Blue Box: Oberheim DSX Analog sequencer

16. Mai 2020

Hardware-Sequencer aus dem Hause Oberheim

Dieser Artikel ist dem Oberheim DSX Sequencer gewidmet. Trotz technischer Überlegenheit im Vergleich zur Konkurrenz standen die Zeichen der Zeit damals sehr ungünstig für Oberheim.
Nach dem Release im Jahre 1981 ließ man sich etwas Zeit beim intensiven Bewerben des Gerätes. So gewannen die Verkaufszahlen des DSX erst im Jahre 1982 langsam an Fahrt. Das war leider nur kurz bevor MIDI, der Standard, der alles verändern sollte, seinen Siegeszug antrat und den Markt für alternative Lösungen binnen kürzester Zeit leerfegte. 

Im Verlaufe der Lebenszeit wurden die Geräte in fünf verschiedenen Revisionen produziert. Unser Testgerät befand sich auf der Version 3.04.
Es ist relativ einfach möglich, neuere Versionen der Firmware durch ein Retrofit in das eigene Gerät zu bekommen. Hierzu müssen lediglich die richtigen EEPROMs ausgetauscht werden. Die Hardware blieb über die recht kurze Lebenszeit des DSX bis auf das leicht veränderte Backpanel unverändert. 

Inside Oberheim DSX

Um einen Blick in das Gerät zu erhaschen, müssen lediglich zwei Schrauben entfernt werden. So lässt sich der Deckel mit dem Frontpanel des Gerätes öffnen und bietet Zugriff auf das Innenleben. 

Wie Muttis Wäscheschrank – das Innenleben des DSX ist ordentlich aufgeräumt

Eine Besonderheit ist die Verwendung einer wiederaufladbaren internen Batterie. Um nach längerer Benutzungspause sicher zu speichern, ist es nötig, das Gerät mindestens 14 Stunden laufen zu lassen. So kann sich die Batterie ausreichend wieder aufladen. Wahrscheinlich verlieren die Batterien in vielen noch existierenden Geräten sehr schnell ihre Ladung. Nach jahrelangem Gebrauch wird oftmals nur noch sehr wenig Kapazität vorhanden sein. Beim Gebrauchtkauf ist deswegen Vorsicht geboten.
Viele der produzierten Geräte haben im Laufe ihrer langen Lebenszeit Schäden an der verbauten Batterie genommen. Durch auslaufende Batteriesäure könnten Komponenten oder Leiterbahnen auf dem PCB beschädigt beziehungsweise stark verschmutzt sein. Dies kann zu Funktionsstörungen führen. Hier hilft ein kurzer Blick ins Innere des Gehäuses. Die Batterie befindet sich am unteren Rand des PCBs direkt neben dem riesigen Kondensator.

Die wiederaufladbare Batterie findet ihr am unteren Ende des PCBs

Ein weiterer potentieller Schwachpunkt ist das einzeilige Display. Nach Jahren der Benutzung und des Lagerns verliert dieses an Helligkeit und muss gegebenenfalls getauscht werden. Über einen integrierten Piezzolautsprecher ist es möglich, ein Metronomsignal auszugeben. Auch die Geräusche des Cassetten-Interfaces werden hier wiedergegeben. Das Ganze ist, obwohl etwas querky, doch recht praktisch.
Der einzige wirkliche Grund zum Öffnen des Gerätes in Benutzung ist der Zugriff auf den Gate-DIP-Switch-Array. Mit diesem ist es möglich, die Polarität der Gate-Ausgänge einzeln zu invertieren. 

Firmware und Sequencer

In der Frühzeit der digitalen Geräte funktionierte Speicherzuweisung etwas anders, als das heute der Fall ist. Aus diesem Grund wird die Kapazität des DSX in der Anzahl einzelner Noten-Events angegeben, die das Gerät speichern kann. Das mag zur heutigen Zeit verrückt klingen, war damals aber so üblich. Es ist möglich, bis zu 6000 solcher Noten-Events zu speichern. Diese lassen sich in zehn Pattern und zehn Songs organisieren. 

Die Sequenzen lassen sich auf verschiedene Weise in den Speicher befördern. Neben dem damals obligatorischen Step-Edit-Modus können Sequenzen zusätzlich leider nur über den Oberheim Bus aufgenommen werden. Diesem großen Nachteil des Gerätes kann mit dem im letzten Kapitel vorgestellten externen Editor entgegengewirkt werden.  

