Zeitmaschine: Peavey Rock Master, Röhren-Preamp

5. September 2017

Röhriger Alleskönner

Auch heute begutachten wir wieder einmal ein großartiges Vintage-Schätzchen, die Peavey Rock Master Röhrenvorstufe im 19″-Format. Diese kam Mitte der 80er des vergangenen Jahrhunderts auf den Markt und erfreut sich bis heute einer vergleichbar luxuriösen Ausstattung. Die Marke Peavey war eine große Nummer in den USA, hatte in deutschen Landen aber stets einen gewissen Geheimtippstatus. Während der Rockbereich auf der Bühne ganz klar von Verstärkern der Firma Marshall dominiert wurde und so langsam die ersten „unbezahlbaren“ Mesa Boogies auf den Markt strömten, waren in dieser Periode nur wenige Peavey Verstärker zu sehen. Diese besaßen ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und erfreuten sich vor allem einer wirklich guten Klangqualität. Darüber hinaus waren sie stets mit einem durchdachten Konzept und einer vergleichsweise guten Ausstattung versehen.

Verarbeitung und Aufbau

Die Peavey Rock Master ist sehr solide verarbeitet. Sowohl im Innenraum als auch äußerlich hat man sauber gearbeitet. Mein Testexemplar (Leihgabe eines Freundes) hat knapp 30 Jahre auf dem Buckel. Nicht ein Poti gab auch nur irgendein kratzendes Geräusch von sich.

Das Gehäuse wurde aus solidem Metall gefertigt. Sowohl oben als auch unten sorgen Schlitze im Chassis für die nötige Lüftung, da auch Vorstufenröhren eine gewisse Wärme entwickeln.

Die Potis und Klinkenbuchsen erfreuen sich hochwertiger Qualität. Das Netzkabel unseres „Neunzehnzollers“ ist herausgeführt, eine heute übliche Kaltgerätebuchse war damals noch nicht in Mode. Die Betriebsspannung kann mittels eines kleinen roten Kippschalters von 220 (damals noch Standard) auf 110 Volt umgestellt werden, so kann man weltweit problemlos arbeiten.

Facts & Features

Die lediglich eine Höheneinheit der Rock Master wurde optimal ausgenutzt, da sowohl auf der Front als auch auf der Rückseite kein Platz mehr für weitere Bedienungselemente wäre.

Die Peavey Rock Master bietet freche drei Kanäle, welche unabhängig in Gain und Masterlautstärke eingestellt werden können. Der klare Kanal bedient sich des ersten Equalizers. Dieser ist vierbandig (Bass, Mitten, Höhen und Präsenzen), wie es sich für einen Röhrenpreamp gehört. Ein zusätzlicher zweiter EQ ist darüber hinaus für die beiden verzerrten Kanäle (Crunch- und Ultra-Kanal) zuständig.

Durch die Bestückung mit satten vier Vorstuferöhren kann sie eine große Zahl an puren Röhrensounds generieren. Die in etwa vergleichbare JMP-1 Röhrenvorstufe von Marshall, besitzt beispielsweise nur zwei Röhren, bietet jedoch auch MIDI. Dafür ist die Rock Master aber auch nicht so tief und schwer wie die JMP-1.

Ganz links auf dem Frontpanel finden wir zwei Klinkenbuchsen für das Instrumentenkabel. Sollten wir eine aktive Gitarre oder Exemplar mit Humbuckern hohen Outputs am Start haben, empfiehlt sich der High-Gain-Eingang, da dieser nicht ganz so empfindlich wie der Kollege daneben (Low-Gain) ist. Der Low-Gain-Eingang eignet sich besser für mit Singlecoil-Tonabnehmern bestückte Gitarren, die weniger Output generieren.

Die Peavey Rock Master wurde mit vier Vorstufenröhren (ECC 83/12AX7) bestückt.

