26. August 2019

Amazona und GAS

Als Keyboarder mit dem Schwerpunkt auf elektronische Klangerzeugung mit eigenem kleinen Studio lese ich seit Jahren fast alle relevanten Artikel auf Amazona. Es ist für mich eine ehrliche, fachlich fundierte Quelle über die Welt der Musikentstehung die mein Leben gefühlt bereichert. 

Nach 35 Jahren Musik machen habe ich eigentlich so alles hier rumstehen was ich brauche. Die Betonung liegt auf ‚eigentlich‘, da mich die Artikel auf Amazona immer wieder eines Bessern belehren. Hey, ein echter Röhren EQ zum Schnäppchenpreis ! Das war doch immer schon dein Traum. Komm, die notwendigen Euronen bekommst du doch sicherlich noch zusammen ? OK, ich habe eine Emulation im Rechner, aber das ist Hardware !

Ahh, und dieser innovative Eurorack Oszillator würde sich doch perfekt ergänzen um meine Musik klanglich zu bereichern. Ja, ich habe hier schon ne Menge rumstehen, und auch so einiges im Rechner, aber genau das fehlt noch. Was sagt denn das Video, die Klangbeispiele und das Forum dazu ? 

So geht es mir fast jede Woche bei mehreren Artikeln. Hätte ich doch mehr Kohle, mehr Zeit, einen Sponsor oder die berühmten 6 Richtigen.

Heute Morgen hielt mich der Gedanke fest, dass ein ständiger Kauf von Equipment wohl kaum geeignet wäre noch kreativ und entspannt Musik machen zu können. Ich wäre lange Zeit damit beschäftigt Bedienungsanleitungen zu lesen, im Detail zu verstehen, auszuprobieren, das Studio umzustellen, die neuen Einzelteile sinnvoll zu integrieren, eingespielte Prozesse zu verändern, neue wieder zu entwickeln, …..

Hmm, da ich von der Musik nicht leben kann, und einem ergänzenden Beruf nachgehen muss, wieviel Zeit bauche ich um jedes neue Tool, Gerät, oder sonst was wirklich so einsetzen zu können, dass es den bestehen Rahmen musikalisch erweitert ? Stunden, Tage, Wochen, Monate … ? 

Ich kenne Musiker die ein Traumequipment haben, und wenn man sie nach einem Song fragt wo das alles eingesetzt wurden kommt …. äh, ja, ich bin dabei … 

Also erst mal Stopp. Ja es ist wunderbar zu sehen wie sich die Musikwelt immer weiter entwickelt und die Möglichkeiten durch kreative Köpfe erweitert werden. Aber wie Beckenbauer schon sagte ‚Geht raus und spielt Fussball‘ gilt für jeden Musik ‚Nimm dein Instrument und mach Musik‘. Für gute Ideen braucht es wenig, ein Klavier, ein Keyboard, eine Gitarre, eine Groovebox, … die passende Stimmung und ja, Zeit. Und genau das Letztere ist durch das Gear Akquisition Syndrom (GAS) bedroht. 

Gear Acquisition Syndrome

Auch lesenswert, der „GAS“ Beitrag von Peter Grandl

Soll ich jetzt Amazona nicht mehr oder nur einmal im Monat, oder … lesen ? Nein, es ist eine tolle Quelle um ein Ohr an der Musikindustrie zu behalten. Es gehört aber eine Menge Selbstdisziplin dazu den damit verbundenen Reizen nicht sofort zu verfallen. Das ist der Vor und Nachteil der heutigen Online-Zeit wo fast Alles im sofortigen Zugriff bereit steht. Ich möchte aber auch nicht zurück in die Zeit wo Prospekte durch Zusendung von Briefmarken von Händlern oder Herstellern zugeschickt wurden, ich dem Autor eines Fachmagazins aus Papier vertrauen musste, um dann eine Musikladen zu finden wo ich auch kurz antesten konnte.

Ab und zu neues Equipment gehört zur ständigen Veränderung im Leben bereichernd dazu, und Amazona ist eine wunderbare Quelle um das Passende zu finden, nur …

Vergesst einfach nicht Musik zu machen !

