein Effektgerät im Programm, das Antares Autotune, das Symbol von Überproduktion, Technisierung der Populärmusik und überhöhten Anspruch, frech in ein bühnentaugliches leichtes 19-Zoll-Gehäuse integriert und obendrauf noch den Anspruch setzt, beliebige Mikrofone per Modeling-Algorithmus zu veredeln. Obendrein integriert es noch einen kompletten Channel Strip mit Vorverstärker, EQ, Kompressor und einem ebenfalls von Antares lizensierten Mikrofon-Modeller zum Nachbilden bekannter teurer und seltener Mikrofone.

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Was bietet der Tascam TA-1 VP?

Der TA–1 VP ist hochwertig und stabil verarbeitet. Er bietet zunächst einmal genug Presets an, um einen Eindruck von den klanglichen Möglichkeiten zu gewinnen. Er wirkt optisch etwas angestaubt, klingt gut und sauber, auch ohne große Artefakte zu erzeugen.

Auffällig ist der an der Front angebrachte Mikrofonanschluss, der ein direktes Anschließen jeglicher Mikrofontypen erlaubt: Phantomspeisung ist ja zuschaltbar. So lässt sich problemlos überall arbeiten. Beleuchtete Gummitaster in sechs Gruppen und ein Jog-Dial ermöglichen eine an sich intuitive Bedienung, als LED-Ketten ausgeführte Input- und Output-Anzeigen, zwei Anzeigen zur Gain-Reduktion für Compressor und De-Esser sowie eine Korrekturanzeige für Auto-Tune geben genug optisches Feedback. Ein makelloses deutsches Handbuch führt durch alle wesentlichen Aspekte des Gerätes und liefert Hintergrundinformationen.

Der Aufbau der Front ist recht logisch: Von links nach rechts beginnend wird das Eingangssignal systematisch vom Mic-Modeller über Autotune hin zu Compressor/Gate, De-Esser, Equalizer und Double-Track veredelt. Mit anderen Worten: Gesang wird zuerst per Mic-Modeller der gewünschten Mikrofoncharakteristik – alt oder neu, edel oder schlecht – nahegebracht, dann via Autotune von Intonationsfehlern korrigiert (oder eben Cher-artig veredelt), dann werden Atempausen mittels Gate herausgeschnitten, um den Gesang anschließend mittels Kompressor etwas lauter zu gestalten. Nun folgt der De-Esser, der Zischen und überbetonte S-Laute absenkt, und mittels EQ wird unser Gesang an Mix oder Räumlichkeit angepasst. Zum Schluss gibt es noch die feine Option, unseren Sänger mit sich selbst mal ein Duett singen zu lassen – sprich: Das Originalsignal wird mit einer leicht in seiner Intonation veränderten Version seiner selbst gedoppelt.

Welche Anschlüsse bietet der TA-1 VP?

Auch auf der Rückseite fehlt wenig. Um das Gerät im Studio für den Mixdown einzusetzen, gibt es einen Klinkenein- und -ausgang, ein zweiter Ausgang ermöglicht die separate Bearbeitung eines künstlich gedoppelten Signals. Auch gibt es einen Digitalausgang, aber leider keinen Eingang.

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Die Rückseite mit den Anschlussmöglichkeiten

Schade, aber bei der Qualität der verbauten Wandler nicht unbedingt nötig. Ein MIDI-Duo erlaubt die Fernsteuerung vieler Parameter, ein Fußschalteranschluss macht das fummelige Umschalten von Presets oder Ein-/Ausschalten von Blöcken auf der Bühne unnötig, Fußschalter vorausgesetzt, natürlich.

Einzelbausteine 1: Antares Auto-Tune und Microphone Modeller

Vorab zunächst das offizielle Video zum TA-1 VP, das die wichtigsten Informationen und Einstellungsmöglichkeiten gut darstellt:

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Kommen wir zunächst zum wichtigsten Modul des TA–1 VP: Auto-Tune und seinem kleinen Cousin, dem Microphone Modeller.

