Tommy Emmanuel: Seine Gitarren, seine Musik

21. Februar 2019

Das akustische Feuerwerk!

Tommy Emmanuel

Tommy Emmanuel

Tommy Emmanuel– welche Eigenschaften fallen einem beim Hören dieses Namens ein (vorausgesetzt, man weiß schon, um wen es geht)? An dieser Stelle wird nur eine vorgeschlagen, dafür sehr breit in ihrer Bedeutung angelegt: Spielwitz. Aber wir sind hier nicht, um Semantik zu zelebrieren, sondern viel mehr, um uns einen Gitarristen zu nähern, dessen schwindelerregende Technik, gepaart mit unbestreitbaren Entertainerqualitäten, aus ihm einen wahren Ausnahmekünstler unserer Zeit machen.

Es war einmal in Down Under …

Geboren am 31. Mai 1955 im australischen Muswellbrook als einer von sechs Kindern, wurde William Thomas „Tommy“ Emmanuel schon im zarten Vorschulalter mit dem Musizieren an der Gitarre vertraut gemacht; spielerisch vielleicht, aber mit einem klaren Ziel vor Augen: Seine Lapsteel-spielende Mutter begleiten zu können – musikalische Früherziehung im wahrsten Sinne, würde man aus heutiger Sicht denken. „Phase 2“ wurde gleich vom Vater in Form einer Familienband eingeleitet, zu der auch Tommys älterer Bruder Phil gehörte und mit der die Emmanuel-Kinder ein gutes Stück Kindheit on the road verbrachten.

Noch in seiner Jugend zog es Tommy Emmanuel nach Sydney, in deren Musikerszene er sich in kurzer Zeit einen Ruf als begnadeter Begleiter erarbeiten konnte, sowohl im Studio (Beiträge als Koautor inklusive) als auch auf der Bühne. 1979 brachte er dann sein erstes Soloalbum From Out of Nowhere heraus, dennoch sollte fast ein Jahrzehnt vergehen, bis er das Dasein als sideman ruhen ließ und den Fokus konsequent auf seine Solokarriere richtete. Ein Schritt, der sich für den Künstler reichlich auszahlen sollte – für Liebhaber der Gitarrenmusik sowieso!

Geselle und Meister

Wie ein Schwamm sog der Autodidakt Tommy Emmanuel seit seiner Kindheit alles in sich auf, was musikalisch um ihn herum passierte. Und so wundert es heute kaum, dass er in mehreren Genres auf meisterhafte Weise zu Hause ist.

Nach seinen Einflüssen befragt, ist sich Tommy Emmanuel nie zu schade, die Namen vieler seiner Vorreiter im Olymp der Gitarrenmusik aufzuzählen. Würde man diese in einer Art Ältestenrat zusammenbringen, dann stünden u. a. stellvertretend für die Country-Fraktion Buck Owens und Merle Travis sowie die Songwriter-Ikonen Hank Williams und Jimmie Rodgers; Wes Montgomery, Django Reinhardt und Larry Carlton säßen für die Jazzer dort, während Julian Bream, Andrés Segovia und Paco de Lucía (O-Ton: „probably the best guitar player I’ve ever witnessed“) die Fahne der Klassik halten würden. Sehr wahrscheinlich würde dann der Alleskönner Lenny Breau das Ganze koordinieren.

Es gibt allerdings einen Namen, bei dem die Bewunderung Tommy Emmanuels beinah mystische Züge annimmt: Chet Atkins. Er selbst sagt es mit diesen Worten „Ich tue mein Bestes, um Chet und andere zu ehren, die vor mir da waren und um diese Spielweise am Leben zu halten, indem ich sie einer jüngeren Generation näher bringe“.

Den Kontakt zum großen Idol suchte schon Teenie Emmanuel über den Postweg; sein Gesuch wurde letztendlich enthusiastisch erwidert und so begann eine Brieffreundschaft, die erst 1980 durch persönliches Kennenlernen gekrönt wurde, im Rahmen des ersten Amerikabesuchs des Australiers. Spielte in der Verbindung zwischen beiden Musikern Hochachtung eine Rolle, war diese keinesfalls eine Einbahnstraße, zumal der alte Meister Atkins immer wieder öffentlich erkennen ließ, wie viel er von seinem Jünger aus Down Under hielt. Im Atkinsschen Universum gilt zudem der Titel des Certified Guitar Player als besondere (weil seltene) Ehrung und Tommy Emmanuel empfing diesen etwas anderen Ritterschlag 1999 aus den Händen des Mentors selbst, zwei Jahre vor dessen Tod. So erklärt sich die Bedeutung der Inschrift CGP, die heute Tommys eigene Signatur ergänzt. Ein Highlight jener Begegnung aus der Abteilung „Erfüllte Träume“ war ohne Zweifel die 1997 erschienene Kollaboration The Day Finger Pickers Took Over the World, eine Produktion, die von der Kritik gefeiert und von der Industrie mit einer Grammy-Nominierung anerkannt wurde.