Fazit
Vergesst einfach nicht Musik zu machen ! 
Forum
  1. Profilbild
    anttimaatteri  

    Mal ehrlich, wenn mans mit billigem Equipment nicht gepackt hat, dann reissts teures Equipment auch nicht mehr raus. Ich hätt auch so manches Teil gerne rumstehen.
    Oder so ein Studio wie Stewart Copeland oder Haindling, mit Tonnen Instrumenten aus aller Welt :D. Einfach reinlatschen, Aufnahme an, loslegen egal wie laut ;D, und am Ende des Tages das Audiomaterial sichten oder mit Leuten den ganzen Tag dort abhängen und so (weiter hihi).
    Aber ich bin zufrieden, was die Technik heute alles so möglich macht mit Ministudio und so träum ich von der nächsten Anschaffung; bassdrum, hihat und snare und ne mridangam^^. weil auch die besten samples irgendwann anfangen einfach nur zu sucken :D.

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    Marco Korda  

    Das war mal ein sehr sinnvoller Beitrag. Ich habe mich auch schon dabei erwischt, wie ich auf der „Jagd“ nach bestimmten Equipment viel Zeit zugebracht habe und darüber das Musikmachen quasi „vergessen“ habe.

    „Weniger ist mehr“ heißt es so oft. Es bedeutet, mit dem was man hat zu arbeiten und Zufriedenstellendes hinzukriegen. Warum gelang das früher (mit weniger) easy und warum heute (mit mehr) nicht mehr so? Es ist genau wie oben beschrieben: man verliert sich darin, das neue Gerät zu studieren oder die Jagd von neuem zu beginnen.

    Vielen Dank für den Beitrag, der auch mich zurückbringt an das Vorhandene und das Bewährte, was ich kenne und wo der Workflow einfach da ist. Aber hey, mein MIDI-Interface spinnt…. da muss doch mal was Neues her….schau ich mal bei Amazona.de…. :-.)))

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    Son of MooG  AHU

    Seit meinen Anfängen in den frühen 80ern habe ich gelernt, ein neues Instrument o.ä. erst vollständig kennenzulernen, bevor ich mir etwas Neues besorge. Das hat sich besonders beim Eurorack bezahlt gemacht; zudem wurden Neuanschaffungen nur aus Bedarf getätigt, was mir einiges Überflüssiges erspart hat. Ein begrenzter finanzieller Rahmen ist da auch sehr hilfreich; das Geld soll ja sinnvoll ausgegeben werden. Dennoch bin ich nicht immun gegen GAS; den Drumbrute Impact hatte ich nicht wirklich gebraucht. Trotzdem wird er mittlerweile öfter genutzt als meine TR-09…

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      Stratosphere  

      Jooh, guter Vorsatz: Erst etwas Neues kaufen wenn ich meine Geräte vollständig kenne !
      Das mit dem finanziellen Rahmen ist schwieriger. Sobald vorhanden, ist die Versuchung gross diesen auch einzusetzen. Kombiniert mit der Bedingung erst alle Geräte zu beherrschen könnte es aber klappen dem GAS die Energie zu nehmen.

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    arnimhandschlag  

    Guter Bericht! Bei mir schwingt da auch immer der Wunsch mit, mit dem neuen gear die Ideen kongruenter aus mir raus in die Aufnahme rein zu bringen, mich besser auszudrücken wenn man so will. Das habe ich durchschaut und seither ist es wesentlich besser. Lieber minimalistischeres und dafür intuitives Setup!

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    Mr.Ketoujin

    Mittlerweile kaufe ich Klangerzeuger, also Synths und Sampler etc. nur noch wenn ich sie irgendwie finanzieren kann. Entweder durch den Verkauf anderer Geräte oder durch Gage. Und selbst wenn ich 1000 Wünsche habe versuche ich mich daran zu halten. Über die letzten Jahre betrachtet kann ich sagen, bei etwas Selbstdisziplin klappt es sehr gut.

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    timbeaux  

    Also mir ging das auch ne Weile so. Jetzt als Papa ist aber schon schwierig überhaupt Mal Musik zu machen. Ich glaub das war dieses Jahr… Ein Mal. Deswegen Versuche ich auch so langsam meinem Fuhrpark zu verkleinern und auf Software plus Controller umzustellen. Und meine Hardware zu verkaufen. So habe ich auch damals angefangen. Also im Zweifel würde ich es dann halt Back to the roots nennen:)). Ist Annett echt nicht einfach sich zu trennen. Man denk halt immer:“ ach das könnte ich doch noch dafür gebrauchen“ usw. Na Mal schauen ob das klappt.