Die acht Steps werden über einen rudimentären Lauflicht-Sequencer visualisiert. So können Patterns auch direkt über die Benutzeroberfläche editiert werden. Es ist auch möglich, Sequenzen zu kombinieren und in neuen Speicherplätzen abzuspeichern.
Zusätzlich gibt es verschiedene Performance-Features, um die Pattern live abzuspielen. So können Sequenzen geloopt, transponiert oder verändert werden. Kein Ableton, dennoch live-tauglich.

Connectivity des Oberheim DSX

Die Verbindung in das Oberheim-Universum wird über einen 37-Pin Sub-D Anschluss hergestellt. Zur Anwendung kommt ein proprietärer, vom Hersteller als Oberheim Parallel Buss bezeichneter Datenbus. Dieser ermöglichte es, verschiedene Oberheim Geräte zu verbinden. Kompatibel sind die Synthesizer OB-8, OB-X, OB-Xa, OB-SX und die Drum-Machine DMX. Die Kommunikation zwischen den Geräten ist digital, was für die damalige Zeit noch sehr unüblich war. 

Interessanterweise kann es bei Verwendung mit einem OB-Xa dazu kommen, dass dieser gefühlt etwas langsamer reagiert. Dies hängt höchstwahrscheinlich mit der Auslastung des Urzeit-Prozessors zusammen, die entsteht, wenn das Gerät die zusätzlichen Daten verarbeiten muss.

Die CV-Ausgänge des Gerätes funken auf dem Volt/Oktave-Format, das auch von Moog und Buchla verwendet wurde. Das Gerät spricht also auch ohne Probleme mit modernen Eurorack-Systemen von heute. Tom Oberheim spendierte dem DSX acht CV/Gate-Pärchen, die über 1/4“ Mono-Stecker verbunden werden. Die eingehenden Signale sind fest an die ersten acht Sequenzen gekoppelt. Die neunte Sequenz ist für die Verwendung mit einem Oberheim Synthesizer und die Übertragung über den hauseigenen Buss gedacht.

Es ist möglich, einen externen Lautsprecher an den Klick-Port anzuschließen und so das Metronom-Signal auszugeben. Für Backups im Oldschool-Style (auf Audiobasis) steht ein Cassetten-Interface zur Verfügung. Neben I/O für Analog-Clock-Signale gibt es auch Ports für Tape-Sync.

Es existieren verschiedene Versionen des DSX. Sie unterscheiden sich durch unterschiedliche Backpanels. In neueren Versionen des Gerätes wurde eine zusätzliche Aussparung mit einer Platte und der Beschriftung External-Keyboard hinzugefügt. In unserem Testgerät war der Slot leider nicht besetzt und wurde von einer Metallplatte geziert. 

Benutzeroberfläche des DSX

Gehäuse und Seitenteile des DSX sind passend zum Style der anderen Oberheim-Geräte dieser Ära gestaltet. Er sieht wirklich super aus neben einem OB-Xa.

Die Benutzeroberfläche ist leider wenig selbsterklärend und ohne Zuhilfenahme des Benutzerhandbuchs nur schwer zu durchschauen. Das ist für Vintage-Sequencer nicht unüblich und macht vielleicht auch irgendwo den speziellen Charme dieser Geräte aus.

Alle Funktionen werden über Kipp-Taster aus Plastik mit einer integrierten LED gesteuert. Diese versprühen zwar Vintage-Feeling, sind aber leider auch sehr anfällig und heutzutage schwierig zu ersetzen. Über das integrierte einzeilige LC-Display werden verschiedene Statusinformationen angezeigt. Wirklich viel ist aufgrund der eingeschränkten Zeichenanzahl leider nicht möglich. 

Dan Nigrin – DSX Hack

Die Benutzeroberfläche von DSX Hack

Von Zeit zu Zeit passiert es, dass alte Vintage-Synthesizer von Liebhabern lange nach deren Release mit zusätzlichen Funktionen oder Software ausgestattet werden. So wurde schon manchem längst Totgeglaubten wieder neues Leben eingehaucht. 

Das Tor ins System ist beim Oberheim DSX das Cassette-Interface. Mittels eines einfachen Audiosignals, das von jedem gewöhnlichen Ausgang oder Audiointerface wiedergegeben werden kann, wird die Verbindung zum Computer hergestellt – genial.

Mit der Software, die natürlich mit OSX und Windows kompatibel ist, ist es möglich, auf alle zehn Spuren des DSX direkt zuzugreifen. Auch auf den Songmode besteht Zugriff. Natürlich können so auch Backups vom internen Speicher erstellt werden.
Leider ist die Software nicht als VST-Plugin ausgeführt, weswegen MIDI-Files manuell aus der DAW exportiert und in die Software importiert werden müssen. Trotzdem ist Dans Tool eine großartige Erweiterung zum DSX. Bei 40,- $ Verkaufspreis muss man, um in den Genuss des Programms zu kommen, nicht mal die Oma anpumpen. 