— Der Fußschalter, echt vintage. Der Staub durfte natürlich nicht entfernt werden! —

Ein kleiner Wermutstropfen soll hier nicht unerwähnt bleiben: Leider lässt sich die Kanalumschaltung ausschließlich mithilfe des dazugehörigen (im Lieferumfang enthaltenen) Fußschalters bewerkstelligen. Dieser muss also auch beim Betrieb in den eigenen vier Wänden stets angeschlossen sein. Die Fußschaltereinheit besitzt zwei Schalter. Damit können alle drei Kanäle aktiviert bzw. umgeschaltet werden.

Rückseite

Die Rückseite ist vollgestopft mit Klinkenbuchsen, hier wurde wirklich jeder freie Millimeter genutzt. Mehr Luxus geht nicht! Hier eine Auflistung in Kurzform, um die Sache etwas abzukürzen:

  • Klinkenbuchse für den Fußschalteranschluss
  • 2x Output 0 dB und +10 dB
  • balanced XLR-Out -10 dB (frequenzkorrigiert)
  • fünf Einschleifwege! ( 5x Send & Return)

— Die Rückseite wurde luxuriös ausgestattet —

Jeder Kanal verfügt über einen eigenen Einschleifweg. Bei Bedarf kann für die beiden verzerrten Kanäle ein gemeinsamer Effektweg genutzt werden. Nicht zuletzt existiert noch ein gemeinsamer Effektweg für alle drei Kanäle. Sinnvoll wäre hier beispielsweise:

Hall nur in den klaren Kanal. Delay für Crunch- und Ultra-Kanal und Chorus, Tremolo etc für alle Kanäle gemeinsam einzuschleifen. Eine Vielzahl von Kombinationen ist hier denkbar.

Clean-Kanal

Der Clean-Kanal besitzt lediglich einen Volumeregler (kein Gain-Regler) und bedient sich des Ersten (von zwei) Equalizern. Die Klangregelung greift wunderbar und ermöglicht ein sehr feines Einstellen des gewünschten Sounds. Dieser bleibt auch bei voll aufgedrehtem Regler nahezu klar, allerdings ist dann die Lautstärke schnell einmal zu laut im Verhältnis zu den beiden anderen Kanälen.

Crunch-Kanal

Auch der Crunch-Kanal greift auf die zweite EQ-Sektion zu. Der Post-Regler legt das Ausgangsvolume des Crunch-Kanals fest und Pre justiert erwartungsgemäß das Maß der Verzerrung. Der Pre-Regler kann bei Bedarf gezogen werden und sorgt damit noch einmal für deutlich mehr Gain. Hier kommt eine Strat auf dem Stegpickup (Seymour Duncan Little 59) zum Einsatz. Das Gain wurde voll aufgedreht:

Hier nun dieselbe Gitarre mit einem Gain von 50%:

Peavey Rock Master – der „Ultra“-Kanal

Der High-Gain (Ultra-Kanal) generiert dann ein ausgesprochen sattes Brett. Auch hier kann der Gain-Regler (Pre) durch Ziehen des Push-Pull-Potis für zusätzlichen Schub aktiviert werden. Die Voicing-Sektion ist ein weiterer dreibandiger EQ. Dieser korrespondiert mit den beiden verzerrten Kanälen und besitzt die Regler „Bottom“, „Body“ und „Edge“. Auch hier lässt sich das Mittenpoti („Body“) herausziehen, um den gewünschten Frequenzbereich zu bearbeiten. Das angehobene Mittenpoti erzeugt einen heftigen Mid-Scoop, der sich hervorragend für satte Hardrock- bzw. Metalsounds eignet.

— Mittenregelung mit Push-Pull-Poti für den Mid-Scoop —

Somit sind die klanglichen Möglichkeiten sicherlich als reichhaltig zu bezeichnen. Hier ein Beispiel mit einer Strat auf dem Halspickup. Das Gain-Poti stand auf 12 Uhr, der Gain-Regler wurde nicht gezogen.