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      Stratosphere  

      Ich drück dir die Daumen dass es klappt.
      Als meine Kinder klein waren, ging es mir ähnlich.
      Dann liegen die Prioritäten für ein paar Jahre woanders, was sehr wertvoll ist.
      Ich habe das Nicht bereut.

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    The-Sarge  

    sehr guter Beitrag und kommt mir wie ein Tagebucheintrag von mir vor, nur daß es hier seit paar Jahren nur noch in Software passiert. Aber dann sehe ich meine Synths, Grooveboxen und ROMpler und denke: irgendwie schade, daß ich Euch so vernachlässige, ihr habt es eigentlich verdient wieder mehr benutzt zu werden.
    Und mehr Musikmachen? Schranken aus der Umgebung sind keine da, aber mein Kopf lässt es nicht zu…
    nach dem Artikel kommt ein neuer Gedanke: liegt die Blockade im GAS ?
    habe mir jetzt auch eine Sperre bis Herbst auferlegt, da gibt´s ein Tool, welches ich definitv haben will&muss. Wegen GAS? nein, sondern weil durch GAS das Geld vorher nicht zusammen ist :(

    wenn so einige SW-Hersteller nicht so doofe & unverschämt hohe Transfergebühren hätten, würde ich mind. 50 eher 60% sofort zum Verkauf anbieten!
    hach wäre das befreiend!!!

    • Profilbild
      Stratosphere  

      Beruhigend zu sehen dass es auch andere Musiker mit den gleichen Herausforderung gibt :)

      Hardware hat für mich den grossen Vorteil, dass sie auf Knopfdruck bereit steht und genauso funktioniert wie sie hergestellt wurde, und das auch noch nach 20 oder mehr Jahren.
      Trotzdem kaufe ich gerne mal eben als Ergänzung Software, die dann Zeit benötigt das gewollte umzusetzen. Wenn ich mir dann mit etwas Abstand das Ergebnis anhöre, ist es zwar anders aber nicht unbedingt besser ! Und jetzt ? Irgendwann kommen kostenpflichtige Updates- hmm, mitgehen oder verkaufen oder . ? und der Kopf rattert weiter ohne das sich musikalisch Wertvolles ergibt.
      Also dann wirklich mal Dinge verkaufen und sich dadurch befreien ! Nur, die Dinge sind dann wirklich weg – ok, wenn ich sie doch musikalisch vermisse, kann ich sie ja auch wieder gebraucht kaufen. Wahrscheinlich wird es dazu aber nicht dazu kommen.

  8. Profilbild
    tomk  AHU

    Meine 3 GAS Regeln:
    1. Spiele nie den Betatester, warte mindestens 1 Jahr nach Release.
    2. In diesem Jahr halte den Fokus auf das Objekt der Begierde, und beachte ob er beständig bleibt.
    3. In dieser Zeit überlege wiederholt welche Lücke das Objekt schließen soll.

    Macht mehr Equipment unkreativ?
    Denke das liegt im Geiste des Benutzers. Weiß man was man will, und was der Fuhrpark kann, so ist es ein Genuß das passende Werkzeug aus dem Schrank zu nehmen und los zu legen. Ein Synth, z.B., ist ein Synth, wer Einen gut zu bedienen weiß, der wird den Nächsten schnell im Griff haben.

    Aber natürlich wird ein unkreativer nicht besser durch Anhäufung von Materie, es fehlt ihm ja an Kreativität! Im Umkehrschluß wird ein Kreativer die Vielfalt der Werkzeuge genüsslich zu nutzen wissen!

    P.S. Konsum ist im Kopf/Geist, somit in der Entscheidung was man dort hineinläßt.

  9. Profilbild
    bluebell  

    Manchmal braucht man einfach eine kreative Pause, und dann ist das Rumspielen mit neuer Hard- oder Software nicht der schlechteste Zeitvertreib – zumal es Spaß macht.

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