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Zuerst ein paar Worte vorab für all diejenigen die mit dem Begriff Auto-Tone noch nichts anfangen können: Prinzipiell ist Auto-Tune eine automatische Tonhöhenkorrektur, die vor allem für Gesang optimiert wurde. Zuerst wird die Tonhöhe des Signals analysiert, wobei ungefähr der Frequenzumfang der menschlichen Stimme analysiert werden kann. Durch Vergleich mit den fest einprogrammierten Skalen oder selber erstellten Tonhöhenabfolgen wird dann das monophone Eingangssignal auf den nächsthöheren oder tieferen Wert getrimmt, also korrigiert. Die Geschwindigkeit dieser automatischen Korrektur kann eingestellt werden. Erfolgt sie sehr schnell, klingt es sehr künstlich, aber gut: Der berüchtigte Cher-Effekt veredelte schon ganze Produktionen.

Auto-Tune korrigierte eine fehlerhafte Aufnahme

Auto-Tune korrigierte eine fehlerhafte Aufnahme

Auto-Tune ist in der Praxis vor allen Dingen ein Korrekturwerkzeug, das live einer schon guten Stimme etwas mehr Professionalität verleihen kann. Es ist aber keine Universalwaffe im Kampf gegen Unzulänglichkeiten in der eigenen Stimmausbildung. Gesang ohne Training wird kaum von Auto-Tune profitieren. Auch ist die Bedienung nicht ganz so einfach, wie es häufig dargelegt wird. Man muss die Gesangsmelodien in Noten vorliegen haben, um sie mittels der eingebauten oder gar selbst programmierte Skalen korrigieren zu können. Sonst bleibt es beim intuitiven Einstellen mittels der Presets, was nur selten zu richtig guten Ergebnissen führt.

Die Bedienung an sich ist aber sehr unkompliziert: Man bestimmt die Skala, sprich die Notenabstände und eventuell zu unterdrückende Noten, und legt dann die Geschwindigkeit fest. Insgesamt ein sehr nützliches Werkzeug, dessen Bedienung gut gelöst wurde.

Was bietet der Microphone Modeller?

Der Microphone Modeller arbeitet eigentlich ähnlich: Einem Eingangssignal wird in zwei Schritten eine gewünschte Charakteristik verliehen. Zuerst wird das Eingangssignal auf ein generisches Mikrofonmodell hin verborgen, sprich entzerrt, und dann wird dieses Signal anhand verschiedener klassischer (aber nicht namentlich genannter) Mikrofonmodelle neuge- und überformt. “Spectral Modeling” nennt das Antares, faktisch ist es wohl ähnlich wie das Anpassen des Bandsounds an die Location mittels Mehrband-EQ. Dazu kommt eine Röhrenemulation.

Um den Microphone Modeller zu verwenden, stellt man zuerst am Gerät sein eigenes Mikrofon ein. Es gibt hier eine gewisse Anzahl an Presets, gängige Klassiker und einige beliebte Kondensatormikrofone inklusive. Entsprechend wählt man ein gewünschtes Mikrofon, etwa ein Großmembran-Kondensatormikrophon, Markennamen werden einem hier nicht angeboten, aus und, falls gewünscht, etwas Anwärmen durch die sehr gut klingende Röhrensimulation.

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In der Praxis entpuppt sich der Microphone Modeller vor allem als subtile Hilfe beim präzisen Abstimmen von Gesangstimmen für den Mix. Wie bei all diesen Verfahren sollte man aber keine übertrieben hohen Ansprüche stellen, sonst wird man schnell etwas enttäuscht. Aus einem günstigen Kondensatormikrofon wird selten ein teures Neumann. Als Gesamtbaustein im Gerät ist der Microphone Modeller aber wirklich sehr nützlich, hier kann man wichtige Feinabstimmungen und das Quäntchen Wärme realisieren, das dem Gesang  mehr Intimität gibt. Auch gibt es hier viel Potential für interessante Effekte, zum Beispiel für gehauchte Stimmen in langsameren Passagen.

Einzelbausteine 2: Kompressor, Gate und De-Esser

Um ein Gesangssignal durchsetzungsfähiger und vom unerwünschten Rauschen und überbetonten Zischlauten zu befreien, besitzt der TA–1 VP eine Reihe von einfach zu bedienenden, aber wirkungsvollen Bausteinen.

