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23. November 2018

Microphonic Soundbox – Effekt Spielwiese

In diesem Erfahrungsbericht möchte ich die Microphonic Soundbox von Leaf Audio kurz vorstellen (https://www.exploding-shed.com/microphonic-soundbox/). Ein Klangerzeuger, aber kein Synthesizer. Kurz gesagt handelt es sich um eine kleine Holzkiste mit 2 Kontaktmikrofonen drin und jeder Menge „Spielzeug“ daran befestigt, dass dann zum Schwingen gebracht werden kann: 2 Messingstäbe, 3 Metallfedern, eine Kalimba mit 4 Carbonstreifen. Aber auch Berührungen auf der gesamten Oberfläche der Box und auf einem fest verklebten Sandpapier werden von den beiden Kontaktmikrofonen aufgefangen und über den batteriebetriebenen Verstärker an eine Monoklinke ausgegeben. (Ich beschreibe hier übrigens meine ältere mkI Version, die neue mkII Version ist bereits erweitert mit z.B. 5 Kalimbastreifen und 2 Outputs, wie man auf der Herstellerseite lesen kann.)

Microphonic Soundbox von oben

Microphonic Soundbox von hinten. Mit Bogen und Holzring (alter Mottenring), der auch bei den Soundbeispielen zum Einsatz kam.

Von da aus geht es dann bei mir direkt in die Soundkarte (Focusrite Scarlett 18i20) und in Ableton durch eine Effektkette: 3 Band EQ, Vocoder, Resonator, Delay, Reverb, Kompressor, Limiter. Das ist deshalb wichtig, da die Soundbox trocken – also ohne jeglichen Effekte – ziemlich „dokumentarisch“ klingt. Das Gekratze und Gezupfe würde ohne Effekte wahrscheinlich schnell langweilig werden – und das obwohl wirklich jede Ecke an dem Ding anders klingt und der Klangcharakter auch sehr variiert, je nach dem, mit was ich die Box bespiele: mit den Fingern, den Fingernägeln, einer Holzscheibe (ausgedienter Mottenring), etwas Styropor, einem Kugelschreiber… Als Besonderheit gibt es dann noch einen Bogen dazu. Damit kann man die Messingstäbe und Metallfedern gut schwingen lassen. Eine gewisse Diversität im Grundsound ist also durchaus gegeben, auch ohne Effekte.

Mit Effekten aber geht die Sonne gleich ganz anders auf! Ein dickes Reverb und ein schönes PingPong Delay machen aus dem Sound schon epische Landschaften. Klar – das können diese beiden Standardeffekte ja allgemein gut, auch bei anderem Ausgangsmaterial. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass man hier den Effekt nicht auf fest stehende Samples drauf packt, sondern die Klangerzeugung in direkter Interaktion mit dem Effekt stattfindet. Deswegen ist es auch wichtig, dass man live an den Effekten dreht, während man mit der Soundbox den Klangraum erforscht. So ergibt sich ein ganz anderes Gefühl für den späteren Gesamtklang und für elektronischen Musiker viel an ungewohnter Direktheit im Spiel. Was irre Spaß macht… ich hänge hier mal 2 Demosongs an, die komplett live nur mit der Microphonic Soundbox, den hier beschriebenen Effekten und 3 Loopern aufgezeichnet wurden. Waren spontane Jams, also nicht zu hoch hängen, zeigt aber, was für ein Potential in der Kiste steckt…

Wie Ihr in den Demosongs gut hört, habe ich neben den Standardeffekten auch mit „harmonischen“ Effekten ein wenig gespielt. Das Ausgangsmaterial ist ja meist atonal – zumindest bei Kratzen und Schaben an der Oberfläche. Die Kalimba lässt sich hingegen mit etwas Geschick auf bestimmte Tonhöhen einstellen und die Metallstäbe und Federn haben durch die feste Länge eine feste Tonhöhe (wobei der je nach Spielart schwankt…). Aber auch ein atonales Gekratze kann durch einen Resonator mit Obertönen angereichert werden und so einen Ton oder eine Harmonie spielen. Dies dann durch Delay und Reverb geschickt kann ein guter Ausgangspunkt für eine Fläche sein. Harmoniewechsel laufen über Änderungen der Pitchwerte im Resonator. Ich mache das an einem speziellen Lemurtemplate das ich dafür mal geschrieben habe auf einem iPad. Geht aber auch mit der Maus, oder indem man die Pitches auf Drehregler legt. Hier ist aber ein Lemur-Touch-Interface tatsächlich mal einem Hardwareregler überlegen, da ich den Pitch auch angezeigt bekomme und detailliertere Kontrolle habe. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich die Presets umschalten und sogar mit einem Glide von einer Pitchkombination in die andere übergehen kann (siehe Demosong A). Auch das geht natürlich alles mit der Maus, ist dann aber aufwendig. Für den Anfang reicht es aber auch, den main pitch und dry/wet auf 2 Drehregler zu legen, damit kann man ja schon viel Spaß haben.