Fazit

Zu seinem Release bot der DSX im Vergleich zu seinen Konkurrenten eine wahrlich überlegene Sequencing-Power. Im Kontext von modernen digitalen, MIDI-basierenden Studios ist die Nutzbarkeit des Sequencers leider sehr eingeschränkt. Dies hat verschiedene Gründe.

In Anbetracht der Existenz von digitalen Sequencern, deren Spurenanzahl und Patterngröße oft virtuell unbegrenzt ist, bieten die acht Steps des DSX keinen Mehrwert. Eine der größten Limitierungen von vielen kleinen Studios ist der Stellplatz, der für die kleinen und großen Schätzchen benötigt wird. Die beachtliche Größe des Gerätes stellt eine nicht zu unterschätzenden Faktor in der Rechnung dar. Wenn jeder Quadratzentimeter zählt, kann es schwierig sein, einen Klotz dieser Größe zu rechtfertigen.

Der wie bereits erwähnt größte Nachteil ist, dass es normalerweise nicht möglich ist, den DSX ohne einen Oberheim Synthesizer zu programmieren. Hier hilft in heutigen Tagen glücklicherweise der Hack von Dan Nigrin der im vorherigen Kapitel beleuchtet wurde.

Alles in allem ist der DSX heutzutage sicherlich nur noch für wirklich eingefleischte Oberheim Fans interessant.

Plus

  • ein Stück Oberheim Geschichte
  • viele CV-Ausgänge und Spuren
  • cooler 3rd Party Editor

Minus

  • nur über Oberheim Buss live programmierbar
  • kein MIDI

Preis

  • Gebrauchtpreise zwischen 400,- und 700,- Euro in Abhängigkeit vom Zustand
Forum
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    iggy_pop  AHU

    Steve Roach war ebenfalls Anwender des Oberheim-Systems aus OB-8, DMX und DSX, gelegentlich erweitert um ein bis zwei Xpander.

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    nativeVS  AHU

    Trevor Horn hatte ein system (DMX, OBXa und DSX) um die zeit von Duck Rock/Lexicon of Love.
    Steve Porcaro hat auch mal schoen ein einem video demonstriert wie man den DSX als teil eines groesseren midi set up verwenden kann.

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      TobyB  RED

      Faszinierend. Metro und Honeywell Barcodescanner hab ich schon entdecken können. Ich meine aber das war ein modifizierter DMX Drumcomputer in Star Trek VI „Das unentdeckte Land“.

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    emulator2hd  

    The Terminator von Brad Fiedel , hat er mit DSX , DMX , OB-XA ,Emulator I und einem Prophet 10 gemacht .
    Für mich einer der besten 80er Soundtracks …

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    AMAZONA Archiv

    Der DSX wurde Anfang der 80ger auch von der Polizei eingesetzt.
    …auf dem Album „Ghost in the Machine“.
    Ich finde die frühen Digital-Hardwaresequencer haben durch ihre minimalistischen Features, speziellen Timing-Eigenschaften und eigenständigen Programmierinterfaces durchaus noch ihre Berechtigung. Insbesondere wenn sie mit Synthesizern des selben Herstellers ein Systemkonzept bilden. Arbeitet man sich auf solch einem System ein, kommt man tendenziell zu anderen Ergebnissen als mit einer DAW. Danke für den spannenden Bericht!

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    citric acid  RED

    Lustig. Dieses feine Gerät ist schon in meinen Händen gewesen. ich habe , leider nicht ganz so elegant, die Batterie so eingelötet . Das Gerät habt ihr erst kürzlich erworben. Wie klein die Welt ist :)

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    c.hatvani  AHU

    Der DSX wurde von Marcus Ryle entwickelt, der damals 19 Jahre alt war und gerade bei Oberheim einstieg. Er entwickelte später u. a. auch den MMT-8 Sequencer für Alesis. Er sagt, der MMT-8 sei eine verfeinerte Version des DSX. Und tatsächlich findet man hier die gleichen Grundfunktionen (und noch mehr): Man gibt Sequenzen ein, kann sie quantisieren, loopen, transponieren und zu Songs verbinden. Diese Art des Sequencings (Pattern-orientierter Sequencer) fand schließlich höchste Vollendung in C-LAB’s Creator/Notator auf dem Atari ST. Meiner Meinung nach bis heute der beste MIDI Sequencer. Der MMT-8 ist so etwas wie eine Mini-Version davon.

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