Das integrierte Gate befreit vom Rauschen und leisen Nebengeräuschen wie Computerlüftern oder Trittschall. Dazu lässt es keine Signale durch, die unter einem bestimmten Schwellenwert (Threshold) liegen. Der Kompressor arbeitet ähnlich: Sobald ein Signal eine bestimmte Lautstärke erreicht, regelt er das Signal schnell mit einem bestimmten Verhältnis (Ratio) herunter. Dadurch ist das Signal etwas leiser, aber kann im Gesamten höher ausgepegelt werden. So wird die Durchsetzungsstärke erhöht. Durch Einstellen der Einschwingzeit (Attack) und Ausklingzeit (Decay) dieser Lautstärkeregelung können fühl- aber kaum hörbare Rhythmus-Feineinstellungen erzielt werden. Für Stimmen sind diese vor allem bei House- oder Popmusik interessant, typisches Einsatzgebiet sind eher perkussive Instrumente. Ein De-Esser ist eigentlich eine Sonderform von Kompression: Nur bestimmte Frequenzen, die genau den durch Mikrofone überbetonten S- oder Zischlauten entsprechen, werden in ihrer Lautstärke automatisch heruntergeregelt, ohne das Gesamtsignal zu zerstören.

Gleichzeitiger Einsatz von Kompressor und Gate als Expander

Gleichzeitiger Einsatz von Kompressor und Gate als Expander

Wie in Bild 5 zu sehen, lassen sich im TA–1 VP Gate und Kompressor auch kombinieren, um leise Passagen etwas anzuheben. Dieses Verfahren (Expander) findet sich gelegentlich in teuren High-End-Geräten und wird daher selten genutzt. Integriert sind diese Verfahren in Form zweier separater Blöcke: dem Compressor/Gate auf der einen Seite und dem De-Esser auf der anderen. Der Kompressor lässt die Regelung aller beschriebenen Parameter zu und ermöglicht auch eine Feineinstellung mittels “Knee”-Parameter. Ein “Hartes Knie” bedeutet einen schnellen, harten Regelvorgang, ein “weiches Knie” sanfte Kompression. Dies bedeutet eine sehr feinfühlige Einstellung gerade für verschiedene Gesangs- und Musikstile oder für einen Wechsel von verschieden gesungenen Passagen.

Auch für andere Instrumente ist eine Einstellmöglichkeit dieses Parameters sehr hilfreich, gerade wenn es darum geht, ein Höchstmaß an Natürlichkeit zu bewahren. Der De-Esser ist ebenfalls in Schwelle (Threshold), Verhältnis (Ratio), Einschwingzeit (Attack) und Ausschwingzeit (Decay) regelbar. Darüber hinaus kann die Frequenz seines Einsetzens, also der stärksten wahrnehmbaren S- und Zischlaute, bestimmt werden.

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In der Praxis muss hier sorgfältig gearbeitet werden, sonst merkt man keinen sehr großen Unterschied. Wie auch beim Kompressor/Gate, ist die Bedienung hier praxisgerecht, aber auch nicht ganz so einfach wie bei spezialisierten Geräten. Während man sich live am besten mit einem universellen Kompressor-Preset oder (besser) per Fußschalter wechselbaren Presets für jeden Song behilft, ist im Studio eine Vereinfachung wärmstens zu empfehlen. Beispielsweise kann man einen der günstigen Universal-MIDI-Controller einfach programmieren – der TA–1 VP lässt ja die Fernsteuerung seiner Parameter via MIDI sehr einfach zu.

Insgesamt finde ich die “Dynamics” im TA–1 VP sehr gelungen. Sie verbinden praxisgerechten Anspruch mit genug Detailregelmöglichkeiten und klingen wirklich sauber.

Fazit

Die wichtigsten Einzelbausteine sind wirklich gelungen. Wie hält der Rest des Gerätes im Vergleich mit? Der Mikrofonverstärker ist neutral und sauber, rauscht aber ein wenig zu stark für die Preisklasse. Im Studio sollte man besser etwas Edleres nehmen – für live ist es absolut genug. Der eingebaute 2-Band-EQ lässt sich äußerst flexibel einstellen und klingt wirklich gut.

