5. September 2019

Linux, Guitarix, dickes DAW-Projekt und die Lösung des Latenzproblems

Wenn man sich auf einem Linux-System mit dem jack-Soundserver für eine Puffergröße (und damit für die Latenz) entscheidet, dann gilt das für alle Programme, die den jack-Soundserver nutzen. Es ist also wie die Samplingfrequenz eine Eigenschaft von jack. Wächst das DAW-Projekt(mehr Spuren, mehr Plugins), dann wird man nach und nach die Puffergröße hochsetzen, damit die CPU mit der Arbeit nachkommt. Natürlich kann man Spuren mit Effekten als Audio rendern oder die CPU-hungrigen Plugins zum Mastern in einem separaten Masteringschritt bemühen, aber das Grundproblem bleibt: Die Puffergröße, die für das Mixen und Mastern eines unfangreichen Projekts nötig ist, ist immer wieder zu hoch für interaktives Spielen.

Der hoffungsvolle Gitarrist, der sich eine günstige Powerstrat und ein Buch mit Powerchords gegönnt hat (Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Bluebells sind rein zufällig), kann auch unter Linux auf Gitarrenamps und -Cabinets in Software zurückgreifen, z.B. auf Guitarix. Und da war es wieder, das Latenzproblem.

Da kann man drumrumwursteln: Bei hoher Puffergröße trocken ins Interface reinspielen und das Direct Monitoring des Audio-Interfaces nutzen, den Amp dann in der DAW als Plugin nutzen oder als Standalone-Programm per jack verdrahten. Macht das Spaß? Blöde Frage. Also muss eine andere Lösung her.

Wie ich schon erwähnte, sind Puffergröße und Latenz Eigenschaften des laufenden jack-Soundservers, aber das heißt nicht, dass sie systemweit gelten. Man kann nämlich mehrere jack-Soundserver laufen lassen. Sie müssen sich nur durch ihren Namen unterscheiden, den man per Umgebungsvariable oder Aufrufparameter mitgeben kann. Mit welchem jack sich ein Programm verbindet, steuert man ebenfalls über eine Umgebungsvariable oder Aufrufparameter.

Dummerweise braucht jeder jack sein Interface. Aber das für die Gitarre kann klein und einfach sein. Es braucht nicht mal Direct Monitoring. Ich empfehle aber, auf einen symmetrischen Ausgang zu achten. Mit unsymmetrischen hat man oft Ärger mit Brummen und Gezwitscher, gerne auch abhängig von der Mausbewegung. Das Erdschleifenproblem kennt man ja.

Ich starte den Gitarren-jack in einem Shellscript zusammen mit Guitarix. Das hab ich mir auf einen Starterbutton in XFCE4 gelegt, meiner Lieblingsoberfläche. Wer’s nicht weiß: Die Oberfläche bei Linux ist austauschbar, und viele sind weitgehend konfigurierbar.

Mein Startscript für Guitarix kuckt, ob eins der vorgesehenen Interfaces da ist, sucht sich das zuletzt gefundene aus und startet jack (mit dem Namen „git“ und einer kleinen Puffergröße von 16) und Guitarix. Das Script gibt’s unter http://suedwestlicht.saar.de/download/guitarix.sh und kann als Anregung dienen.

Damit hat man eine unhörbar kleine Latenz fürs Gitarren-Interface, dessen Audioausgang man in das Haupt-Interface steckt und per Direct Monitoring abhört. Die Aufnahme in die DAW erfolgt über das Haupt-Interface, weil genau das dem „Haupt“-jack gehört und ohne Probleme auch mit einer Monster-Puffergröße von 1024 oder 2048 laufen kann.

Wer Guitarix nicht kennt: Das ist eine Art Guitar Rig und natürlich Open Source, muss nicht registriert, aktiviert oder verdongelt werden und bringt eine reichhaltige Auswahl von Röhren, Cabinets und Effekten mit. Von der Community gebaute Konfigurationen können übers Internet reingeladen werden. Für live kann es interessant sein, dass das Teil per MIDI steuerbar ist.

Wie es klingt, wenn ein Neuling mit seiner günstigen Powerstrat was mit Guitarix einspielt, kann man hier hören (Fragment aus „Die Ferne“ mit gemutetem Gesang und Synth):

Für die anspruchsvolleren Teile werde ich auf absehbare Zeit meine Gitarrero-Freunde belästigen. So schnell scheint das mit dem Gitarrengottwerden nicht zu gehen. Dass Mitmusiker Ideen einbringen, auf die man selber nicht gekommen wäre, ist ein weiterer Vorteil von Kollaborationen. Wie schön, dass man Audiofiles austauschen kann ohne sich wie früher mit leicht unterschiedlichen Bandgeschwindigkeiten und Tonkopfeinstellungen herumzuplagen.

Aber geil ist’s schon, ein paar Powerchords zu spielen.

Noch geiler, wenn die Latenzen klein sind.

Fazit
Der Bedroomproducer findet immer einen Weg.

Plus

  • Kleine Latenzen für Guitarix, fett Puffer für die DAW.

Minus

  • Zwei Interfaces nötig
Klangbeispiele
Forum
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    Filterspiel  AHU

    Je mehr Linux auch hier auftaucht, umso besser für uns alle. Danke für Deinen Einblick, gerade kleine Scripte machen das Leben einfacher, bei mir ist es ein simples Umschalten zwischen Kopfhörer und Lautsprechern, was auf der Taskbar liegt.

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      bluebell  

      Ja, sich schnell kleine Helfer zusammenbauen zu können, ist definitiv eine Stärke von Linux und der dort herrschenden Softwarekultur. Statt Hunderte Megabyte dicker bunter Klicki-Programme gibt es hier kleine Kommandozeilenprogramme, die man in einem Shellscript aufrufen und auf einen Button legen kann.

      Ich möchte gerne das Hilfsprogramm zenity erwähnen, mit dem man ohne große Grafikprogrammierkenntnisse grafische Auswahl- und Listendialoge anzeigen kann.

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    camarillobrillo  

    Sehr schön, dass du das Thema Linux in deinen beiden Artikeln hier einmal angehst. Mich würde übrigens gerade bei Guitarix ein Vergleich mit den Windows-Platzhirschen interessieren. Mangels Windows-Installation kann ich nämlich leider nicht beurteilen, wie gut sich Guitarix da schlagen würde.

    Insgesamt darf Linux hier auch angesichts der Verfügbarkeit von kommerzieller Softeware wie Bitwig, Reaper, Pianoteq, den u-he Plugins und natürlich der vielen tollen freien, mehr als nur brauchbaren Plugins wie dexed, Obxd, zynfusion, TAL- und x42-plugins etc. durchaus mehr Präsenz bekommen.

    Ich selbst nutze übrigens Ardour als DAW, viel puredata, guitarix (meist nur die gx-plugins), und eine Menge der der o.g. freien und kommerziellen Plugins.

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      bluebell  

      Die Redaktion hat sich sehr aufgeschlossen für Leserstorys mit Linux gezeigt.

      Kommerzielle Software für Linux ist ein heikles Thema. Sie hat eine Chance, da ist ein Markt. Aber Firmen müssen umdenken, wenn sie Linux-Kundschaft anziehen wollen. Vieles, was sich Windows- und Mac-User bieten lassen, lässt sich ein Linux-Nutzer nicht bieten, und dann bleibt der Geldbeutel zu: Treiber als Binärmodule, die schon mit dem nächsten Kernel nicht mehr laufen, Dongles, Nachhausetelefonierprogramme oder „Aktivierungen“ für Hardware.

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