Tommy Emmanuel

Chet Atkins und Tommy Emmanuel – Gipfeltreffen der Fingerstylers

Tommy Emmanuel – ein bisschen Technik

Abgeriebene Flächen hinter dem Steg und ums Schallloch, mit der Plektrumkante eingravierte Rillen in allen Richtungen – wirft man einen Blick auf Tommy Emmanuels Gitarren, fallen als Erstes die ramponierten Decken auf. Wer da an Relicing oder gar an besonders alte Instrumente denkt, liegt falsch, denn diese Narben sind viel mehr der extravaganten Spieltechnik Emmanuels geschuldet, welche den Instrumenten den letzten Tropfen Vielseitigkeit abverlangt. So muss die Gitarre -mittels diverser Formen des Klopfens und Reibens und oft innerhalb eines einzigen Songs- als Bongo, Cabasa, Kontrabass … gar als Didgeridoo (!) herhalten.

Aber was hat es mit dieser Spieltechnik auf sich? Als Basis dient das unter Country-Spielern weitverbreitete Travis-Picking, bei dem der rechte Daumen Basspatterns (meistens auf zwei Saiten abwechselnd) spielt, während Zeige- und Mittelfinger auch abwechselnd das Zupfen hoher Töne übernehmen. Aber weil der gute Tommy kein Purist ist, benutzt er auch den Ringfinger wenn notwendig. Entscheidend ist: Der Daumen verrichtet seine Arbeit völlig unabhängig gegenüber dem, was die anderen Finger machen.

Meistens sieht man ein Daumenplektrum im Einsatz, manchmal auch ein Mandolinenplektrum oder – warum nicht – einen Schlagzeugbesen. Ohne Kunststoff zwischen Anschlaghand und Saiten geht es auch, vor allem bei den Balladen aus seinem Repertoire, die an den eher zurückhaltenden (und dennoch filigranen) Stil von Songwritern wie James Taylor oder Gordon Lightfoot erinnern lassen, die Emmanuel zu seinen zahlreichen Einflüssen zu zählen pflegt. Auf dieser großzügigen Basis gibt es dann Platz, um einen weiten Bogen zu spannen, von Country über Pop und Jazz bis hin zu Weltmusik.

Auf dem Cover eines seiner Alben fragte sich Frank Zappa vor vielen Jahren, ob Humor zur Musik gehört. Ergänzt man Humor um den Begriff „Unterhaltung“, ist die Frage mit einem „Ja“ zu beantworten, und so bekommt man eine ziemlich klare Darstellung dessen, was die Kunst des Tommy Emmanuel als Ganzes ausmacht. Denn er lässt nicht nur seine akustischen Gitarren in mehreren Zungen sprechen, sondern fesselt das Publikum mithilfe seiner charismatischen Natur. Auf der Bühne präsentiert sich ein Musiker, der als One-Man-Band agierend seine Performance mit vollem Körpereinsatz und einem schier endlosen Fundus an Anekdoten und Bonmots bereichert. Dass er all dies so natürlich und unangestrengt erscheinen lässt, kann unter Umständen zu Unverständnis führen – kein Problem: Der Mann ist eh eine Ausnahme!

Tommys Spielsachen

Von einem fingerzupfenden Akustikgitarristen wird nicht vermutet, dass er mit einem Arsenal an Effekten und verschiedenen Instrumenten aufwarten würde (es sei denn, sein Name ist Adrian Legg, aber das ist eine andere Geschichte …). Und genau so verhält es sich bei dem virtuosen Tommy Emmanuel, dessen bescheidener Bedarf an Equipment auf Handgepäck-Niveau einer imaginären Tragbarkeitsskala einzustufen wäre. Das heißt jedoch noch lange nicht, seine Wahl fiele auf irgendwelche Klampfen und Boxen, denn zurzeit vertraut er fast ausschließlich auf Maßgeschneidertes.

Sowohl auf seinen Alben als auch auf der Bühne bleibt er den Instrumenten der australischen Edelgitarrenschmiede Maton treu, welche seine Signatur tragen, jeweils mit der Modellbezeichnung 808 TE Personal bzw. EBG808TE/C („C“ womöglich für „cutaway“ stehend).