Die Bedienung ist insgesamt schnell zu erlernen. Fast jedes Bedienelement sitzt dort, wo man es erwartet. Per MIDI lässt sich praktisch alles fernsteuern, gut besonders fürs Studio und komplexere Bühnen-Setups. Es gibt 30 Presets, und die sind wirklich brauchbar, es sind nur etwas wenige. Darunter sind auch einige, die für andere Instrumente konzipiert wurden. Schließlich lässt sich der TA–1 VP auch gut für andere Studio- oder Livezwecke benutzen.

Die nicht genauer beschriebene Double Track Funktion lässt per Knopfdruck das prozentuale Zumischen zum Mix-Out zu oder ermöglicht im Stereo-Modus einen Breitwandsound, der extrem professionell klingt. Sehr beeindruckend für einen so einfachen Knopf. Mich stören eigentlich nur die geringe Anzahl an Presets, der Mikrofonvorverstärker und der fehlende Digitaleingang, sonst nichts.

Auto-Tune klingt so gut wie der Rest des Gerätes, und mittels der Vielzahl an Regelmöglichkeiten kann man sich praktisch jeden gewünschten Vokalsound zusammenbasteln, auch für experimentellere Stücke. Fehlt eigentlich nur Reverb und Delay – vielleicht ein Tipp für ein weiteres Gerät von Tascam.

Eigentliches Highlight ist die durchdachte Gesamtkonzeption des Gerätes: eine gelungene Lösung für werdende Sänger, Studioenthusiasten oder Bands.

Plus

  • sehr guter Gesamtklang
  • universell einsetzbar, live oder im Studio
  • Auto-Tune wirklich gut integriert
  • Details wie Double-Track, Expander, Tube-Emulation oder praktische MIDI-Implementation

Minus

  • Mikrofonvorverstärker rauscht etwas zu stark für die Preisklasse
  • zu wenig Presets und Speicherplätze
  • kein Digitaleingang

Preis

  • 398,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Ghostwalker  

    Die Stimme klingt wie ein gackerndes Huhn, da hilft nur Auto-Tune. Sparsam und richtig eingesetzt ein wirklich sinnvolles Werkzeug, aber was die Hip Hop Szene damit fabriziert hat ist echt übel. Das Gerät finde ich jedoch ganz gelungen, dank dem Channel Strip.

  2. Profilbild
    P.Rotten  

    Minus Punkt: kein Digitalausgang? Ja sicher hat es einen Digitalausgang. Schaue auf das Foto von der Rückseite.

    • Profilbild
      index  AHU

      Als Minuspunkt wurde der fehlende DigitalEINGANG aufgeführt…nicht der Ausgang.
      Schaue auf das Foto von der Rückseite.

  3. Profilbild
    Eibensang  

    Wenn ich nach den Tonbeispielen gehe (und woran soll ich mich sonst halten), überzeugt der De-Esser überhaupt nicht: Das Gezische nimmt nur in dem Maß ab, wie das Signal (verstörenderweise) leiser und dünner wird. Klar: Man könnte auch ganz aufhören zu singen, dann zischt bestimmt nix mehr, haha!

    Und dann rauscht das Gerät noch zu sehr „für diese Preisklasse“? Das erscheint mir dann, trotz brauchbar klingenden Kompressors und Mikrofon-Modelings, nicht mehr preiswert im Wortsinn.

    Muss allerdings zugeben, dass ich kein Fan von Tonhöhenkorrektur an sich bin. Selbst diejenigen meiner Gesänge, die diesbezüglich in „professioneller Behandlung“ waren (bei hauptberuflichen Produzenten mit Top-Equipment), machten mich nicht glücklich – ich vermeinte da immer, eine unnatürliche Verfärbung herauszuhören, die mir dem Ganzen abträglicher schien als ein nicht 101-%ig getroffener Ton.

    Da hat’s so ’ne mittelmäßige Kiste schon schwer, meine linke Augenbraue zu Minimalbewegungen zu animieren. ;-)

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