Workshop: Die Basics für VJing Live Visuals

3. April 2008

Bewegte Tapeten

Die Basics für VJing Live Visuals

c Shutterstock

Eine Einführung in die Welt der Live Visuals

„Bewegte Tapeten“ – so beschreibt manch selbstironischer VJ das Ergebnis seiner Arbeit, war es doch in den letzten Jahren nicht immer leicht, Aufmerksamkeit für die neue Kunstform Live Visuals zu erhalten. Doch die Zeiten ändern sich, und langsam aber sicher verbreiten sich Visuals in Clubs, Konzert-Locations und Theatern. Die DJs müssen etwas zusammenrücken, um den VJs und ihrem vielfältigen Gerätepark aus Notebooks, DVD-Playern und Videomischern Platz zu machen.

Wie intensiv Bild und Ton in unserer Wahrnehmung zusammenspielen, lässt sich leicht überprüfen: Der Actionfilm im Fernsehen macht mit ausgeschaltetem Ton plötzlich überhaupt keinen Sinn mehr, und nur den Soundeffekten zu lauschen ist genauso langweilig. Visuelle und akustische Eindrücke verstärken sich gegenseitig, und im Nachhinein betrachtet ist es ein Rätsel, warum Live Visuals so lange mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen hatten.

VJs generieren Filme aus Videoschnipseln und selbstgebauten Animationen, die mit Projektoren, Monitoren oder Fernsehern dem Publikum präsentiert werden und die musikalische Performance eines DJs oder einer Band ergänzen. Das Ganze geschieht wie beim DJ Live und in Echtzeit, denn nur so kann der VJ synchron zum Tempo der Musik arbeiten und zu jeder Stimmung die passenden Bilder liefern. Das ist anstrengend und aufwändig, daher erkennt man VJs am Ende einer Party meist daran, dass sie deutlich nüchterner sind als die DJs – einfach, weil sie nicht zum Trinken gekommen sind.

Die Basics für VJing Live Visuals

Die Wirkung von Visuals hängt von einer ganzen Reihe verschiedener Faktoren ab: Helligkeit, Geschwindigkeit, Farbe, Bewegung und die verwendeten Motive – all das beeinflusst das entstehende Raumgefühl. Dabei wirken Visuals oft unbewusst, und sind durchaus in der Lage, die Stimmung des Publikums wesentlich zu beeinflussen.

Jede dieser Eigenschaften während einer Live Performance zu kontrollieren, ist nicht ganz einfach und erfordert eine Menge Erfahrung und ein gutes Gespür für Bildwirkung. Während der DJ in vielen Fällen nur beim Übergang zwischen zwei Songs aktiv wird und in der Zwischenzeit höchstens den laufenden Track akustisch ausschmückt, ist beim VJ ständige Aktivität gefragt. Einzelne Clips laufen oft nicht länger als fünf Sekunden und Videospuren wollen ständig synchron zum Beat hin und her gecuttet werden. Dazu muss der VJ auf jede Veränderung in der Musik adäquat reagieren, und zum Beispiel zu einem Break die Geschwindigkeit der Clips runterfahren oder eine Steigerung visuell untermalen.

Des VJs Werkzeugkasten

Die Basics für VJing Live Visuals

VJ-Setup mit Notebooks, DVD-Playern und einem Videomischer

Da ist es unabdingbar, auf zuverlässige Werkzeuge zurückgreifen zu können, die speziell auf die Bedürfnisse von VJs zugeschnitten sind, und zum Glück gibt es davon inzwischen eine ganze Menge. Für die meisten VJs bilden ein oder mehrere Computer das Zentrum ihres Setups, denn die sind recht günstig und enorm flexibel. Eine Vielzahl verschiedener Programme ermöglicht zahlreiche unterschiedliche Arbeitsweisen.

Dabei ist die verwendete Plattform egal, und selbst brauchbare kostenlose Tools sind in der Entwicklung, darunter das ambitionierte Open Source Projekt „Mute VJ“. Beliebte kommerzielle Tools sind Modul8 von Garagecube für den Mac und Resolume für den PC. Beide Programme werden mit einem Haufen Clips geliefert, die es dem angehenden VJ erleichtern, direkt loszulegen.