Lemur Template mit Kontrollern für: Resonator (oben quer), Macro (unten links, hier Delay grün und Reverb blau), 3 Looper hintereinander

Eine weitere Möglichkeit die Soundbox auch „harmonisch zu spielen“ stellt ein Vocoder dar: Ein String sound (Carrier) wird durch die Soundbox (Modulator) so angespielt, dass er nur dann „durchkommt“, wenn der Lautstärkelevel der Soundbox in dem Frequenzbereich hoch genug ist. Sprich: Nur wenn ich mit dem Bogen über die Metallstäbe streiche ertönt genau dann der Streichersound mit dem Akkord bzw. den Noten die ich parallel auf einem Keyboard halte. Eigentlich wie beim Standardeinsatz des Vocoders für Stimme, nur dass statt der durch Streicher modulierten Stimme nun die Soundbox kommt. Das ist streng genommen jetzt zwar nicht die Klangerzeugung der Soundbox, sondern die des Synths der die Streicher liefert, aber als Interaktion und um „Bewegung“ in Flächen zu bringen, sehr interessant. Das mit dem Bogen über die Metallstange Streichen macht die Fläche lebendiger, bringt organische Struktur rein. Selbst wenn man das dann nur im Hintergrund zu der Originalfläche einbringt…

Setup mit Akai MPKmini red, Microphonic Soundbox, Lemur template (auf iPad)

Insgesamt hat mich Soundbox überrascht, ich hätte gedacht, dass sie mich schneller langweilt. Trotzdem muss man halt immer wissen, ob man solche Effektsounds braucht und auch Freude daran haben, so etwas live einzuspielen. Das Gerät kostet fertig zusammengebaut 230,- Euro und als DIY Bausatz 170,- Euro (es gibt aber auch runtergesetzte B-ware). Außerdem braucht man für den vollen Genuss noch einen Bogen für 30,- Euro. Das ist jetzt kein No-brainer mehr, denn für den Betrag bekommt man z.B. schon fast 2 Volcas. Aber ich kann für mich nur sagen, dass ich schon mehr Geld für andere Klangerzeuger ausgegeben habe, die mich weniger inspiriert haben. Kommt halt immer darauf an, was man (machen) will.

Hier zum Abschluss noch 2 „normale“ Songs, bei denen ich die Microphonic Soundbox im Hintergrund mit eingesetzt habe. Nur um zu zeigen, dass sich das Ganze auch im musikalisch/tonalen Kontext gut einbringen lässt:

https://soundcloud.com/tonvibration/walden02
https://soundcloud.com/tonvibration/microleaf-on-juno-brute

Wer das hier Beschriebene und Gehörte von den Effekten ziemlich interessant findet, aber nicht gleich eine Soundbox kaufen will, kann natürlich die beschriebene Effektkette auch für Samples nutzen: Eine Regenatmo, Strandszene oder Aufnahmen vom Straßenverkehr eignen sich auch sehr gut, um sie durch einen Resonator zu schicken. Noch ein wenig Delay und Reverb hinzu geben und schon hat man eine harmonisch, dynamische Hintergrundfläche. Was beim Einsatz von Samples dann halt fehlt, ist die direkte Interaktion und somit auch ne Menge Spaß…

Ich hoffe, ich konnte einen guten Eindruck von der Microphonic Soundbox und den klanglichen Möglichkeiten wiedergeben und wünsche Euch allen weiterhin viel Freude am kreativen Arbeiten. Matthias (aka tonvibration)

Fazit
Wer gerne live an Effekten dreht und in seinen Songs ein wenig Hintergrund - „Geschwurbel“ gebrauchen kann, bekommt mit der Microphonic Soundbox eine spannende Klang-Spielwiese.