Tommy Emmanuel

Maton EBG808 Tommy Emmanuel

Das elektroakustische Signal der Gitarren wird von einem Pocket Tools Dual Mix des deutschen Herstellers AER vorverstärkt und an einen 2-kanaligen Verstärker aus der Compact-60-Serie der selben Marke weitergeleitet, dessen Bezeichnung jedoch um den Vermerk – man ahnt es – „Tommy Emmanuel Limited“ ergänzt wurde. In Sachen Effekte belässt es Australiens Liebling ganz spartanisch bei einem Boss Chromatic Tuner TU-3 vor seinen Füßen, während sein Tontechniker Steve Law sich um den subtilen Einsatz von Reverb und/oder Delay kümmert.

Tommy Emmanuel

Der AER Compact 60 IV

„Moment mal: Ich habe ihn auf YouTube-Videos mit einer Tele spielen sehen!“ wird der aufmerksame Leser vehement hinzufügen – und nicht ohne Recht, denn unser Akustikheld spielt in der Tat gelegentlich auch elektrisch. Und mit dem Stichwort „Tele“ läge der Leser ebenfalls goldrichtig, denn es handelt sich meistens um eine ziemlich abgenutzte Telecaster (Baujahr 1967) mit einer Pickup-Konfiguration ähnlich einer der Deluxe-Nashville-Modelle, sprich mit 3 Tonabnehmern.

Weniger bekannt ist jedoch die Tatsache, dass Fender im Jahr 1998 in ihrer mexikanischen Produktionsstätte ein Telecaster Tommy Emmanuel Signature Model herstellen ließ. Die Serie war für den australischen Markt gedacht und auf 160 Instrumente limitiert, die der Legende nach innerhalb eines Monats vergriffen waren – wenn das kein Lokalpatriotismus ist!

Tommy Emmanuel

Tommy Emmanuel auf der Bühne – gelebte Gitarrenkunst

Eine Liebeserklärung

Es ist schon einige Jahre her, als ein Interviewer des Guitar-Player-Magazines Tommy Emmanuel fragte, ob er nach all den Jahren überrascht sei, dass eine einfache Akustikgitarre eine Quelle endloser Inspiration sein könnte, worauf Tommy antwortete: „Manchmal nach einem Gig sitze ich in meinem Hotelzimmer und schaue auf zu meiner Maton und wundere mich über die Sounds, die aus dieser kleinen Kiste kommen. Jerry Reed sagte es einmal vollkommen richtig: ‚The guitar is always the same … beautiful!‘“  Beautiful, eben!

Forum
  1. Profilbild
    0gravity  

    Schön, dass Tommy Emmanuel hier gewürdigt wird.
    Vor allem live muss der Mann ein Ereignis sein.
    Er war vor einigen Jahren hier in der Gegend und es waren meine Familie, sowie auch viele Freunde und Bekannte im Konzert, die alle restlos begeistert waren. (hatte sogar eine Karte, war aber kurzfristig verhindert.)
    Leider ist er ja nicht so oft in Deutschland, aber ein TE-Konzert steht auf jeden Fall noch auf meiner „to do“-Liste.

  2. Profilbild
    Sven Rosswog  RED

    Hab den Herren vor ein paar Monaten auf youtube entdeckt und da hat er noch mit einer Person gespielt, die mich noch mehr vom Hocker gehauen hat und über die ich mir jetzt auch ein Artikel wünschen würde: Richard Smith. Bei Richard Smith stehen so kommentare drunter wie: i play now since 25 years, bu i never see something like this, oder watch video, take all my guitars and burn them. Beides absolute meister, aber die fingerfertigkeit von richard smith lässt mir die augen aus dem kopf treten: empfehle seine live version von warm and windy und die duos nit tommy in der tube….. burner

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      ArvinG  

      Ich finde das ja immer niedlich, diese Art von Kommentaren „take all my guitars and burn them“, typischerweise von Leuten, die sich durch bloße Technik leicht beeindrucken lassen und offenbar Gitarrespielen als eine Art von Sport auffassen. Nicht die Fingerfertigkeit, sondern die Musikalität (und Individualität) zählt am Ende des Tages, jedenfalls nach meiner Meinung. Letzteres braucht nicht unbedingt ersteres, aber ersteres braucht letzteres, sonst ist das nur leere Virtuosität,

      Dazu mal ein Zitat von Ralph Towner: „When people are too conscious of what a good guitar player you or how clever you are, it puts things into the realm of a circus for me. Your cleverness should be used to make people be non-judgmental about the instrument and how it’s played, and become swept away by the story you’re telling.“

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