Wer sich eingehender mit VJ-Software beschäftigt, wird schnell feststellen, dass alle ein bestimmtes Problem haben: Schnelles, intuitives reagieren verträgt sich einfach nicht mit der Maus-Bedienung, die nur ein eher gemächliches Klicken und Ziehen der zahlreichen Buttons und Drehregler ermöglicht. Bis man den richtigen Knopf gefunden hat, um die monströse Bassline des laufenden Tracks optisch zu würdigen, hat der DJ längst den nächsten Mix gemacht.

Rettung vor dem ewigen Zu-Spät-Kommen kommt in Form von MIDI-Controllern. Meist als Keyboards und oft ergänzt mit Fadern, Buttons und Drehreglern kommen diese Geräte daher, lassen sich unkompliziert über USB anschließen und ermöglichen es dem VJ, auf alle wichtigen Parameter der Software direkt zuzugreifen. Allzu teuer sind die Teile auch nicht, günstige Keyboards fangen schon bei unter 100 Euro an, wie etwa der Klassiker Oxygen 8 von M-Audio.

Die Basics für VJing Live Visuals

Mit der passenden Software hat der VJ alle Parameter immer im Griff

Expansion!

Ein Computer und ein Controller sind bereits ein gutes Gespann, und werden den meisten Anfängern eine ganze Weile lang ausreichen. Wenn man die ersten Gigs erfolgreich über die Bühne gebracht, sich für ein Programm entschieden und dessen Bedienung gemeistert hat, wächst oft der Wunsch, das Setup entsprechend den eigenen Fähigkeiten zu erweitern. Dafür müssen allerdings erst einmal die Voraussetzungen geschaffen werden.

Sobald man es mit mehr als einer Videoquelle zu tun hat, benötigt man eine Möglichkeit, diese miteinander zu verbinden. Einfache Umschalter können für den Anfang reichen, ein Video-Mischer bietet allerdings weit mehr Kombinationsmöglichkeiten. Neben verschiedenen Bildeffekten kann zwischen den Quellen weich hin und her geblendet werden. Außerdem sind meist Live-Keys möglich, das bedeutet, den einfarbigen (meist grünen oder blauen) Hintergrund eines Videosignals durch ein anderes zu ersetzen. So ist es halbwegs problemlos möglich, einen Protagonisten, der vor einem blauen Vorhang agiert, in eine Western- oder Science Fiction-Szenerie zu setzen. Wenn man das denn will. Der bei VJs beliebteste Video-Mischer ist eindeutig der V-4 von Edirol (Straßenpreis ca. 900 Euro). Er bietet eine fast perfekte Ergonomie für den Live-Einsatz, viele sinnvolle Effekte und ist umfassend konfigurierbar. Alternativen gibt es von Numark und Pioneer.

Die Basics für VJing Live Visuals

Visuals können Räume und Stimmungen schaffen

So simpel es klingt: ein günstiger portabler DVD-Player mit eingebautem Monitor ist ein enorm praktisches Hilfsmittel. Zum einen lassen sich damit günstig weitere Video-Kanäle hinzufügen, um die Möglichkeiten des Video-Mischers auszunutzen. Zum anderen ist ein Clip, der ständig im DVD-Player vor sich hin loopt eine wunderbare Versicherung für den Fall, dass der Rechner mitten in der Performance aussteigt und der Club im kräftigen Blau der Windows-Fehlermeldung erstrahlt.

Video-Effektgeräte sind eine tolle Möglichkeit, mehr Abwechslung in das vorhandene Material zu bringen. Genau wie Effektgeräte für Gitarristen werden diese irgendwo zwischen Computer und Beamer eingeschleift und manipulieren das eingehende Videosignal. Bekanntester Vertreter seiner Gattung ist das Korg Kaoss Pad entrancer, dessen Effekte intuitiv über ein Touchpad kontrolliert werden können.

Ab hier stehen dem VJ endlose Möglichkeiten offen, das Setup seinem persönlichem Stil anzupassen. Extravagante MIDI-Controller oder Gitarrenverzerrer, VHS-Recorder oder manipulierte Mini-Fernseher – es gibt nichts was nicht geht, und wenig, was nicht schon versucht wurde.

Live Visuals sind ein enorm spannendes Betätigungsfeld, dessen Möglichkeiten und Grenzen gerade erst erforscht werden. Dieser Artikel soll eine Reihe von Workshops einleiten, in denen wir euch die Welt des VJings näher bringen wollen. Gerne stützen wir uns dabei auf euer Feedback: Was interessiert euch? Worauf sollen wir uns konzentrieren? Wir freuen uns auf eure Meinungen in den Kommentaren.

Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Ein schönes Tool zum Arbeiten mit Videoschnipseln und Arkaos ist der NUVJ von Numark, ein kleiner Controller, der sich ideal zum Live-performen eignet.

    • Avatar
      AMAZONA Archiv

      Ich nehme teilweise auch NUVJ her und bin recht zufrieden, grade die neue Version 1.5 bietet noch ein Stück mehr… gegen GrandVJ mit entsprechendem Midi-Controller hat NUVJ aber kaum eine Chance, kommt aber immer darauf an was man vor hat!

  2. Profilbild
    Florian Dobler  

    Hallo Aaron,
    vielen Dank für die Produktempfehlung.

    Der NUVJ ist für Einsteiger sicher eine runde Sache, mit dem großen Clip-Paket findet man einen schnellen Einstieg. Fortgeschrittene Anwender stoßen allerdings auch an die Grenzen von Controller und Software.

    Vielleicht ergibt sich ja bald die Gelegenheit zu einem ausführlicheren Test hier bei Amazona.de.

  3. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Superinteressanter Einstieg in ein immer mehr bedeutsames Thema – mich würde speziell interessieren, welche Möglichkeiten zur Kaskadierung von Flachbildschirmen es gibt (wenn man z.B. eine Hauptleinwand im klassischen 4:3 Format nutzt aber diese an der vorderen Truss durch Flachbildschirme (16:9, jedoch Hochkant) sinnvoll ergänzen möchte. Splitter? Signalverstärker? Was gibts da so alles?
    Außerdem interessant: LED-Technik im EInsatz mit Visuals (wie z.B. bei der aktuellen DSDS-Produktion). Vielleicht auch schon eine umfangreichere Vorschau auf Arkaos Grand VJ (kommt im Sommer 2008), ein Marktübersicht über die Anbieter von Visual-DVDs/Downloadportalen etc…

  4. Profilbild
    Florian Dobler  

    Hallo Dominik,
    das sind eine Menge guter Vorschläge, vielen Dank!

    Zu deiner Frage: um ein Videosignal zu beschneiden und zu drehen benötigst du bereits einen echten Signalprozessor, einfache Splitter oder Video-Wall-Controller sind damit meist schon überfordert.

  5. Avatar
    AMAZONA Archiv

    "Gitarrenverzerrer… es gibt nichts was nicht geht, und wenig, was nicht schon versucht wurde"
    was ein Gitarrenverzerrer im Mhz-Band ausrichten soll, würde ich mal gerne sehen ;)
    ansonsten gratulation
    anständiger Artikel, weiter so :)

    kollegiale gruesse
    hamageddon
    eyetrap.net

  6. Profilbild
    Florian Dobler  

    @nico: gut erkannt! da performt gerade mein kollege visuarte aus stuttgart.

    @hamageddon: vielen dank für die blumen. der zweite teil ist seit heute online, hoffe er gefällt ebenso. mit dem mhz-band hast du im prinzip recht, dass es trotzdem funktioniert, beweist z.b. die audio/video-performance "cv-tv" von mark lorenz kysela und matthias siegert. hier wird ein signal ständig zwischen audio und video hin und her "gewandelt". figürlich ist das mit sicherheit nicht – aber spannend.

  7. Avatar
    AMAZONA Archiv

    achja "manipulierte Mini-Fernseher" das erinnert mich an mein lieblings gadget im live einsatz, mein alter, kleiner, herrlich kaputter (leider nur manchmal) schwarzweiss fernseher.. killertool! ;)

    salzderHelden.tv

  8. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Hallo,ich bin ein absoluter Neuling auf dem Gebiet der VJ Technik. Eine Frage: Welche Möglichkeiten gibt es bei einer Performance Bild und Ton zu synchronisieren? Kann ein VJ Controller oder eine VJ Software etwas mit MIDI Daten eines Musik Sequenzers (Cubase, Ableton oder AKAI MPC) anfangen?

    • Profilbild
      Florian Dobler  

      hallo peter!

      die verbindung von bild und ton bei live-performances ist ein spannendes thema, und es gibt in der tat einige tools, die das können.

      die vorgehensweise, die du vorschlägst, nämlich vj-software über midi mit einem sequenzer fernzusteuern, funktioniert wunderbar und wird auch häufig eingesetzt. die meisten vj-programme lassen sich mehr oder weniger vollständig per midi fernsteuern. oft lassen sich einzelne elemente frei mit midi-noten oder control changes belegen.

      es geht also und ist gar nicht schwer. probiers einfach mal aus!

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.