Plus

  • direkte Interaktion und Spielspaß
  • sehr spezielles Klangspektrum (muss man brauchen können)

Minus

  • Kopfhörer Betrieb zur Vermeidung von Rückkopplung bei Aufnahmen empfohlen (die Messingstäbe sind echt empfindlich Antennen...)
  • Antennen können gefährliche Augenstecher sein (kein Witz, ich mache bei Nichtnutzung kleine Schaumstoffkugeln drauf, da man die Spitzen sonst schnell übersieht!)
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Wellenstrom  AHU

    Super Leser-Story. Hatte da richtig drauf gewartet und meine Erwartung ist nicht enttäuscht worden. Denke, das Dingen kann sich als gekauft betrachten.
    Übrigens sind die Tracks wirklich gut.

    • Profilbild
      tonvibration  

      Danke Wellenstrom, wir hatten in Kommentaren zum Waterophon ja mal drüber gesprochen. Letzte Woche hatte ich Urlaub und endlich Zeit mal ein paar spezifische Audiobeispiele zu erstellen und alles zusammenzuschreiben…braucht halt immer Zeit. Die Microphonic Soundbox ist cool, und wenn Du Spass am Effekte drehen hast, ist sie wirklich ein Freudenbringer. Freut mich auch sehr, dass Dir die Tracks gefallen :))

  2. Profilbild
    Hectorpascal  

    Ich finde die Tracks auch klasse und fühle mich etwas an gute Game-Atmos wie in Far Cry erinnert. Langweilig wird das Ding bestimmt auch nie weil das Modding an dem Kasten nie ein Ende nehmen wird. Ich würde das Ding erstmal auf die Gitarre stellen und laut anschreien oder den Kater mal Kratzen lassen oder…….. Das ist der Analog-Sampler des Jahres 2018! :)

    • Profilbild
      tonvibration  

      Lustig, habe mir letzte Woche (zum Urlaub) auch ne PS4 gekauft und spiele darauf gerade Far Cry Primal (Steinzeit-Shooter) – kann sein, dass da einiges von der Stimmung in die Soundbeispiele eingeflossen ist, lol ;) Und wow – schön dass auch Dir die Tracks gefallen :))
      Das Ganze Ding schreit tatsächlich nach Modding. Die mkII Version hat ja sogar extra eine Vorrichtung dafür. ALLES klingt anders. Cool war auch mit ner elektrische Zahnbürste über die Oberfläche zu gehen. Experimentierfreude inbegriffen. Lautes Gerede kommt tatsächlich auch durch die Kontaktmikros durch. Deshalb nochmal der Hinweis: Mit Kopfhörern arbeiten! Sonst sind Rückkopplungen vorprogrammiert.

  3. Profilbild
    Paul van Felz

    Abgefahren, habe mit deinem Review das erste Mal von diesem Kasten gehört. Das liest und hört sich auf jeden Fall interessant an..
    Spontan ein engerer Kandidat aus der Kategorie „das schenk ich mir selbst zu Weihnachten“ :D

    Danke für deinen Bericht!

    • Profilbild
      tonvibration  

      Gerne :) Genau dafür sind so Erfahrungsberichte ja gut und es freut mich, wenn ich anderen die Kiste näher bringen kann. Unbedingt auch nochmal youtube nach „Microphonic Soundbox“ durchsuchen – nicht nur der Hersteller (Manuel aka Leaf Audio), sondern auch noch ein paar andere Nutzer haben auch interessante Videos gemacht. Und falls es unterm Weihnachtsbaum liegen soll, eine gewisse Lieferzeit einplanen (Kleinserienhersteller, eventuell muss Dein Teil erst gebaut werden). Viel Spaß!

  4. Profilbild
    phil_dr110  

    Geniales Teil. Mittlerweile gibts die MK II- Version, die noch etwas erweitert wurde. Noch nie war das Aufnehmen von Geräuschen so einfach. Die verbauten Preamps sind sehr gut; da rauscht selbst bei hoher Verstärkung nichts.

  5. Profilbild
    Wellenstrom  AHU

    Sodele, gerade bestellt! Gretsch und Danelectro müssen noch ein bissken warten.
    Ansonsten sehe ich das richtig? 6,3 mm Klinke?

    • Profilbild
      tonvibration  

      Yup, große Klinke. Mono. Bei der mkII 2x Monoklinke bei Bedarf (jedes Kontaktmikro einzeln, oder beide durch einen Ausgang, wenn nur einer angeschlossen ist). Viel Spaß damit :) Hab am Wochenende schon wieder n neuen Song damit angefangen… die Kiste ist momentan echt meine Muse ;)
      Tip noch (nicht im Lieferumfang, daher zu Hause haben)
      – Batterie (Block, 9V)
      – Sandpapier (um das Wachs (beim Bogen dabei) für den Bogen aufzurauen – ohne Wachs klingt nämlich nichts…)

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