Dreht man den Gain des Ultra-Kanals voll auf, generiert dieser ein wirklich fettes Rockbrett. Insbesondere bei Humbucker-bestückten Gitarren kommt Freude auf. Wird dann auch noch das Mid-Shift-Poti des EQs des Ultra-Kanals gezogen, herrscht voller Alarm! Hier meine Gibson Les Paul Classic auf dem Steg-Humbucker:

Sound

Klanglich wird hier wirklich viel geboten. Die Peavey Rock Master braucht sich nicht hinter Produkten vergleichbarer und deutlich kostenintensiverer Boutiquehersteller zu verstecken. Insbesondere die beiden Zerrkanäle (Crunch, Ultra) sind extrem flexibel. Von leichtem Crunch bis zum vollen Metal-Brett geht alles. Dabei ist die Rock Master erstaunlich ruhig, zumindest was die Nebengeräusche angeht. Die Dynamik ist großartig, wie man dies von guten Röhrenamps gewohnt ist. Das bedeutet, auch der Crunchsound wird beim Herunterregeln der Gitarre nahezu clean. Entsprechend erreicht man im Ultra-Kanal beim Zurückdrehen des Lautstärkereglers einen schönen Crunch-Sound.

Der Klangcharakter ist weitestgehend als Marshall-ähnlich zu bezeichnen, wobei die Rock Master deutlich mehr Gain als z.B. ein JCM 800 (2203) generiert. Auch die Klangregelung arbeitet deutlich effektiver als beim eben erwähnten Marshall. So lassen sich gerade mit dem Push-Pull-Mittenregler extreme Klangveränderungen vornehmen.

Beide EQs arbeiten hervorragend und greifen genau dort, wo man es sich wünscht. Somit kann man den Klang auch spielend leicht der verwendeten Lautsprecherbox(en) anpassen. Mit den zwei bereitstehenden Outputs kann (sollte) man etwas experimentieren. Nutzt man beispielsweise den +10 dB Ausgang, so lässt sich die angeschlossene Endstufe bei Bedarf ordentlich an- bzw. überfahren, was durchaus seinen Reiz hat.

Der klare Sound lässt nach meiner bescheidenen Meinung die allerletzte Klasse vermissen. Es existieren allerdings Berichte von Peavey Rock Master Benutzern, die behaupten, sie würden den klaren Sound sehr schätzen und dieser wäre ein entscheidendes Kriterium für den Kauf gewesen. Jedem Tierchen sein Pläsierchen – oder eben einfach nur Geschmacksache,

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment erstellt:

Stratocaster, bzw. Gibson Les Paul Classic – Peavey Rock Master – Endstufe eines Mesa Boogie Mark 2c Head – Mesa Boogie 1×12″ Box, halboffen – Shure SM 57 – Apogee Duett.

Fazit

Die Peavey Rock Master Vorstufe ist ein echter Hammer! Sie besticht durch puren Röhrensound und große Flexibilität. Die Crunch- und High-Gain-Kanäle lassen klanglich nichts zu wünschen übrig. Der klare Kanal lässt bei außerordentlich kritischer Betrachtung die ganz große Klasse vermissen, man muss ihn aber durchaus als gut bezeichnen. Die sehr effektive Klangregelung gestattet im Handumdrehen eine präzise Justage des gewünschten Klangs. Die fünf Einschleifwege ermöglichen mit den entsprechenden Effekten eine Vielzahl von Klangkombinationen.

Leider ist sie gebraucht nur schwer zu bekommen, man muss die Augen offen halten. Klanglich kann sie locker mit Produkten aktueller Boutiquehersteller mithalten, dabei ist sie natürlich um ein Vielfaches preiswerter. Für mich nach wie vor ein absoluter Geheimtipp. Leider ist sie auf dem Gebrauchtmarkt nur noch selten zu finden.

Plus

  • Sound
  • drei Kanäle
  • sehr effektive Klangregelung
  • luxuriöse Ausstattung
  • fünf (!) Effektwege

Minus

  • Kanalumschaltung ausschließlich per Fußschalter möglich

Preis

  • Gebrauchtpreis: ca. 200,- bis 300,- Euro
Klangbeispiele
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